St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
05. Juni 2005 - „Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei dir, Herr, füll du... (HR) PDF Drucken

Predigt 05. Juni 2005

(Pastorin Heike Reimann, Keitum/Tinnum)

„Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.“

 
 

Ein kleines Lied mit einem schönen Bild. Anfang und Ende liegen in den Händen Gottes, liegen wie ein Kind, das sicher und vertrauensvoll in den Armen seiner Eltern liegt.

„Anfang und Ende liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.“

Wunderschön ist aber auch das Bild von unseren leeren Händen, die wir Gott genauso vertrauensvoll entgegen strecken, damit er sie mit Segen füllt.

In der letzten Woche haben wir Abschied gefeiert. Fast 29 Jahre mit Pastor Traugott Giesen und seiner Frau sind vorüber. Viele Erinnerungen aus dieser Zeit wurden ausgetauscht und nun wird vielen klar: die Zukunft ist für uns ungewiss. Der Kirchenvorstand und der Kirchenkreis sind sich einig, dass diese Pfarrstelle gut und schnell wieder besetzt werden soll. Doch wer wird es sein? Bleibt es im alten Sinn oder wird alles anders? Wir haben Wünsche und Vorstellungen, doch genau wissen wir es nicht, was auf uns zukommen wird. Wir Menschen haben nicht alles in der Hand. So sehr wir für unser Leben zu sorgen haben, es gestalten, so sehr müssen wir aber auch immer wieder erkennen, dass wir es letztlich dann doch nicht in der Hand haben, sondern das Leben sich auch neben uns entwickelt, dass wir auf vieles auch nur reagieren können, es hinnehmen müssen, damit leben müssen. „Füll du uns die Hände...“

„Ausgang und Eingang, Anfang und Ende“ heißt es am Ende des 121. Psalm. Der fing an:

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Doch was sind das für Berge, zu denen der Psalmbeter die Augen aufhebt? Ursprünglich sprach da ein Mensch, der vorhatte, eine Reise zu machen, und durch gefährliches Bergland gehen musste. Er wollte nach Jerusalem und besorgt fragte er sich: „Wie komme ich da durch? Wer hilft mir?“ Also:

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“

Es müssen aber gar keine Berge aus Fels und Stein sein. Manche von uns stehen vor einem Berg von Arbeit, der sich auf ihrem Schreibtisch aufgetürmt hat; oder vor einem Berg von Problemen, die sie fragen lassen: „Wie werde ich damit fertig werden?“ Da dürfen wir mitsprechen:

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

Ich hebe meine Augen auf: ich schaue nicht nur bedrückt nach unten und in die Vergangenheit, schaue nicht nur auf das, was vor den Füßen liegt, also in direkter Nähe, sondern ich blicke auf. Das heißt doch, ich darf nach vorne schauen. Den Blick auch weit nach vorne richten. Hier ist das so einfach, wenn ich am Wasser bin, ist mein Blick grenzenlos. So viel Weite und doch soviel Nähe. Den Blick nach vorne, immer weiter. Das Leben geht einfach immer weiter, geradeaus. Da liegt ein Land, das ich betreten darf, in dem Leben stattfindet, in dem für mich etwas bereit liegt.

Der Anfang dieses Psalmes ist von dem Glauben geprägt, dass Leben nicht nur in einem abgeschlossenen, behüteten Bereich stattfindet - wie z.B. im Tempel, oder wir würden heute sagen in der Kirche. Nein, die Fülle des Lebens, das Gott für uns bereit hat, liegt vor uns, immer weiter. Das ist auf der einen Seite hoffnungsvoll, aber natürlich auch bedrohlich. Die Ungewissheit lässt uns unsicher werden, macht Angst. Woher kommt mir Hilfe? Ich will ja gehen, will mich diesem Leben anvertrauen, will es für mich erobern und genießen, doch ich weiß auch, dass dazu Hilfe nötig ist, weil ich es letztlich nicht alleine meistern kann. Die Berge – wie auch die Dünen und das Meer - bergen eben auch Gefahren, das Leben ist bedroht, immer in Frage gestellt. Deshalb: Woher kommt mir Hilfe?

„Meine Hilfe kommt von dem, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Wenn ich mich ganz darauf verlasse, dass der, der Himmel und Erde in seinen Händen hat, auch mich in seinen Händen hat, wenn ich dem vertraue, der dieser Welt ihr Gesicht gegeben hat und die Schöpfung immer neu entstehen lässt – auch mit jedem Kind, das geboren wird -, dann kann ich mich auch darauf verlassen, dass er mir als der Schöpfer und Bewahrer zur Seite ist, um mein Leben zu begleiten. Gott Jahwe ist mein Hüter, mein Hirte. Und er geht jetzt mit mir, jeden Schritt, durch jedes Tal. Wovor sollte ich mich fürchten müssen? "Und ob ich schon wanderte durchs finstere Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir..." (Psalm 23)

Jahwe, der Himmel und Erde geschaffen hat, er geht mit. Er kennt alle Berge und Täler, alle Höhen und Tiefen, alle Glücks- und Unglücksmomente von uns Menschen. Im Blick auf Gott – wofür sollte ich mich fürchten müssen?!

„Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen. Der Hüter Israels schläft nicht (wenn du unterwegs bist und ausruhen musst). Gott, der Herr behütet deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“

Wer mag das einem anderen gesagt haben? Vielleicht macht da ein Sohn eine Reise und der Vater verabschiedet ihn an der Haustür. Und der Sohn sagt: „Ich sehe da hohe Berge vor mir, wie komme ich da durch?“ Und der Vater sagt: „Keine Angst! Der dich behütet, schläft nicht. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen. Der Herr behüte deinen Ausgang (wenn du jetzt gehst) und deinen Eingang (dort, wo du ankommst, oder wenn du wieder zurückkehrst).“ Das erinnert an das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder wie es heute oft genannt wird: Vom Vater und seinen beiden Söhnen.

Oder es wird einem Kind bei der Taufe gesagt, wenn es am Anfang seiner Lebensreise steht

Oder es sagen vielleicht Eltern zu ihren heranwachsenden Kindern in der Pubertät, wo es manchmal schwer ist, den gleichen Weg zu gehen. Oder es sagt einer zu einem Kranken auf dem Weg zum Arzt, ins Krankenhaus, zur OP.

Und wir beten so bei den Beerdigungen: „Der Herr behüte deinen Ausgang (wenn du dieses Leben und diese Welt verlässt) und deinen Eingang.“ Denn wir hoffen und glauben doch daran, dass es ein neues Leben und einen neuen Eingang in eine neue Welt gibt.

So wurde dieser Psalm auch gesprochen, bevor ein Verstorbener aus dem Haus getragen wurde. An der Türe des Hauses wurde ihm nachgerufen: „Der Herr segne deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Diese Sitte einer Aussegnung hat sich an manchen Orten auch bei uns bis heute erhalten.

Auch in der Kapelle auf dem Friedhof bei einer Beerdigung, bevor der Sarg hinausgetragen wird, hören wir diese Reihenfolge, in der die ganze Hoffnung für den Verstorbenen steckt: „Der Herr segne deinen Ausgang und Eingang.“

Ach es gibt viele Situationen, in denen wir dies sagen könnten.

Vielleicht wurde dieser Psalm ja auch im Tempel gesprochen, wenn die Leute nach dem Gottesdienst wieder nach Hause gingen. Dann wurden sie von dem Priester an der Tür verabschiedet mit den Worten: „Der Herr behüte deinen Ausgang (wenn du jetzt hier aus dem Tempel gehst und durch die Berge musst oder hier besser, wenn du jetzt gehst und durch Wind , Wetter und Gewalten musst) und deinen Eingang (wenn du zu Hause ankommst und dein Alltag wieder anfängt).”

Das ist gut zu wissen, wenn man sich auf einen Weg macht, egal in welcher Situation. Auf den Weg in eine neue Lebenssituation hinein, in das, was an unbekanntem Land vor einem liegt. : „Der Herr behüte deinen Ausgang und deinen Eingang.”

Damit können wir losgehen, hoffnungsvoll, mutig, mit Elan und Kraft. Natürlich gibt es auf unserem Weg auch die Schlaglöcher und die Stolpersteine, die Umwege und Sackgassen. Unser Leben ist auch ein Leben in Schwierigkeiten, manchmal geht es uns richtig dreckig, dass wir keinen Ausweg sehen. Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Streit und Elend in der Familie, immer wieder Lasten des Lebens, die wir zu tragen, die wir zu bestehen haben, die wir zu bearbeiten haben. Da will ich nicht drum herum reden. Aber das Psalmwort sagt uns eben auch: der Herr behütet dich. Das heißt aber nicht, dass dem, der auf ihn vertraut, kein Haar gekrümmt wird, aber ihm wird nicht die Seele, der Glauben, das Leben genommen. Gott ist gegenwärtig und handelt an uns, nicht immer sichtbar, aber doch so, dass wir keinen dauerhaften Schaden nehmen müssen.

Und leider kommen auf dem Weg auch Fragen und Zweifel auf uns zu, stellen unsere Lebenserfahrungen diese Zusage immer wieder in Frage. Doch wir dürfen unseren Lebensweg mit der Ermutigung beginnen – und immer wieder korrigieren und neu beginnen, dass es eine Hilfe gibt, die mich Tag und Nacht umgibt. Die Füße können auf dem Weg nicht wirklich so ausgleiten, dass ich liegen bleibe und es nicht mehr weitergeht. Wir sind in allem verbunden mit dem, der das Leben in der Hand hat und trägt. Deshalb spricht der Psalmist diese Worte: der Herr schläft und schlummert nicht oder wie es Jesaja sagt: Gott verspricht: Berge mögen von der Stelle weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden. Das sage ich Gott, der dich liebt.

In unserer Zeit sind neben diesen jahrhundertealten Liedern neue Segenslieder entstanden. Das ist auch gut so, denn es zeigt, wie wichtig uns der Segen ist!

Zum Beispiel der Kanon, den wir gesungen haben: „Ausgang und Eingang, Anfang und Ende“.

Oder das Lied: „Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen“.

Oder: „Herr, wir bitten: Komm und segne uns“. Es scheint einen großen Bedarf zu geben für solche Lieder, die wir als Bitte um den Segen singen können.

Auf eins dieser Lieder möchte ich noch ein bisschen genauer eingehen.

Das Lied heißt: „Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“. Wir wollen es auch nachher singen. So wäre es gut, wenn wir es jetzt schon aufschlagen unter der Nummer 171.

In den 80er-Jahren machte der Offenbacher Pfarrer Eugen Eckert auf die schwungvolle Melodie eines Liedes aus Argentinien mit der Bitte um Frieden einen neuen Text. Und in dieser Form hielt es Einzug in viele Gemeinden und dann auch in das neue Evangelische Gesangbuch.

Eugen Eckert benutzt in seinem neuen Text auch vertraute Bilder aus der Bibel. Da ist die Rede von „Quelle und Brot in Wüstennot“, und jeder erinnert sich an den Exodus, den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und den Zug durch die Wüste, wo die Wandernden erst weder Wasser noch Brot hatten, wo dann aber Wasser aus dem Felsen sprang und Manna als Brot vom Himmel regnete. „Quelle und Brot in Wüstennot“ singen wir und „Wärme und Licht im Angesicht“. Immer wieder hat das alte Volk Israel diese Glaubenserfahrungen machen dürfen: Gott hat die Tränen gesehen, die Seufzer und Gebete erhört, und dann am Berg Sinai erneut zu ihnen gesprochen und ihnen und uns versprochen: Ich will euer Gott sein, ihr sollt mein Volk sein.

So ist Gott ein Gott, dem es nicht zu gering ist, auf unser persönliches Leben Acht zu haben. Wer von seinem heiligen Berg heruntergeht, und dann durch Höhen und Tiefen, durch Einsamkeiten und Probleme des Lebens gehen muss, der geht nicht allein. Gott geht mit ihm. Das sagt Gott uns heute, jetzt erneut zu. Ich gehe mit! Glaubt und vertraut mir! Ihr hört es doch nachher im SEGENsspruch am Ende des Gottesdienstes: "Der Herr segnet dich und behütet dich, „... der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir ... und gebe dir Frieden.“

Dieser Segen wird in der dritten Strophe beschrieben als eine „Kraft, die Frieden schafft“. Das erinnert natürlich an die Friedensbewegung in den 80er-Jahren, in denen ja auch dieses Lied entstanden ist, wo man den Frieden gewünscht, erhofft und erbetet hat. Ich kann mich noch gut an die große Friedensdemonstration auf dem Hamburger Kirchentag 1981 erinnern. „Frieden schaffen ohne Waffen“, so hieß es damals auf beiden Seiten. Die Kraft, die Frieden schafft, soll hier von Gott kommen.

Und im vierten Vers singen wir: „Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt...“. Ein Leben mit Ausgang und Eingang aus Gottes Hand, „von nun an bis in Ewigkeit“.

 
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