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Keitumer Predigten 2006
9. Sonntag Trinitatis, 13. August 2006
(Oberkirchenrätin Heide Emse)
Predigt zu Mt. 25, 14-30; 8, 5-10.13.
Gnade sei mit uns, liebe Gemeinde, und Friede von Gott, unserem Vater uns unserem Bruder Jesus Christus. Amen.
Ein düster scheinender Text war das, den wir da vorhin als Evangeliumslesung gehört haben. Ein Herr, der nach eigenem Gutdünken, ohne seine Motive durchschaubar zu machen, seine Pfunde, seine Talente ungleichmäßig verteilt, sich zurückzieht und dann, ohne vorher darauf hingewiesen zu haben, bei seiner Rückkehr erwartet, dass jeder damit gewuchert hat, sie hat arbeiten lassen. Und für den, der das nicht getan hat, gibt es eine bittere Strafe.
Was soll das - mitten im Sommer, mitten in der Urlaubszeit zwischen Sonne, Sand und Meer, Wind und Wolken? Mitten in der Zeit, wo ich eigentlich nur mit Paul Gerhardt singen möchte: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" und jubeln: "der Weizen wächst mit Gewalt, darüber jauchzet jung und alt" und feststellen: "ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinne" und dann auch bitten: "gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe". Und da sind wir vielleicht doch schon an dem Berührungspunkt: Wer sein Herz ausgehen lässt, wer sich die Zeit nehmen kann zu sehen, was da ist um ihn her an Schönheit, an Wachsen und Blühen und Fruchtbringen, an Dingen, die wirklich nur zu bestaunen sind, wer diese Zeit sich nehmen und genießen kann, der kann dann selber gar nicht mehr ruhen, der muss dann wieder selbst mit anpacken und Wachsen lassen und zum Blühen bringen mit der Arbeitskraft, mit Hilfe der Talente, mit denen er oder sie ausgestattet ist.
Denn in der Geschichte, die wir gehört haben umschreibt das griechische Wort Talent zum einen eine Geldmenge, und zwar die Menge, die bei durchschnittlichem Arbeitereinkommen ein Mensch für sein Arbeitsleben lang zum Leben für sich und seine Familie braucht. Und es beschreibt zugleich - wie in unserem Sprachgebrauch heute - die Gaben und Begabungen, Talente eben, die einem Menschen mitgegeben sind. Die sind unterschiedlich verteilt, das wird festgestellt und nicht hinterfragt, aber auch die kleinste verteilte Menge reicht, heißt das gleichzeitig, um dies Leben zu leben - für jeden. Auch die kleinste verteilte Menge reicht. Alle Vergleicherei hilft da nicht wirklich weiter. Da soll sich niemand hinstellen und sagen, der andere, die andere hat viel mehr als ich. Nein, er oder sie soll mit dem arbeiten, was ihm zur Verfügung steht, das wahrnehmen und vielleicht sogar bestaunen und nicht ruhen, es anzuwenden. Und wie man, wie Sie und ich, zu solch einer sicher nicht einfachen Haltung kommen kann, umschreibt Paul Gerhardt etwas verblüffend in seinem Sommerlied. Es geht gerade nicht durch immer neue Anstrengung und verbissenes Die-Zähne-Zusammenkneifen. Es geht durch Ausgehen, durch Wahrnehmen, was da Schönes und Bestaunenswertes ist, durch Aufhören und Loslassen und Sich-anstecken-lassen. Aufhören zu machen, zu wirbeln, zu bedenken. Interessanterweise haben im Hebräischen die Wörter für Aufhören und Loslassen und für Sabbat den gleichen Wortstamme. Es geht also darum, Sabbat zu machen - und wenn wir das schon nicht jede Woche schaffen, dann wenigstens so eine Art Jahressabbat.
Es kann wieder leichter werden in solch einem Sabbat, Gott zu ahnen als Schöpfer in seiner Schöpfung, auch als meinen Schöpfer, der mir meine Talente mitgegeben hat, und in diesem Ahnen kann die Lust wachsen, sie zu bewahren und zu hegen und zu pflegen, und an die Stelle des aus der täglichen Arbeit vertrauten Gefühls von Anspannung, Überforderung und manchmal Resignation kann wieder diese Lust treten, die singt: "Ich selber kann und mag nicht ruhn" oder den Sabbatpsalm, den wir zu Beginn gehört haben: "Das ist ein köstlich Ding, Gott danken, und lobsingen deinem Namen, du Höchster" und "Gott, du lässt mich fröhlich singen von deinen Werken, und ich rühme die Taten deiner Hände".
Immer von mir oder von uns als Einzelpersonen, die das Loslassen im Jahres-Sabbat Urlaub üben oder für sich erfahren, habe ich jetzt gesprochen und merke doch, dass da etwas nicht stimmt. Da fehlt etwas. In diesem Zusammenhang ist mir ein anderes Wort aus dem Matthäusevangelium, aus der Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum eingefallen, einem wichtigen, angesehenen Mann, der zu Jesus kommt, um ihn um Heilung für seinen Knecht zu bitten.
Ich lese sie einmal vor:
Mt.8,5-10.13
Der Hauptmann ist sich sicher, dass Jesus ihm das Gute tun kann, das er für sich und seinen Knecht braucht. Und nachdem er sein Problem vorgetragen hat und Jesus sich darauf hin bereit erklärt hat, zu ihm zu kommen, da macht er deutlich, wie sehr er der Kraft des Wortes vertraut mit seinem Satz: "Sprich nur ein Wort, dann wird mein Knecht gesund" und mit seinen anschließenden Erläuterungen.
Es war diese eine Bitte, die mir einfiel: "Sprich nur ein Wort, dann wird mein Knecht, dann wird meine Seele, dann werde ich gesund".
Loslassen und Bestaunen der Schöpfung allein reichen nicht aus; es braucht auch Menschen, Menschen, auf die ich zugehen kann, die mir zugewandt sind, und es braucht den Austausch mit ihnen, ihre Worte und meine Worte.
Denn es gibt Worte, die heilen. Sie richten auf, sie lösen einen Knoten, nehmen den Druck von mir, so dass das Atmen wieder leichter fällt und Unruhe und Anspannung und angst weichen - allmählich, ganz langsam.
Ich vermute, es geht Ihnen, wenn solch ein heilendes Wort zu Ihnen gesprochen wird, ähnlich wie mir: Ich behalte es und bewahre es auf wie ein Geschenk, damit es wirken kann in mir.
Und die andere Seite war und ist auch da: Es gibt Worte, die mich verletzen und verurteilen. Manche kann ich abschütteln oder an mir herunter rinnen lassen wie Wasser. Andere aber setzen sich fest, bleiben haften, dringen in mich ein und beginnen ein Eigenleben in mir zu entfalten. Was einmal verletzend gesagt wurde, wird dann oft zu meinem eigenen Urteil über mich selbst. Ich fange an, solche Worte zu glauben, akzeptiere sie als ein berechtigtes Urteil über mich. Auf diese Weise entfalten sie dann schädliche Wirkung auf Jahre hinaus.
Beide bestimmen mich: jene heilenden, ja segnenden Worte, von denen ich lebe, gesprochen in ermutigenden und schönen Begegnungen, und jene Worte und Gesten, die kalt und verletzend waren und die fest und manchmal schon sehr alt in mir sitzen. Vielleicht sind sie ein Grund für die unsägliche Vergleicherei bei den Gaben, die uns mitgegeben sind.
In der Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum bat jemand um ein heilendes und lösendes Wort - und er bekam es. Weder von seinem Status noch von der neugierigen Volksmenge, die Jesus folgte, ließ er sich davon abbringen, um das Wesentliche zu bitten.
Das Neue Testament berichtet an vielen Stellen davon, dass Jesus heilende Worte sprach. Vielleicht bestand ein Großteil seines Geheimnisses einfach darin, mit anderen zu teilen, was er von Gott als Gewissheit bei sich hatte. Manchmal fragte er: "Was willst du, dass ich dir tun soll?" und gelegentlich sprach er spontan, ungefragt und ungebeten, weil er wahrgenommen und erkannt hatte, was für einen Menschen, dem er begegnet war, notwendig war. Er teilte seinen Glauben, seine Hoffnung, seine Liebe und seine Gewissheit mit anderen, indem er sie mitteilte. Er verschenkte so und behielt und bekam gleichzeitig, was er von Gott geschenkt bekommen hatte.
Wenn ich versuche, mir zu vergegenwärtigen, was mir jeweils zum Leben half, dann waren es ganz oft die Worte und Gesten, die mir ein anderer Mensch sagte oder zeigte, und die mich etwas von Gott erfahren ließen, oft zufällig, unabsichtlich und ohne jedes Pathos. Und anderen ging es mit Worten und Gesten von mir hoffentlich ähnlich. Was heilt und tröstet, kommt nach meiner Erfahrung selten "senkrecht von oben", geschieht vielmehr dort, wo wir unsere kleine Portion Glauben miteinander teilen, wo wir in Gottes Namen füreinander Menschen sind, einander wahrnehmen und einander mitteilen, was an Gewissheit und Zweifel bei uns ist.
Mich erinnert die bitte des Hauptmann um dieses eine wesentliche Wort und die Antwort, die dort geschah, an das, was wir uns gegenseitig tun können.
Und vielleicht, denke ich jetzt auch, vielleicht kann diese Erzählung auch einmal Frage sein, einmal nachzusehen, wo ich mich verschanze und immer noch den elenden Traum träume, ich müsse mit allem selbst und allein zurechtkommen, wo doch Gott Menschen neben mir berufen hat, mit mir Glauben und Gewissheit und Mut zum Leben zu teilen.
Doch dieses Sich-Verschanzen, dieser Unsinn, sich nur auch sich allein zu beziehen und zu verlassen, diese Scheu, andere um Hilfe und Zuwendung zu bitten, ist glücklicherweise kein Verhalten, das das Evangelium nahe legt. Gott sei Dank.
Mit den eigenen Talenten sinnvoll und fruchtbringend umgehen und arbeiten zu können, braucht beides: das Loslassen und Rühmen und Staunen genauso wie die Zuwendung von und zu Menschen, den liebevollen Austausch mit ihnen. Möge Gott uns beides schenken - nicht nur im Urlaub, im "Sommer seiner Gnad". Amen.
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