St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 2006

Palmsonntag, den 9. April 2006

(Pastorin Susanne Zingel)

Für einen Tag im Lichte Gottes

Johannes 12,12-19

"Der Einzug in Jerusalem

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, daß Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht "Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen." Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, daß dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach."

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war der da ist und da kommt.

Liebe Gemeinde,

die Geschichte vom Palmsonntag hat immer leicht einen moralinen Beigeschmack. Seht da, hier rufen sie noch "Hosianna", und es wird nicht einmal eine Woche dauern, und sie rufen "Kreuzige ihn". Die heute jubeln, werden Jesus morgen verraten. Und das ganze ist uns erzählt, damit wir nicht zu solchen Leuten gehören. Wir wollen das nicht sein: - Mitläufer, leicht zu beeinflussende Masse.

Also könnten wir darüber nachdenken: "Was musst du tun, um zu den Aufrechten zu gehören, die nicht umfallen?" Aber so bekommt das ganze etwas Trostloses, werden wir an der falschen Stelle mit Misstrauen geimpft. Dazu ist diese Geschichte uns nicht erzählt: Erst einmal will sie uns vor allem sagen: Glücklich, wer so einen Tag wie die Menschen damals in Jerusalem erlebt. Glücklich, wer bei so etwas mit dabei ist.

Die Menschen in Jerusalem waren begeistert, bewegt, voller Hoffnung. Sie glaubten sich selbst, als sie sagten, das wollen wir. Dieser Jesus soll unser König sein. Ein König der Armen, einer, der den Frieden bringt. Und sie fühlten sich mutig und stark und sagten: "Komme, was da wolle, wir bleiben dabei."

Ich bin sicher, die Menschen haben es wirklich geglaubt, "Hosianna! Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn."

Ich bin euch Kindern dankbar, dass ihr heute hier dabei seid, dass ihr hier einzieht und für uns die Geschichte lebendig macht. Dabei kann man erzählen, das ist ja wenig im Vergleich zu dem, was wir vorher im Gemeindehaus geprobt haben. Da ging es ganz schön hoch her.

Einer durfte Jesus sein mit einem kleinen Gefolge. Die anderen haben den Weg vorbereitet, und euch ist ganz schön etwas eingefallen: Ihr habt Rosenblätter gestreut, einen Baldachin gebaut, Seifenblasen über den Weg gepustet. Goldglanz auf den Weg und einen Thron gebaut.

Der Weg wurde von mal zu mal geschmückter, und jeder von euch wollte einmal Jesus sein, einmal so begrüßt werden. Denn es ist einfach schön, und genauso war es damals in Jerusalem. Da sprang ein Funke über. Die Menschen haben gespürt, da kommt einer, der macht uns nicht klein. Das ist keiner, der die anderen runterdrückt. Er macht uns groß. Wir sind ihm wichtig. Er ist einer von uns, wenn er ein König ist, sind wir auch Königskinder, Gotteskinder. Darum lobten die Menschen in Jerusalem, lobten Gott und riefen Hosianna und fassten Hoffnung und sahen sich in einem anderen Licht.

Du bist wichtig.

Das rief aber auch die Mächtigen auf den Plan. Denn was soll werden, wenn das Volk mutig wird, und jeder an sich selbst glaubt und einer dem anderen der Nächste ist, ihm hilft und sich nicht still wegduckt, wenn anderen Gewalt angetan wird.

Wir sagen leicht, die Menschen in Jerusalem haben Jesus, die Wahrheit verraten. Eher kann man sagen, sie haben sich selbst verraten, und auch das ist falsch: Es hat sie wohl einfach der Mut verlassen. Sie konnten es allein nicht durchhalten. Ihr Licht war gerade aufgegangen, noch zu klein, um sich allein zu behaupten. Und die Mächtigen wussten das, als sie ihnen Jesus nahmen. Aber einmal gespürt, hat diese Sehnsucht sie auch nicht mehr losgelassen.

Die Geschichte von Palmsonntag erinnert daran: Das Leben ist kein gerader Weg, von Einsicht zu Einsicht, von Klarheit zu Klarheit voran.

Es gibt kostbare Augenblicke, Erfahrungen, wo wir erkennen, wer wir wirklich sind. Was das Leben ausmacht, ihm Sinn gibt. Aber meist können wir diese Qualität nicht halten. Angst und Unsicherheit macht sich breit, und wir wissen nicht wie. Wir denken, es würde den Rahmen sprengen, unseren Alltag. Das fängt mit der Liebe an: Es gibt eine kollektive Verabredung, Verliebte nicht ganz ernst zu nehmen. Geradezu mitleidig sagen die anderen: "Wartet ab, bis sie wieder auf dem Boden der Tatsachen landen." Und es ist so: Verliebte schweben, aber sie sind nicht vernebelt oder unzurechnungsfähig. Sie sind in einem Zustand, in dem sie den anderen und sich selbst sehen in dem Lícht Gottes. In dieser Phase sind sie nicht alltagstauglich. Aber das sagt etwas über unseren Alltag, dass in ihm kein Platz für Verliebte ist, und wenig Sinn, was das ist, einen anderen sehen im Lichte Gottes.

Die Menschen in Jerusalem standen in diesem Licht, für einen Tag. Sie sahen in Jesus den Heiland der Welt. Dann sind sie wieder hart gelandet. Aber ganz sicher waren es nicht nur ein oder zwei, die sich hinterher gefragt haben: "War es nicht doch Gottes Sohn? War es nicht genau das, was wir wollten?" Und nicht nur ein oder zwei haben später gedacht an diesen Tag. Und als die Jünger redeten von Auferstehung, Vergebung und neuem Leben, da fragten sie sich: " Brannte nicht unser Herz, als er hier einzog in unsere Stadt?"

Jesus hat gesagt: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann könnt ihr nicht ins Himmelreich hineinkommen." Am Palmsonntag waren die Menschen in Jerusalem wie Kinder, so offen, so naiv, so glücklich, und Licht ist Licht und Frieden ist Frieden, und Wahrheit Wahrheit. Und dein Weg ist gerade, denn Gott sieht dich. Das kann man nicht halten. Das Leben ist ambivalent und besteht aus Kompromissen. Stimmt wohl, aber etwas in dir weiß es, vor Gott ist es so einfach: Du bist von Gott geliebt, für ihn wertvoll, wunderbar, ein Königskind, wie ein König, eine Königin, mit Verantwortung für andere. Du bist nicht gleichgültig. Jesus ist der König in Armut und Demut, ein Freund der Kinder und aller Geschöpfe. Mit ihm bist du verbunden. In der Taufe wurde es dir gesagt: Du gehörst zu ihm, stehst in seinem Licht, bist von Gott geliebt.

Wir bleiben dahinter zurück. Aber das ist kein abschließendes Urteil, denn Glaube ist ein lebenslanger Weg. Gott ist immer uns voraus und wir hinterher. Aber was geschieht Palmsonntag? Gott kommt zu dir, um dir zu helfen, ihm mutiger und klarer zu folgen, an dich zu glauben.

Er war vor dir, er erwartet dich. Du kannst barmherzig mit dir sein, denn es hängt nicht alles an dir. Aber alles, was von Gott kommt, will dir helfen. Gott ist da, und bleibt es, und sein Friede ist höher als alle Vernunft. So bewahre er dein Herz und deine Sinne, auf dass du mutig wirst und dich hineintraust in das lebendige Leben.

Amen

 
 
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