St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 13. November 2005

Vom unehrlichen Verwalter

(Pastorin Zingel)

 Lukas 16,1-9

"Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig?

Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach fragte er den zweiten: Du aber, wieviel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten."

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.

Liebe Gemeinde -

wir begehen heute den Volkstrauertag 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Wir begehen diesen Tag am Ende eines Jahres mit vielen Gedenkstunden und Feiern. Dabei ist zu spüren, die Erinnerungskultur hat sich verändert. Sie ist anders als vor 10 Jahren. Jetzt 60 Jahre danach ist noch viel deutlicher geworden, unsere Kraft, zu gedenken und zu erinnern, ist begrenzt. Sie ist nicht nur begrenzt durch unsere Ängste, unseren Hang zu verdrängen. Sie ist begrenzt durch unser eigenes kleines Leben. Zehn Jahre sind für unser eigenes Leben sehr viel. Aber es ist wenig im Lauf der großen Geschichte. Und was ist es vor Gott, vor dem tausend Jahre sind wie ein Tag, wie eine Nachtwache, die gerade verging.

Ich glaube, darum wird noch nachdrücklicher als vor zehn Jahren gefragt: Wie wird Erinnerung weitergetragen? Sind es jetzt doch schon die Urenkel, die Vergangenes als Teil ihrer Geschichte begreifen mögen. Ist es möglich, dass der unvorstellbare Schrecken des Naziregimes Geschichte wird, sich historisch einordnet? Immer weniger Zeitzeugen kann man noch befragen. Immer kostbarer wird, was sie erzählen. Von Walter Kempowski ist im Februar ein Buch erschienen: Echolot - der bislang letzte Band eines kollektiven Tagebuchs. Ein Tagebuch über das Ende des Krieges.

‚Echolot' - Mit einem Echolot kann man die Tiefe des Meeres messen, von oben horchen, wie tief es hinuntergeht, horchen, wie tief man hinunter muss, um den Dingen auf den Grund zu gehen. 20 Jahre hat Walter Kempowski daran gearbeitet, Tagebucheintragungen zusammengetragen, Briefe und Erinnerungen von Soldaten aller Nationen, Gefangenen in Lagern, Ungenannte, Frau Henschel, ein Schüler, der Arzt, Swetlana, die gar nicht will, dass ihr Liebster zurückkommt, weil er ein andere geküsst hat, was ihr schrecklicher erscheint als alles andere um sie her. Es wird erzählt von Festen auf großen und kleinen Plätzen und Straßen, Freudentränen und bittere Tränen der Scham. All diese Erinnerungen finden ihren Schlusspunkt in der Schilderung wie Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Berlin vor den Alliierten die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. Drei Berichte stehen nebeneinander, denn jeder der Beteiligten hat es anders erlebt. Aber in jedem Bericht kommt die ungeheure Dramatik durch: Keitel unterschreibt mit der bedingungslosen Kapitulation sein eigenes Todesurteil und weiß es. Darum versucht er, sich heldenhaft zu inszenieren. Er beschreibt, wie aufrecht er und wie unangemessen die anderen ihm entgegengetreten wären. Die anwesenden Alliierten erinnern dagegen jede Geste, jeden Blick, das Zucken, die Schweißperlen, die Stille, das Kratzen der Feder auf dem Papier. Liest man die Texte laut, dann tritt danach eine Stille ein. Man fragt sich, wenn es so einfach ist, wenn ein Federstrich genügte: Warum? Warum dann nur nicht früher? Jetzt war es so oder so zu ende. Trotzdem - diese Unterschrift gehörte dazu. Mit Unterschriften hatte es begonnen: Ermächtigungsgesetz - Wannseekonferenz - Todesurteile - Marschbefehle, und auch ein Kreuz auf einem Wahlzettel stand für eine Unterschrift.

Die Unterschrift unter den eigenen Schuldschein -

Einer setzt die Unterschrift unter seine eigene Schuld, wird behaftet unentrinnbar, inszeniert sich aber nicht als Held, sondern ganz anders: davon erzählt das Gleichnis Jesu. Es gilt als das schwierigste Gleichnis überhaupt. Was da erzählt wird, ist kriminell und bleibt Betrug. Und doch sagt Jesus, von dem untreuen Verwalter könnt ihr etwas lernen: Aber was? Die Ausleger haben von Anfang an gerätselt, wie soll man das verstehen? Sie haben es ins Gegenteil gedreht, es sei ein Lehrstück für den angemessenen Umgang mit anvertrautem Gut. Aber man kann es drehen, wie man will: Es geht um Schuld und dass es unmöglich ist, sie allein zu tragen.

Ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter, der wurde beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Also lässt er ihn rufen: ‚Was höre ich von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung, denn du kannst hinfort nicht mehr mein Verwalter sein.' Das Vertrauensverhältnis ist zerrüttet, die Entlassung beschlossen. Er ist ruiniert, am Ende, ein gescheiterter Gauner. Was soll er jetzt tun? Jammern, klagen, sich entschuldigen, weinen, erklären, es auf andere abwälzen, verstummen, krank werden oder sich einen guten Anwalt nehmen? Aber nichts von all dem. Der Verwalter zögert nicht einen Augenblick. Er rechnet nicht, er rechtet nicht, er nimmt seine Schuld an. Er versucht nicht, seinen Herrn zu beeinflussen, milde zu stimmen, sondern er geht los und verbündet sich mit anderen Schuldnern, und da gibt es genug um ihn herum. Er allein hat den Überblick. Er weiß genau, wer seinem Herrn wie viel schuldet. Er geht zu den Schuldner und streicht ihre Schuldscheine zusammen. "Was steht bei dir? Hundert Eimer Öl? Schreib hin fünfzig." "Was steht bei dir? Hundert Sack Weizen? Schreib schnell achtzig."

Das sind keine kleinen Summen. Fünfzig Eimer Öl sind mehr als ein gutes Jahreseinkommen. Er erlässt anderen ihre Schuld. Soweit er irgend kann, so viel, dass es nicht auffällt, so viel, dass es im Rahmen des Vorstellbaren bleibt. Er will sich Freunde machen. Helfer in der Not. Er ist berechnend - aber er ist klug, findet sein Herr, denn er lobt ihn: "Wirklich, du bist ein kluger Knecht." Das scheint allen Auslegern unmöglich. Hat er doch gerade Betrug und Unterschlagung nur noch weiter auf die Spitze getrieben.

Aber da schimmert hinter dem Gleichnis Gott selbst durch und die Bitte: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern." Und dies Gleichnis ist anstößig, denn es wäre überheblich, zu beten und zu denken: "Gott, wir machen es genau wie du. Wir vergeben, wie du vergibst." Schuld vergeben kann Gott allein. Wir können Schuld nicht ungeschehen machen, Schrecken nicht aus der Erinnerung löschen, Tote nicht wieder lebendig machen, traumatisierten Kindern ihre Unschuld nicht wieder geben, verlorenes Leben nicht wieder zurückholen. Das alles können wir nicht. Weil wir aber allzu oft glauben, nur so käme Schuld aus der Welt, wird sie immer noch weiter verdrängt, verschwiegen, arbeitet sie weiter im Verborgenen. Aber da gehört sie nicht hin. Es ist paradox: Der Augenblick, wo die Betrügereien auffliegen, ist nicht das Ende, sondern der Anfang: der untreue Verwalter kehrt wieder zurück zu den anderen Menschen. Er wird das, was er ist - ein Schuldner unter Schuldigern - ein Mensch unter Menschen, und das ist alles, was wir brauchen.

Und wenn es heute eine Schuld zu bedenken gibt, dann dass die Schrecken des Naziregimes nicht gereicht haben, ein für alle mal Kriege zu verhindern. Dass es nicht gereicht hat, aus uns Menschen zu machen, die alles dran setzen, den Frieden zu behüten und für jeden Menschen dieser Welt ein Leben, zu dem er ja sagt. Dass weiter gerechnet wird, zwischen reichen und armen Ländern, Schulden, Zins und Zinseszins - Dass wir nicht alles dran gesetzt haben, nicht brennender geglaubt, gehofft und geliebt haben. Dass wir uns beruhigt haben, und uns haben einreden lassen, Konflikte und Kriege finden fern von uns statt und beträfen uns nicht. Sie betreffen uns, das wissen wir mittlerweile alle. Es ist einfach klug, sich darum zu kümmern. Aber lässt du das Echolot tiefer sinken bis auf den Grund des Meeres, dann geht dir noch auf: Wir sind alle miteinander verbunden. Denn Gott hat uns geschaffen zu seinem Ebenbild, du selbst und jeder andere Mensch auf dieser Welt auch, wirklich jeder ist heilig und einmalig - Wir sind weit dahinter zurück. Aber wie oft wir es auch verrieten, jeder Augenblick, wo es auffliegt, herauskommt, ist ein Gewinn. Und selbst wenn du beschämt da stehst, es kann dir helfen zu werden, was du bist, ein Mensch des Friedens, ein Mensch der Vergebung, Dazu helfe uns Gottes Friede höher als all Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.

 
 
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