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Keitumer Predigten 12. Februar 2006
(Pastorin Susanne Zingel)
Predigttext: Jeremia 9,22-23
Das rechte Rühmen
So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Jeder weiß, dass das Rühmen in der Kirche nicht angesagt ist. Man fragt gar nicht nach warum, man weiß es einfach: Hier gilt: Was du hast, das hast du von Gott. Dafür kannst du dankbar sein und darfst nicht überheblich werden. Das ist die schlichte volkstümliche Fassung des Jeremiawortes, aber leider ist damit der eigentliche Dreh verloren.
Es ist einfach sehr schlicht gefolgert: Weisheit, Stärke und Reichtum seien von vornherein nicht gottgefällig. Das ist der wesentliche Unterschied zum amerikanischen Puritanismus. Dort sieht man in Reichtum und Stärke unmittelbar ein Zeichen des Segen Gottes. Wie problematisch das sein, bekommen wir wohl mit. Uns Protestanten ist das immer verdächtig gewesen. Nur ob wir damit gleich richtig liegen? Wir halten uns lieber von Reichtum und Stärke fern, und fühlen uns sicherer im Mittelmaß als in der Fülle an Weisheit, Stärke und Reichtum. Das eine wie das andere ist ganz bestimmt nicht das, was Jeremia wollte: Denn nicht die Weisheit, die Stärke, der Reichtum ist ihm fraglich, sondern dass sich damit einer über den anderen erhebt.
Dazu gibt es eine schöne Geschichte von dem jungen Karl Friedrich Gauß. In seinem Roman "Die Vermessung der Welt" erzählt Daniel Kehlmann eine Szene von dem jungen Gauß als Schüler in einem Internat.
Beim Mittagessen setzt sich der Pastor zu ihm an den Tisch und fragt, wie es in der Schule gehe. "Leidlich!"antwortete Gauß. Der Pastor fragte, ob ihm das Lernen schwer falle. Er zog die Nase hoch und schüttelte den Kopf. "Hüte dich!" sagte der Pastor. Gauß sah überrascht auf. Der Pastor blickte ihn streng an. Stolz sei eine Todsünde! Gauß nickte. Das solle er nie vergessen, sagte der Pastor. Sein Leben lang nicht. Wie klug man auch sei, man habe demütig zu bleiben. "Warum?" Der Pastor bat um Verzeihung. Er habe wohl falsch verstanden. "Nichts," sagte Gauß, "gar nichts." "Doch, doch," sagte der Pastor, er wolle das hören. Er meine es rein theologisch, sagte Gauß. Gott habe einen geschaffen, wie man sei, dann aber solle man sich ständig bei ihm dafür entschuldigen. Logisch sei das nicht.
(Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005). Und es ist nicht logisch. Ganz bestimmt will Gott nicht eine dauernde Entschuldigung für Begabungen, die er selbst gegeben hat. Und wenn einer überheblich ist, dann der Pastor selbst, der auch nicht im Ansatz Karl Friedrich folgen kann. Denn ein Kind, wie Karl Friedrich, das mit drei Jahren die Lohnabrechnung seines Vaters korrigiert, das in der Grundschule bereits universitäre mathematische Fragen löste, ist ein Wunder. Und ich kenne viele Eltern, die weitaus kleinere Begabungen ihrer Kinder davon überzeugen, ihr Kind ist ein Genie, allen anderen weit überlegen. Tragisch ist daran: Dass die Hoffnungen sich gründen auf dem Gefühl, dies Kind wird sich behaupten, weil es anderen überlegen ist, sich schon jetzt hervortut. Das wirft einen Schatten auf das Wunder, wenn man zusehen kann, wie ein kleiner Mensch sich entfaltet, das Sprechen, das Denken lernt, sich freut an seinen Ideen und Fragen ohne Ende stellt.
Ein Mensch, der seine Gaben entfalten kann, ist ein Glück. Sie zu kultivieren ist eine Herausforderung. Wenn man sich nur einmal vorstellt, wie viele Gedanken, Ideen der Menschheit verloren gegangen sind, weil niemand sie hören wollte, sie nie veröffentlicht wurden, sie nicht entfaltet werden konnten, weil die Eltern kein Schuldgeld zahlen konnten, weil es sich sowieso nicht lohnte, Mädchen zur Schule zu schicken, studieren zu lassen. Heute allein daran zu denken, wie viele Kinder hochbegabt in Kriegs- und Elendsgebieten keine Chance haben, zu lernen, ihre Gedanken mitzuteilen, mitzuhelfen, mitzuwirken.
Wir aber brauchen ihre Gedanken, ihre Begabungen, ihre Weisheit, ihre Stärke. Bildung zu ermöglichen, ist da nicht einfach nur ein humanitärer Akt. Es ist eine Voraussetzung, damit diese Welt als ganze eine menschliche wird.
Mit großer Sorge sehen wir alle, was der Karikaturenstreit auslöst. Da ist man am Ende mit seiner Weisheit. Aber ganz deutlich ist zu sehen, wohin es führt, wenn einer sich über den anderen erhebt. Und der Hochmut, die Überheblichkeit regiert auf beiden Seiten: Das Gefühl der Überlegenheit im aufgeklärten Westen, denn wir können unterscheiden. Nur, wo wird unterschieden zwischen Vorläufigem und Ewigem, wenn es an Weisheit fehlt und dem Respekt, niemals zu verletzen, was einem anderen heilig ist?
Aber auf der anderen Seite: Was sind das für Machthaber, die die Massen aufputschen und in einen Taumel von Überlegenheit hineinreißen? Wo jede Beleidigung zur Lust wird, weil es einem das Recht gibt, anderen den Krieg zu erklären und jedes Maß zu verlieren? Da ist man mit seiner Weisheit am Ende und kommt mit Stärke nicht weiter, und mit keinem Geld der Welt kann man sich freikaufen.
Aber da fängt ein Wort an, wie das von Jeremia, zu sprechen: Es ist ein Gott, der euch alle geschaffen hat. Niemand erhebe sich über den anderen. Sehr schlicht ist der Gedanke, und verbindet doch alle Religionen: Es ist ein Gott, der Schöpfer aller Menschen. In ihm sind alle verbunden mit ihren Gaben und Fähigkeiten. Von Gott her wird jeder notwendig gebraucht. Von Gott her ist es Sünde, andere zu unterdrücken, sich über andere zu erheben.
Schaut man in den hebräischen Text, und sucht nach der Bedeutung von "sich erheben", "sich rühmen", dann steht da "lo hithallel", das heißt, kein Mensch soll sich selbst das "hallal" singen. Es heißt "Hallelja". Lobt Gott und schreibt seinen Namen groß an den Himmel. Kein Mensch, sondern Gott allein soll unter euch leuchten wie die Sonne. Sing Gott das Halleluja, so schön du kannst, und du findest in ihm das richtige Maß: Sich zu freuen an allem, was dir gegeben ist, Lust zu bekommen, es zu vermehren, es zu entfalten, es einzubringen. Gott das Halleluja zu singen, das macht dich selbst groß, denn du trittst ein in einen großen wunderbaren Zusammenhang. Gott hält diese Welt zusammen und hat jeden Menschen geschaffen. Und Weisheit und Stärke und Reichtum werden zum Segen, wenn du sie verbindest mit dem, was Gott noch mehr zueigen ist,- nämlich barmherzig zu sein und Recht und Gerechtigkeit zu üben auf Erden. Das heißt nichts anderes, als hineinzuwachsen in eine Liebe zu allen Menschen. Davon zu träumen, darauf zu hoffen, dafür zu beten, und zu tun was an dir ist, das diese Welt ein gutes Zuhause sei für alle Menschen, und alle ein Leben haben, zu dem sie ja sagen können. Und der Friede Gottes, der alles was wir über den Frieden zu denken wagen, weit übersteigt, der bewahre und behüte unsere Herzen und Sinne.
Amen
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