St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
PDF Drucken
 

Predigt 10. Juli 2005

(Pastorin Heike Reimann, Keitum/Tinnum)

Brot des Himmels

 

Größer kann der Kontrast wohl nicht sein: in London, Tod, Angst und Schrecken – in Keitum Betriebsamkeit für die Einen (Gott und den Gästen sei Dank) und für die anderen Urlaub, Ausruhen, Zeit haben - und dort Jesus: Ich bin das Brot des Lebens. Mit Speise, mit dem Manna in der Wüste, dem Ort des Hungers, spendet Gott, der Vater Jesu, Brot, Leben. Die Geschehnisse unserer Zeit machen den meisten von uns Angst und erfüllen uns mit Sorge. Wir haben doch schon genug Probleme am Hals mit der schwankenden Wirtschaft, mit den Arbeitslosen, mit dem Vertrauen oder Misstrauen in unsere Regierung und arbeiten uns gerade mühsam an Hartz IV und der Sorge um den eigenen Arbeitsplatz ab.

Seit dem 11. September 2002 sind immer wieder Städte, eigentliche Zentren des Lebens - New York, Madrid, Moskau, London - zu Orten des Todes geworden. Menschen machen sie dazu und sie wählen sich dafür unschuldige Menschen. Sie tun das, was unser Strafgesetzbuch hinterlistig und heimtückisch nennt, weil die Offenheit und das Vertrauen von den Menschen ausgenutzt wird, die ermordet werden. Diese Art zu töten ist in unseren Augen besonders gemein an und wir nennen es deshalb Mord. Mord wird heute in der Bundesrepublik und vielen anderen europäischen Ländern mit der Höchststrafe an Jahren in Gefangenschaft bestraft, nicht mit dem Tod. Denn wer meint, ein Recht zum Töten zu haben, weil sein Vater, sein Sohn, seine Mutter oder wer auch immer zu Unrecht in Afghanistan, im Irak, in Palästina oder sonst wo umkam, hat kein Recht zum Töten in New York, Madrid, Moskau, London oder anderswo. Auch hat niemand das Recht, das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Richter, unabhängige Menschen führen einen Prozess, sie urteilen, um mit allen Gerechtigkeit zu teilen. Gerechtigkeit nämlich ist nicht beliebig, sondern soll unabhängig von irgendwelchen Äußerlichkeiten, von Geld, oder von politischen oder religiösen Ideen an alle ausgeteilt werden. Deshalb ist Iustitia blind.

Ich denke, die Attentäter wissen das auch. Deshalb handeln sie auch im Verborgenen und nicht in der Öffentlichkeit. Feige haben sie Sprengstoff versteckt und gezündet, durchaus wissend, dass sie damit das Leben vieler Menschen gefährdeten. Sie wählten vielmehr den Tag als Zeitpunkt, an dem endlich ein Weltwirtschaftsgipfel sich des Hungers, des Hungers in Afrika annehmen will. Es gibt nichts, womit wir einen solchen Mord oder Massenmord ent - schuldigen können.

Es ist leicht, zu zerstören, kaputt zu machen und zu töten, aber wie schwer ist es, die Lebensbedingungen zu verbessern? Mehr als 20 Jahre kämpfen weltweit immer mehr Politiker darum, dass man den Armen der Welt ihre Schulden erlässt, damit sie wieder Brot genug haben. Der Hunger und Durst nach Leben soll gestillt werden. Und da gibt es dann Menschen, die keinen besseren Weg sehen, als alles zu zerstören. Es fällt mir schwer, dass zu verstehen.

Und dieser Akt bestimmt nun das politische Handeln und unser Denken von der Welt. Die innere Sicherheit muss erhöht werden, viel Geld wird gebunden in der Bekämpfung des Terrors. Und Menschen bestimmter Religion oder Herkunft werden immer verglichen mit denen, die diese brutalen Anschläge verübt haben. Jeder Muslim oder Araber wird gleich schief angesehen oder ruft Angst in uns wach. Und solche Taten bestimmen dann unser Bild von einer Welt, die schlecht und Böse ist.

Aber ich möchte mich von solchen Ereignissen nicht bestimmen lassen. Ich möchte mir nicht von ein paar brutalen Fanatikern weismachen lassen, dass diese Welt schlecht und brutal ist und ich nur noch in Angst leben muss.

In diese Situation hinein erzählt uns unser Predigttext von der Bitte der Zuhörer nach einem Zeichen und nach Manna.

„Da fragten sie ihn: Was tust du denn für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was ist dein Werk? Unsere Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht: „Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.“ Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt, das ist Gottes Brot. Da sagten sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungrig sein. Und wer an mich glaubt, wird keinen Durst mehr haben.“

Das Volk fragt, was für ein Zeichen tust du, damit wir sehen und glauben können? Wir Menschen sind Wesen, die das Leben sehr nach den äußerlich wahrnehmbaren Dingen einschätzen. Wir haben ja auch unsere Augen, um aus dem Gesehenen Erfahrungen zu machen. Erfahrungen, die uns helfen, im Leben zurecht zu kommen. Und darum suchen wir nach sichtbaren Hinweisen auf das, was unser Leben bestimmen kann und soll.

Herr gib uns allezeit solches Brot. Die Menschen, die hier darum bitten, jederzeit Himmelsbrot zu haben, also ein Brot, das der Welt Leben gibt, waren bei der Speisung der 5000 dabei, die Jesus nach dem Johannesevangelium mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen satt gemacht hat.

Manna meinen sie, das Brot, mit dem sie nie wieder Hunger haben werden. In der Wüste war es vom Himmel geregnet und hat damit Leben geschenkt und erhalten. Es hat neue Hoffnung gegeben und neuen Mut, denn ein satter Mensch zweifelt und fürchtet sich weniger. Es war nicht einmal mit dem Schlaraffenland zu vergleichen, denn es war noch viel mehr.

ER ließ die Menge der Kinder und Frauen und Männer nicht verhungern. Alle wurden satt und mehr als das. Die hungernden Menschen entschieden selbst darüber, wie viel sie brauchen.

Unser täglich Brot gib uns heute. So bitten auch wir immer wieder im Vater unser. Und die Bitte ums tägliche Brot trägt uns. Wir bitten ja nicht nur um das Brot, das wir in einen Korb legen und essen.

In der Vaterunser-Bitte ums tägliche Brot geht es um viel mehr.

„Alles, was not tut für Leib und Leben“, meinte Martin Luther im Kleinen Katechismus, „wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Alles ist es, was Martin Luther unter >Brot< versteht, alles, was Not tut für Leib und Leben und noch mehr.  

Und eigentlich haben wir doch alles. Auf viele trifft dieser Satz zu. Wenn sie einen Arbeitsplatz haben, wenn sie nicht allein sind. Viele haben alles ... und sehnen sich doch nach mehr als diesem „Alles“, als müsse es mehr als alles geben, als gäbe es eine Sehnsucht nach mehr als Hab und Gut, einen Lebenshunger, den Essen und Trinken, Kleider und Schuh nicht stillen können.

Die Werbung will uns täglich weismachen,

- wir könnten diese Sehnsucht stillen, wenn wir noch mehr Dinge kaufen,

- wir könnten diesen Lebenshunger stillen.

Gott ist es, der das Brot des Lebens schenkt. Er schenkt  

Brot,  

Güte,

Liebe,

Fisch,

Freundlichkeit und Wein.

Dieses Brot können wir nirgends kaufen. Aber darum beten.

Wir haben alle Hunger nach Leben, nach einem Leben, in dem wir uns wohl fühlen, in dem wir uns zuhause fühlen.

Und unser Glaube zeigt uns, wie wir diesen Hunger stillen können. Nämlich im Vertrauen auf Christus. Doch können wir auf Jesus und Gott vertrauen Angesichts der Terrornachrichten? Gerade in solchen Momenten zweifeln viele und fragen, wo ist Gott? Wenn es ihn gibt, warum lässt er die Menschen im Stich?

Ja und ich befürchte, dass es so etwas immer geben wird. Immer wird es Menschen geben, die aus verengtem Denken heraus Handlungen begehen, die Leid auslösen. Ein Leid, das Gott so nicht will, das er überwinden will. Ich bin das Brot des Lebens.

Jesus ging einen schweren Weg. Jesus hat selbst gelitten. Er verkündete das Reich Gottes, brachte den Menschen Heil, indem er ihnen die Schuld abnahm, und Heilung, indem er sie von Krankheit heilte. Dennoch oder gerade deshalb wurde er als Gefahr angesehen, verfolgt und getötet.

Trotzdem sind nicht Angst, Gewalt und Terror, nicht Lug und Betrug die Zeichen, die zum Leben führen, sondern das, was Jesus in diese Welt getragen hat, was er uns vorgelebt hat. Was wir von ihm wissen, ahnen, glauben, das ist es, was in der Welt zum Leben führt. Darum können wir unser Denken und Handeln in dieser Welt an ihm ausrichten, von ihm her die Welt sehen und beurteilen und nicht von den Zeichen, die andere in die Welt tragen.

„Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. Wer davon isst, verinnerlicht Gottes Zusage, dass er uns liebt und begleitet. Dieses lebendige Brot regt uns an zum Dienst am Menschen um Gottes willen. Statt eines fertigen Brotes legt er uns einen Sack Körner in den Schoß, wir sind zur Mitarbeit aufgefordert, der Weg in die Zukunft hängt auch davon ab, diese Zutaten Gottes zu einem Brot zu verarbeiten. Wer sich das Brot des Lebens schenken lässt, bekommt auch neue Lebensmöglichkeiten geschenkt. Greift zu! Auch uns schenkt Gott vieles, was wir zum Leben brauchen:

Ich denke da zum Beispiel an unsere Gesundheit. Auch sie gehört zu dem was Gott uns schenkt. Es ist schön, wenn man leistungsfähig ist, einem nichts weh tut. Und natürlich gerade dann, wenn wir krank sind, merken wir, wie wichtig das ist.

Aber Gesundheit ist nicht unerlässlich. Auch wer krank ist, wer schwach und eben nicht mehr leistungsfähig ist hat dennoch etwas von Leben, ist dennoch etwas wert. - Gesundheit gehört zu den Delikatessen unseres Lebens, aber sie ist nicht Brot des Lebens, ohne sie kann oder muss es trotzdem gehen.

- Beziehungen unter uns Menschen, in der Familie, Verwandtschaft, im Dorf oder im Freundeskreis: es ist wundervoll welche zu haben; Menschen auf die man sich verlassen kann ; Menschen denen man seine Sorgen erzählen kann und die nicht gleich abwinken. So etwas ist ein Schatz fürs Leben. Gelingende Beziehungen sind in meinen Augen auch ein Geschenk, mit dem Gott unser Leben schöner macht. Ein Sahnehäppchen, aber kein Brot des Lebens

- Wir als Menschen auf dieser Erde haben eine Schöpfung um uns herum. Die können wir gestalten, auch verunstalten. Aus ihr gewinnen wir unsre Lebensmittel. In ihr können wir uns bewegen; an ihren Schönheiten uns freuen. Ohne sie könnten wir Menschen eigentlich gar nicht existieren. Darum gehört sie zu dem Manna, das Gott uns schenkt damit wir leben können - aber auch diese Schöpfung ist nicht Brot des Lebens!

Denn alles das, was Gott uns als "Manna" schenkt - egal inwieweit es zu unsern Grundbedürfnissen gehört oder wirklich nur purer Luxus ist - alles das hat eine große Schwäche: Wir haben es nicht in der Hand und es hält nicht ewig!

Was ewig hält ist seine Liebe zu uns. Berge mögen von ihrer Stelle weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden, und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig.' Das sage ich, Gott, der dich liebt.« Jesaja 54,10

Er befreit uns von unserer Angst und Sorge, vergibt alle Schuld. Hören wir auf, um uns selbst zu kreisen; öffnen wir den Blick auf den anderen, auf den Mitmenschen. So fangen wir an, verantwortlich und mitmenschlich zu leben, gestärkt vom Brot des Lebens, das Jesus Christus ist.

Gott verheißt uns seinen Bund, seine Gemeinschaft, er bewahrt unser kleines Leben auf als Teil des großen Lebens, das Gott selbst ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.



 
  header                                 

Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Severin • Pröstwai 20 • 25980 Keitum/Sylt • Telefon 04651-31713 • Fax 04651-35585

Spendenkonto 77 33 44 • Sylter Bank eG • BLZ: 217 918 05

Bitte geben Sie für Spendenquittungen Ihre vollständige Adresse an.