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Keitumer Predigten 2007
Rogate, 13.05.2007
(Pastorin Susanne Zingel)
Gnade sei mit euch von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde!
Wenn wir im Gottesdienst das Vaterunser beten, dann wird die Vaterunserglocke geläutet. Wir hier in der Severinkirche läuten die Glocke. Wir haben keine Vaterunserglocke wie viele andere Kirchen. Eine Vaterunserglocke wird siebenmal angeschlagen, für jede der sieben Bitten des Vaterunsers ein Glockenschlag. Wer dann von fern die Glocken hört, den laden sie ein mitzubeten. Sie sagen: "Halte inne und bete mit." So sind wir im Gebet verbunden. Wir wissen nicht, wie viele Menschen, die vorbeiwandern oder mit dem Fahrrad vorbei fahren, das Vaterunserläuten noch als Einladung hören: "Wir beten hier im Gottesdienst, du kannst mitsprechen: Vaterunser im Himmel." Drinnen oder draußen, wir sind miteinander verbunden. Das Vaterunser ist das Gebet aller Gebete. Es verbindet alle Konfessionen. Es wird gebetet in allen Sprachen. Es wurde weitergegeben von Generation zu Generation. Es verbindet uns alle miteinander. Vaterunser in den Himmeln, so heißt es wörtlich übersetzt. "Vater unser in den Himmeln, in der höchsten Höhe in der tiefsten Tiefe und auch noch dahinter: Überall bist du, Gott zu finden."
Heute am Muttertag wäre es vielleicht gelegen, die Formel zu wählen, die schon geläufig ist, "Gott, der du uns Vater und Mutter bist." Nicht nur am Muttertag, ist es gut, Gottes mütterliche Seite zu erinnern. Aber ich habe eine Scheu, das Vaterunser umzuschreiben. Es klingt immer so, als wenn wir anfangen, Gott an dieser Stelle zu definieren. Als wäre es wichtig, Gott korrekt anzusprechen. Darum geht es aber nicht. Betend kommen wir bei Gott an und da werden alle Worte, alle Namen, Anreden immer nur Umschreibungen sein. Der Name Gottes bleibt unaussprechlich. Je näher wir Gott kommen umso geheimnisvoller wird er.
Aber wir beten weiter "Vater unser", denn Jesus selbst betete so. Generationen vor uns beteten in diesen Worten.
Wenn wir sprechen "Vater unser" dann kommt alles zum Schwingen, was wir von Vätern an Güte, Weisheit und Segen erfahren haben. Es lässt aber auch alles, was wir von Vätern zu sagen wissen, weit hinter sich. Über allen Himmeln geht es nicht darum, Gott zu definieren. Das wichtigste Wort zwischen "Vater" und "Himmel" ist das Wort "u n s e r", Vater unser. Wir beten, dass wir ankommen bei dem einen Ursprung, der Quelle des Lebens, dem einen Schöpfer, unser aller Gott
Zu dir beten wir, dass wir zusammen den Weg finden, verbunden mit allem, was du geschaffen hast. Zu dir beten wir unser Vater
Geheiligt werde dein Name
Und der Name Gottes wird geheiligt in dem Augenblick, wo wir so beten. Gottes geheimnisvoller Name. Im brennenden Dornenbusch Mose offenbart: "Ich bin, der ich bin, ich werde mit dir sein. So heiße ich." So sprach Gott. "Ich führe euch in die Freiheit, ins Leben hinein. Ich bin da, ob du es spürst oder nicht." In Christus, in seiner Liebe, im Kreuz, in der ganzen Schöpfung. Sie lebt von Gottes Liebe, sie erzählt von Gottes Heil und Segen.
Ihr bringt Timon heute zur Taufe. Wir taufen ihn im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Timon selbst so klein wie er ist, lehrt die Großen die Ehrfurcht vor dem Leben. Gerade weil es so klein und zart ist, ein Wunder, erinnert er auch uns, es ist nicht selbstverständlich, dass du da bist. Auch du bist ein Wunder, das Ebenbild Gottes. Geheiligt werde Gottes Name bei uns und durch uns. Gottes Name wird geheiligt, in dem wir wert und heilig achten jedes Geschöpf. Alles, was lebt, ist in Gott verbunden. Vaterunser: Wir sind Schwestern und Brüder. Das Kind in deinem Arm, das Kind in dir ist verwandt mit allen Kindern dieser Welt - Du bist verwandt mit allen Geschöpfen dieser Erde. Du teilst mit ihnen Atem, Seele, Schöpfergegenwart. Das Leiden der Schöpfung, ihr Seufzen, der Schmerz so vieler Menschen lässt sich nicht verdrängen, wenn wir leben, was wir sind: Alle miteinander durch Gottes Güte verwandt. Dass offenbar werde, dass das so ist, darum beten wir Dein Reich komme
Es komme spürbar, dass es nicht nur schöne Worte sind, Idee, Utopie. Dein Reich komme, wo wir leben, was wir sind. Wir werden frei sein und glücklich. Wir werden wenig brauchen, weil du uns reich beschenkst mit Leben und Liebe . . . dein Reich komme, ohne Grenzen, kein Damm, kein Heiligendamm, kein Polizeiaufgebot, keine Mauern Werden notwendig sein, wenn es wahr wird: Worum wir beten:
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
Es ist ein Traum Gott, aber du träumst ihn in uns, darum beten wir, und bitten um Himmel auf Erden, und dass wir zu den Menschen gehören, die dir folgen. Die deine große Verheißung annehmen, deinem Wort folgen, annehmen, dass es ein bescheidener Weg ist. Nichts großartiges. Es ist ganz alltäglich: einfach zu leben, einander zu helfen, miteinander zu teilen, ganz einfach
Unser tägliches Brot gib uns heute
Wir bitten nicht um Reichtum, wir bitten um Brot. Wir beten zusammen mit denen, die nicht wissen, was sie heute essen sollen. Wir beten zu dir, der du genug für alle geschaffen hast. Wir beten mit Christus, der das Brot nahm und es brach und es teilte. Wir beten mit Christus der sich selbst dahin gab wie Brot. Immer wieder neu, das tägliche Brot. In all unserem Bemühen sich abzusichern, bleibt das Leben doch ein immer neues Geschenk. Wir leben von einem Atemzug zum anderen. Wir lassen nicht die Sonne aufgehen, und wecken uns nicht jeden Morgen selbst. Alles was wir zum Leben brauchen, ist immer neu geschenkt: die Reinheit der Luft, die Klarheit des Wassers, die Ressourcen dieser Erde, sie sind nicht unendlich. Gott, gib, dass wir im Überfluss von dir die Güte lernen. Wir brauchen wenig, viel weniger als wir denken. Aber das brauchen wir notwendig. Wir beten. Betende Hände sind offen, leer. Betende Hände sind bereit zu empfangen, etwas anzunehmen. Unsere Hände sind nicht gemacht, auszubeuten, auszuschlachten, zu kämpfen, sich abzusichern, wir beten:
Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern
Gott, wir träumen nicht, wir beten. Mit allem, was wir wissen von Schmerz und Leid, mit allem, was wir dazu tun, mit all unserem Unvermögen, wir beten. Wir bitten dich um Vergebung. Gib, dass wir es lernen, zu vergeben, was uns belastet, frei zu werden und neu anzufangen. Selbst zu vergeben, damit Raum für Neues entstehe, für deine Gegenwart, deine Güte. Von dir wollen wir es lernen, zu dir immer wieder zurückkehren, vergib, wie auch wir vergeben:
Und führe uns nicht in Versuchung
Die Versuchung zynisch zu werden, bitter, herablassend,
nachtragend, kleinlich, kleinmütig,
kleingläubig,
Sondern erlöse uns von dem Bösen
Hilf, wenn das Böse daher kommt beiläufig, alltäglich.
Wenn wir sagen, es ist nun einmal so.
Wir können die Welt nicht retten.
Es ist, wie es ist. Alle machen es so. Es geht nicht anders.
Gott, dann erlöse uns von dem Bösen.
Löse uns heraus, entreiße uns der Trägheit, und Gleichgültigkeit,
entreiße uns dem Bösen, nimm uns an deine Hand.
Gott es geht anders,
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Amen
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