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Keitumer Predigten 02. Oktober 2005
(Pastorin Heike Reimann)
Erntedank: Brich mit den Hungrigen dein Brot
Liebe Gemeinde, dieses Lied ist der Anfang unseres Predigttextes, der uns
heute am Erntedankfest 2005 führen und leiten soll:
- zu den anderen hin,
- zu uns selbst
- und zu Gott.
Erntedank. Das Danken für alle gute Gabe, die uns zuteil wurde, zieht
die Gedanken auch hin zu den anderen. Wir wissen, dass es ein Geschenk ist,
das Leben – auch wenn wir oft nicht so tun. Wir glauben, dass diese
Erde alles andere ist als ein Zufall, sondern gewollt. Gott gewollt. Genauso
gewollt, dass es uns gibt - dass wir atmen, lachen, fragen, lieben. Die
Schönheit dieser Erde ist mehr als eine Illusion. Sie ist wahr und sie
bedeutet etwas. Ein Geschenk ist jeder Atemzug, ein Geschenk der Apfel, ein
Geschenk jeder Schluck Wasser und Wein, jeder Lichtstrahl, der das Lebensbild
in dein Auge zeichnet, jeder Kuß, jeder Klang, der Geruch der Erde.
Ernte – Dank. Das ist deshalb weit mehr, als der Kürbis oder die
Kartoffeln, das Brot oder die Trauben, die uns der freundliche Kirchwart
zur Dekoration auf den Altar gelegt hat. Hingelegt als Zeichen für all
das, was die Erde hervorbringt und andere für uns erarbeiten. Genauso
gut könnten wir noch andere Bilder unseres Lebens dazulegen. Ein Taschentuch
für die Tränen, die ich geweint habe und die wieder getrocknet
wurden, Sonnenblume für die sonnigen Ferien – und Urlaubstage,
eine Plantschente/Flossen für das wunderbare Erleben des Wassers im
Meer oder auch im Bewegungsbad Pflaster für Krankheit und Genesung und
Heilwerden, Kerzen für das Licht, das mir wieder aufgegangen ist, nachdem
es mir abgelöscht hat, Freundschaftszeichen für die Freunde, die
wir haben, eine Uhr für unsere geschenkte Lebenszeit und für die
Zeit, die wir einander schenken, Musikinstrument oder eine Musikaufnahme
für die Freude an den Tönen Arbeitshandschuhe für die Arbeit,
Geld, dass wir das Notwendige zum Leben haben und für die vielen Kollekten,
die wir sammeln und an andere weitergeben konnten – in der Welt oder
bei uns Wärmeflasche (dass wir nicht kalt haben), Herz für die
Liebe, die wir spüren durften, Schlafmütze für den Schlaf,
der uns ausruhen ließ, Kinderschuhe für die Kinder, für die
neue Generation, die uns zeigt, dass das Leben weitergeht Erwachsenenschuhe
für unsere Eltern, für Väter und Mütter, für
Männer und Frauen, meinen Ehering, dass ich meinen Mann noch immer lieben
darf und von ihm geliebt werde.
Wer alle diese Gaben als Gaben sieht, nimmt das eigene Leben als Geschenk
an. Als Geschenk, das ich durchaus „verdient“ habe, mir jedoch
nicht selbst verdienen kann. Es geht durch unsere Hände, kommt aber
her von Gott. Es sieht so aus, als könnten Menschen, die das Leben als
Geschenk annehmen, leichter hergeben.
Wer sich selbst beschenkt weiß, kann weiter schenken, kann sein Herz
und sein Portemonnaie öffnen. „Der Dank für das Empfangene
fließt über.“ ...
Keiner kann allein Segen sich bewahren, heißt´s in dem modernen
Kirchenlied, das wir nachher noch singen werden. Weil ER reichlich gibt,
müssen wir nicht sparen. Der Segen, den ein gnädiger Gott schenkt,
ist zum Weitergeben da. Festhalten können wir ihn ohnehin nicht.
Wenn ich mich auf den Weg zum anderen mache, mein Leben mit anderen teile
- statt zu knausern - da finde ich mich, finden wir uns selbst. Nicht, wenn
wir um uns selbst kreisen. So sieht es jedenfalls Jesaja, dem diese Verse
vor 2.500 Jahren zufielen, von Gott ins Herz und in den Verstand gegeben.
Da, unterwegs zu den anderen, den nahen Nächsten und den fernen
Nächsten, da begegnet uns das Glück, die Seligkeit. In Bildern,
die er der Natur entlehnt. Wie das aufgehende Licht der Morgenröte sind
wir dann, unser Licht leuchtet in der Finsternis und unsere Wunden werden
geheilt.
Wie ein bewässerter grünender und blühender Garten erleben
wir uns, wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt, wenn wir die,
die uns brauchen, unser Herz finden lassen.
Brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing
mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus.
Für dieses Teilen mit den Armen bei uns und in der Welt gibt es viele
Möglichkeiten: Die einen haben schon lange ein Patenkind in Indien oder
Pakistan, dessen Lebensunterhalt und Ausbildung sie sich einen monatlichen
Betrag kosten lassen. Andere spenden regelmäßig für Brot
für die Welt oder ein bestimmtes Projekt der Entwicklungshilfe. Wieder
andere werden heute - wenn der Klingelbeutel vorbeigeht - besonders tief
in die Tasche greifen: Und es wird bei so manchem heute nicht nur klimpern,
sondern rascheln. Darüber hinaus gibt es noch viele gute Gelegenheiten,
die Geschenke Gottes nicht allein für sich zu behalten, sondern
weiterzugeben an die Bedürftigen hier bei uns und in den Hunger- und
Krisengebieten der Erde. Und wir haben es doch auch schon oft geschafft.
Zuletzt zu Beginn des Jahres; da waren wir doch alle beteiligt, wir haben
geteilt. Von wegen jeder denkt nur an sich. Für die Flutopfer gab fast
jeder, was er konnte, ob 1 Euro oder eine Million. Weltweit sind Milliarden
zusammengekommen. Das ist kaum zu glauben. Aber wahr. Und wunderbar: Es ist
noch Geld übrig, um langfristig zu helfen.
Das ist eine Lebenshaltung, die allerdings den Verheißungen unserer
Tage meist widerspricht. Es ist eine Lebenshaltung, die ich „Unterwegs
zu den anderen“ nennen möchte, von der dann irgendwann auch Arbeitslose
und Schwache, Hungrige und Obdachlose profitieren.
Auf diesem Wege - so die Verheißung des Jesaja - wirst du „dich
im Garten des Menschlichen bewegen und erleben, dass Wasser und Brot und
Raum für alle da ist. Du musst nicht sparen und rechnen. Du kannst Brot
und Leben mit anderen teilen.“
Einen Weg zu den anderen beschreiben Jesajas Worte, zu uns selbst und zu
Gott. Der Weg zu den anderen ist auch der Weg zu Gott. Jesus hat das ebenso
so gesehen. Wer dem Hungrigen zu essen gibt, gibt auch ihm zu essen, und
wer den Kranken besucht, der kommt auch zu ihm. „Wahrlich, ich sage
euch: Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt,
das habt ihr mir getan.“
Unterwegs zu den andern sein, heißt also unterwegs zu Gott sein. Und
Danken, das eigne Leben als Geschenk annehmen, ist die Antriebskraft, den
Weg zu den anderen zu gehen. Wenn ich anderen abgebe von meinem Besitz oder
meinen Fähigkeiten, dann brauche ich dafür das Vertrauen, auch
selbst gut versorgt zu werden. Das sagt uns Gott sogar für
Wüstenzeiten zu, selbst wenn alles ins Wanken gerät, was so sicher
scheint; selbst wenn alle Sicherheiten und Versicherungen, die ich mir leiste,
nicht mehr tragen. "Ja, hier bin ich" verspricht uns Gott.
Und auf diesem Weg wird auf eine Weise, die wir nicht wissen, Gott bei uns
sein und uns sagen: JA! Hier bin ich. Amen.
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