St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 2006

Karfreitag, den 14. April 2006

(Pastorin Susanne Zingel)

Dem Dunkel gemeinsam begegnen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott. Er kam in diese Welt wie ein Licht. Sein Licht scheint in der Finsternis. Aber die Finsternis hat es nicht ergriffen.

Liebe Gemeinde!

Wer aus dem Licht in einen dunklen Raum kommt, der wird erst einmal gar nichts sehen. Es braucht Zeit, bis die Augen sich an das Dunkel gewöhnen. Ist es kein vertrauter Raum, in dem wir uns traumwandlerisch sicher bewegen können, dann ist das Dunkel unheimlich. Jeden Schritt setzen wir vorsichtig und versuchen etwas zu ertasten. In einen dunklen Raum geht man nur, wenn man da etwas sucht, etwas vermutet. Es muss schon einen Grund geben.

Wer sich der Geschichte vom Karfreitag aussetzt, der geht so ein Wagnis ein, geht in einen dunklen Raum, wo es nicht leicht ist, etwas zu erfassen, zu begreifen.

Es wird erzählt, als Jesus mit dem Tod kämpfte, da verlor die Sonne ihren Schein. Es war um die sechste Stunde, da kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Drei Stunden war es dunkel. Das Licht verlöscht, der Altar wird geschlossen, kein Gold und Glanz funkelt mehr.

Was geschehen ist am Karfreitag, wird immer ein dunkles Geheimnis bleiben. Niemals wird es sich dir vollständig eröffnen. Niemals wirst du drüber stehen. Du wirst immer ein Tastender bleiben, immer unsicher, vorsichtig gegenüber jedem, der meint er könnte es dir vollständig erklären.

Viele wenden sich ab. Sie fragen: "Was soll daran heilsam sein?" Ein Mensch stirbt elendig am Kreuz. Gott selbst wird zerschlagen. Und sie sagen, in so einer Geschichte kann kein Heil liegen.

Dann erzählen sie von dem Unheil, das das Christentum hervorgebracht. Es ist wahr, und es gibt einen Zusammenhang. Die Gewalttätigkeit, zu der Christen fähig waren und der Schrecken des Kreuzes haben etwas miteinander zu tun. Nicht immer, und schon gar nicht zwangsläufig! Aber mit dieser Geschichte kann man Hass und Rachegefühle auslösen. Man kann diese Gefühle schüren und missbrauchen, Kreuzzüge führen, um "den Herrn zu rächen", die Inquisition betreiben, um "seine Feinde vertilgen".

Jede Religion kann missbraucht werden, kann sich in das Gegenteil verkehren, auch das Christentum. Und das, obwohl doch das Kreuz in der Mitte steht, auf dass es ein Ende hat mit Hass und Gewalt. Ein für allemal sei Jesus gestorben, auf dass wir den Weg des Friedens gehen.

Aufhören, innehalten. Dass es nicht zu spät ist für die Einsicht des Hauptmanns, der in die Knie geht und erkannte: "Dieser war Gottes Sohn." Denn du kannst dich täuschen, du begegnest dem lebendigen Gott. Und du gehst nicht nur vorbei, du treibst ihn hinaus aus der Stadt, siehst zu, wie er stirbt.

Warum soll man ins Dunkel gehen? Es ist gefährlich. Es gibt Abgründe. Es ist stärker als du. Warum soll man ins Dunkel gehen?

Die Psychologen sagen, damit es nicht weiterarbeitet. Unkontrolliert, freigelassen, wild wuchernd. Du musst dich hineintrauen, damit es seine Macht verliert.

Und sie haben recht. Die wenigsten, die hier sitzen, könnten sich die Gewaltvideos, die Jugendliche sich per sms schicken, ansehen. Härteste Ermittler bei der Kriminalpolizei sagen, das kann man nur begrenzte Zeit und nur zusammen aushalten.

Zu Hause bleibt im Dunkel, was die "Kinder" da treiben. In den Speicher von einem Handy hineinzusehen, ist so tabu, wie das Tagebuch eines anderen zu lesen. Und es sind meist gar nicht auffällige Jugendlichen, wo sich die Eltern Sorgen machen. Auch hier auf Sylt kann man es hören. "Natürlich habe ich das schon gesehen. Das geht ja noch", gibt einer an, und ist noch nicht einmal 14 Jahre - und meint das Video, wo Tschetschenen einen russischen Soldaten zu Boden treten und ihm den Kopf abschneiden. Alles in Echtzeit.

Diese Bilder werden in Deutschland gerade weitergeschickt. Das Leiden dieses Russen, sein Tod, - tausendfach kopiert. Johlend stehen sie auf irgendwelchen Plätzen, weil einer nicht hingucken mag. Als wäre es ein Training, sich fit zu machen, selbst eine Kreuzigung zu überstehen, ohne dass Dir schlecht wird.

Warum? Wenn man nicht drin ist in so einer Clique, steht man ratlos davor. Und schon droht neues Unheil. Denn wir brauchen Erklärungen. Und schon sind sie zur Stelle, die Ausländerfeindlichkeit schüren, die Illusion wecken: Gewalt lässt sich abschieben.

Aber genau das ist das Problem: Du kannst sie verdrängen, du kannst dich weigern, es ernst zu nehmen, aber es ist eine Täuschung. Die dunklen Seiten kannst du nicht abschieben.

Auf immer neue Weise werden wir damit konfrontiert, dass Menschen Hass und Gewalt fasziniert, dass es unerreichbar scheint, dass wir Menschen des Friedens werden.

Die Kinder und Jugendlich versuchen auf ihre Weise, die dunklen Seiten in den Griff zu bekommen, stärker zu sein, überlegen, sich nicht zu fürchten, keine Schwäche zu zeigen. Sie versuchen es allein. Wir Erwachsene haben für sie offenbar keine überzeugende glaubwürdige Gegenkraft. Das Volk johlt und spottet und lacht. Und ein Mensch stirbt, und es ist kein Videospiel.

Dieser russische Soldat ist wirklich gestorben und wie er viel zu viele in Tschetschenien und anderswo. Und Christus stirbt mit ihm und immer wieder. Und trotzdem sind wir hier zusammen am Karfreitag, muten uns dies zu.

Dabei ist es aber wichtig und nicht selbstverständlich: Wir sind z u s a m m e n hier. Wir reden, wir erzählen eine Geschichte, halten die Stille g e m e i n s a m aus. Denn die Macht der Gewalt liegt in der Einsamkeit. Auch die Jugendlichen, die tags sich stark fühlen in der Clique, bleiben nachts allein mit den Bildern im Kopf. Die Eltern mit den Sorgen um ihre Kinder und tun doch das ihrige, um sich abzuschotten und zu schützen. So bleibt jeder für sich.

Bleiben wir aber zusammen, dann kann uns aufgehen: In Christus ist dieser Soldat unser Bruder. Wahrlich: Auch er war ein Kind, ein Sohn Gottes. Er hat den Frieden ihn nicht gesehen, das Land, wo Hass und Gewalt ein Ende haben. Aber sein Schicksal und Jesu Kreuz gehören zusammen.

Wir erinnern seine Würde, indem wir die beiden zusammen sehen. Aber auch deine Einsamkeiten werden durchbrochen, wo wir es zulassen, dass Christus sagt: Ich gehe mit dir, bin an deiner Seite. Es ist keine Mutprobe. Ich erzähle dir meine Geschichte, von Liebe und Verrat, von einsamen Tränen. Von Spott, Grausamkeit und Tod. Von Augenblicken, wo nichts war: "Nur mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?" Ich bin da und höre alles, was dich bewegt bei meiner Geschichte: Das Unerlöste, Ungeliebte, das Vertane und Verglückte in deinem Leben, den Schmerz und die Ängste, die Wut.

Christus ist da und hört dich. Auch wenn es im Dunkeln lange Zeit braucht, etwas zu erkennen, tiefer zu schauen, dich selbst zu erkennen. Das Dunkel ist nicht leer und verlassen. Christus wartet auf uns, geduldig und voller Hoffnung, dass wir ihn finden und in ihm alles, was aus uns Menschen macht, die ein Herz haben, das sich berühren lässt, die weinen können, mitfühlen, den Schmerz nicht verdrängen, und sogar noch im Dunkeln das Licht Gottes wieder finden. So behüte euch Gott und lasse Euch schauen sein Angesicht in Jesus Christus

Amen

 

 


 
 
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