|
Keitumer Predigten 2007
Predigt am 1. Advent, 02. Dezember 2007
(Pastorin Susanne Zingel)
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und der da kommt.
Liebe Gemeinde!
Der erste Advent ist da. Wir beginnen, uns vorzubereiten auf Weihnachten. Wir bereiten uns vor auf die Ankunft Gottes in unserem Leben. Lasst uns zusehen, dass das beides eins werde: Unser Weg auf Weihnachten zu und die Ankunft Gottes bei uns. Das sind zwei Bewegungen:
Das eine machen wir. Wir gestalten unsere Adventszeit, unsere Feste. Das andere kommt von Gott allein. Er macht sich auf den Weg zu uns.
Das eine ist das Vertraute, unsere Adventsbräuche, das vertraute immer gleiche Bild. Das andere ist das Wunder, das große Abenteuer der Gottesbegegnung. Gott wird dir begegnen, und eins steht fest: Wenn Gott zu dir kommt, wird es anders sein, als Du es dir vorstellst. Zacharias konnte am Anfang nicht glauben, dass ihm ein Sohn, Johannes geschenkt wird. Auch Maria fragte den Engel: "Wie soll das möglich sein?" Josef fiel es schwer, die ihm zugedachte Rolle anzunehmen. Die Könige folgten ihrem eigenen Bild und landeten im falschen Palast. Alle ließen sich von ihren eigenen Bildern und Vorstellungen leiten. Gingen erst falsch und kamen doch an.
Es gibt die Geschichte von zwei Mönchen. Alt und hochbetagt fragen sie sich, wie es denn nun sein wird, die Seligkeit im Himmelreich. Wird es so sein, wie sie es sich vorstellen: Voll Licht und Glanz, voll himmlischer Musik und Gott auf seinem Thron? Oder wird es ganz anders. Sie verabreden sich, wenn einer von ihnen als erster geht, dann kommt er wieder und wird dem anderen im Traum sagen, wie es ist. Wenn es genauso ist, wie sie sich das vorstellen, ganz genauso, dann sagt er "Totaliter" es ist genauso. Ist es aber anders, dann sagt er nur ein Wort "aliter": anders. Es ist anders. Als einer der beiden stirbt, schläft der andere jede Nacht mit der Erwartung ein, seinem Bruder im Traum zu begegnen. Und er kommt wirklich und sagt: Es ist … totaliter aliter, vollkommen anders, aber genauso wie du gedacht hast.
Advent, das ist das Vertraute, unsere Ahnung, unser Glaube, die vertrauten Lieder. Nur wenn Gott kommt, wird es ganz anders sein, als wir uns vorstellen. Wir sollen Gott entgegengehen, ohne zu wissen, wo das genau ist. Maria, Josef, die Könige, sie kamen ganz woanders an. Nur wie sollen wir ganz woanders hingehen, als wir denken? Kein Mensch hat Gott je gesehen. Aber auch kein Mensch, der nicht davon gehört hat, dass es das gibt, einen allmächtigen Gott, Schöpfer der Welt, Geheimnis des Lebens, Quelle aller Liebe, Heiland und Erlöser. Und wir backen Zimtsterne und basteln Adventskalender.
Es sind zwei Linien, die sich kreuzen, für uns verknüpfen mögen: im Vertrauten das Überraschende, das Unvermutete.
So ist gelingender Advent eine aufmerksame Zeit. Sei gewahr, Gott ist unterwegs, auf dem Weg zu dir. Vielleicht erkennst du erst im Nachhinein, dass er dir hilft zu wachsen, zu reifen in Erkenntnis, Weisheit, Güte und Liebe.
Adventszeit ist eine aufmerksame Zeit. Es geht darum, vertraute Bilder und die alten Worte neu in sich aufzunehmen, ihnen Raum zu geben, dass sie einen von innen verwandeln und bewegen: Inwendige Geschichten hat Karl Heinrich Waggerl sein Weihnachtsbuch genannt:
Eine alte Dame sagte zu mir: "Wie schade, dass die Kinder heute immer schon so viel sehen." Sie hatte hier in Keitum vor 80 Jahren noch den wirklich dunklen Winter erlebt, und sie wünscht keinem die arme Zeit, wo Apfel, Nuss und Mandelkern die einzigen Geschenke waren. Aber das Glück, das sie als Kind empfunden hatte das wünscht sie allen, das Glück der Vorfreude, das Glück einzutreten in ein erleuchtetes Zimmer, und es sieht aus und es ist das Paradies. Dieses Glück wünscht sie allen. Auf dem Weg dorthin gab es nur die Adventsliedern und Geschichten, einen Schatz und Fundus, der immer wieder erzählt wurde und Gedichte, die die Kinder auswendig lernten.
Damit auswendig und inwendig zusammenkommt. Darum geht es ja in diesem Fest: Das Innere, das Inwendige Gottes, seine Liebe wird dir begegnen, wird eine Verknüpfung spannen, sehr zart und genau. Denn Liebe ist zärtlich und genau und nicht lärmig polternd: Im Lichtermeer geht alle Spannung unter. Das Gedudel der immer gleichen Melodien tötet den Geist. Man hat alles gesehen, und nichts erlebt, da kann man nur eines bitten:
"O Heiland reiß den Himmel auf und komm du selbst herab:"
Was für ein Glück, dass diese Bilder uns etwas sagen. Das ist nicht selbstverständlich, "Der Himmel reißt auf", du trägst dieses Bild in dir und kannst es verknüpfen mit dem, was dir begegnet
Das ist ein Wunder, das wir das können. Dass wir begabt dazu sind. Mit Herz und Seele, und Geist auch Verstand und Liebe dazu, kannst du die alte Geschichten nehmen, die Lieder singen und dein Leben mit hineinnehmen und es wird ein Fluß, ein Ganzes.
Es sind ja erst einmal alles nur Bilder: "Eine Tür geht auf, Gott zieht ein wie ein König. Nein, er reitet auf einem Esel, Gott zieht ein in dein Leben, will neugeboren werden in dir." Er kommt zu dir, aber genauso zu den Ärmsten, zu denen, die reinen Herzens sind, zu denen, die ihn nicht kennen, zu dir, da wo du Gott nicht vermutest. Es ist eine wunderbare Sache, dass wir diese Verknüpfungen überhaupt herstellen können. Advent ist die Zeit, an diesen Fäden zu spinnen und neue Verknüpfungen herzustellen.
"Es kommt ein Schiff geladen", das haben wir gesungen. Es braucht Zeit, am Ufer zu stehen zu sehen wie das ist, wenn ein Schiff ankommt. Sich zu erinnern, wo du das gesehen hast, und wie es ist an ein anderes Ufer hinüberzublicken.
"O Heiland reiß die Himmel auf, und komm herab vom Himmel". Es braucht Zeit, und ist nicht jedes Mal so, dass beim Singen etwas mitschwingt, was genau dein Gebet ist, Deine Bitte: "O Heiland komm, komm hier herab und hilf." Es braucht einen offenen Raum und es braucht Zeit, dass du verknüpfen kann, was du siehst, erlebst, was du hörst, was du singst, was du liest.
Es braucht alte vertraute Worte, dass sie zur Verfügung sind, wenn Du sie brauchst.
Zacharias hatte sie. Sein Benediktus ist das Evangelium. Es sind aber gleichzeitig fast nur Worte aus dem Alten Testament aneinandergereiht. Bis zu dem Punkt, wo er sagt: "Du Kindlein, du bist es. Alle diese Worte sind wahr für dich."
Genauso betet Maria in alten Worten: Große Dinge tut unser Gott. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Armen empor. Das Gebet kannte Maria von klein auf an. Nur nicht den einen Satz: Du bist es, genau Du bist damit gemeint. Ganz vertraute alte Worte. Aber ganz anders kommen sie dir entgegen - totaliter aliter wenn Dir aufgeht alle Verheißungen sind dir bestimmt. Gott macht sich auf, kommt neu zur Welt in dir.
Unvermutet, ganz anders und doch vertraut schließt sich die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Gebe Gott uns seine Gnade, dass er auch uns begegne neu und voller Geist in dieser Zeit mit seinem Frieden höher als alle Vernunft ganz genau für dich bestimmt. Amen
|