Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da
kommt
Liebe Gemeinde,
mit der Erwählung ist es so eine Sache. Es ist das Größte,
dass wir hoffen können, dass Gott uns liebt, dass er uns erwählt
hat, uns dabei haben will auf seinem Weg zum Himmelreich. Und doch, wie kann
man sagen: „Ich bin auserwählt?“ Gibt es dann nicht immer
auch das andere, die Verwerfung. Wenn wir einen Gott haben, der alle Menschen
liebt, warum brauchen wir dann die Vorstellung einer Erwählung? Heißt
es nicht immer, die einen sind erwählt, die anderen aber verworfen?
Die einen sind dabei, die anderen außen vor? Wie viele unselige Kriege
wurden geführt im Namen Gottes, die Auserwählten gegen die Gottlosen?
Also, wie lässt es sich leben mit der großen Verheißung,
die das Alte Testament bis heute an uns weitergibt. Du bist erwählt,
und gehörst zu Gottes heiligem Volk. Denn so steht es im 5. Buch Mose:
Du Israel bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR,
dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die
auf Erden sind.
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr
größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste
unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er
seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er
euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst
von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, daß der HERR, dein Gott, allein Gott ist,
der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied
hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins
Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht,
zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote
und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Mitten in der Wüste predigt Mose dem Volk. Lange bevor Häuser gebaut
und Städte gegründet wurden, Wälder gerodet und Felder bestellt
werden, bevor Könige gewählt und ihnen Paläste gebaut werden,
noch vor allen Kämpfen und Niederlagen, die Israel erleben wird, sagt
ihnen Mose: ‚In allem, was kommt, bewahrt für immer: Ihr seid Gott
ein heiliges Volk, herausgeführt aus der Knechtschaft, erwählt
zur Freiheit. So wandelt in seine Geboten und haltet euch an seine Gnade
und er wird euch segnen bis ins tausendste Glied.’ Ein Zeichen von diesem
Segen ist, dass auch wir mit dabei sind. Erwählt in Christus gehören
wir dazu. Nur bedenkt, ihr ward nicht mit dabei von Anfang an und ihr kennt
den Lauf der Geschichte. Alles verdirbt, wenn wir dies erwählte Volk
beheimaten in festen Grenzen, einordnen in den Lauf der Weltgeschichte. So
wie es anfing in der Wüste, einem Land ohne Grenzen, so wie Christus
sagt: ‚Mein Reich ist nicht von dieser Welt, so ist das Volk Gottes
kein Volk unter vielen. Es ist nicht von dieser Welt. Wir sehen die Nöte,
in die es führt, Israel – Palästina, wie hart wird da
gekämpft um jeden Streifen Land? Wir selbst tragen ein schweres Erbe,
denn welch Leid und Unheil kam über viel zu viele Menschen durch die
anmaßenden Behauptung, die arische Rasse wäre das auserwählte
Volk. Und wenn es heute wieder ein Zeichen göttlicher Erwählung
sein soll, die mächtigste und reichste Nation der Welt zu sein, dann
sagt unser Predigttext: Nicht weil du größer wärest als alle
anderen Völker habe ich dich erwählt, denn du bist das kleinste
unter allen, aber in dich habe ich mich verliebt, dich habe ich erwählt.
Nicht dass du stark und mächtig wirst, dich gegen andere durchsetzt
und behauptest. Dich habe ich erwählt, dass du dich allein festhältst
an mir und meiner Gnade.
Alle Gedanken von Gottes Erwählung verkehren sich, wenn wir sie vermischen
mit unseren Gedanken, sie hineinpressen in unsere enge Sicht der Dinge. Denn
bei Gott ist es nicht wie bei uns. Wenn wir uns entscheiden, wenn wir
auswählen unter verschiedenen Möglichkeiten, dann entscheiden wir
uns für etwas und wir entscheiden uns damit gleichzeitig gegen etwas.
Du wählst einen Weg und lässt alle anderen Möglichkeiten damit
hinter dir. Darum sagen wir: ‚Wer die Wahl hat, hat die Qual’.
Wir schieben Entscheidungen gern vor uns her, zögern sie hinaus. Halte
dir alle Optionen offen, sagen wir uns selbst und anderen. Aber zuletzt ist
der Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach. Doch die Taube
hätten wir lieber.
Wenn wir uns entscheiden müssen, so möchten wir das Beste, wollen
das Optimale herausholen. Alle Angebote werden geprüft, alle
Möglichkeiten durchdacht. Aber nur eine kannst du wählen und darum
soll sie die Beste sein.
Aber bei Gott ist es nicht so. Was er erwählt, das schließt andere
nicht aus. Das ist bestimmt zum Segen für viele. So wie er zu Abraham
sagt: Du sollst ein Segen sein und in dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter
auf Erden. Wenn Gott einen Menschen erwählt, hinein nimmt in sein heiliges
Volk, dann erwählt er in dem einen auch all die anderen. So erwählte
er Mose, und Mose führte das Volk in die Freiheit. Er erwählte
die Propheten und sie verkündeten dem ganzen Volk Gottes Wahrheit.
Jesus erwählt sich seine Jünger, dass sie seine Botschaft weiter
tragen bis ans Ende der Welt, allen voran Paulus erwählt den Heiden
das Evangelium zu bringen.
Und nicht zu vergessen: Maria auserwählt trägt ihr Kind als den
Erlöser der ganzen Welt. Und wo alle anderen zurückschreckten,
erst einmal ihre Berufung nicht annehmen wollten, sagt sie gleich ja:
‚Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes meines
Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er gedenkt
der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat
zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
Maria stellt sich hinein in die Folge aller, die vor ihr waren, und weiß,
niemanden erwählt Gott für sich allein. Was Gott erwählt,
das bringt Heil und Segen für viele. Aus Liebe erwählt, das ist
der Anfang der Heilsgeschichte. Sie geht hin bis zu dir, dass dir aufgeht,
du gehörst hinein in eine große Geschichte von Heil und Segen
und du gehörst dazu. Auch du bist erwählt. Du gehst deinen ganz
eigenen Weg. Er ist einmalig, denn dich gibt es nur einmal. Und wenn dir
Zweifel kommen auf deinem Weg, du nicht weiterweißt, wenn sich
Widerstände auftun, vielleicht hilft es einfach, sich zu erinnern: was
wäre diese Welt ohne einen Mozart, ohne Vincent van Gogh, ohne Franz
von Assisi, ohne Frieda Kahlo, ohne Paul Klee, und so viele andere wie sie.
Unter unsäglichen Kämpfen, angefeindet und oft verfolgt, ungeliebt
und verkannt zu ihrer Zeit haben sie hervorgebracht, was uns bis heute inspiriert
und weiterbringt. Auserwählte sind sie. Sie haben gelitten und trotz
allem an sich selbst geglaubt. Nicht für sich, sondern für andere
waren ihre Bilder, ihre Gedichte, ihre Lieder, all ihre Arbeit bestimmt.
Paul Mclean hat ein Lied über Vincent van Gogh geschrieben: Sie konnten
dich nicht lieben, dabei war deine Liebe so rein. Diese Welt war einfach
nicht gemacht, für jemanden so wunderbar wie dich. Und das gleiche ist
zu sagen über Jesus Christus. Ein ganzer Mensch und doch zu wunderbar
für diese Welt. Allen hat er es gesagt, du bist geliebt, du bist wunderbar,
du bist das Ebenbild Gottes. Trau dich da hinein, sei du selbst und leb es.
Vertrau darauf: Nicht das große und großartige hat Gott
erwählt. Es ist etwas sehr kleines und zartes, ein kleiner Keim, die
Ahnung, wie es anfängt in dir das Himmelreich auf Erden. Es ist scheinbar
etwas sehr kleines, wenn Gott dein Herz bewegt, aber es ist alles, was du
brauchst, um schon jetzt das Überflüssige zu lassen und zu erkennen,
was wirklich wichtig ist. Sei du selbst, verletzlich, schutzlos, aber wunderbar
behütet durch die Gnade Gottes: So sollst du ein Segen sein und nicht
du allein, sondern verbunden sind mit allen, die vor dir waren, Väter
und Mütter im Glauben, vereint mit vielen Schwestern und Brüdern.
So wie wir hier alle miteinander versammelt sind in dieser alten Kirche,
die behütet und eine Ahnung von Ewigkeit verbreitet. Diese Kirche, die
so viel überstanden hat, die auserwählt ist, nicht weil sie
größer oder schöner ist als alle anderen, sondern einfach,
weil sie immer noch da ist durch all die Jahrhunderte hindurch. Aber auch
hier werden nicht alle Kämpfe, alle Zweifel und alle Fragen zu einem
Ende kommen: Bin ich geliebt, bin ich gewollt, bin ich auf dem rechten Weg.
Solange wir dies Leben hier leben, wird es immer so bleiben: ‚So hoch
der Himmel über der Erde ist, so hoch sind meine Gedanken über
euren Gedanken’, spricht Gott der Herr, aber es sind Gedanken des Friedens,
da kannst du sicher sein. Und nirgends ist der Himmel so hoch und so weit
und offen wie hier. Gebe Gott, dass er aufgeht über uns und wir etwas
davon spüren, was es heißt: Du bist erwählt, du bist geliebt,
du bist bestimmt für Gottes Ewigkeit. So bewahre und behüte uns
auf unserem Weg der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen
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