St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 06. November 2005

Menschenfurcht und Gottesfurcht - Einführung von Pastorin Zingel

(Predigt: Pastorin Zingel)

Matthäus 10, 26 - 33

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde, es ist sehr bewegend, dieser Augenblick, wo es nach so langem Aufeinanderzugehen heißt: "Jetzt ist es so weit. Ich bin Eure Pastorin, Sie sind meine Gemeinde. Wir beginnen miteinander unter Gottes Segen."

Ich möchte danken für das große Vertrauen, mich hier in diese Gemeinde zu berufen und will Ihnen erzählen, wie es war, als wir davon erfahren haben in der Steiermark in der Urlauberseelsorge. Da kam im Sommer der Anruf: "Du bist es geworden. Sie werden Dich berufen." Dorthin an diesen Ort, Bad Radkersburg in der Steiermark sind wir jetzt wieder gefahren, obwohl wir zwischen Abschied und Neuanfang nur acht freie Tage hatten. Mancher hat gesagt: "Das lohnt doch gar nicht, der Weg ist doch viel zu weit." Wir haben auch Berater gehabt, die wussten, wie man schneller dahin kommt. Aber es war gar nicht unser Ziel, schnell hin und her zu kommen. Ganz gemächlich haben wir uns mit der Eisenbahn an den gleichen Ort wie im Sommer begeben: Ein Häuschen am Waldrand und eine kleine Diasporagemeinde. Wir haben Gottesdienst gefeiert, ich durfte predigen, und dann ging es auch schon wieder zurück. Mit der Zeitumstellung haben wir es geschafft, von Bad Radkersburg bis nach Sylt 28 Stunden unterwegs zu sein. Ich fand das gut und wichtig, nicht einfach nur von Altona nach Sylt zu fahren. Dieser weite Weg ist ein stimmiges Bild für die große Bewegung, die dahinter steht, in der St. Severin Gemeinde anfangen zu dürfen.

Erst einmal möchte ich mich herzlich bedanken. Denn eine Begrüßung wie hier hätte ich mir nicht vorstellen können. Und so wie Sie mir sagen, dass Sie sich freuen, wenn ich auf Sie zugehe, möchte ich Ihnen sagen, wie sehr ich mich freue, wenn Sie auf mich zukommen. Klopfen, Klingeln, einfach gucken, wenn das Licht brennt, dann kann man kommen. Herzlich willkommen dazu.

In all diesem bewegenden Neuanfang, gab es einen Augenblick, wo es wirklich so war, dass ich nicht nur hier war, sondern auch wirklich angekommen bin. Davon möchte ich Ihnen erzählen.

Viele, die jetzt hier sind, haben es miterlebt, denn es war im Konzert am Mittwochabend. Es wurde das Requiem von Gabriel Fauré aufgeführt. Es sangen zwei Chöre, denn aus Hamburg war der deutsch-russische Chor angereist, dazu kamen die Solisten. Aber es begann nicht gleich mit dem Requiem. Erst eine Orgelphantasie, das Streichquartett, und dann der ganze Chor: Kyrie, Gloria, Sanctus. Da tritt die Solistin Elena hervor, faltet die Hände, schließt die Augen und singt: "Pie Jesu dona eiis requiem": "Liebster Jesu, schenke ihnen die ewige Ruhe." Da wird es ganz still, aber nicht leise. Es ist zu spüren, alle, die jetzt mit im Raum sind, sind ganz präsent. Es bewegt sich etwas in jedem. Es ist ein Augenblick Ewigkeit mitten im Jetzt. Dabei ist es nicht einfach die wunderbare Musik und Stimme, sondern alles zusammen. Jeder Ton zuvor gesungen klingt weiter mit. Alles kommt zusammen, die Gedanken schließen Frieden. Und doch hören alle auf eine einzige Stimme, und die wiederum ist getragen von allem, was vorher war. Es ist ein wunderschönes Bild, wie eine Gemeinde leben kann mit all ihren Gaben. Was es auslöst, wenn eine mutig sich nach vorne traut. Und das es niemals allein geht, sondern getragen von einer großen Gemeinschaft.

Von so etwas redet unser Predigttext. Und den hätte ich mir bestimmt nie selbst ausgesucht. Ich hätte nicht so schnell gesehen, wie gut er heute zu der Einführung passt, dieser Teil aus der Aussendungsrede bei Matthäus. Jesus schickt seine Jünger los. In dem Augenblick, wo sie alleine losgehen sollen, schrecken sie zurück. Denn da spüren sie, wie schwer es ist, so über Glauben zu reden, dass Herzen sich öffnen und bewegen. Was dann kommt, scheint auf den ersten Blick viel zu hart für unseren Anfang hier. Als ginge es um ein Gegeneinander und kein Miteinander: "Seid mutig, was ich euch in der Finsternis sage, das redet im Licht, was euch gesagt wird ins Ohr, das predigt auf den Dächern. Habt keine Angst vor denen, die den Leib töten, doch nicht die Seele. Nehmt euch in Acht vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Wer mich bekennt, den werde ich bekennen. Wer mich verleugnet, den werde auch ich verleugnen vor meinem Vater."

Das sind alte Worte, alte Bilder. Die das hörten am Anfang, die haben sich etwas ganz konkret vorgestellt unter dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle und sie haben ihn gefürchtet. Und Dietrich Buxtehude lässt in der Kantate, die wir gerade gehört haben, nicht nur Engel hereinschweben, sondern der Engel soll kommen und uns bewachen vor dem Satan.

Es sind alte Bilder, aber wir wären nicht hier, es würde nicht so viele Menschen in diese Kirche ziehen, wenn nicht etwas in uns genau wüsste, da ist etwas dran. Unser Leben kann gelingen, es kann aber auch scheitern. Was wir uns hier vornehmen, kann gelingen oder es wird, wenn wir Angst haben und uns nicht wirklich rantrauen, einfach im Überflüssigen untergehen. Da hinein sagt Jesus: Keine Angst soll dich beherrschen. Mutig sollst du sein. Aber du sollst sie auch nicht einfach verdrängen, deine Ängste, sie überspielen. Denn dann macht sie irgendwo tief in dir, was sie will, die Angst. Ängste und Unsicherheit gehören zum Leben, zum Glauben. Im Übergang, im Aufbruch ist das ganz deutlich zu spüren. Unser kleiner Sohn meinte: "Wenn die Bauarbeiter kommen, sag ihnen, sie sollen unser Haus nicht ganz abreißen. Dann komm ich noch mal wieder hierher." Es ist eine Frage, was bleibt von Zeiten, in denen wir etwas gestaltet und erlebt haben. Auch hier in Keitum geht etwas zu ende. Auch hier ist es die Frage, was bleibt davon und was geht weiter. Jesus sagt: "Mein Wort es bleibt und es möge euch helfen zu eurer Seelen Seligkeit. Und was das ist, wissen wir ganz genau.

Eine jüdische Legende erzählt, warum wir es wissen. Sie erzählt von Gabriel. Das ist der Engel, der uns allen auf die Welt geholfen hat. Gabriel der Engel, der zu Maria kam, aber immer wieder kommt, denn die Kinder wollen nicht zur Welt kommen. Sie wissen, wie es in der Welt zugeht. Sie sehen all den Schrecken und alle Dunkelheiten dieser Welt und möchten in himmlisch verspielter Unschuld bleiben. Aber Gabriel nimmt sie bei der Hand und zeigt ihnen alle Wunder dieser Welt. Er zeigt ihnen das Meer und die Brandung, den Regenbogen, den Himmel, die Sterne, den Sonnenaufgang und das sanfte Schilf. Dann geht es weiter, auch zu den Bergen, zu Quellen, er zeigt ihnen die Liebe und die Zärtlichkeit, die Musik und alle Farben, das Leben und das Glück. Ganz bestimmt kommt er auch hier in der St. Severin-Kirche vorbei. Doch unmittelbar vor der Geburt streicht er den Kindern über Augen, Ohren und Mund. Da vergessen sie alles, aber sie verlieren es nicht. Ein Leben lang bleibt es in uns, eine unbestimmte Erinnerung an etwas Wunderbares. Darum antwortet unsere Seele, wenn sie die Schönheit der Schöpfung sieht, schwingt sie mit bei Musik, öffnet sie sich in einem Raum wie diesem. Und sie erkennt Gottes Wort, sie kann es unterscheiden, was wahr ist und was Gerede. Aber sie braucht sehr viel Zeit und Raum. Sie lässt sich auch verschrecken, zieht sich dann leicht zurück, aber sie wartet, auf Augenblicke, wie diese, dass sie ankommen kann an einem Ort, wie hier, der ihr hilft. Diese Kirche ist eine Seelentrösterin, eine Seelemeisterin. Sie leuchtet im Dunkeln und das tut sie weithin. Tritt man aber ein, ist es schummerig. Was in uns verborgen, nur halb oder gar nicht bewusst ist, kann heraufkommen, hat seine Zeit. Was da ist an Angst und Unsicherheit kann kommen sich klären, bekommt eine klare Gestalt und ein Gegenüber, denn alles hier sagt dir: Deine Seele ist geborgen in Gott. Er behütet sie in Ewigkeit. Da sind Ängste nicht einfach fort, aber sie kommen an die richtige Stelle. Eine Gemeinde um diese Kirche herum, hat den besten Ort, nicht dass alles gelingt, aber dass wir uns von hier immer wieder Klarheit holen und den Mut, offen und klar zu reden von unserem Glauben. Dass wir nicht hinten herum reden, sondern jeder sich traut, ins Licht zu stellen seine ganz eigene Wahrheit, dass wir einander helfen zu unserer Seelen Seligkeit. So bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft unsere Herzen und Sinne in allem, was wir hier bewegen werden, in Christus Jesus unserm Herrn. Amen.

 


 
 
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