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Predigt 10. September 2006
(Pastorin Helga Kamm, Studienleiterin im nordelbischen Predigerseminar Preetz)
Predigttext: Genesis 4, 1-16
Und Adam erkannte seine Frau Eva und sie wurde schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde Schäfer, Kain aber wurde Ackerbauer.
Es begab sich nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und Gott schaute Abel und sein Opfer gnädig an, aber Kain und sein Opfer schaute er nicht gnädig an. Da ergrimmt Kain sehr und senkte finster sein Angesicht.
Da sprach Gott zu Kain: Wenn du es gut sein lässt, kannst du dein Angesicht erheben, und wenn du es nicht gut sein lässt, wird Abel der Anlass zur Sünde, er aber braucht dich und du sollst Herr sein über sie.
Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: Es geschah, als sie auf dem Feld waren; Kain erhob sich gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.
Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Und er sprach: Ich weiß es nicht; soll ich der Hüter meines Bruders sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul aufgetan hat und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Heimatlos und flüchtig sollst du sein auf Erden.
Kain aber sprach zu Gott: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du vertreibst mich heute vom Acker und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss heimatlos und flüchtig sein auf Erden. So wird mir`s gehen , dass mich totschlägt, wer mich findet.
Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, soll sieben mal gerächt werden. Und Gott machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht Gottes und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.
Hilde Domin: Abel steh auf (das kursiv gedruckte wurde nicht gelesen)
Abel steh auf
es muss neu gespielt werden
täglich muss es neu gespielt werden
täglich muss die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muß Ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein
Täglich steh auf
Damit wir es vor uns haben
Dieses Ja ich bin hier
ich
dein Bruder
Damit die Kinder Abels
sich nicht mehr fürchten
weil Kain nicht Kain wird
Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich
vor der Antwort
die Luft in meiner Lunge
wird weniger
wie ich auf die Antwort warte
Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen
Die Feuer die brennen
das Feuer das brennt auf der erde
soll das Feuer von Abel sein
Und am Schwanz der Raketen
sollen die Feuer von Abel sein
Predigt
Friede sei mit euch und Gnade von Gott, der da ist, der da war und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
Kain und Abel, die altbekannte Geschichte. Der erste Mord der Bibel, der erste Mord in der Menschheitsgeschichte, ein Brudermord. Kain hat viele Nachfolger gefunden. Man kann uns diese Geschichte erzählen, damit wir begreifen, so war es schon immer unter Menschen und so wird es bleiben.
Schon ihre Namen sind Programm: Kain bedeutet so viel wie Spieß. Abels Name bedeutet Hauch. Wenn ein Mensch, der nur ein Hauch ist, dem Spieß begegnet, ist dann alles klar? Der Spieß, der Kräftige, der Starke vernichtet den Hauch, den Schwachen.
Um uns diese allzu menschlichen Mechanismen klar zu machen, brauchte man uns keine biblische Geschichte zu erzählen. Biblische Geschichten beleuchten unser Leben aus Gottes Perspektive, ermöglichen einen Blick, der unsere Denkgewohnheiten überschreitet.
Wie kommen wir also mit dieser Geschichte heraus, aus dem was wir immer schon wissen?
In der Erzählung von Kain und Abel gibt es eine Merkwürdigkeit. An der entscheidenden Stelle, nämlich unmittelbar bevor es heißt: "Es geschah, als sie auf dem Felde waren, Kain erhob sich gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot."
Also unmittelbar vor der schrecklichen Tat heißt es: "Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: Hinter dem Doppelpunkt bricht der Text ab.
Genau an der entscheidenden Stelle wird nicht gesprochen. Es folgt die Tat. Die üblichen Bibelübersetzungen haben diesen Bruch geglättet. Sie würden ihn nicht finden, wenn Sie nachlesen.
Ich will aber heute von diesem Bruch her die Geschichte verstehen."Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: Doppelpunkt und dann kommt nichts!
Was frage ich, wäre geschehen, wenn Kain hier ein Wort gefunden hätte, anstatt zu handeln, anstatt tätlich zu werden, anstatt die Untat zu begehen? Ich versuche mir vorzustellen, was da stehen könnte. Vielleicht: Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: "Du Nichts, Hauch geh mir aus den Augen, sonst weiß ich nicht, was ich tue…"
Oder: Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: "Hör endlich auf den Schwachen zu spielen, zeig endlich deine Macht. Dein hilfloses, sanftes Getue macht mich rasend."
Vielleicht auch: Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: "Gott wendet sich von mir ab, freut sich an dir, an deinem Opfer. Mich verachtet er. Dich bevorzugt er. Ich will dir etwas sagen. Gott interessiert mich nicht. Er ist etwas für Schwache. Ich brauche ihn nicht."
Er hätte Abel auch mit den übelsten Worten beschimpfen können. Alles wäre besser gewesen, als diese Tat.
Vielleicht hätte er aber an dieser Stelle auch sagen können: "Ich bin dein Hüter Bruder, wie sollte ich nicht dein Hüter sein."
Schweigen schafft Leiden!
Kain fand kein Wort. Nicht das wütende Wort, das Erleichterung verschafft, nicht das trotzige Wort, dass die eigen Unabhängigkeit behauptet und sei es um den Preis der Einsamkeit und schon gar nicht das Wort für den Bruder.
Seine Verbitterung, sein verletzter Stolz, die Beschämung über die Zurückweisung betäuben alle Möglichkeiten. Das mächtige, dunkle Gefühl kann nicht Sprache werden. Er muss handeln.
Der israelische Psychologe Dan Bar-On beschreibt diesen Zustand als ein Stehen im Auge des Wirbelsturms: "Wenn man in einem von ihnen gefangen ist, weiß man nicht mehr wo man ist. Denn der Wirbelsturm raubt einem jegliche Orientierung." In einem Land, in dem seit Jahrzehnten Gewalttat mit Gewalttat beantwortet wird, versucht er Sprache zu finden, die neue Perspektiven ermöglicht und aus den Gewaltzirkeln herausführt.
Dan Bar-On ist 1938 als Kind jüdischer Eltern in Haifa geboren. Die Eltern hatten Deutschland rechtzeitig verlassen. Verwandte wurden in Nazideutschland ermordet. Als junger Psychologe begann Dan Bar-On Interviews mit den Kindern von deutschen Tätern und jüdischen Opfern zu führen. Er brachte schließlich beide Gruppen miteinander ins Gespräch. Erschreckt, ja entsetzt stellten beide, Täterkinder und Opferkinder fest, dass sie etwas gemeinsam hatten, ein gemeinsames Leiden teilten: Sie hatten unter dem Schweigen ihrer Eltern gelitten.
Über Jahre begleitete Dan Bar-On diese Gruppen und nach erstem großem Widerstand und Abwehr gegeneinander, entstanden tiefe Freundschaften.
Diese Form der Versöhnungsarbeit begann er schließlich auch zwischen Israelis und Palästinensern.
In seinem Buch "Erzähl dein Leben" berichtet Dan Bar-On von einem israelischen Soldaten, der als Offizier in den besetzten Gebieten gedient hatte. und während dieses Dienstes in Nablus ein palästinensisches Kind getötet hatte.
Er schreibt: Ich fragte Michael (so heißt der Soldat) "Kennst du den Namen des Kindes?" Er schüttelte den Kopf. "Würdest du ihn gerne kennen?" Er zögerte. Überrascht flüsterte er: "Ja". Michael nannte mir das Datum dieses schrecklichen Ereignisses. Nach einer Woche hatte ich alle Details. Das Kind war ein elfjähriger Jordanier, der zufällig unter Steinewerfer geraten war. Unbewaffnet wurde er verletzt und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Michael wagte es nicht mit den Eltern dieses Kindes zu sprechen, aber er führte eine Studie durch mit anderen Soldaten, die alle bei der Intifada Kinder getötet hatten. Sie waren bereit, ihm Interviews zu geben. Es war gut für sie, endlich darüber sprechen zu können. Schließlich ging er zu einem Treffen einer Gruppe Trauernder Eltern für den Frieden. Er erzählte dort seine Geschichte und wurde zunächst heftig von einigen der palästinensischen Eltern angegriffen. Später schätzen sie seine Offenheit und es entstand eine herzliche Verbindung.
Schmerzlich ist es, Worte zu finden. Ein Wagnis offen zu sein und doch gibt es keinen anderen Weg Gewalt und Hass zu überwinden. Leute wie Dan Bar-On tun eine mühsame, kleinschrittige Arbeit. Aber dabei entsteht wirklich so etwas wie Versöhnung. Täter und Opfer begegnen sich und gewinnen Achtung voreinander, manchmal entsteht sogar so etwas wie Liebe.
Seit diese mühevollen Versuchen der Annäherung hat es längst neue Kriegshandlungen gegeben. Der Krieg an der Grenze zum Libanon ist uns noch wach vor Augen. Manchmal könnte man denken, die Zerstörung aller Friedensbemühungen ist viel mächtiger, als diese feinen Versuche der Versöhnung. Neben den Trümmern, die wir sehen, wird seelischer Schutt aufgehäuft, der viel langsamer abgearbeitet werden wird als die eingestürzten Häuser.
"Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel:
Was er sagen könnte, steht nicht so einfach geschrieben, wir müssen es herausfinden, das Wort, das Versöhnung schafft. Aber wenn Täter und Opfer sprechen. Wenn Kain und Abel sprechen, wird die Geschichte neu geschrieben.
Wir sind die Nachfahren von Kain und Abel. Uns wird wieder und wieder ihre Geschichte erzählt, damit wir vor die Tat zurückkommen. Damit wir nicht Kain werden müssen. "Damit es anders anfängt zwischen uns allen."
2. Lesung Hilde Domin "Abel steh auf" in Auszügen
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