Mit zwei Söhnen und einem Vater beginnt eine Parabel auf unser Leben,
die nur das Lukasevangelium erzählt, die aber überall spielt. Zwei
Söhne, zwei Brüder, zwei Kinder... Wer das im biblischen Zusammenhang
hört, denkt vermutlich gleich an bekannte biblische Brüder oder
auch Geschwister: an Kain und Abel, die ersten Brüder - jenseits von
Eden, das „Urmuster zwischenmenschlicher Konflikte“ .
Da ergrimmte Kain ... heißt es im Ur-Muster. Kain konnte es nicht gut
sein lassen, dass sein Bruder Abel Erfolg hatte. Finster senkte er seinen
Blick....
Zwei Brüder: Jakob und Esau und der Kampf um die Erstgeburtsrechte.
Zwei Brüder und eine Schwester: Mose, Aaron und Mirjam – oft vergessene
Schwester zweier nicht immer großer und starker Brüder.
Zwei Brüder, die um die Liebe des Vaters ringen: Isaak und Ismael
Zwei Schwestern und ein Ehemann: Rahel und Lea für Jakob
Geschwisterkonkurrenz auch unter vielen - erzählt bei Josef und seinen
Brüdern
Ein Vater – oder eine Mutter – und zwei Kinder: Wer so anfängt,
erinnert an diesen Urkonflikt zwischen Brüdern.
Der Jüngere sagt zu seinem Vater:
„Gib mir, Vater, den Anteil am Besitz, der mir zufällt. Und er
teilte sein Vermögen unter sie.“
Was hier mit „Vermögen“ übersetzt wird, heißt im
Urtext „bios“. Wörtlich: Leben.
Der jüngere Sohn erhält also die Mittel, die man zum Leben braucht.
Es geht ums Geld in der Geschichte, aber nicht nur. Erbe, das bedeutet auch,
dass eine Generation der anderen etwas hinterlässt, etwas weitergibt,
damit die Kinder gut ausgestattet sind fürs Leben. Da geht es um Werte,
um Ziele, um Lebensvorstellungen. Was vererben wir da unseren Kindern? Was
geben wir ihnen mit, auf ihrem Weg, für ihren Weg?
Wenn dein Kind dich morgen fragt..., das war das Motto des Kirchentages in
Hannover vor zwei Wochen. Was ist mir wichtig im Leben? Was halte ich für
gut und richtig, so dass ich es als nachfolgenswert halte? Vor allem: was
für religiöse Gedanken tragen mich und sollen auch meine Kinder
tragen? Welche Antworten habe ich, damit ich den Kindern ein Lebensgerüst
anbieten kann für Freud und Leid?
Erbe ist mehr als nur Geld, das wir angespart haben. Zum Erbe gehört
die Prägung auch dazu. Und – damit kommt jetzt auch die soziale
Dimension mit ins Spiel – was hinterlassen wir gesellschaftlich unseren
Kindern.
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Und er teilte sein Vermögen unter ihnen. Wieviel, wissen wir nicht.
Doch allzu viel wird es nicht gewesen sein, denn der ältere Sohn arbeitet
selbst auf dem Feld mit. Dass der jüngere Bruder sich sein Erbteil auszahlen
lässt, wie wir heute sagen würden, ist nichts Verwerfliches. Auch
wenn der ältere Bruder dachte: „Für mich ist der gestorben.“
„Und nicht lange danach packte der jüngere Sohn alles zusammen
und zog in ein fernes Land.“
So schnell wie möglich scheint er weg zu wollen, der kleine Bruder.
Umgehend packt er seine sieben Sachen. Motto: „Ich will hier raus!“
Warum? Das können wir nur vermuten. Das Zusammenleben mit Bruder und
Vater, - das war nicht sein Leben, nicht nach seinen Vorstellungen... Heraus
wollte er – in die Freiheit! Ins richtige Leben, dorthin, wo was los
ist, wo es boomt, wo Party ist und Action. Und ich vermute, er wollte nicht
immer nur der Zweite sein. Er wollte nicht immer nur arbeiten wie die
Tagelöhner und den ach so ordentlichen, tollen, großen Bruder
ertragen, der die Gebote und Verbote des Vaters stets achtete und einhielt!
Nein: leben wollte er, der kleine Bruder. Wir wissen nicht, wonach er sich
gesehnt hat, wovon junge Leute damals, zur Zeit Jesu, geträumt haben.
Ob es teure Klamotten waren oder ein Pferd oder einfach genug Geld, um mit
Freunden fröhlich sein zu können in einem Gasthaus oder in einer
Taverne. Das Erbe, sei es das Geld, seien es die Werte – sie scheinen
gleichgültig zu sein. Den eigenen Weg will er suchen, aus dem Vollen
schöpfen und dabei geht alles verloren. Das Geld wird alle und vieles
von dem, was die Älteren mitgegeben haben, geht den Bach runter.
Der große Bruder wird ihm später vorwerfen, er habe das
„Vermögen“ des Vater „mit Huren verschlungen.“ Denkbar
ist das. Vielleicht hat der ältere Bruder das aber auch nur im Zorn
gesagt, um den Vater zu provozieren. Doch das Traurige für mich ist
nicht, dass er das Geld verliert, sondern seine Träume. Ziemlich drastisch
erzählt Jesus, wie es weiter geht: „Er brachte sein Vermögen
durch mit Prassen. Als er nun alles verbraucht hatte, kam eine große
Hungersnot über jenes Land, und er geriet in Not und ging und
hängte sich an einen Bürger jenes Landes. Der schickte ihn auf
seinen Acker, um die Schweine zu hüten. Und ihn verlangte, seinen Bauch
mit den Schoten zu füllen, die die Schweine fraßen. Doch niemand
gab sie ihm.“
Auch das noch: Eine Hungersnot und Arbeitslosigkeit. Wenn´s kommt, kommt
aber auch immer noch was dazu! Der einzige Job, den er kriegen kann, ist
ein Drecksjob: Schweine hüten. Das war damals das allerletzte, was man
machte. Schweine waren unreine Tiere, sie zu hüten also Aufgabe derer,
die wirklich völlig am Ende waren. Es gab bei uns mal eine Zeit, da
waren das die Müllfahrer. Glücklicherweise ist das nicht mehr so.
Der Mann ist am Ende. Und er ist in so großer Not, dass er dazu bereit
ist. Schweinefraß - das war´s, wonach er sich sehnt.
Schweinefraß: irgendwelche Nahrungsreste, aber auch „Reste gepresster
Oliven oder gepresster Trauben, mit Gras gemischt“. Na denn guten Appetit!
Denken Sie vielleicht. Aber: moderne Gelehrte meinen, nicht nur die Tiere
hätten sich von dieser Pampe ernährt, auch die einfachen Menschen
hätten davon gegessen - verfeinert mit ein paar Kichererbsen,
Erdnüssen oder Pistazienkernen. Doch er jedenfalls bekam nichts vom
Olivenreste-Grasbrei. Sein Hunger nach Leben hatte sich in ganz
gewöhnlichen Hunger verwandelt, in das Bauchgrimmen vor Hunger, in den
Mangel am Allernötigsten: Brot. Der Traum vom richtigen Leben - von
den Schweinen gefressen!
Am Ende ist er. Und da beginnt er ganz neu über sein Leben nachzudenken.
Warum müssen wir immer erst an einen Endpunkt kommen, immer erst ganz
runter bis in die Knie, bis wir merken, dass wir uns verrannt haben. Ich
erlebe das bei mir selber leider auch immer wieder. Da mache ich immer wieder
die gleichen doofen Fehler, bis ich feststellen muss: so geht das doch gar
nicht. Warum habe ich es denn nicht eher gemerkt, wieder einmal verzettelt,
wieder einmal in die alte Falle gestürzt. Und ich denke, jede von uns
könnte Beispiele aus ihrem und seinem Leben nennen, wo wir an solche
END – und WENDE - Punkte gekommen sind.
Es ist traurig, dass wir meinen, wir könnten alles selber in die Hand
nehmen, das Leben aus uns selber heraus wunderbar gestalten. Und dann merken
wir leider sehr spät, dass es nicht so geht, wie wir uns das vorgestellt
haben.
Er, der heraus wollte, heraus aus dem väterlichen Betrieb, und ich vermute:
heraus aus sich selbst, - der geht nun in sich. Er macht sich nichts mehr
vor. Er ist unten - am Boden. „In sich gehn“ - der erste Schritt
jener Bewegung, die wir „Umkehr“ nennen oder „Buße“,
der erste Schritt, dem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben.
Der Hunger veränderte sein Denken. „Da kam er zur Einsicht.“
In einem Gespräch mit sich selbst, erinnert er sich an die Grunderfahrungen
seiner Kindheit: Da war doch was: die Tagelöhner beim Vater haben zu
essen und zu trinken. Ihre Grundbedürfnisse werden befriedigt. Und er
entwickelt eine ganz realistische Idee:
Meine Kindschaft, mein Recht, nach Vater und Mutter zu rufen und sie zu bitten
habe ich aufs Spiel gesetzt und wohl verloren, aber vielleicht bekomme ich
die Chance bei ihm als ein Tagelöhner mein Leben in die Hand zu nehmen.
Nicht Selbstmitleid, nicht Bejammerung, nicht der Ruf nach dem Staat, sondern
das eigene Nachdenken, das Sich-zurück-Besinnen führte dazu, dass
der Mann sein Leben neu ordnen konnte. Seine Eigeninitiative führt auf
einen neuen Weg.
Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater,
ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht
mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Mach´ mich zu einem deiner
Tagelöhner.“ Das Leben der Tagelöhner zu Hause kannte er.
Sie lebten am Rande des Existenzminimums, aber immerhin: hungern mussten
sie nicht.„Brot in Hülle und Fülle“ - nein, das sicher
nicht, in der Erinnerung des Schweinehirten jedoch fühlte es sich verlockend
und verheißungsvoll an ....
Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Das will er dem Vater
sagen. Wie oft wird er sich den Satz vorgesagt haben? Er macht sich nichts
mehr vor. Er entschuldigt sein Verhalten auch nicht. In seinen Augen gibt
es keine Entschuldigung. „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel
und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn
heiße.“
Wie tief muss man fallen, um das sagen zu können? Selig sind, die ganz
schön arm dastehen vor Gott und es wissen, ihnen gehört der Himmel.
Das ist die Wende! Erst die Einsicht und dann der Weg zurück: „Und
er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit weg war,
sah ihn sein Vater und hatte Erbarmen mit ihm. Er lief ihm entgegen und
fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“
Als hätte er Jahre lang nichts anderes getan, als auf den verlorenen
Sohn zu warten und nach ihm Ausschau zu halten, läuft der Vater dem
Sohn entgegen. Läuft, rennt! Und umarmt den Sohn! Und überhäuft
ihn mit Küssen! Wie peinlich! Denken wir vielleicht heute. Vor zweitausend
Jahren, zumal im Nahen Osten und in einer patriarchalischen Gesellschaft,
durften solche Gefühle unter Männern offen gezeigt werden. Der
Vater begrüßt, umarmt und küsst den verloren Geglaubten,
und das alles bevor der seinen schweren Satz „ ... ich bin nicht mehr
wert ...“ überhaupt los werden konnte.
Ich vermute: die Väter unseres Glaubens hatten diese Szene vor Augen,
als sie das Handeln Gottes als „vorauseilende Gnade“ beschrieben.
Mit nichts, mit gar nichts hat der heimkehrende Sohn die Küsse des Vaters
verdient. „Unwiderstehlich“(Jean Calvin) ist die Freude des Vaters.
Und die Gnade Gottes. Der Kleine lässt sich umarmen und küssen.
Und mehr als das: er sagt zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen
den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn
heiße.“
Aber der Vater sagte zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand
her und zieht es ihm an und steckt ihm einen Ring an den Finger und zieht
ihm Schuhe an und bringt das Kalb her, das wir gemästet haben, und
schlachtet´s, lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein
Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist
wiedergefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“
Der Vater macht mit allen Mitteln deutlich: du bist mein Sohn, kein
Tagelöhner, du bist in die Familie wieder aufgenommen. Und der Sohn?
Ich denke, er kann kaum fassen, was geschieht und ist überwältigt
von soviel Liebe. Und er lässt es zu! Er schüttelt die Umarmung
nicht ab, sondern lässt es zu, geliebt zu werden. Er wehrt die Liebe
nicht ab, sondern nimmt die Zuneigung an. Er lässt es zu, als
Sohn angesehen und angesprochen zu werden. Er, der tot war, am Boden, er
kann sich nicht selber wieder lebendig machen, aber er wird ins Leben gerufen.
Er, der aufgebrochen ist, um sich selbst zu finden, findet sich, in dem er
gefunden wird.
„Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ Hier könnte Jesus
sein Gleichnis enden lassen. Es wäre eine schöne Geschichte und
ein gutes Ende hätte sie auch, die Geschichte vom liebenden Vater.
Wir Menschen gehen in die Irre, wir werden schuldig vor Gott und Menschen,
wir sind keine Wesen, die alles richtig machen und darin gut dastehen. Wir
leben in begrenzten Möglichkeiten. Doch wir stehen einem Gott
gegenüber, der uns dennoch annimmt, der uns liebt. Das heißt nicht,
dass er den Irrweg gut findet, ganz gewiss nicht, aber er nimmt uns an, weil
wir ihm zu jeder Zeit am Herzen liegen. Wir sind und bleiben Gottes Kinder,
deshalb dürfen wir zu ihm auch immer wieder zurückkehren und Gott
wird mit offenen Armen dastehen. Das dürfen wir als persönliche
Gewissheit aus dieser Geschichte heraushören.
Aber jeder von uns, der Geschwister hat oder Kinder oder Familien kennt,
weiß, dass es so nicht zu Ende sein kann. Denn der erste Sohn, der
ältere ist ja auch noch da. Mit all seinen Gefühlen: Mit Zorn,
dass der andere es sich leichter machen wollte, dass er das Vermögen
herausgezogen hat, dass er es verprasst hat, dass er faul war und in der
Sonne liegen und feiern konnte, aber auch mit einem Teil Erleichterung, den
Vater/die Eltern für sich allein zu haben.
Doch dann kommt der Vater und sagt: Du hast alles bei mir. Du warst und bist
immer mein Sohn. Warum ärgerst du dich, dass ich deinen Bruder mit Freuden
empfange. Nehme ich dir dadurch etwas? Es ist doch jetzt wichtig ist, dass
dieser seine Achtung wieder findet, dass er – der tot war, der nichts
mehr zum Leben hatte, weil alles nicht wirklich zum Leben taugte – dass
er wieder da ist, dass er wieder etwas in die Hand bekommt, dass er leben
kann.
Ich kann den Ärger des älteren Sohnes so gut verstehen. ER ist
mir so vertraut. Er bleibt und tut und macht, aber er spürt nicht die
Anerkennung. Möglich, dass der Vater ihn immer auch geliebt hat, aber
ein Fest gab es nicht.
Doch der Vater erklärt: es geht doch gar nicht um dich oder um den
Vergleich: du ärgerst dich, weil jemand etwas scheinbar besseres
erhält, mehr erhält, als du, obwohl du alles hast. Du bist die
ganze Zeit bei mir gewesen. Ich konnte dir meine Liebe immer zeigen und geben,
aber er war weg! Wie schön ist es sich zu freuen, dass er wieder da
ist, dass sein Leben wieder Sinn und Ziel hat. Statt dessen denkst du an
dich und fühlst dich zurückgesetzt..
Der Vater gibt dem Leben eines jeden Sohnes eine Chance. Und Gott gibt dem
Leben jedes seiner Kinder immer wieder eine Chance und zwar mit Freude und
Fröhlichkeit und nicht mit Meckern und schlechter Laune. Und ich denke,
das können wir auch gut tun: mit Freude und Fröhlichkeit das anzunehmen
und als gut anzusehen, was wir erreicht haben, es zu würdigen und verbessern
und eben nicht immer nur zu schimpfen und zu meckern, Fehler aufzudecken
und andere Menschen noch tiefer in den Dreck zu stoßen. Unser
Gottesvater/Gottesmutter geht einen anderen Weg, einen Weg der uns den Blick
öffnet für ein gutes und reiches Leben.
Hat der Ältere schließlich mitgefeiert und -gegessen, mitgetanzt
und -gesungen?
Jesus lässt das in seinem Gleichnis offen. So bleibt es für uns
alle eine offene Einladung, mitzufeiern und zu tanzen, mitzusingen und zu
essen, wenn überwältigendes Glück geschenkt wird. Anderen
oder uns selbst.
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