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Keitumer Predigten 12. November 2006
(Pastor Klaus Eulenberger, Mentor am nordelbischen Predigerseminar)
Gottesdienst am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres in St. Severin, Keitum
- Hiob 14,1-17 -
Liebe Gemeinde!
Ich werde nichts tun, als eine Tür zu öffnen. Wenn Sie können, gehen Sie mit mir hindurch und betreten Sie den Raum eines Textes. Der Raum ist markiert durch Schmerz, Aufbegehren und Verlangen. Ich lese, nur um wenige Verse gekürzt, das 14. Kapitel des Buches Hiob in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, vor wenigen Wochen erst erschienen, gekennzeichnet unter anderem durch das Bemühen, den fremden hebräischen Text genauer ins Deutsche zu bringen, ihm also mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. So klingt es dort:
"Der Mensch, geboren von einer Frau, kurz an Tagen und satt an Unrast …"
Nun sind wir drin in diesem Raum, versuchen uns zu orientieren. Vielleicht haben sich einzelne Wendungen beim Hören eingeprägt, oder es ist mehr ein Empfinden, eine Stimmung, die uns anrührt. Wer im Buch Hiob liest, bleibt selten unbehelligt. Hiob, der Geschlagene, streitet ja mit Gott, ergibt sich nicht in ein böses Schicksal, das ihm wie eine Strafe vorkommt - aber eine Strafe wofür?! Er will es wissen, fordert Rechenschaft und Gerechtigkeit von Gott, legt sich mit ihm an, gibt sich mit den beschwichtigenden Auskünften seiner Freunde nicht zufrieden. Dem lange schweigenden Gott hält er vor, was wir gehört haben. Ich gehe mit Ihnen von einer Markierung zur nächsten, vom Schmerz zum Aufbegehren und weiter zum Verlangen.
I.
Der Mensch, geboren von einer Frau,
kurz an Tagen und satt an Unrast.
Wie eine Blume geht er auf und welkt,
flieht wie ein Schatten und hat keinen Bestand.
Doch noch über den hältst du deine Augen auf,
und mich bringst du ins Gericht mit dir.
Wer gäbe es, dass rein aus unrein kommt,
kein Einziger, keine Einzige!
Wenn die Tage eines Menschen fest beschlossen sind,
liegt die Zahl seiner Monate bei dir;
du hast seine Grenzen markiert und er überschreitet sie nicht.
Blick weg von ihm und er könnte aussetzen,
dass er sich wie ein Tagelöhner seines Tages freuen kann.
"Ich vergehe! Ich leb ja nicht ewig." So sagt Hiob an anderer Stelle (7,16). Hier ist es ausgeführt, eindringlich anschaulich gemacht: kurz an Tagen und satt an Unrast ist der Mensch, eine vergehende Blüte, ein fliehender Schatten. Und dann der Hinweis auf den unendlichen Abstand zwischen Schöpfer und Geschöpf: Die Tage eines Menschen sind von Gott fest beschlossen, und der Mensch kann diese Grenze nicht überschreiten. Aber zugleich behält Gott dieses Hauchwesen genau im Blick, entlässt es nicht aus seiner Kontrolle, ja er unterwirft es seinem Gericht. Wie absurd ist das! sagt Hiob. Kann denn ein flüchtiger Schatten, eine welkende Blume dem kritischen Blick des Ewigen standhalten, der alles gemacht hat? Ist die mindeste Voraussetzung für das strenge Gericht überhaupt erfüllt, nämlich: dass die Geprüften wählen können zwischen Schuld und Unschuld? "Wer gäbe es", fragt Hiob (als ob eine Instanz existierte, die das könnte!), "wer gäbe es, dass rein aus unrein kommt?" Wer immer Leben hervorbringt, meint Hiob, ist ja immer schon unrein, prinzipiell ungenügend, beteiligt daran, Böses hervorzubringen, selbst wenn es nicht gewollt ist, nicht in der Lage, nicht schuldig zu werden. Und diese Kette wird nie unterbrochen. Wer gäbe es, dass rein aus unrein kommt? fragt Hiob und denkt dabei: Nicht einmal du, Gott, kannst es geben. Hast du es vergessen, weißt du es nicht?
Das ist der Schmerz, den Hiob ausspricht für sich und für viele: Unsere Tage sind wie ein Hauch, und dennoch müssen wir uns verantworten. Wir haben nicht die Möglichkeit, nicht schuldig zu werden, und dennoch ist es nicht gleichgültig, ob wir das eine oder das andere tun. Der Schmerz verbindet sich mit Angst. Wenn du mich wenigstens in Ruhe ließest, sagt Hiob zu Gott. Dann wäre mir wie einem Tagelöhner, der einmal nicht kontrolliert würde, der einmal täte, wozu er Lust hat: nichts. Und sich seines Tages freuen könnte, statt unter der Knute zu sein.
II.
Dann begehrt Hiob auf gegen Gott. Er empört sich.
Ja, für einen Baum gäbe es Hoffnung;
wenn er abgehauen ist, kann er wieder ausschlagen
und seine Triebe setzen nicht aus.
Wenn auch seine Wurzel in der Erde alt wird
und sein Stumpf im Erdstaub abstirbt,
so lässt er doch vom Duft des Wassers wieder sprossen,
bringt einen Zweig hervor als ein junges Reis.
Doch stirbt ein Mann, liegt er kraftlos da,
scheidet hin ein Mensch - wo ist er dann?
Mögen Wasser aus dem Meer verschwinden,
mag auch ein Fluss versiegen und vertrocknen,
aber Menschen liegen und stehen nicht wieder auf,
bis der Himmel nicht mehr existiert, erwachen die nicht
und rütteln sich nicht auf aus ihrem Schlaf.
Heißt es nicht von dir, fragt Hiob Gott, du habest den Menschen wenig niedriger gemacht als Gott und ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk (Psalm 8)? Nun sieh dir an, was du gemacht hast. Für einen gefällten Baum gibt es Hoffnung. Sein Stumpf kann wieder ausschlagen. Wenn er Wasser riecht, treibt er Schösslinge wie eine junge Pflanze. Ein toter Mensch aber ist hin, ausgelöscht, zunichte. Eher wäre es möglich, dass ein Meer austrocknet und ein Fluss versiegt, als dass ein Toter aufstünde. Ein verzweifelter Schrei ist es, mit dem Hiob die furchtbare Endgültigkeit dieses Zustandes beklagt: "Bis der Himmel nicht mehr existiert, erwachen die (Toten) nicht und rütteln sich nicht auf aus ihrem Schlaf."
Hiob kann nicht finden, dass die Welt wohlgeordnet wäre, wie das Generationen vor ihm gefunden haben. Der Mensch geht auf wie eine Blume, ja, und für einen kurzen Augenblick ist er schön wie sie. Im Augenblick des Todes aber verliert er alles, was er hat und ist. Dahin geht er, und nichts bleibt von ihm. Wer wird noch von mir reden, wenn ich tot bin? Und was von allem wird dann mich noch betreffen? Am Ende dieser erschreckenden Rede sagt Hiob:
Die Hoffnung der Menschen machst du zunichte.
Du bezwingst sie für immer und sie gehn dahin,
mit entstellten Gesichtern schickst du sie fort.
Kommen ihre Kinder zu gewichtigem Ansehn - sie wissen's nicht;
leben sie in engen Verhältnissen - sie merken's nicht.
Schmerz fühlt ein Menschenleib nur für sich selbst,
und eine Kehle trauert nur für sich allein.
Jeder bleibt für sich, sagt Hiob. Ein Punkt in der Zeit, ein Nichts in der Welt. Hast du es so gewollt, Gott?
III.
Nun setzt Hiob zu einer Vision an. Nein: die Vision setzt an und zieht ihn mit:
Wer gäbe es, dass du mich in der Unterwelt verborgen hieltest,
mich verstecktest, bis dein Wutschnauben sich wendet,
dass du mir eine Markierung setztest und meiner gedächtest!
Wenn ein Mensch stirbt, lebt er dann wieder auf?
Alle Tage harrte ich meines Dienstes, bis meine Ablösung käme.
Du riefest und ich würde dir antworten,
nach dem Werk deiner Hände trügest du Verlangen.
Ja, jetzt zähltest du meine Schritte,
wachtest nicht über meine Verfehlung,
versiegelt wäre im Beutel meine Sünde,
und zugekittet hättest du meine Verschuldung!
"Wer gäbe es?" Ein zweites Mal diese Frage, die eine rhetorische ist und doch viel mehr will als das einverständige Kopfnicken der Angeredeten. Gäbe es doch einen, der macht, dass rein aus unrein kommt; gäbe es doch eine, die dafür sorgt, dass Gott mich vor seinem Zorn verbirgt! Was folgt, steht alles im Konjunktiv, im Modus der (unmöglichen) Möglichkeit. Es ist Traum, Phantasie, Vision. Ach, wäre es doch so. Also: Wenn Gott mich in der Unterwelt vor sich selbst versteckte, würde er nicht mich, aber meine Verfehlung vergessen. Seine Wut auf mich würde kleiner und immer kleiner, bis sie verschwunden wäre. Dann käme ein Tag, an dem sein Verlangen nach mir sich regt. Gott würde sich sehnen nach dem Werk seiner Hände, nach mir, den er gemacht hat. An diesem Tag, einem Tag der Ewigkeit, würde er nach mir rufen. Ich hörte den Ruf und gäbe Antwort, und wenn ich - nun nicht mehr voller Angst, sondern voll Zutrauen - hervorträte aus der Höhle, die mich verbarg, dann würde Gott meine Schritte zählen, jeden einzelnen von ihnen, und den Augenblick erwarten, da wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Ich würde Gott sehen, und Gott sähe mich, nicht mehr meine Schuld.
Wer gäbe es, dass dies geschieht?
IV.
"Gott, in der Ferne, beginnt aufmerksam zu werden" (Adolf Holl). Ein Ton dringt an sein Ohr, dem er sich nicht entziehen kann. Wer ist es, der so verzweifelt klagend, so kühn verführerisch zu ihm spricht? Hat er ein Recht dazu? Ist etwas daran? Hat Gott wirklich keine Wahl, als die Hoffnung der Menschen zunichte zu machen für immer und ewig? Sollte für den Menschen weniger Hoffnung sein als für einen abgehauenen Baum? Hat er, den Gott geschaffen hat zu seinem Bilde, nicht einen Anspruch darauf, auch nach den siebzig oder achtzig Jahren, die ihm zugemessen sind, angesehen zu werden, und zwar nicht nur mit Strenge und nicht mit Wutschnauben, sondern mit Nachsicht, ja in Liebe?
Einen langen Tag später bricht ein Morgen an, und einer, der tot und begraben war, tritt aus seiner Höhle. Gott hat ihn gerufen, und er hat geantwortet: Hier bin ich. Jeden seiner Schritte hat Gott gezählt: die vielen seiner Wanderung durch ein entlegenes Land, durch Dörfer und Städte, in der Wüste und am Wasser entlang, die wenigen, bitteren Schritte im Garten, wo er sich niederwarf und bat, leben zu dürfen, auch die schweren, schleppenden Schritte, mit denen er das Kreuz trug, an dem sie ihn dann aufhängten, und endlich die Schritte derer, die den Toten vom Kreuz abnahmen und zu einem Grab trugen, das in einen Felsen gehauen war.
Und um dieses auferweckten Gekreuzigten willen gibt es Hoffnung für die, die kurz an Tagen und satt an Unrast sind, die wie eine Blume aufgehen und welken, wie ein Schatten fliehen und keinen Bestand haben. Die Grenzen des Menschen sind markiert; er wird sterben, weil er geboren ist. Aber markiert ist auch ein Punkt, an dem Gott des sterblichen Menschen gedenkt in Barmherzigkeit, die Hiob vorbereitet und Christus in Gott geweckt hat. Und man wird nicht mehr sagen müssen: Menschen liegen und stehen nicht wieder auf; bis der Himmel nicht mehr existiert, erwachen die nicht. Man wird begründete Hoffnung haben, dass Gott zu denen in der Unterwelt sagt: Steh auf. Und nun klingt noch einmal anders, was wir gebetet haben: Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden. Zeig deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern. - Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns. Ja, das Werk unserer Hände wollest du fördern!
Amen
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