St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 2007

Gottesdienst am Israelsonntag, 10. Sonntag nach Trinitatis 12. August 2007

(Pastorin Susanne Zingel)

Predigttext: Johannes 4, 19 - 26

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und der da kommt.

Liebe Gemeinde,

am Freitag wurde Jean Marie Kardinal Lustiger begraben. Wie die anderen Kardinäle von Paris wurde auch er in der Krypta von Notre Dame bestattet. Sicherlich war es aber das erste Mal, dass die jüdische Gemeinde die Trauerfeier für einen Kardinal abhielt. Der Cousin von Jean Marie Lustiger der Schriftsteller und Historiker Arno Lustiger betete in dem Portal von Notre Dame das Kaddisch, das großes jüdische Gebet der Heiligung des Namens Gottes, das in jeder jüdischen Trauerfeier gebetet wird:

"Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde- Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen sei und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde. Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprechet Amen. Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprechet Amen.

Gott ist Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Da auf der Schwelle von Notre Dame war etwas zu spüren von Gottes Geist und Wahrheit

Kardinal Lustiger stammt aus einer jüdischen Familie. Seine Eltern - verfolgt in Polen -flohen nach Paris. 1926 wurde ihr Sohn Aaron geboren. Während der nationalsozialistischen Besetzung Frankreichs trennte sich die Familie. Aaron wurde bei einer katholischen Familie in Orléans im Süden von Paris versteckt. In seinem Elternhaus hatte er von Religion wenig erfahren. Umso mehr war er in diesen bedrängten Zeiten von der Frömmigkeit seiner katholischen Gastfamilie beeindruckt. So ließ er sich 1940 mit 14 Jahren im Untergrund taufen und nahm den Namen Jean-Marie an. Er wurde in der bischöflichen Kapelle von Orléans getauft. Niemand konnte damals wissen, dass der junge Täufling 1979 als Bischof von Orléans in diese Kapelle zurückkehren sollte. Seinen Vater erfüllte diese Taufe mit Schmerz, hatte er doch das Gefühl, als wenn der Sohn sich durch diesen Schritt von der Familie losgesagt hätte. Und das in einer Zeit, wo die Familie sowieso getrennt war. Seine Mutter blieb alleine in Paris zurück. Sie wurde von den Besatzungstruppen verhaftet, zurück nach Polen deportiert und 1942 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet, wie ein Großteil der väterlichen Verwandtschaft.

Geboren als Jude gestorben als Kardinal, lebte Jean Marie Lustiger zugleich als Jude und Christ. Seinen Glauben schöpfte er aus einer gemeinsamen Quelle. Gerade deswegen, wurde Kardinal und blieb eine unerträgliche Provokation für alle, die glauben, allein das Christentum, wie sie es leben, wäre der rechte Weg.

Aber

An dem Ort, an dem wir recht haben,

werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,

ist zertrampelt und hart wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf

wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

Und ein Flüstern wird hörbar

an dem Ort, wo das Haus stand,

das zerstört wurde. (Jehuda Amichai)

Jean Marie Lustiger wusste um die Fülle und Einheit göttlicher Wahrheit. Dadurch, durch alle Erfahrung von Zerstörung von Vernichtung konnte er die göttliche Kraft von Versöhnung und Vergebung, die Kraft von Glaube und Liebe über Grenzen hinweg zum Blühen bringen. "Ihr werdet mich anbeten im Geist und in der Wahrheit", wie es Jesus in unserem Predigtext heute sagt. Aber das ist keine absolute Wahrheit. Es ist die Wahrheit von Versöhnung und Frieden. Es ist der Geist Gottes, der jeden Menschen gelten lässt, seine Wahrheit, sein Leben.

Wo wohnt Gott?

Er wohnt da, wo Menschen die absolute Wahrheit Gott überlassen, nicht rechthaberisch daher kommen. Schöpfen aus der Quelle, das ist das Bild dafür.

Unser Predigttext erzählt davon: Es ist kein Idyll Jesus und die Frau am Brunnen gehörten zu verfeindeten Völkern. Gewalt und Deportation hatten beide erfahren, aber das gemeinsame Schicksal hat sie nicht verbunden. Als die Menschen im Nordreich von ins Exil geschickt wurde, wurden die Samaritaner dort angesiedelt. Sie selbst entwurzelt nehmen den Glauben an und werden nie anerkannt. Sie dürfen nicht in den Tempel, sie sind nicht in Israel zu haus, sie leben auf der Schwelle.

Die Frau noch mal mehr. Fünf Männer hatte sie gehabt, und mit dem jetzigen war sie nicht verheiratet. Sie war keine ehrenwerte Frau. Das Haus in dem sie lebte, war nicht ihr Haus. Sie trifft auf Jesus, der ist auch unbeheimatet, hatte nie einen Platz, wo er sein Haupt hinlegen konnte

Zwei unbeheimatete Menschen, ergründen im Gespräch, wo Gott wohnt, wo er zu finden ist? Die ganze Geschichte Israels erzählt davon: Gott wohnt

Auf dem Weg,

In der Bewegung, im dem wandernden Gottesvolk, im Überganggehen.

auf der Grenze,

denn nur auf der Grenzen zwischen Fremden kann Versöhnung stattfinden.

Es braucht die Begegnung mit dem Fremden, dem anderen

an einem Brunnen, Quelle des Lebens. Du musst tief hinabsteigen. Es ist nicht wahr, das obenhin alle Religionen eins sind und irgendwie verbunden. Sie sind verbunden, aber um das zu entdecken muss einer tief hinabsteigen, sich auf Gott einlassen.

So wie der Name Israel sagt, Israel im biblischen Sinn. Da ist das Jakob, der mit Gott streitet, am Jabbok im Morgengrauen ringt er mit einem Engel. Er lässt ihn nicht und bittet: segne mich. Israel heißt, der mit Gott streitet, ringt, fleht und bittet. Der mit Gott ringt, wir Frieden schließen mit Menschen wie Jakob mit Esau, der schon am anderen Ufer wartet.

Gott wohnt auf dem Weg, auf der Grenze, an einem Brunnen, an einem Fluss.

All diese Geschichten haben eine Botschaft für uns die Sesshaften:

Seid nicht sicher, rechthaberisch, nehmt nicht selbstverständlich euer Haus, Sagt nicht zu schnell "Gott in mir". Denn wo wohnt Gott?

In der letzten Woche wurden auf der Insel Stolpersteine verlegt wurden, zur Erinnerung an Franz Korvan, Eva Saenger, Diedrich Diedrichsen, Anita Ree. Verfolgte, ermordete jüdische Maler und Malerinnen von Sylt. In Westerland in der Strandstrasse wetterte einer: "Lasst das sein, wenn ihr weg seid, zerschlagen wir die Stolpersteine doch wieder.

Da waren alle entsetzt. Einer sagte: "Wie gut, dass das herauskommt, dass es aufgeschrieben steht. Denn wie viele denken so. Wie viele denken so und verbreiten stummes Unheil. Man kann auch darüber reden, dass es Angst machen kann, was ist mit meinem Haus, wo ich jetzt wohne. Es könnte nicht mein Haus sein. Es hat eine Vergangenheit von Unrecht und Verfolgung.

Gott wohnt, wo Menschen leben in seinem Geist und seiner Wahrheit. Ohne Angst unter einem weiten Horizont.

Wo wohnt Gott? Wenn Sie an die Decke unserer Kirche schauen, die hat der Maler Franz Korwan gemalt, Sally Katzenstein, sein Leben hier gelebt. In den Pyräneen wurde es ihm im Konzentrationslager genommen. Er hat einen Kreis von Engeln gemalt. Dazu die Sternzeichen, in einer rätselhaften Zusammenstellung. Das hat bestimmt eine Botschaft. aber welche . . ?

Unter uns Menschen gibt es soviel zu entziffern, zu erinnern,

Unsere Berufung ist keine einfache, einen Ort aufzusuchen, wo wir recht haben, das ist einfach. Aber an dem Ort, an dem wir recht haben, werden niemals Blumen wachsen weder im Frühjahr noch im Sommer noch im Herbst.

Das tut es nur, wo Gottes Güte einkehrt, da blüht alles auf - du selbst die Menschen um dich und der Friede höher als alle Vernunft. Amen

 

 


 
 
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