St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 2006

05. März 2006

(Pastorin Susanne Zingel)

Nichts und doch alles haben

Predigttext: 2.Korinther 6, 1-10

Die Bewährung des Apostels in seinem Dienst

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): "Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen." Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.

Liebe Gemeinde

Wieder mal so ein echter Paulus. Wieder mal so ein Text, mit dem sich Paulus unbeliebt gemacht hat. Da schalten schon beim Zuhören die Ersten ab: Das ist mir zu viel. Das klingt mir zu fordernd, überheblich.

Schon wie es losgeht: "Ich ermahne Euch, damit ihr die Gnade nicht v e rg e b l i c h empfangt." Noch mehr: "Als Mitarbeiter ermahnen w i r euch, gleich mit Ermahnungsverstärkern". Dann diese endlos lange Aufzählung. Was Paulus alles durchgemacht hat. Da kommt keiner hinterher.

Man möchte es beiseite schieben. Da kommt einer von oben herab, belehrt, und weiß so absolut bescheid. Das ist den meisten von uns suspekt, zum Glück.

In Glaubensfragen und Herzensdingen, da wo es um Gnade geht und geschenktes Leben, greift keine Belehrung von oben herab. Da gibt es kein absolut Richtig und Falsch. Glaubensfragen, Herzensangelegenheiten haben immer mit deinem Leben und deiner ganz eigenen Wahrheit zu tun. Das, was dir aufgegangen ist als wahr, davon kannst du reden und sehen, ob es bei anderen auf Resonanz stößt. Aber vorsichtig sind wir und schrecken schnell zurück, wenn einer anders daherkommt:

Nur tut man dem Paulus Unrecht, wenn man ihn in diese Ecke drängt. Im Gegenteil, er selbst muss sich gerade gegen Rechthaber und Indoktrination behaupten.

In Korinth gibt es einen großen Gemeindestreit. Paulus hat die Gemeinde gegründet, jetzt haben andere das Sagen. Es hat gar nicht lange gedauert. Paulus war erst einige Wochen weg, da traten sie, auf seine Gegner. Sie waren erfolgreich, rhetorisch gut gebildet und wohl angesehen und sie waren gegen Paulus: "Ihr Korinther, was lasst ihr euch von einem hergelaufenen Wanderprediger etwas vorschreiben. Und was hat er schon gebracht, kompliziertes, verschrobenes Gerede!"

Was sie selbst predigten ist nicht ganz klar, auf jeden Fall war es einfacher. Gut und böse, richtig und falsch, Gerechte und Sünder, Licht und Finsternis wurden wieder übersichtlich sortiert. Und die Gemeinde haben sie damit gespalten. Jeder hatte das Gefühl, er muss sich für oder gegen Paulus entscheiden! Paulus schreibt dazu einfach: Rechthaberei ist vor Gott nicht angesagt. Leute, die eindeutig festlegen, wo es langgeht, wie etwas zu beurteilen ist, sind auf dem Holzweg. Aber er verteidigt sich nicht, indem er über andere herzieht: Vielmehr sagt er: Seht auf meinen Weg: Von außen mag er aussehen wie eine einzige Leidensgeschichte: Gefängnis, Schläge, Prozesse, Verfolgung. Man könnte sagen, eine gescheiterte Existenz. Aber für mich ist es ein Weg im Licht, ein Weg voller Gnade, die mir immer mehr und mehr aufgeht. Und als ich zu euch kam, da waren nicht viele Weise, Angesehen und Mächtige, aber viele, die sich freuten, als sie hörten: Das Schwache, das Törichte hat Gott erwählt, und vor ihm ist nicht eindeutig, was ist erfolgreich, was sind Niederlagen?

In der Gegenwart Gottes löst sich das Einlinige auf. Gott ist nicht eindimensional, in ihm sind viele Wahrheiten aufgehoben. Was in der Welt scheitert, kann genau das sein, was Gott in diese Welt bringen will.

"Als die Sterbenden und siehe wir leben, als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viele reich machen, als die, die nichts haben, und doch alles haben."

In Gott gibt es keine einlinige Wahrheit. Glaube ist keine Kraft, die Wirklichkeit oder andere Menschen zu beurteilen, womöglich zu beherrschen.

Und doch, so wie Jesus sagt, mein Reich ist nicht von dieser Welt, macht der Glaube dich zum Herrn, zur Herrin. Denn es liegt an dir, wie du dein Leben betrachtest, ob du ja sagst und in Höhen und Tiefen die Gnade Gottes findest. Und findest du sie, hast du alles gewonnen.

Lange wurde gebetet und gehofft, der Fromme, der Gerechte, er muss gesegnet sein. Das ist einfach, das ist einlinig und ist nicht erst mit Hiob an ein Ende gekommen. Es stimmt ja nicht. Fromme und Gerechte müssen viel leiden, und Bosheit triumphiert so oft. Aber ob wir glauben, dass sie auch das letzte Wort behält, ob Schrecken immer Schrecken, und Glück immer nichts als Glück ist, das ist eine andere Frage.

Dietrich Bonhoeffer schreibt 1944 im Gefängnis:

"Man lernt es ja allmählich von den Bedrohungen der Lebens innerlich Abstand zu gewinnen, richtiger ist es wohl zu sagen, man nimmt diese täglichen Bedrohungen in das Ganze seines Lebens mit hinein. Ich beobachte hier immer wieder, dass es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können. Wenn Fliegeralarm ist, sind sie nur Angst. Wenn es etwas Gutes zu essen gibt, dann sind sie nur Gier, wenn ihnen ein Wunsch fehlschlägt sind sie nur verzweifelt. Wenn etwas gelingt sehen sie nichts anderes mehr.

Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen zur gleichen Zeit. Wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns Man muss die Menschen aus dem einlinigen Denken herausreißen, gewissermaßen als Vorbereitung bzw Ermöglichung des Glaubens obwohl es in Wahrheit erst der Glaube selbst ist, der das Leben in der Mehrdimensionalität ermöglicht." (D. Bonhoeffer Widerstand und Ergebung. Bd 8 D, Bonhoeffer Werke, hg. Von Christian Gremmels, S. 453f)

Glaube ermöglicht das: Gott beherbergen in deinem Leben. In ihm entdecken, was es ist, dein Leben, so vielfältig, dass du es nicht auf den Punkt bekommst. Deine momentane Befindlichkeit, sie sagt etwas über dich, aber nicht über dich als ganzes. Eine Phase deines Lebens ist kein Urteil über dein Leben. Und wenn wir über uns selbst, so wenig wissen können, wie denn über andere Menschen? Es wäre eine Anmaßung über andere zu urteilen.

Nur das Herz und die Seele kann ahnen, was das ist: Einen Menschen sehen im Lichte Gottes. Gott beherbergen, sich üben die Fülle Gottes mit seinen Augen zu sehen. Alles, Schicksal, Leben, Widersprüche, Abgründe sind in ihm und ein Ganzes, und nichts geht verloren.

Das sprengt unsere Kategorien. Aber es ist ein Weg. Mit der Passionszeit machen wir uns auf den Weg Jesu. Von erscheint außen er als ein Versager, zuletzt das ganze nichts als Schmerz. Die Jünger haben sogar das Gefühl, es wäre vermeidbar gewesen.

Manche sagen, gerade gibt diese Zeit, dieser Anlaß noch etwas her, dass man etwas lernen kann über die Menschen, wozu sie fähig sind.

Von Paulus her, heißt es, dies ist die Zeit des Heils, jetzt ist die Zeit der Gnade. Dass dir aufgehe, es gibt eine unwiderstehliche göttliche Kraft, die einen nicht fallen lässt, die dich widerständig leben lässt, die in Niederlagen dir hilft aufzustehen, neu, dem Herzen und der Gnade Gottes näher, so leite Gott uns auf unseren Wegen, er schenke uns seinen Frieden höher als alle Vernunft und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus

Amen

 
 
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