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Predigt 03. September 2006
(Pastorin Gerlinde Brandt, Berufsschule Bad Oldesloe)
Bibeltext: Markus 3
Der Bibeltext, der der heutigen Predigt zugrunde liegt, gibt uns einen Blick auf eine Begebenheit aus dem Leben Jesu, so wie wir sie häufig in den Evangelien finden: manchmal ist er im Gespräch mit seinen Mitmenschen, die er zufällig auf seinem Weg trifft, manchmal findet man ihn im Streit - z.B. mit Gesetzeslehrern, manchmal wird er angesprochen, weil er jemanden heilen soll.
Die Evangelisten haben diese kleinen Anekdoten festgehalten, weil sie auch den Menschen in seinem täglichen Leben zeigen und nicht nur Worte überliefern wollten.
Die Szene, auf die wir heute einen Blick werfen steht im ältesten, im Markusevangelium. Wir finden Jesus in einer typischen Situation, umringt von Menschen, die ihm zuhören oder mit ihm diskutieren. Offenbar befindet er sich in einem Haus, vielleicht auch in einem abgegrenzten Hof. Markus erzählt:
"Und es kamen seine Mutter und seine Brüder; und als sie draußen standen, schickten sie zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn her. Und sie sagten zu ihm: siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen suchen dich. Da antwortete er ihnen und sagte: wer sind meine Mutter und meine Brüder? Und indem er ringsumher die um ihn Sitzenden ansieht, sagt er: siehe, das sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter."
So weit die kleine Szene verbunden mit einem bedeutungsvollen Satz, der vielleicht den Anlass geboten hat, sie ausführlich zu erzählen: "Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter."
Meine Geschichte mit dieser kleinen Episode ist wechselhaft. - Ich erinnere mich noch sehr gut, daran, wie ich als junge Studentin begeistert war davon, wie Jesus alle Menschen - Mutter, Geschwister, Wahl-verwandte wie Freunde und Bekannte oder auch ganz Fremde - auf eine Stufe stellt. Alle sind meine Geschwister, alle die den Willen Gottes tun. -
Zum ersten Mal ganz weg von zuhause, in eigener Wohnung, weg von der Familie aus meinem Dorf und auf dem Weg in meine ganz eigene Zukunft fand ich die Worte prima. Alte Bindungen - so verstand ich - sind gar nicht wichtig. Wichtig ist es mich in Gottes Sinne, freundlich und offen gegenüber jedermann und jederfrau zu verhalten, neue Bindungen einzugehen und zu pflegen. Die Geschichte gab mir Freiheit altes los zu lassen oder sogar abzubrechen. Und kein Geringerer als Jesus selbst schien dieses zu autorisieren.
Ganz anders ging es mir dann mit diesen Worten, als ich selbst Mutter wurde. "Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter." Da lag nun mein kleiner Sohn, der mir mit jedem Tag mehr als Herz wuchs, von dem ich mich in der ersten Zeit so gut wie nie getrennt habe, mit dem mich eine einzigartige Beziehung verband. Und der sollte mit allen anderen Menschen auf einer Stufe stehen? - Schlimmer noch: ich, seine Mutter, diese ganz besondere Person in seinem Leben sollte für ihn nicht wichtiger sein als irgendjemand Fremdes, der ihm in seinem Leben über den Weg läuft?
Ich identifizierte mich auf einmal mit der Maria, die vor der Tür steht und nicht an ihren Sohn herankommt, weil so viel Volk dazwischen steht und empfand dieses Leben, wenn es denn so aussieht für Mütter, einfach nur traurig. Von der Freiheit, die mir diese Geschichte einmal zugesprochen hatte, war nichts mehr zu spüren.
Heute ist mein Blick auf diese Episode wieder ein anderer. Inzwischen eingeübt ins Loslassen der Kinder, aber auch nicht mehr in einer jugendlichen Aufbruchsstimmung lese ich die Geschichte mit mehr Distanz: ich sehe die Mutter vor mir, die aus unbekanntem Grund den Sohn sucht, begleitet von ihren anderen Kindern und vor dem Haus wartet. Und ich sehe den Sohn, der drinnen sitzt und mit dem beschäftigt ist, was er als seine Lebensaufgabe ansieht. Zwischen ihnen sind offenbar Abgrenzungen: das Volk, was ihn umringt, oder auch Wände, die sie trennen. Aber - so scheint mir - es ist keine unüberwindliche Distanz. Auch ist hier keine Rede davon, dass er die Verwandten wegschickt. Eher nimmt er die Begegnung mit der Familie zum Anlass ein Thema aufzugreifen. So wie er das häufig in seinen Reden gemacht hat. Die Lilien auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel, die Kranken auf dem Weg - immer hat er sich auf das was vor ihm lag bezogen. Nun also die Verwandten, Mutter, Brüder und Schwestern. Und wie in anderen Situationen auch gelingt es ihm wieder mit einfachen Worten ein großes Spektrum an Emotionen aufzuwerfen, einen Bogen zu spannen -
hier zwischen größter Nähe in einer einzigartigen Beziehung, wie der zur Mutter und größter Offenheit, die für alle Menschen gilt.
Beide Pole des Erlebens kennen die meisten von uns: wir kennen die Sehnsucht danach, ganz eng mit jemandem zu sein. Nah wie die Mutter mit dem Neugeborenen, die noch fast eins mit ihm ist.
Nah wie ein Liebespaar, was eine seelische und körperliche Einheit bildet. Wir sehnen uns danach, für irgendjemanden wirklich einzig, einzigartig zu sein, etwas Besonderes, was niemand mit uns teilt.
Aber wir haben auch die andere Seite in uns. Den großen Drang nach Freiheit. Wir möchten offen sein für Neues, aufgeschlossen für andere Menschen und erleben es als beglückend, wenn ein Kontakt mit jemand ganz Fremdem gelingt.
Noch ist die Erinnerung an den Freudentaumel, der Deutschland während der WM erfasst hat, ganz frisch, - an begeisterte Kommentare von allen Seiten, die vor allem damit zu hatten, dass wir Deutschen, etwas von dem Motto "zu Gast bei Freunden" rüber bringen konnten. Dass es gelungen ist, gerade angesichts unserer negativen historischen Erfahrungen mit dem Fremdenhass offen und herzlich auf andere zu zugehen. Ich erinnere mich z.B. an den Bericht über eine niedersächsische Kleinstadt, die eine schwarz-afrikanische Mannschaft beherbergte, ihr einen erstklassigen Empfang bereitete und sich in Gastfreundschaft wohl selbst übertroffen hat. Schön war das!
Fast wie wenn die Überzeugung von Jesus "wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter" Wirklichkeit geworden wäre. Über alle Grenzen hinweg, über Hautfarben oder Klassenunterschiede und Milieus: alle Menschen - Teil einer großen Familie.
Leider ist inzwischen wieder der Alltag bei uns eingezogen und mitten in das herrliche Sommerwetter hinein belehrte uns die Wirklichkeit, dass weder hier noch anderswo eitel Sonnenschein ist.
Stattdessen fingen die Brüder im Nahen Osten an sich wie Kain und Abel bis aufs Blut zu bekämpfen. Die Offenheit gegenüber dem Bruder Mensch, der einer anderen Religion, Kultur oder Überzeugung angehört, schien wie weggeblasen zu sein; Stimmen die sich für ein friedliches Miteinander einsetzen wurden immer leiser, geschwisterliches Miteinander schien wieder einmal unmöglich. Fassungslos haben wir die Tragik der Menschen in den Nachrichten angesehen und vielleicht irgendwie versucht den Glauben daran zu retten, dass Frieden letztlich doch noch möglich wird.
Was nun ist wahr - Jesu fester Glaube an die Geschwisterlichkeit aller Menschen? Oder die Einsicht, dass der Mensch doch nur des Menschen Wolf sei?
Die Einschätzung, dass sich jeder selbst am besten der Nächste sei und man allenfalls nahen Verwandten noch sein Vertrauen schenken könne oder der Glaube daran, dass letztlich die Liebe und der Wille zum Frieden stärker ist als aller Hass?
Natürlich ist das eine rhetorische Frage, auf die wir Christen eine klare Antwort geben. Natürlich ist die Liebe stärker als der Tod, das sagt uns unser Glaube.
Aber natürlich wissen wir auch, dass es manchmal unglaublich schwer ist, trotz allem und vor allem gegen die tägliche Erfahrung daran festzuhalten.
Leicht ist der Glaube an die Freundlichkeit der Menschen, wenn ich Freundlichkeit erlebe. Zum Prüfstein wird der Glaube dagegen, wenn ich die Liebe gegen den Hass, der mir ins Gesicht sieht, setzen muss.
In seinem Roman "America" erzählt der amerikanische Autor T.C. Boyle die Geschichte eines weißen Mannes, Angehörigen der gehobenen Mittelschicht, die im südlichen Kalifornien in nächster Nähe mit illegalen mexikanischen Einwanderern lebt. Er ist ein Intellektueller, Journalist, der für eine Naturzeitschrift schreibt. Er kommt von der Ostküste Amerikas, ist aufgeschlossen auch Fremden gegenüber, zunächst auch den Mexikanern, die irgendwo unter schlimmen Bedingungen leben und arbeiten müssen.
Der Roman beschreibt nun eindrücklich, wie der Mann seine Einstellung aufgrund von zufälligen Begegnungen ändert. Die Mexikaner stehen ihm keineswegs feindselig gegenüber, sie berauben ihn nicht, er macht keinerlei traumatische Erfahrungen.
Aber sie stören seine Kreise. Durch Kleinigkeiten letztlich. Und manchmal werden sie auch bloß zu Sündenböcken gemacht für Gewalttaten, die andere Weiße getan haben. Dennoch fühlt sich der Mann mehr und mehr bedrängt. -
T.C. Boyle beschreibt die schleichende Veränderung eindrücklich und so, dass man sich durchaus mit diesem Mann identifizieren kann. "Ich versteh, dass er sich abschottet um seine Familie zu schützen." sagte eine Freundin, mit der ich lange über das Buch diskutiert habe. "Die kommen immer näher an ihn heran, das ist unheimlich. Ich würde auch Mauern um meine Siedlung ziehen und einen Wachdienst einstellen."
In gewisser Weise muss ich ihr recht geben: wenn ich mich bedroht fühle, dann mache ich dicht. Dann lasse niemanden an mich heran. Und trotzdem weiß ich - und T.C. Boyle zeigt dies in seinem Roman auch sehr eindruckvoll auf - dass dieser Weg in die Katastrophe führen kann.
"Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter." Beschränkt man die Tragweite der kleinen Episode aus dem Leben Jesu nicht auf einen familiären und im Grunde relativ friedlichen Kontext, dann wird die wahre Herausforderung, die darin steckt deutlich. Mich meinem Mitmenschen als Schwester zeigen - dem Mexikaner, die sein blankes Überleben retten will, dem Flüchtling auf einem afrikanischen Boot, was in Spanien anlandet oder sonst irgendjemandem, der mich braucht, das kann eine große Herausforderung werden. Es kann mich auch an die Grenzen des Erträglichen bringen.
Dennoch bin ich der Überzeugung, dass es letztlich der Weg Gottes mit uns ist.
Nicht dass Gott uns die einzigartigen Beziehungen, die Liebe zu unseren Partnern und den Kindern, die Intimität dieser Nähe nicht zugestehen möchte. Ganz und gar nicht. Diese kostbaren Beziehungen in unserem Leben sind wie der Grund, auf dem wir leben, auf dem wir uns auch erst dem Anderen, dem Fremden gegenüber aufschließen können.
Unsere Eltern sind es gewesen, die die Samen des Vertrauens in uns gelegt haben, und damit bleiben sie einzigartig in unserer Biographie. Die Geschwister sind es gewesen, mit denen wir wichtige Erfahrungen geteilt und wichtige Verhaltensmuster geprägt haben. Sie bleiben wichtig.
Darüber hinaus aber gibt es ein reiches Beziehungs-leben mit vielen Menschen, die uns nicht so nahe stehen, wie Familie oder gute Freunde. Mit all diesen Menschen leben wir in der großen Familie der Menschheit, aufeinander angewiesen, manchmal auch im Clinch - aber bitte nie so, dass es wirklich gefährlich für einen der Beteiligten wird.
Herausforderung und Hoffnung - beides blättert diese Geschichte vor uns auf. Sie benennt die einzigartigen Beziehungen in unserem Leben, die der Grund sind auf dem wir stehen. Beziehungen, die uns Kraft geben, aus denen wir zuallererst schöpfen.
Sie erinnert uns aber auch daran, dass in allen anderen Menschen das Potential steckt, für uns zu Brüdern und Schwestern oder zu Eltern zu werden. Menschen, die zunächst vielleicht eine Herausforderung für uns sind, auf die wir uns vor allem wenn wir angeschlagen und kraftlos sind, nicht immer einlassen wollen. Menschen aber, deren Weggeleit für uns schließlich Halt und Geborgenheit bedeuten wird - auch wenn sie nicht zu unserer Verwandtschaft gehören. Darin liegt die große Hoffnung des Glaubens an Liebe und Frieden.
Amen.
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