St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Predigt 12. Juni 2005

(Pastorin Heike Reimann, Keitum/Tinnum)

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

 

Mit zwei Söhnen und einem Vater beginnt eine Parabel auf unser Leben, die nur das Lukasevangelium erzählt, die aber überall spielt. Zwei Söhne, zwei Brüder, zwei Kinder... Wer das im biblischen Zusammenhang hört, denkt vermutlich gleich an bekannte biblische Brüder oder auch Geschwister: an Kain und Abel, die ersten Brüder - jenseits von Eden, das „Urmuster zwischenmenschlicher Konflikte“ .

Da ergrimmte Kain ... heißt es im Ur-Muster. Kain konnte es nicht gut sein lassen, dass sein Bruder Abel Erfolg hatte. Finster senkte er seinen Blick....

Zwei Brüder: Jakob und Esau und der Kampf um die Erstgeburtsrechte.

Zwei Brüder und eine Schwester: Mose, Aaron und Mirjam – oft vergessene Schwester zweier nicht immer großer und starker Brüder.

Zwei Brüder, die um die Liebe des Vaters ringen: Isaak und Ismael

Zwei Schwestern und ein Ehemann: Rahel und Lea für Jakob

Geschwisterkonkurrenz auch unter vielen - erzählt bei Josef und seinen Brüdern

Ein Vater – oder eine Mutter – und zwei Kinder: Wer so anfängt, erinnert an diesen Urkonflikt zwischen Brüdern.

Der Jüngere sagt zu seinem Vater:

„Gib mir, Vater, den Anteil am Besitz, der mir zufällt. Und er teilte sein Vermögen unter sie.“

Was hier mit „Vermögen“ übersetzt wird, heißt im Urtext „bios“. Wörtlich: Leben.

Der jüngere Sohn erhält also die Mittel, die man zum Leben braucht. Es geht ums Geld in der Geschichte, aber nicht nur. Erbe, das bedeutet auch, dass eine Generation der anderen etwas hinterlässt, etwas weitergibt, damit die Kinder gut ausgestattet sind fürs Leben. Da geht es um Werte, um Ziele, um Lebensvorstellungen. Was vererben wir da unseren Kindern? Was geben wir ihnen mit, auf ihrem Weg, für ihren Weg?

Wenn dein Kind dich morgen fragt..., das war das Motto des Kirchentages in Hannover vor zwei Wochen. Was ist mir wichtig im Leben? Was halte ich für gut und richtig, so dass ich es als nachfolgenswert halte? Vor allem: was für religiöse Gedanken tragen mich und sollen auch meine Kinder tragen? Welche Antworten habe ich, damit ich den Kindern ein Lebensgerüst anbieten kann für Freud und Leid?

Erbe ist mehr als nur Geld, das wir angespart haben. Zum Erbe gehört die Prägung auch dazu. Und – damit kommt jetzt auch die soziale Dimension mit ins Spiel – was hinterlassen wir gesellschaftlich unseren Kindern.

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Und er teilte sein Vermögen unter ihnen. Wieviel, wissen wir nicht. Doch allzu viel wird es nicht gewesen sein, denn der ältere Sohn arbeitet selbst auf dem Feld mit. Dass der jüngere Bruder sich sein Erbteil auszahlen lässt, wie wir heute sagen würden, ist nichts Verwerfliches. Auch wenn der ältere Bruder dachte: „Für mich ist der gestorben.“

„Und nicht lange danach packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land.“

So schnell wie möglich scheint er weg zu wollen, der kleine Bruder. Umgehend packt er seine sieben Sachen. Motto: „Ich will hier raus!“ Warum? Das können wir nur vermuten. Das Zusammenleben mit Bruder und Vater, - das war nicht sein Leben, nicht nach seinen Vorstellungen... Heraus wollte er – in die Freiheit! Ins richtige Leben, dorthin, wo was los ist, wo es boomt, wo Party ist und Action. Und ich vermute, er wollte nicht immer nur der Zweite sein. Er wollte nicht immer nur arbeiten wie die Tagelöhner und den ach so ordentlichen, tollen, großen Bruder ertragen, der die Gebote und Verbote des Vaters stets achtete und einhielt!

Nein: leben wollte er, der kleine Bruder. Wir wissen nicht, wonach er sich gesehnt hat, wovon junge Leute damals, zur Zeit Jesu, geträumt haben. Ob es teure Klamotten waren oder ein Pferd oder einfach genug Geld, um mit Freunden fröhlich sein zu können in einem Gasthaus oder in einer Taverne. Das Erbe, sei es das Geld, seien es die Werte – sie scheinen gleichgültig zu sein. Den eigenen Weg will er suchen, aus dem Vollen schöpfen und dabei geht alles verloren. Das Geld wird alle und vieles von dem, was die Älteren mitgegeben haben, geht den Bach runter.

Der große Bruder wird ihm später vorwerfen, er habe das „Vermögen“ des Vater „mit Huren verschlungen.“ Denkbar ist das. Vielleicht hat der ältere Bruder das aber auch nur im Zorn gesagt, um den Vater zu provozieren. Doch das Traurige für mich ist nicht, dass er das Geld verliert, sondern seine Träume. Ziemlich drastisch erzählt Jesus, wie es weiter geht: „Er brachte sein Vermögen durch mit Prassen. Als er nun alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er geriet in Not und ging  und hängte sich an einen Bürger jenes Landes. Der schickte ihn auf seinen Acker, um die Schweine zu hüten. Und ihn verlangte, seinen Bauch mit den Schoten zu füllen, die die Schweine fraßen. Doch niemand gab sie ihm.“

Auch das noch: Eine Hungersnot und Arbeitslosigkeit. Wenn´s kommt, kommt aber auch immer noch was dazu! Der einzige Job, den er kriegen kann, ist ein Drecksjob: Schweine hüten. Das war damals das allerletzte, was man machte. Schweine waren unreine Tiere, sie zu hüten also Aufgabe derer, die wirklich völlig am Ende waren. Es gab bei uns mal eine Zeit, da waren das die Müllfahrer. Glücklicherweise ist das nicht mehr so. Der Mann ist am Ende. Und er ist in so großer Not, dass er dazu bereit ist. Schweinefraß - das war´s, wonach er sich sehnt.

Schweinefraß: irgendwelche Nahrungsreste, aber auch „Reste gepresster Oliven oder gepresster Trauben, mit Gras gemischt“. Na denn guten Appetit! Denken Sie vielleicht. Aber: moderne Gelehrte meinen, nicht nur die Tiere hätten sich von dieser Pampe ernährt, auch die einfachen Menschen hätten davon gegessen - verfeinert mit ein paar Kichererbsen, Erdnüssen oder Pistazienkernen. Doch er jedenfalls bekam nichts vom Olivenreste-Grasbrei. Sein Hunger nach Leben hatte sich in ganz gewöhnlichen Hunger verwandelt, in das Bauchgrimmen vor Hunger, in den Mangel am Allernötigsten: Brot. Der Traum vom richtigen Leben - von den Schweinen gefressen!

Am Ende ist er. Und da beginnt er ganz neu über sein Leben nachzudenken. Warum müssen wir immer erst an einen Endpunkt kommen, immer erst ganz runter bis in die Knie, bis wir merken, dass wir uns verrannt haben. Ich erlebe das bei mir selber leider auch immer wieder. Da mache ich immer wieder die gleichen doofen Fehler, bis ich feststellen muss: so geht das doch gar nicht. Warum habe ich es denn nicht eher gemerkt, wieder einmal verzettelt, wieder einmal in die alte Falle gestürzt. Und ich denke, jede von uns könnte Beispiele aus ihrem und seinem Leben nennen, wo wir an solche END – und WENDE - Punkte gekommen sind.

Es ist traurig, dass wir meinen, wir könnten alles selber in die Hand nehmen, das Leben aus uns selber heraus wunderbar gestalten. Und dann merken wir leider sehr spät, dass es nicht so geht, wie wir uns das vorgestellt haben.

Er, der heraus wollte, heraus aus dem väterlichen Betrieb, und ich vermute: heraus aus sich selbst, - der geht nun in sich. Er macht sich nichts mehr vor. Er ist unten - am Boden. „In sich gehn“ - der erste Schritt jener Bewegung, die wir „Umkehr“ nennen oder „Buße“, der erste Schritt, dem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben.

Der Hunger veränderte sein Denken. „Da kam er zur Einsicht.“ In einem Gespräch mit sich selbst, erinnert er sich an die Grunderfahrungen seiner Kindheit: Da war doch was: die Tagelöhner beim Vater haben zu essen und zu trinken. Ihre Grundbedürfnisse werden befriedigt. Und er entwickelt eine ganz realistische Idee:

Meine Kindschaft, mein Recht, nach Vater und Mutter zu rufen und sie zu bitten habe ich aufs Spiel gesetzt und wohl verloren, aber vielleicht bekomme ich die Chance bei ihm als ein Tagelöhner mein Leben in die Hand zu nehmen.

Nicht Selbstmitleid, nicht Bejammerung, nicht der Ruf nach dem Staat, sondern das eigene Nachdenken, das Sich-zurück-Besinnen führte dazu, dass der Mann sein Leben neu ordnen konnte. Seine Eigeninitiative führt auf einen neuen Weg.

Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Mach´ mich zu einem deiner Tagelöhner.“ Das Leben der Tagelöhner zu Hause kannte er. Sie lebten am Rande des Existenzminimums, aber immerhin: hungern mussten sie nicht.„Brot in Hülle und Fülle“ - nein, das sicher nicht, in der Erinnerung des Schweinehirten jedoch fühlte es sich verlockend und verheißungsvoll an ....

Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Das will er dem Vater sagen. Wie oft wird er sich den Satz vorgesagt haben? Er macht sich nichts mehr vor. Er entschuldigt sein Verhalten auch nicht. In seinen Augen gibt es keine Entschuldigung. „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“

Wie tief muss man fallen, um das sagen zu können? Selig sind, die ganz schön arm dastehen vor Gott und es wissen, ihnen gehört der Himmel. Das ist die Wende! Erst die Einsicht und dann der Weg zurück: „Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit weg war, sah ihn sein Vater und hatte Erbarmen mit ihm. Er lief ihm entgegen  und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“

Als hätte er Jahre lang nichts anderes getan, als auf den verlorenen Sohn zu warten und nach ihm Ausschau zu halten, läuft der Vater dem Sohn entgegen. Läuft, rennt! Und umarmt den Sohn! Und überhäuft ihn mit Küssen! Wie peinlich! Denken wir vielleicht heute. Vor zweitausend Jahren, zumal im Nahen Osten und in einer patriarchalischen Gesellschaft, durften solche Gefühle unter Männern offen gezeigt werden. Der Vater begrüßt, umarmt und küsst den verloren Geglaubten, und das alles bevor der seinen schweren Satz „ ... ich bin nicht mehr wert ...“ überhaupt los werden konnte.

Ich vermute: die Väter unseres Glaubens hatten diese Szene vor Augen, als sie das Handeln Gottes als „vorauseilende Gnade“ beschrieben. Mit nichts, mit gar nichts hat der heimkehrende Sohn die Küsse des Vaters verdient. „Unwiderstehlich“(Jean Calvin) ist die Freude des Vaters. Und die Gnade Gottes. Der Kleine lässt sich umarmen und küssen. Und mehr als das: er sagt zu ihm:  Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“

Aber der Vater sagte zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und steckt ihm einen Ring an den Finger und zieht ihm Schuhe an und bringt das Kalb her, das wir gemästet haben, und schlachtet´s, lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“

Der Vater macht mit allen Mitteln deutlich: du bist mein Sohn, kein Tagelöhner, du bist in die Familie wieder aufgenommen. Und der Sohn? Ich denke, er kann kaum fassen, was geschieht und ist überwältigt von soviel Liebe. Und er lässt es zu! Er schüttelt die Umarmung nicht ab, sondern lässt es zu, geliebt zu werden. Er wehrt die Liebe nicht ab, sondern nimmt die Zuneigung an. Er lässt es zu,  als Sohn angesehen und angesprochen zu werden. Er, der tot war, am Boden, er kann sich nicht selber wieder lebendig machen, aber er wird ins Leben gerufen. Er, der aufgebrochen ist, um sich selbst zu finden, findet sich, in dem er gefunden wird.

„Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ Hier könnte Jesus sein Gleichnis enden lassen. Es wäre eine schöne Geschichte und ein gutes Ende hätte sie auch, die Geschichte vom liebenden Vater.

Wir Menschen gehen in die Irre, wir werden schuldig vor Gott und Menschen, wir sind keine Wesen, die alles richtig machen und darin gut dastehen. Wir leben in begrenzten Möglichkeiten. Doch wir stehen einem Gott gegenüber, der uns dennoch annimmt, der uns liebt. Das heißt nicht, dass er den Irrweg gut findet, ganz gewiss nicht, aber er nimmt uns an, weil wir ihm zu jeder Zeit am Herzen liegen. Wir sind und bleiben Gottes Kinder, deshalb dürfen wir zu ihm auch immer wieder zurückkehren und Gott wird mit offenen Armen dastehen. Das dürfen wir als persönliche Gewissheit aus dieser Geschichte heraushören.

Aber jeder von uns, der Geschwister hat oder Kinder oder Familien kennt, weiß, dass es so nicht zu Ende sein kann. Denn der erste Sohn, der ältere ist ja auch noch da. Mit all seinen Gefühlen: Mit Zorn, dass der andere es sich leichter machen wollte, dass er das Vermögen herausgezogen hat, dass er es verprasst hat, dass er faul war und in der Sonne liegen und feiern konnte, aber auch mit einem Teil Erleichterung, den Vater/die Eltern für sich allein zu haben.

Doch dann kommt der Vater und sagt: Du hast alles bei mir. Du warst und bist immer mein Sohn. Warum ärgerst du dich, dass ich deinen Bruder mit Freuden empfange. Nehme ich dir dadurch etwas? Es ist doch jetzt wichtig ist, dass dieser seine Achtung wieder findet, dass er – der tot war, der nichts mehr zum Leben hatte, weil alles nicht wirklich zum Leben taugte – dass er wieder da ist, dass er wieder etwas in die Hand bekommt, dass er leben kann.

Ich kann den Ärger des älteren Sohnes so gut verstehen. ER ist mir so vertraut. Er bleibt und tut und macht, aber er spürt nicht die Anerkennung. Möglich, dass der Vater ihn immer auch geliebt hat, aber ein Fest gab es nicht.

Doch der Vater erklärt: es geht doch gar nicht um dich oder um den Vergleich: du ärgerst dich, weil jemand etwas scheinbar besseres erhält, mehr erhält, als du, obwohl du alles hast. Du bist die ganze Zeit bei mir gewesen. Ich konnte dir meine Liebe immer zeigen und geben, aber er war weg! Wie schön ist es sich zu freuen, dass er wieder da ist, dass sein Leben wieder Sinn und Ziel hat. Statt dessen denkst du an dich und fühlst dich zurückgesetzt..

Der Vater gibt dem Leben eines jeden Sohnes eine Chance. Und Gott gibt dem Leben jedes seiner Kinder immer wieder eine Chance und zwar mit Freude und Fröhlichkeit und nicht mit Meckern und schlechter Laune. Und ich denke, das können wir auch gut tun: mit Freude und Fröhlichkeit das anzunehmen und als gut anzusehen, was wir erreicht haben, es zu würdigen und verbessern und eben nicht immer nur zu schimpfen und zu meckern, Fehler aufzudecken und andere Menschen noch tiefer in den Dreck zu stoßen. Unser Gottesvater/Gottesmutter geht einen anderen Weg, einen Weg der uns den Blick öffnet für ein gutes und reiches Leben.

Hat der Ältere schließlich mitgefeiert und -gegessen, mitgetanzt und -gesungen?

Jesus lässt das in seinem Gleichnis offen. So bleibt es für uns alle eine offene Einladung, mitzufeiern und zu tanzen, mitzusingen und zu essen, wenn überwältigendes Glück geschenkt wird. Anderen oder uns selbst.

 
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