St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 11. September 2005

(Pastor Jörg Reimann)

Klagelieder des Jeremia 3,22ff

9 Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!

20 Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's.

21 Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch:

22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,

23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.

25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. 31 Denn der HERR verstößt nicht ewig; 32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Liebe Gemeinde!

Wenn wir den Verfasser der Verse jetzt hier auf der Kanzel hätten, würde es uns die Sprache verschlagen. Er hätte kein festliches liturgischen Gewand an, sondern eine rissigen Rock aus grobem Sackleinen. Er würde mit uns (nicht mit einem Chor eine Feierstunde abhalten), sondern eine Klagestunde.

Die Klagelieder des Jeremias, so heißt das biblische Buch aus dem die Worte sind. Es sind wohlformulierte fast poetische Worte, aber sie sind Teil einer herzzerreißenden Klage: „Ich bin ein Mann, der Elend sehen muss, Gott hat mir Fleisch und Haut alt gemacht. Wenn ich schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet er hat meinen Weg vermauert.“ Anschauliche Bilder. Da ist einer vorzeiten gealtert wegen der schlimmen Dinge die er miterleben musste. Die Gebete gehen ins Leere, das Leben ist in einer Sackgasse. Erschütternd ist das Geständnis: „Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen.“ Wer so klagt, ist am Ende.

Was ist der Grund für diese Bitterkeit damals, 587 vor Christi Die Babylonier haben Jerusalem belagert, besiegt, die Elite in ihr Land verschleppt, aus dem Land der Verheißung. Der Tempel geplündert, das Land zerstört. Viele Menschen getötet.

Wo bist du Gott?

Und das, was wir hier hören und auch in vielen Psalmen zu hören ist, die klassische Form des Klageliedes. Gott wird angeklagt? Manche zweifeln, ob man Gott anklagen darf? Schon seit biblischen Zeiten ist da die Frage, warum lässt Gott das zu. Wo bist du Gott, gewesen, als die Babylonier Israel überfallen haben, als Hitler einen Weltkrieg entfesselte, als am 11. September die Twin Towers zum Einsturz gebracht wurden, als Weihnachten der Tzunmai die Küstengebiete Südostasien vernichtete, oder jetzt die Fluten in Bayern der Schweiz, Rumänien, Bulgarien und wo warst du dem Wirbelsturm Katrina? Wo warst du da Gott.

Vielleicht mitten drin, vielleicht immer genau dabei, zu helfen, dass nicht noch mehr Menschen umgekommen sind, am 11. September hätten es leicht 10 mal so viel sein können, im 2.- Weltkrieg ein paar mehr Atombomben und nichts wäre übergeblieben von der Welt.

Aber Gott, wenn du das Leben willst, warum greifst du dann erst so spät ein, warum greifst du nicht vorher ein und verhinderst das Schlimmste?

Ich bin sicher Gott tut das schon tagtäglich. Aber Plattentektonik, Erdbeben, Fluten und Wirbelstürme gehören einfach zum System Erde dazu. Diese Erde ist schon unglaublich perfekt ausgedacht, aber besser ging es nicht. Ohne die Wärme im Innern der Erde, wäre Leben nicht möglich, leider gibt es daher Bewegung der Kontinente und Vulkanausbrüche der heißen Magma. Natürlich müssen wir uns Fragen, ob nicht unser Energieverbrauch zur Abschmelzung der Pole führt und zu größeren Wirbelstürmen und Schlammlawinen nach abgeholzten Wäldern. Also, selber Schuld? Das wäre der alte Tun-Ergehen-Zusammenhang.

Das Volk Israel betet nicht genug, hat sich von Gott entfernt und so wird es zur Strafe von den Babyloniern überfallen. Selber Schuld?

Wir Menschen haben nur an den eigenen Vorteil gedacht und nicht an die ganze Schöpfung, und irgendwann rächt sich die Natur. Selber Schuld? Was ist das für ein Trost. Wollen sie das wirklich einer farbigen Familie ins Gesicht sagen, deren Oma in den Fluten in New Orleans umgekommen ist, das mühselig zusammengebaute Holzhaus abbruchreif, die Mutter mit dem Baby davongekommen, per Hubschrauber, Vater und Sohn seither verschollen.

Wollen Sie denen wirklich sagen: Das war Gottes Wille, er will uns als Menschheit damit eine Lektion erteilen, dass wir mehr achten sollen aufeinander und auf die Natur. Und du musstest dafür bezahlen. Sie haben nie groß etwas Böses anderen Menschen angetan. Und Verbrecher, Mörder und Plünderer, die die Lage ausnutzen kommen davon und werden von Gott nicht bestraft? (Wobei ich immer denke, die schlimmste Strafe ist das Gewissen und, das kommt irgendwann bei jedem, manch, mal erst spät im Leben in der Rückschau.)

Also das Prinzip selber Schuld, kann nicht aufgehen. Nicht für den einzelnen und nicht für die ganze Menschheit.

Wir bitten und Gott erhört und wenn Gott nicht so erhört, dann gibt es Gott nicht. Es muss doch ein anderes Gottesverhältnis geben, es muss doch ein tieferes Gottesverhältnis denkbar sein als eines, das immer nur kindlich in diesen Kategorien des Bittens und Erfüllens denkt.

Ein Schlüssel im Text können die gehäuft auftretenden verschiedenen Worte für den Vorgang hoffen/warten/suchen sein. Je nachdem wie man diese Worte füllt, entscheidet sich, ob diese Haltung auf der Ebene des Kindes bleibt, das wartet, ob Vater ihm das versprochene Mitbringsel von der Reise mitgebracht hat, oder ob eine tiefere Dimension erreicht wird. Hoffen/warte/suchen kann ein Grundvertrauen zu Gott beschreiben. Gott ist nicht der Marionettenspieler, den ich bitten muss, den Ablauf in meinem Sinne zu regeln. Er ist der Geist, von dem mein Geist ist; der in mir lebt, der in mir leidet und lacht und Quelle meiner Kraft ist.

Das war gut, nicht: Ich muss Gott nicht bitten, den Ablauf in meinem Sinne zu regeln. Er ist der Geist, von dem mein Geist ist; der in mir lebt, der in mir leidet und lacht und Quelle meiner Kraft ist.

Und wie gibt es Trost. Damals wie heute durch die Erinnerung. Die Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung.

Im Klagepsalm immer und immer wieder Gott angeklagt, dass er das Traurige zugelassen hat. Das Unfrieden Trennung und Trauer werden beschrieben. Das was geschehen ist. Aber die Frage, warum Gott das zulässt ist schon eine Frage, die Gott nicht außen vor lässt. Wer Gott anklagt, der hat noch eine Gott. Der erwartet noch etwas von Gott. Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung. Was in Vergessenheit gerät oder ins Unterbewusstsein, von den Greultaten während der Weltkriege in den KZs oder auch bei Bürgerkriegen und Naturkatastrophen, was in Vergessenheit gerät, wirkt im Dunklen weiter. Nur wer es in Erinnerung holt, wiederholt die Fehler nicht wieder. Ist in der nächsten Generation hoffentlich toleranter gegen andersartige Menschen und Andersgläubige. Baut nicht wieder direkt am Flussufer, erstellt ein Tzunmai Warnsystem oder baut in Erdbebengebieten entsprechende Häuser. Die Erinnerung bedeutet Erlösung, dass Fehler nicht wieder passieren. Erinnerung bedeutet Entlastung der Seelen. Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung auch dass wir Gott erinnern an unser Leid, an unsere Sorgen. Gott erinnern an sein Versprechen, dass er das Leben will und nicht wieder ein Sintflut zulässt.

Auch die Erinnerung an Jesus , die wir im Abendmahl feiern ist Erlösung. Erlösung aus der Angst alles alleine tun zu müssen und dem Tod ausgeliefert zu sein. Erinnerung an Jesus , der Gott näher war als je ein Mensch und der Trauer Trennung und Tod überwunden hat indem er bewiesen hat, es gibt ein Leben jenseits des Todes. Dadurch hat er die Angst vor dem Tod überwunden. Jesus erlöst von den quälenden Fragen nach Sinn. Befreit zum Leben.

Erinnert euch an Trennung Trauer und Tod, aber lasst euch erlösen zum Leben. Erinnern ermöglicht sich lösen. Die Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung. Erinnert euch und lasst euch erlösen zum Leben, so möchte es Gott. Amen.

 
 
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