St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 2007

Predigt am Ostersonntag, 08.04.2007

(Pastorin Susanne Zingel)

Die Farben der Auferstehung

(Unmittelbar vor der Predigt zog die Kindergruppe der Gemeinde ein und tanzte mit bunten Tüchern einen Tanz der Morgenröte.)

Liebe Gemeinde,

wie die Morgenröte möge die Freude der Auferstehung für Euch, in Euch aufgehen. Dabei habt Ihr Zeit. Auch die Sonne lässt sich Zeit und geht langsam auf. Die ersten Strahlen berühren uns lange, bevor die Sonne sich wirklich über dem Horizont zeigt. Ihr Licht bricht sich beim Eingang in die Atmosphäre am Horizont anders als wenn sie später hoch am Himmel steht. Jeder der es sieht, ist davon bewegt.

Dabei rührt es nicht nur von außen an. Wir sind ein Teil davon. Es ist ein Teil von uns. Wir sagen doch, wenn uns etwas langsam klar wird: "Aaah jetzt dämmert's." Dabei denken wir selten an Morgendämmerung. Eher ist es etwas, wo einer dasteht, etwas schwer von Begriff. Der wird - womöglich ungeduldig - gefragt:

"Na, dämmerts dir auch endlich?"

Dabei ist gerade das langsame Mitgehen wunderbar. Nur langsam kann es dir dämmern. Nur langsam kann die Ahnung erstehen, was Auferstehung mitten im Leben wohl sein mag.

Im Morgengrauen gehen die Frauen zum Grab. Verschieden werden ihre Namen erinnert. Es ist offen, waren es zwei Frauen? Waren es drei? Salome, Maria Magdalena, wie auch immer? Auf jeden Fall wird erzählt, dass sie sich ganz früh vor dem Sonnenaufgang auf den Weg machen. Vielleicht weil später andere Arbeiten und Verpflichtungen auf sie warteten. Vielleicht weil sie hofften, dass im Dunkeln niemand sie auf dem Weg sieht, sie bei ihrem Vorhaben überrascht. Heimlich sind sie im Morgengrauen unterwegs. Und da - in der Morgendämmerung - begegnen ihnen Engel, Maria Magdalena sogar der Auferstandene selbst.

Dass Christus auferstanden sich in der ersten Morgendämmerung zeigte, das wird nicht mit dergleichen Intensität bedacht wie das Dunkel der Heiligen Nacht, in der er geboren wurde. Vielleicht liegt es daran, dass wir die Morgendämmerung leicht verschlafen. Oder gerade auftauchen aus Träumen. Es ist noch nicht Tag, es ist nicht mehr Nacht. Das eine gleitet in das andere über. Oft kann es sein, dass sich Traumbilder mit den ersten Gedanken mischen. Die Seele ist noch am "nachtarbeiten", der Geist gerade erst erwacht. Zusammen mischen sie intuitiv Bilder, Gedanken und Pläne zu ganz neuen Ideen.

Auferstehung lässt sich nur intuitiv erfassen. Seele, Herz und Geist muss etwas ganz Neues zusammenfügen. Wer einen anderen belehrt und weiß, was richtig und falsch ist, der weiß nichts von Auferstehung. Die ist nicht richtig oder falsch, sie ist einfach wahr. Es gibt sie, die wunderbare Kraft der Auferstehung und wen sie berührt, dem ist sie ein Lichtblick des Himmels, immer wahr.

Morgenlicht leuchtet wie am allerersten Tag, als Gott sprach es werde Licht und es ward Licht. Dass in der Morgendämmerung dir Göttliches begegnet; davon erzählen alle Religionen. Würden wir das alles ausbreiten, da wären wir heute Abend nicht fertig. Eine Morgengeschichte möchte ich Euch vorstellen:

Eos, die griechische Göttin der Morgenröte. Sie macht sich jeden Morgen auf.

Eos ist die Schwester des Sonnengottes Helios. Ihm zieht sie voran. Eos verliebt sich jeden Morgen neu in den ersten Menschen, den ihr Licht berührt. Das ist eine eigene Geschichte, aber wunderschön. Wenn sie einen Menschen sieht, verliebt sie sich und errötet. Ihre Liebe zu den Menschen lässt den Himmel erglühen. Das ist allein schon schön. Aber es gibt noch mehr. Ihr geliebter Sohn Memnos fällt im Kampf um Troja. Diesen Schmerz heilt keine Zeit, diese Trauer geht immer mit. Wehmütig im Abschied von der Geborgenheit der Nacht: Eos weint um ihren Sohn und jeden Morgen fallen ihre Tränen als Tau auf die Wiesen.

Auferstehung gibt es nicht ohne Schmerz. Maria Magdalena steht draußen vor dem Grab und weint. Durch Tränen hindurch sieht sie den Auferstanden. Und der ist immer noch gezeichnet. Der Schmerz von Karfreitag ist nicht aus der Welt. Er bleibt, aber die Kraft der Auferstehung ist stärker. Da ist nicht zu verschweigen,

die Morgendämmerung ist die Zeit der Kämpfe, die Zeit zum Angriff, wo ein Gegner im Schlaf überrascht und überwältigt wird. Nicht zu vergessen, Auferstehung hat eine kämpferische Seite. "Ritterlich hat Christus gerungen hat den Tod bezwungen." Die ihn töteten, glaubten, sie könnten jetzt ruhiger schlafen. Sie schlafen wirklich die Soldaten vor dem Grab und bekommen nicht mit, dass die Morgenröte unter Tränen ein Lächeln über das ganze Land legt - eine unwiderstehliche Gegenkraft. Christus ist nicht tot. Er lebt, ist da, dir zu begegnen.

Und wenn wir uns frohe Ostern wünschen, dann heißt das: Die Morgenröte, ein Lächeln gehe auf in dir von innen.

Die Wege dahin sind verschieden:

Man kann es üben, am Meer, das Licht einatmen, ausatmen, Dir sagen, Christus auferstanden für Dich. Du kannst dem Lächeln in dir erlauben, dass es herauskommt. Und wenn es ist, dass du über dich selbst schmunzelst.

Für unseren Tanz hatten wir eine Übung. Sag Dir: "Du bist schön, Du bist ein Sonnenstrahl, Du gehst durch die Wand hindurch." Mit dieser Kraft, dieser Vorstellung sind die Kinder gegangen, im Kreis, durch ein Spalier hindurch, auf eine Wand zu. Und es geht, der Geist folgt. Das ist wahr. Du kannst einen Sonnenaufgang ausstrahlen, ein Lächeln aus dir heraus frei lassen. .

Lächeln und Tanz ist nicht für jeden der Zugang zum Wunder der Auferstehung.

Es gibt auch den Weg der Maulwürfe: Den beschreibt Friedrich Nietzsche in seinem Buch "Morgenröte", einer Sammlung von Aphorismen. So eine Sammlung passt schon zur Auferstehung, denn die Wahrheit lässt sich nicht auf den Punkt bringen, aber in immer neuen Variationen umschreiben. In seinem Vorwort beschreibt Nietzsche seine Arbeit als Maulwurfsarbeit:"In diesem Buche findet man einen "Unterirdischen" an der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden. Man sieht ihn, vorausgesetzt, dass man Augen für solche Arbeit der Tiefe hat -, wie er langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne dass die Not sich allzu sehr verriete, welche jede lange Entbehrung von Licht und Luft mit sich bringt; man könnte ihn selbst bei seiner dunklen Arbeit zufrieden nennen. Scheint es nicht, dass irgendein Glaube ihn führt, ein Trost entschädigt? Dass er vielleicht seine eigne lange Finsternis haben will, sein Unverständliches, Verborgenes, Rätselhaftes, weil er weiß, was er auch haben wird: seinen eignen Morgen, seine eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte? ... Gewiss, er wird zurückkehren: fragt ihn nicht, was er da unten will, er wird es euch selbst schon sagen, wenn er erst wieder "Mensch geworden" ist".

Wie immer dein Weg ist, wie immer zusammenkommt, die Leichtigkeit von Tanz und Lächeln oder Maulwurfsarbeit, wo einer sich durchgräbt und durcharbeitet, abarbeitet . .

Für alle unsere Wege ist es wahr: Christus hat sich durchgegraben, hat es geschafft. Er hat den Weg aus Finsternis in ewig Licht und Leben gefunden. Und das hat er nicht für seinen eigenen Morgen, seine eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte getan, sondern um all das dir zu schenken, dir zu begegnen. Dass dir dämmert, mit wie viel Hingabe und mit welcher Klarheit Gottes Liebe über dir aufgeht. Amen

 
 
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