Größer kann der Kontrast wohl nicht sein: in London, Tod, Angst
und Schrecken – in Keitum Betriebsamkeit für die Einen (Gott und
den Gästen sei Dank) und für die anderen Urlaub, Ausruhen, Zeit
haben - und dort Jesus: Ich bin das Brot des Lebens. Mit Speise, mit dem
Manna in der Wüste, dem Ort des Hungers, spendet Gott, der Vater Jesu,
Brot, Leben. Die Geschehnisse unserer Zeit machen den meisten von uns Angst
und erfüllen uns mit Sorge. Wir haben doch schon genug Probleme am Hals
mit der schwankenden Wirtschaft, mit den Arbeitslosen, mit dem Vertrauen
oder Misstrauen in unsere Regierung und arbeiten uns gerade mühsam an
Hartz IV und der Sorge um den eigenen Arbeitsplatz ab.
Seit dem 11. September 2002 sind immer wieder Städte, eigentliche Zentren
des Lebens - New York, Madrid, Moskau, London - zu Orten des Todes geworden.
Menschen machen sie dazu und sie wählen sich dafür unschuldige
Menschen. Sie tun das, was unser Strafgesetzbuch hinterlistig und
heimtückisch nennt, weil die Offenheit und das Vertrauen von den Menschen
ausgenutzt wird, die ermordet werden. Diese Art zu töten ist in unseren
Augen besonders gemein an und wir nennen es deshalb Mord. Mord wird heute
in der Bundesrepublik und vielen anderen europäischen Ländern mit
der Höchststrafe an Jahren in Gefangenschaft bestraft, nicht mit dem
Tod. Denn wer meint, ein Recht zum Töten zu haben, weil sein Vater,
sein Sohn, seine Mutter oder wer auch immer zu Unrecht in Afghanistan, im
Irak, in Palästina oder sonst wo umkam, hat kein Recht zum Töten
in New York, Madrid, Moskau, London oder anderswo. Auch hat niemand das Recht,
das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Richter, unabhängige Menschen
führen einen Prozess, sie urteilen, um mit allen Gerechtigkeit zu teilen.
Gerechtigkeit nämlich ist nicht beliebig, sondern soll unabhängig
von irgendwelchen Äußerlichkeiten, von Geld, oder von politischen
oder religiösen Ideen an alle ausgeteilt werden. Deshalb ist Iustitia
blind.
Ich denke, die Attentäter wissen das auch. Deshalb handeln sie auch
im Verborgenen und nicht in der Öffentlichkeit. Feige haben sie Sprengstoff
versteckt und gezündet, durchaus wissend, dass sie damit das Leben vieler
Menschen gefährdeten. Sie wählten vielmehr den Tag als Zeitpunkt,
an dem endlich ein Weltwirtschaftsgipfel sich des Hungers, des Hungers in
Afrika annehmen will. Es gibt nichts, womit wir einen solchen Mord oder
Massenmord ent - schuldigen können.
Es ist leicht, zu zerstören, kaputt zu machen und zu töten, aber
wie schwer ist es, die Lebensbedingungen zu verbessern? Mehr als 20 Jahre
kämpfen weltweit immer mehr Politiker darum, dass man den Armen der
Welt ihre Schulden erlässt, damit sie wieder Brot genug haben. Der Hunger
und Durst nach Leben soll gestillt werden. Und da gibt es dann Menschen,
die keinen besseren Weg sehen, als alles zu zerstören. Es fällt
mir schwer, dass zu verstehen.
Und dieser Akt bestimmt nun das politische Handeln und unser Denken von der
Welt. Die innere Sicherheit muss erhöht werden, viel Geld wird gebunden
in der Bekämpfung des Terrors. Und Menschen bestimmter Religion oder
Herkunft werden immer verglichen mit denen, die diese brutalen Anschläge
verübt haben. Jeder Muslim oder Araber wird gleich schief angesehen
oder ruft Angst in uns wach. Und solche Taten bestimmen dann unser Bild von
einer Welt, die schlecht und Böse ist.
Aber ich möchte mich von solchen Ereignissen nicht bestimmen lassen.
Ich möchte mir nicht von ein paar brutalen Fanatikern weismachen lassen,
dass diese Welt schlecht und brutal ist und ich nur noch in Angst leben muss.
In diese Situation hinein erzählt uns unser Predigttext von der Bitte
der Zuhörer nach einem Zeichen und nach Manna.
„Da fragten sie ihn: Was tust du denn für ein Zeichen, damit wir
sehen und dir glauben? Was ist dein Werk? Unsere Väter haben in der
Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht: „Er gab ihnen
Brot vom Himmel zu essen.“ Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein
Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das vom Himmel
kommt und der Welt das Leben gibt, das ist Gottes Brot. Da sagten sie zu
ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. Jesus aber sprach zu ihnen: Ich
bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein. Und
wer an mich glaubt, wird keinen Durst mehr haben.“
Das Volk fragt, was für ein Zeichen tust du, damit wir sehen und glauben
können? Wir Menschen sind Wesen, die das Leben sehr nach den
äußerlich wahrnehmbaren Dingen einschätzen. Wir haben ja
auch unsere Augen, um aus dem Gesehenen Erfahrungen zu machen. Erfahrungen,
die uns helfen, im Leben zurecht zu kommen. Und darum suchen wir nach sichtbaren
Hinweisen auf das, was unser Leben bestimmen kann und soll.
Herr gib uns allezeit solches Brot. Die Menschen, die hier darum bitten,
jederzeit Himmelsbrot zu haben, also ein Brot, das der Welt Leben gibt, waren
bei der Speisung der 5000 dabei, die Jesus nach dem Johannesevangelium mit
fünf Gerstenbroten und zwei Fischen satt gemacht hat.
Manna meinen sie, das Brot, mit dem sie nie wieder Hunger haben werden. In
der Wüste war es vom Himmel geregnet und hat damit Leben geschenkt und
erhalten. Es hat neue Hoffnung gegeben und neuen Mut, denn ein satter Mensch
zweifelt und fürchtet sich weniger. Es war nicht einmal mit dem
Schlaraffenland zu vergleichen, denn es war noch viel mehr.
ER ließ die Menge der Kinder und Frauen und Männer nicht verhungern.
Alle wurden satt und mehr als das. Die hungernden Menschen entschieden selbst
darüber, wie viel sie brauchen.
Unser täglich Brot gib uns heute. So bitten auch wir immer wieder im
Vater unser. Und die Bitte ums tägliche Brot trägt uns. Wir bitten
ja nicht nur um das Brot, das wir in einen Korb legen und essen.
In der Vaterunser-Bitte ums tägliche Brot geht es um viel mehr.
„Alles, was not tut für Leib und Leben“, meinte Martin Luther
im Kleinen Katechismus, „wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof,
Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen,
fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit,
Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“
Alles ist es, was Martin Luther unter >Brot< versteht, alles, was Not
tut für Leib und Leben und noch mehr.
Und eigentlich haben wir doch alles. Auf viele trifft dieser Satz zu. Wenn
sie einen Arbeitsplatz haben, wenn sie nicht allein sind. Viele haben alles
... und sehnen sich doch nach mehr als diesem „Alles“, als müsse
es mehr als alles geben, als gäbe es eine Sehnsucht nach mehr als Hab
und Gut, einen Lebenshunger, den Essen und Trinken, Kleider und Schuh nicht
stillen können.
Die Werbung will uns täglich weismachen,
- wir könnten diese Sehnsucht stillen, wenn wir noch mehr Dinge kaufen,
- wir könnten diesen Lebenshunger stillen.
Gott ist es, der das Brot des Lebens schenkt. Er schenkt
Brot,
Güte,
Liebe,
Fisch,
Freundlichkeit und Wein.
Dieses Brot können wir nirgends kaufen. Aber darum beten.
Wir haben alle Hunger nach Leben, nach einem Leben, in dem wir uns wohl
fühlen, in dem wir uns zuhause fühlen.
Und unser Glaube zeigt uns, wie wir diesen Hunger stillen können.
Nämlich im Vertrauen auf Christus. Doch können wir auf Jesus und
Gott vertrauen Angesichts der Terrornachrichten? Gerade in solchen Momenten
zweifeln viele und fragen, wo ist Gott? Wenn es ihn gibt, warum lässt
er die Menschen im Stich?
Ja und ich befürchte, dass es so etwas immer geben wird. Immer wird
es Menschen geben, die aus verengtem Denken heraus Handlungen begehen, die
Leid auslösen. Ein Leid, das Gott so nicht will, das er überwinden
will. Ich bin das Brot des Lebens.
Jesus ging einen schweren Weg. Jesus hat selbst gelitten. Er verkündete
das Reich Gottes, brachte den Menschen Heil, indem er ihnen die Schuld abnahm,
und Heilung, indem er sie von Krankheit heilte. Dennoch oder gerade deshalb
wurde er als Gefahr angesehen, verfolgt und getötet.
Trotzdem sind nicht Angst, Gewalt und Terror, nicht Lug und Betrug die Zeichen,
die zum Leben führen, sondern das, was Jesus in diese Welt getragen
hat, was er uns vorgelebt hat. Was wir von ihm wissen, ahnen, glauben, das
ist es, was in der Welt zum Leben führt. Darum können wir unser
Denken und Handeln in dieser Welt an ihm ausrichten, von ihm her die Welt
sehen und beurteilen und nicht von den Zeichen, die andere in die Welt tragen.
„Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. Wer davon isst,
verinnerlicht Gottes Zusage, dass er uns liebt und begleitet. Dieses lebendige
Brot regt uns an zum Dienst am Menschen um Gottes willen. Statt eines fertigen
Brotes legt er uns einen Sack Körner in den Schoß, wir sind zur
Mitarbeit aufgefordert, der Weg in die Zukunft hängt auch davon ab,
diese Zutaten Gottes zu einem Brot zu verarbeiten. Wer sich das Brot des
Lebens schenken lässt, bekommt auch neue Lebensmöglichkeiten geschenkt.
Greift zu! Auch uns schenkt Gott vieles, was wir zum Leben brauchen:
Ich denke da zum Beispiel an unsere Gesundheit. Auch sie gehört zu dem
was Gott uns schenkt. Es ist schön, wenn man leistungsfähig ist,
einem nichts weh tut. Und natürlich gerade dann, wenn wir krank sind,
merken wir, wie wichtig das ist.
Aber Gesundheit ist nicht unerlässlich. Auch wer krank ist, wer schwach
und eben nicht mehr leistungsfähig ist hat dennoch etwas von Leben,
ist dennoch etwas wert. - Gesundheit gehört zu den Delikatessen unseres
Lebens, aber sie ist nicht Brot des Lebens, ohne sie kann oder muss es trotzdem
gehen.
- Beziehungen unter uns Menschen, in der Familie, Verwandtschaft, im Dorf
oder im Freundeskreis: es ist wundervoll welche zu haben; Menschen auf die
man sich verlassen kann ; Menschen denen man seine Sorgen erzählen kann
und die nicht gleich abwinken. So etwas ist ein Schatz fürs Leben.
Gelingende Beziehungen sind in meinen Augen auch ein Geschenk, mit dem Gott
unser Leben schöner macht. Ein Sahnehäppchen, aber kein Brot des
Lebens
- Wir als Menschen auf dieser Erde haben eine Schöpfung um uns herum.
Die können wir gestalten, auch verunstalten. Aus ihr gewinnen wir unsre
Lebensmittel. In ihr können wir uns bewegen; an ihren Schönheiten
uns freuen. Ohne sie könnten wir Menschen eigentlich gar nicht existieren.
Darum gehört sie zu dem Manna, das Gott uns schenkt damit wir leben
können - aber auch diese Schöpfung ist nicht Brot des Lebens!
Denn alles das, was Gott uns als "Manna" schenkt - egal inwieweit es zu unsern
Grundbedürfnissen gehört oder wirklich nur purer Luxus ist - alles
das hat eine große Schwäche: Wir haben es nicht in der Hand und
es hält nicht ewig!
Was ewig hält ist seine Liebe zu uns. Berge mögen von ihrer Stelle
weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts
erschüttert werden, und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig.'
Das sage ich, Gott, der dich liebt.« Jesaja 54,10
Er befreit uns von unserer Angst und Sorge, vergibt alle Schuld. Hören
wir auf, um uns selbst zu kreisen; öffnen wir den Blick auf den anderen,
auf den Mitmenschen. So fangen wir an, verantwortlich und mitmenschlich zu
leben, gestärkt vom Brot des Lebens, das Jesus Christus ist.
Gott verheißt uns seinen Bund, seine Gemeinschaft, er bewahrt unser
kleines Leben auf als Teil des großen Lebens, das Gott selbst ist von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
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