Jesaja 29, 17-24
"Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie bzurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen."
Wohlan, liebe Gemeinde! Wohlan! Mit dieser Aufmunterung beginnt das Predigtwort. Mitten im August prophezeit Jesaja einen großen Advent. Es scheint vielleicht so, als hätte ich schon völlig resigniert, und käme Ihnen heute angesichts des herbstlichen Wetters mit einem Text, den wir sonst aus dem Advents- und Weihnachtszyklus kennen, aber das ist nicht so!
Nur noch kurze Zeit: Dann gibt es einen neuen Anfang. Dieser Advent mitten im Kalendersommer kommt völlig unerwartet. Vielleicht damit wir in diesem kalten Sommer mit all den Schwierigkeiten unserer Zeit diese visionäre Botschaft des Jesaja nicht vergessen: Auch wenn wir denken, wir seien am Ende unserer Kraft, unseres Wissens, am Ende unserer Möglichkeiten angelangt: Am Ende wacht auf einmal ein neuer Anfang auf.
In hoffnungsloser Lage – im Exil - malte Jesaja seine unglaublich starken Hoffnungsbilder.
„Nur noch eine kleine Weile...“ ganz konkret ist sein Bild von Zukunft. Menschen, die taub und blind waren für sich und andere, fangen an sich zu kümmern. Menschen, die weg- und andere überhört haben, hören zu, Menschen, die weggeguckt und sich verschlossen haben, nichts mit allem zu tun haben wollen, schauen hin und interessieren sich, „Blinde werden sehen.“ Die Unsicheren, die uns nachrufen „Was glaubst du denn da als moderner Mensch für einen Kram! Glaubst Du wirklich, dass Gott und die Kirche dir helfen können oder etwas nützen?“. Sie werden staunend still. Fanatische Menschen mit einer Bombe im Rucksack, die Schrecken verbreiten wollen, werden nicht mehr sein. Sie haben sich alle selbst „vertilgt.“ Verfassungsrichter werden nicht bedrängt. Den Menschen, die dem Recht zum Recht verhelfen, wird nicht mehr nachgestellt. Die Korruptionen und Lügen sind nicht mehr nötig und gibt es nicht mehr. Kinder spielen wieder miteinander und Jugendliche haben ihre Orientierung gefunden, niemand greift mehr hilflos nach jedem Sinn, der ihm angeboten wird. Und niemand greift mehr nach Drogen, um die Realität zu vergessen. Und welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen. Diese ewigen Nörgler und Neinsager und Schwarzmaler hören auf zu nörgeln und lassen sich zur Sache rufen. „Welche murren, werden sich belehren lassen.“
Wohlan, nur noch eine kleine Weile, liebe Gemeinde, so wird es sein. Fruchtbares Land und lebenswertes Leben. Das Wirken Gottes wird wieder erkannt und geschätzt werden. Sein Name wird geheiligt sein.
Der Prophet Jesaja ist kein Träumer, er weiß genau wovon er spricht. Zu seiner Zeit waren Machtmissbrauch und soziale Ungerechtigkeit die Tagesordnung. Jesaja spricht von der Sündhaftigkeit des eigenen Volkes, dem Götzendienst, der Zügellosigkeit in bezug auf Alkohol und Sex und dem unmäßigen Reichtum der Großbesitzer. Er erlebt den Untergang des Staates und das Leben im Exil. Und trotzdem malt er uns dieses ganz andere Bild. Er malt es für die, die das Elend ihrer Zeit sehen. Für Menschen, die sich um den Garten des Menschlichen sorgen. Die sich nichts vormachen. Demütige und Arme.
Jesaja will aus dieser Hoffnungslosigkeit und der lähmenden Resignation heraus. „Ein sattes Volk stirbt, weil es keine Visionen mehr hat,“ hat Dorothee Sölle einmal gesagt. Visionen als ein Bild vom Morgen kann nur entwickeln, wer sich ein Bild vom heute gemacht hat.
„Nur noch eine kleine Weile“ hat Jesaja den Menschen versprochen - - - und nicht gehalten?
Nur noch eine kleine Weile - vor zweieinhalb Jahrtausenden gesagt! Doch: Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Nachtwache, heißt es in Psalm 90. Dann wäre Jesajas Vision, sein Traum von einer besseren Welt nicht einmal drei göttliche Tage alt.
Ungefähr 750 Jahre später hat Jesus diese Jesaja-Sätze ganz bewusst aufgegriffen.
„Taube hören..., Blinde sehen..., die Ärmsten der Armen hören, was sie froh macht.“
Alles nur Traum, blühende Phantasie, Opium fürs Volk...? Unsere Wirklichkeit, unser Leben ist doch weit entfernt von diesem Bild.
Aber ich glaube, wir brauchen solche Gegenworte, solche Mutworte und Erinnerungen an Menschen, die das versucht haben und etwas in Bewegung brachten. Was haben mich in der Schulzeit und auch bis heute solche Menschen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King, oder Dietrich Bonhoeffer be - geistert. Und natürlich ebenso die Frauen, die so oft ungenannt bleiben. Stellvertretend für alle erinnere ich nur an Florence Nightingale und Sophie Scholl.
Das waren Menschen, die wie Jesaja nicht aufgeben und ihren Traum nicht begraben wollten. Sie haben aufmerksam gemacht auf die Missstände, sie haben aufgezeigt, was falsch lief, sie haben ihren Traum gelebt und dadurch die Welt angestoßen und ein bisschen bewegt. Sie haben uns mit ihrem Leben gezeigt, dass es sich lohnt, die Resignation zu durchbrechen.
Auch Gedichte können den Blick auf eine neue Zeit öffnen. “Wir träumen einen Traum“ heißt ein Text von Günter Hildebrandt:
Wir träumen einen Traum
und wenn auch alle lachen,
wir träumen einen Traum
von einer besseren Welt.
Da sind die Blumen nicht aus Schaum,
da sind die Tränen nicht aus Glas,
da ist die Freude nicht geschminkt,
da ist das Leben schön.
Wir träumen einen Traum
und schenken ihm das Leben,
wir träumen einen Traum
und machen uns die Welt.
Liebe Gemeinde! Natürlich kann man Träume und Träumende für verrückt erklären, für naive Spinner halten. Und doch ... etwas an dieser großen Hoffnung Jesajas auf Frieden und Gerechtigkeit überzeugt. Diese große Hoffnung darauf, dass die Tauben hören, die Blinden sehen, dass die Tyrannen davon gejagt werden und es mit korrupten Rechtsbrechern ein Ende hat. Diese große Hoffnung wurde in all diesen Jahrhunderten, in 2700 Jahren immer wieder weitererzählt. Die Hoffnung Jesajas ist zur Hoffnung für viele geworden.
Warum nur? Weil wir alle Träumende sind voller Gefühlsduselei? Nein, weil wir es wissen. Wir wissen von dieser ganz anderen Wirklichkeit, die oft nur auf den zweiten Blick sichtbar wird:
Gott hat diese Welt geschaffen und sie war gut. Und sie ist gut. Und Gott hat sie nicht geschaffen, damit sie zerstört wird oder vor die Hunde geht. Er hat sie geschaffen, damit Menschen wie wir darauf einen Lebensraum finden und wir uns daran freuen.
Jesaja glaubte daran und wusste etwas davon, dass Gott ein Gott des Friedens ist und nicht des Leides. Jesaja wusste davon, dass Gott auf der Seite der Armen, der Schwachen, der Entrechteten, der Kranken und Traurigen ist und uns alle in unserer Traurigkeit begleitet. Ich bin sicher auch Gott ist traurig angesichts so vieler Traurigkeiten und weint mit uns. Jesaja wusste auch, dass Gott es nicht mit ansehen wird, dass die Tyrannen siegen. Und auch wir kennen diese Texte, in denen es heißt: Gott wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, in denen Gerechtigkeit wohnt. Und darum ruft er uns aufmunternd und tröstend sein Lied zu: Noch eine kleine Zeit und Gott macht alles gut!
Trotz aller Klagen. Trotz allem Druck der Skeptiker und Zweifler verliert er nicht die Hoffnung. Denn was er erhofft, ist nicht die Erfüllung unserer Wünsche. Es sind keine Träumereien der eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Er wartet nicht auf etwas, das von unseren menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten abhängt.
Nein, denn Gott selbst ist es, der diese neue Welt schaffen wird. Gott selbst ist es, der uns - seine Menschen - erlöst, dich und mich, ja mit der ganzen Schöpfung. Gott selbst ist es, mit dem wir rechnen dürfen. Gott ist nicht aufzuhalten. Ein neuer Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt: das ist seine Zukunft.
Und seine Gegenwart: Gott ist gekommen. Er hat die Trennung durchbrochen und ist uns nah. In Jesus ist er Mensch geworden. Durch ihn sind der neue Himmel und die neue Erde schon da.
Und wir? Immer wieder leben wir, als hätten wir es noch immer nicht richtig verstanden. Dabei gibt es so viele Anzeichen dafür. Da saßen gerade 7 Russen in einem Boot unter Wasser und die Engländer eilten zu Hilfe und oben in der himmlischen Sphäre waren 7 Amerikaner in Not und die Russen wollten helfen. Vor wenigen Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen. Von guten Mächten wunderbar geborgen...
Doch nicht nur die großen populären Beispiele sind dabei wichtig, sondern auch die kleinen Dinge und die ganz normalen Menschen, die auch unser Leben immer wieder bunt machen.
Da ist die Erzieherin, die ihre ganze Kraft den Kindern widmet, weil sie sich einfach nicht damit abfinden will, dass da nicht doch mehr zu machen sei. Oder da ist der Arzt, der immer wieder auch am Wochenende und sogar in der Nacht sich die Zeit nimmt, weil er an die Besiegbarkeit einer schlimmen Krankheit glauben möchte, und wenn es nicht gelingt zu heilen, dann doch Beistand leisten und nicht auch noch die Seele verletzen möchte. Da sind die Jugendlichen, die versuchen ihrer Mitschülerin bei ihren Problemen zu helfen.
Da ist die Mitarbeiterin in der Krankenhausseelsorge, die es immer und immer wieder versucht, trotz eigener Schwierigkeiten, in die Zimmer zu schauen und zu helfen, bis vielleicht wieder ein Lächeln über ein Gesicht huscht.
Nur noch eine kurze Zeit, dann wird alles gut. Die Erde wird wieder neu. In Jesus hat sich bereits die Hoffnung erfüllt. Die Erde wird wieder neu, weil Gott es uns versprochen hat. Und es hat schon begonnen. Hier mitten unter uns. Deshalb: Halte deine Träume fest und lerne sie zu leben. Amen.
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