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Keitumer Predigten 2007
Predigt an Karfreitag, 06. April 2007
(Pastorin Susanne Zingel)
Liebe stärker als der Tod
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde
Kodjo Yenga mochte Fußball, Rap und seine Freundin. Er konnte sehr gut zeichnen, war ein höflicher Junge. Er besuchte eine der angesehensten Schule in London und hatte eine verheißungsvolle Zukunft vor sich. Kodjo Yenga ist tot.
Am 14. März wurde der 16-Jährige in London auf offener Straße erstochen. Um 17.30 in Hammersmith Grove, im wohlhabenden Westen von London wurde er von sieben Jugendlichen überfallen. Sie kamen von der Schule, trugen alle noch ihre Schuluniformen. Sie sind 13, 15 und 16 Jahre alt. Ihr Anführer ist 13. Keiner von ihnen kannte Kodjo. Sie trafen ihn als er mit seiner Freundin den Hund ausführte. Sie rempelten ihn an, forderten ihn zum Kampf. Als er "Nein" sagte, stachen sie zu. Einer hielt seine Freundin so, dass sie zuschauen musste. Eine Gruppe von Mädchen habe die Schläger vom Rande des Geschehens aus angefeuert. Immer wieder hätten sie geschrieen: "Tötet ihn! Tötet ihn!"
Für jeden der Täter werden verwirrte Nachbarn eintreten: " Es könne nicht sein. Das sei so ein netter Junge und immer freundlich."
48 Stunden nach Kodjos Tod wurde in London ein weiterer Jugendlicher erschossen. Es ist wie eine Epidemie. Eine Tat zieht die andere nach sich. Sieben Jugendliche sind in den letzten acht Wochen in London ermordet worden. Es gibt kein Motiv, keine Verbindungen zwischen den Taten, keine Verbindung zwischen Tätern und Opfern. Alles erscheint vollkommen sinnlos. "Er war zur falschen Zeit am falschen Platz. Es hat einen Unschuldigen getroffen."
Die Menschen sind schockiert, gerade weil die Taten sich durch nichts erklären lassen. Es gibt keine Antwort auf die Frage: "Warum." Es ist einfach sinnlos. Aber was würde das ganze sinnvoller machen, wenn es um Drogen, Eifersucht oder Bandenkriminalität ginge.
Hass und Gewalt ist immer sinnlos und abgründig. .Es scheint unerklärlich: "Was macht Gewalt so anziehend? Warum gibt es Nachahmer? Warum fasziniert das Böse, zieht Jugendliche, aber nicht nur sie in den Bann?"
Sie wollten den anderen einfach zeigen, zu was sie fähig sind. Die anderen wollten es sehen, wollten nicht nur Videos schauen, sondern wirklich sehen wie es ist. Dazu andere beeindrucken, Macht ausüben, wissen, wie das ist wenn man sich zum Herrn über Leben und Tod macht. Dafür darf man den anderen nicht kennen, darf nichts von ihm wissen. Er darf kein Freund sein, kein Mensch, auch kein Feind, einfach nur ein Mittel zum Zweck.
Psychologen werden sich abmühen, nach Erklärungen suchen, was in Jugendlichen vorgeht. In einem wohl behüteten "friedlichen" Vorort, aber die Nachrichten von Gewalt und Kämpfen, Attentaten dringen tief ein. Sind sie fern, ist es nah? Kämpfe werden verdrängt, Kriege werden auf Distanz geführt. So weit entfernt, dass man streitet, wann nimmt man teil am Krieg. Tornados über Afghanistan, Fotos von fern aufgenommen, ist das schon Krieg? Wer von uns weiß, was sich an den EU-Grenzen abspielt, wie hart da gekämpft wird? Wir verdrängen Gewalt
Zurzeit Jesu war das nicht möglich. Jesus lebte in einem Unrechtsstaat, Menschen waren alle nur Mittel zum Zweck. Es ging darum, Macht zu stärken, Steuern einzutreiben, neue Ressourcen zu erschließen, Grenzen zu sichern und weiter voran zu schieben. Die Soldaten mussten bei Laune und das Volk ruhig gehalten werden. Und die Menschen verhielten sich ruhig still und voller Angst. Niemand wollte auffallen, ins Visier geraten. Alle wussten, dann bist du dran.
Aber schweigen, stillhalten, das heißt den Gewalttätern Raum lassen, sie für übermächtig erklären, nichts sehen, was stärker sein könnte als sie.
Übermächtig - mächtig, wer hat die Macht, der Tod oder das Leben?
Jesus lebte in einem totalitären Unrechtsstaat und stand auf und predigte: "Selig seid ihr, wenn ihr Frieden stiftet, barmherzig seid, selig seid ihr, wenn sie euch verfolgen.
Wenn einer euch die rechte Wange schlägt, halte ihm auch noch die andere hin."
Jesus verkündete nicht ein bisschen ‚Frieden, sondern Gottes Kraft, als Gegenkraft gegen Hass und Gewalt.
In einem Unrechtsstaat zählt ein Menschenleben nicht viel. Für die jugendliche Gang zählt es gar nichts. Bei uns zählt es alles oder nichts, je nachdem ob es sich innerhalb oder außerhalb unserer Grenzen wieder findet.
Jesus setzte dagegen: Ein Menschenleben zählt alles, jeder Mensch eine ganze Welt. Die Engel weinen im Himmel wenn ein Mensch leidet. Der ganze Himmel feiert, wenn ein Mensch gerettet wird.
Jesus sah die Menschen an und sah, woran immer nur einer litt. Er holte Menschen heraus, aus Verstrickung und Einsamkeit. Er sah sie an, und sie hielten das aus. Jesus holte Menschen zurück in das Leben, mit Gott verbündet, mit Gottesgeist hat er es aufgenommen mit Gewalttätern. Er wusste, dass Hass sich nur überwinden lässt, indem du in Kontakt gehst, den Namen nennst, Zachäus vom Baum holst, jeden einzelnen zurückholst, keine Angst hast, widerständig, aufrecht, nicht tot zu kriegen. Jesus hat es mit Mächten und Dämonen aufgenommen, Er wusste um die Macht des Bösen. Er wusste, wie gefährlich es ist. Er wusste aber auch, dass das Böse seine Macht verliert, wenn Menschen sich ansehen, wahrnehmen, zusammentun. Man könnte sagen, Jesus hatte recht, aber es hat doch nichts gebracht. Zuletzt schrieen sie doch alle: "Kreuzige ihn. Tötet ihn, tötet ihn."
Sie verrieten ihn und liefen mit und wollten ein Schauspiel sehen.
Es waren nur ganz wenige, aber sie waren da, Maria und Johannes blieben unter dem Kreuz zwischen den Soldaten und Spöttern. Sie hielten es aus und stehen dafür ein, es gibt noch eine ganz andere Kraft. Übermenschlich die Liebe, die dabei bleibt. Selbst wo alles verloren scheint, und keine Antwort auf die Frage kommt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Gott ist mitten dabei. Er gibt keinen Sinn, keine Erklärung. Gott gibt nur Kraft auszuhalten, nicht zu verdrängen, die Liebe stärker als der Tod.
Mitten im Schrecken kann es geschehen, dass die Wahrheit durchbricht. So wie der Hauptmann sagt: "Dieser war gewiss Gottes Sohn." Der Hauptmann sah durch allen Schrecken hindurch die Wahrheit.
In diese Wahrheit nimmt uns wie kein anderer der Choral "O Haupt voll Blut und Wunden" von Paul Gerhardt hinein. Es geht darum nicht zu verdrängen, dabei bleiben.
Ich will hier bei dir stehen, dich anschauen und mich anschauen lassen. Bitte erkenne mich mein Hüter, lass mich sehn dein Bild als Trost im Sterben, als Kraft zum Leben. Das Leben zu behüten, widerständig zu leben, Einzustehen dafür: Wir sind dein Ebenbild, kostbar und heilig, einmalig, niemals ein Mittel zum Zweck.
Wir sind es, und wir möchten es werden, leben, was wir sind. Dabei bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
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