St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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 Predigt am 03. Juli 2005

St. Severin / Keitum (Sylt) Pastorin Susanne Zingel (Hamburg)

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt

Liebe Gemeinde,

mit der Erwählung ist es so eine Sache. Es ist das Größte, dass wir hoffen können, dass Gott uns liebt, dass er uns erwählt hat, uns dabei haben will auf seinem Weg zum Himmelreich. Und doch, wie kann man sagen: „Ich bin auserwählt?“ Gibt es dann nicht immer auch das andere, die Verwerfung. Wenn wir einen Gott haben, der alle Menschen liebt, warum brauchen wir dann die Vorstellung einer Erwählung? Heißt es nicht immer, die einen sind erwählt, die anderen aber verworfen? Die einen sind dabei, die anderen außen vor? Wie viele unselige Kriege wurden geführt im Namen Gottes, die Auserwählten gegen die Gottlosen? Also, wie lässt es sich leben mit der großen Verheißung, die das Alte Testament bis heute an uns weitergibt. Du bist erwählt, und gehörst zu Gottes heiligem Volk. Denn so steht es im 5. Buch Mose:

Du Israel bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.

Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, daß der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Mitten in der Wüste predigt Mose dem Volk. Lange bevor Häuser gebaut und Städte gegründet wurden, Wälder gerodet und Felder bestellt werden, bevor Könige gewählt und ihnen Paläste gebaut werden, noch vor allen Kämpfen und Niederlagen, die Israel erleben wird, sagt ihnen Mose: ‚In allem, was kommt, bewahrt für immer: Ihr seid Gott ein heiliges Volk, herausgeführt aus der Knechtschaft, erwählt zur Freiheit. So wandelt in seine Geboten und haltet euch an seine Gnade und er wird euch segnen bis ins tausendste Glied.’ Ein Zeichen von diesem Segen ist, dass auch wir mit dabei sind. Erwählt in Christus gehören wir dazu. Nur bedenkt, ihr ward nicht mit dabei von Anfang an und ihr kennt den Lauf der Geschichte. Alles verdirbt, wenn wir dies erwählte Volk beheimaten in festen Grenzen, einordnen in den Lauf der Weltgeschichte. So wie es anfing in der Wüste, einem Land ohne Grenzen, so wie Christus sagt: ‚Mein Reich ist nicht von dieser Welt, so ist das Volk Gottes kein Volk unter vielen. Es ist nicht von dieser Welt. Wir sehen die Nöte, in die es führt, Israel – Palästina, wie hart wird da gekämpft um jeden Streifen Land? Wir selbst tragen ein schweres Erbe, denn welch Leid und Unheil kam über viel zu viele Menschen durch die anmaßenden Behauptung, die arische Rasse wäre das auserwählte Volk. Und wenn es heute wieder ein Zeichen göttlicher Erwählung sein soll, die mächtigste und reichste Nation der Welt zu sein, dann sagt unser Predigttext: Nicht weil du größer wärest als alle anderen Völker habe ich dich erwählt, denn du bist das kleinste unter allen, aber in dich habe ich mich verliebt, dich habe ich erwählt. Nicht dass du stark und mächtig wirst, dich gegen andere durchsetzt und behauptest. Dich habe ich erwählt, dass du dich allein festhältst an mir und meiner Gnade.

Alle Gedanken von Gottes Erwählung verkehren sich, wenn wir sie vermischen mit unseren Gedanken, sie hineinpressen in unsere enge Sicht der Dinge. Denn bei Gott ist es nicht wie bei uns. Wenn wir uns entscheiden, wenn wir auswählen unter verschiedenen Möglichkeiten, dann entscheiden wir uns für etwas und wir entscheiden uns damit gleichzeitig gegen etwas. Du wählst einen Weg und lässt alle anderen Möglichkeiten damit hinter dir. Darum sagen wir: ‚Wer die Wahl hat, hat die Qual’. Wir schieben Entscheidungen gern vor uns her, zögern sie hinaus. Halte dir alle Optionen offen, sagen wir uns selbst und anderen. Aber zuletzt ist der Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach. Doch die Taube hätten wir lieber.

Wenn wir uns entscheiden müssen, so möchten wir das Beste, wollen das Optimale herausholen. Alle Angebote werden geprüft, alle Möglichkeiten durchdacht. Aber nur eine kannst du wählen und darum soll sie die Beste sein.

Aber bei Gott ist es nicht so. Was er erwählt, das schließt andere nicht aus. Das ist bestimmt zum Segen für viele. So wie er zu Abraham sagt: Du sollst ein Segen sein und in dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden. Wenn Gott einen Menschen erwählt, hinein nimmt in sein heiliges Volk, dann erwählt er in dem einen auch all die anderen. So erwählte er Mose, und Mose führte das Volk in die Freiheit. Er erwählte die Propheten und sie verkündeten dem ganzen Volk Gottes Wahrheit.

Jesus erwählt sich seine Jünger, dass sie seine Botschaft weiter tragen bis ans Ende der Welt, allen voran Paulus erwählt den Heiden das Evangelium zu bringen.

Und nicht zu vergessen: Maria auserwählt trägt ihr Kind als den Erlöser der ganzen Welt. Und wo alle anderen zurückschreckten, erst einmal ihre Berufung nicht annehmen wollten, sagt sie gleich ja: ‚Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Maria stellt sich hinein in die Folge aller, die vor ihr waren, und weiß, niemanden erwählt Gott für sich allein. Was Gott erwählt, das bringt Heil und Segen für viele. Aus Liebe erwählt, das ist der Anfang der Heilsgeschichte. Sie geht hin bis zu dir, dass dir aufgeht, du gehörst hinein in eine große Geschichte von Heil und Segen und du gehörst dazu. Auch du bist erwählt. Du gehst deinen ganz eigenen Weg. Er ist einmalig, denn dich gibt es nur einmal. Und wenn dir Zweifel kommen auf deinem Weg, du nicht weiterweißt, wenn sich Widerstände auftun, vielleicht hilft es einfach, sich zu erinnern: was wäre diese Welt ohne einen Mozart, ohne Vincent van Gogh, ohne Franz von Assisi, ohne Frieda Kahlo, ohne Paul Klee, und so viele andere wie sie. Unter unsäglichen Kämpfen, angefeindet und oft verfolgt, ungeliebt und verkannt zu ihrer Zeit haben sie hervorgebracht, was uns bis heute inspiriert und weiterbringt. Auserwählte sind sie. Sie haben gelitten und trotz allem an sich selbst geglaubt. Nicht für sich, sondern für andere waren ihre Bilder, ihre Gedichte, ihre Lieder, all ihre Arbeit bestimmt. Paul Mclean hat ein Lied über Vincent van Gogh geschrieben: Sie konnten dich nicht lieben, dabei war deine Liebe so rein. Diese Welt war einfach nicht gemacht, für jemanden so wunderbar wie dich. Und das gleiche ist zu sagen über Jesus Christus. Ein ganzer Mensch und doch zu wunderbar für diese Welt. Allen hat er es gesagt, du bist geliebt, du bist wunderbar, du bist das Ebenbild Gottes. Trau dich da hinein, sei du selbst und leb es. Vertrau darauf: Nicht das große und großartige hat Gott erwählt. Es ist etwas sehr kleines und zartes, ein kleiner Keim, die Ahnung, wie es anfängt in dir das Himmelreich auf Erden. Es ist scheinbar etwas sehr kleines, wenn Gott dein Herz bewegt, aber es ist alles, was du brauchst, um schon jetzt das Überflüssige zu lassen und zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Sei du selbst, verletzlich, schutzlos, aber wunderbar behütet durch die Gnade Gottes: So sollst du ein Segen sein und nicht du allein, sondern verbunden sind mit allen, die vor dir waren, Väter und Mütter im Glauben, vereint mit vielen Schwestern und Brüdern. So wie wir hier alle miteinander versammelt sind in dieser alten Kirche, die behütet und eine Ahnung von Ewigkeit verbreitet. Diese Kirche, die so viel überstanden hat, die auserwählt ist, nicht weil sie größer oder schöner ist als alle anderen, sondern einfach, weil sie immer noch da ist durch all die Jahrhunderte hindurch. Aber auch hier werden nicht alle Kämpfe, alle Zweifel und alle Fragen zu einem Ende kommen: Bin ich geliebt, bin ich gewollt, bin ich auf dem rechten Weg. Solange wir dies Leben hier leben, wird es immer so bleiben: ‚So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch sind meine Gedanken über euren Gedanken’, spricht Gott der Herr, aber es sind Gedanken des Friedens, da kannst du sicher sein. Und nirgends ist der Himmel so hoch und so weit und offen wie hier. Gebe Gott, dass er aufgeht über uns und wir etwas davon spüren, was es heißt: Du bist erwählt, du bist geliebt, du bist bestimmt für Gottes Ewigkeit. So bewahre und behüte uns auf unserem Weg der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen


 
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