St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 2007

Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias, 14. Januar 2007

(Pastorin Susanne Zingel)

Predigttext: Markus 2,18-22 Die Frage nach dem Fasten

Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage. Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab, und der Riß wird ärger. Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.

Liebe Gemeinde,

Es gibt eine neue, heiß umstrittene Bibelübersetzung. Der alte Text wurde ganz neu übersetzt. Seit Oktober ist die Bibel in gerechter Sprache auf dem Markt. Mittlerweile ist sie vergriffen. Man kommt mit dem Drucken nicht hinterher. Das ist ein Grund, sich zu freuen, denn der protestantischen Kirche steht so ein Buch gut an: In fünf Jahren haben 50 Theologinnen und Theologen die Bibel vollständig neu übersetzt. Keine Kirche, kein Institut, keine Stiftung hat dies Projekt in Auftrag gegeben. Es kommt aus der Kirchentagsbewegung von der Gemeindebasis. 1200 Personen und Gruppen haben 400.000 € gespendet. Unabhängig und frei zu sein, das war wichtig. Allen ging es darum, dem hebräischen und griechischen biblischen Text gerecht zu werden. Es soll deutlich werden, welche Fragen in der Forschung diskutiert werden. Wo der ursprüngliche Text mehrdeutig ist. Vor allem soll immer die Frage nach Gerechtigkeit im Blick behalten werden: So wird Sklaverei Sklaverei genannt. Erfahrungen von Frauen werden nicht ausgeblendet. Die jüdische Tradition wird voller Respekt behandelt. Übersetzungsvarianten werden am Rand deutlich gemacht. Alle können mit überlegen und sich entscheiden, Übersetzungsvarianten nachvollziehen.

Und das wird eifrig getan, es wird diskutiert, gestritten und überraschend viel gespottet. Man braucht das Buch gar nicht zu kaufen.Man braucht nur den Titel zu hören "Die Bibel in gerechter Sprache", da wird gleich gefragt: Sind alle anderen Bibeln ungerecht? Ein Zitat reicht, wo Jesus und seine Jüngerinnen und Jüngern sich mit Pharisäern und Pharisäerinnen und Schriftgelehrtinnen und Schriftgelehrten streiten, um das ganze Projekt lächerlich zu machen. Da wird ignoriert, es ist kein Lektionar, sondern ein Werkstattbuch, eine Quelle und ein Schatz von Anregungen.

Aber da ist die Angst, das alt Bewährte soll verdrängt werden. Soll etwa die gute Lutherübersetzung in Frage gestellt werden. Und was soll Feminismus in der Bibel? Das sprengt den Rahmen, Neuer Wein gehört nicht in Alte Schläuche.

Altes trifft auf Neues, Neues verdrängt das Alte, diese ganze Debatte passt zum heutigen Predigttext:

Es gab Streit und Aufruhr in der Synagoge. Jesus und seine Jünger brachten die heiligen Abläufe durcheinander. Erst war Jesus 40 Tage in der Wüste verschwunden. Da hatte er angeblich gefastet, und dann kommt er wieder und hält sich an keine Regel mehr. In der Fastenzeit feiert er mit seinen Leuten Feste, es geht hoch her, der Wein fließt, es wird gelacht und viel gegessen. Danach kommt er in die Synagoge und will Gottesdienst mitfeiern. Aber die dort beten, wollen ihn nicht mit dabei haben. Wir fasten und du riechst nach Übermut, Freude und Fest. Das bringt hier alles durcheinander. Wir wollen beten und nicht auf dem Tisch tanzen. Das hat es noch nie gegeben. Geh doch zurück in die Wüste und nimm deine Jünger gleich mit.

Das Alte will das Neue nicht aufnehmen. Das Neue zeigt keinen Respekt. Das Alte wird wütend. Das Neue gilt als rücksichtslos, das Alte als starr und unbeweglich. Und damit sind wir mittendrin in der ganzen Tragik von Streit und Trennung nicht nur zwischen Bibelübersetzern. Wir sind mitten drin, was zu tragischen Auseinandersetzung zwischen den Generationen führen kann, zwischen Eltern und Kindern, zwischen einst sich Liebenden, Streit und Trennung zwischen den Konfessionen, beim Entdecken neuer Wahrheiten, der Hang sich zu trennen, weil es zu anstrengend ist den Konflikt auszuhalten, Differenzen zu ertragen.

Das Neue passt nicht zum Alten. Neuer Wein passt nicht in alte Schläuche. Wir hätten es gern anders. Harmonischer. Wir haben doch gerade erst die Jahreslosung gehört: Gott spricht: "Siehe ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr es denn nicht?" Aus Altem erwächst Neues. Das Alte ist der fruchtbare Boden, der Humus, in dem sich das Neue verwurzeln kann. So soll es sein. Und so ist es auch. Aber wir können es nicht immer sehen und nicht leben. Weil unser Horizont nicht weit genug ist. Oft genug sehen wir nur Bruch, Riss und Kante, aber kein ganzes,

Oft genug sehen wir nur Konfrontation, Gegensatz und können einer den anderen nicht verstehen.

Das ist eine Tragik: Dass uns das Ganze verloren geht.

Und doch ist es da:

Jesus sagt: Es ist wie bei einer Hochzeit, es ist ein großes Fest. Alle sind dabei und alle haben Grund zu feiern. Nicht nur Braut und Bräutigam. Die Eltern mögen weinen, denn der Neuanfang bedeutet auch Trennung und Abschied, aber mehr mögen sie sich freuen und feiern, denn sie haben all dem auf die Welt geholfen. Sie selbst sind Quelle von Glück und Freude und Leben.

Jesus sieht sich mitten drin in diesem Fest. Könnt ihr es nicht sehen. Das Himmelreich ist so nah. Er sagt nicht stürmt voran, und ihr werdet es finden. Er sagt: Kehrt um, und ihr werdet es finden. Wendet euch um und so geht er in die Wüste wie damals das Volk Israel, wie der Prophet Elias und kommt zurück in die Synagoge und die Geschichten der Propheten, die Psalmen die Thora sind nichts Altes mehr. Das ist kein Sprache der Toten, sondern die Quelle von Neuem. Jesus kommt in den Gottesdienst, die alten Texte mitzusprechen und dann neu zu deuten. Er predigt unverschämt und neu, weil der den alten Verheißungen ganz und gar zu vertraut. Tief verwurzelt in den alten Verheißungen ist Jesus zu radikal, zu neu, für die Alltagsfrommen.

"Man näht keinen neuen Flicken auf ein altes Kleid. Man füllt keinen neuen Wein in alte Schläuche." Alt und Neu passen nicht zusammen, sie zerreißen aneinander.

Hart sind die Konflikte und schwer auszuhalten.

Aber das alte Lieblingskleid, der kostbare Stoff, du wirfst es nicht weg. Der Riss braucht Heilung. Aufwendig ist es, ein Kunst, wer einen Riss heilen kann.

Der neue Wein braucht eine Umhüllung. Der kluge Winzer hält das rechtzeitig bereit.

Das Alte wie das Neu ist bedürftig, braucht Fürsorge, Heilung, Umhüllung.

Und dann noch: Bei Lukas kann man weiter lesen: Man füllt neuen Wein in neue Schläuche, aber wer einmal von dem alten Wein kostet, der wird nie wieder etwas anderes wollen.

Der Gegensatz von Alt und Neu lässt sich nicht auflösen. Wir sind mittendrin, das Wort Gottes holt uns immer wieder in diese Spannung hinein: Ewigalt und immer wieder radikal unverschämt neu. Auf dass wir in dieser Spannung weiser werden und fromm. So ist der Bibel in gerechter Sprache zwei Wünsche mitgegeben. Wem die Bibel vertraut ist, dem möge sie neu irritierend fremd begegnen. Wem die Bibel fremd ist, dem möge die Übersetzung helfen, sich damit vertraut zu machen.

Schon im Augenblick des Erscheinen wird diese neue Bibel alt und überholt sein, denn der Prozess Gottes Wort zu übersetzen hinein in unsere Welt, dieser Prozess wird niemals zu ende sein. Gott gebe uns, dass wir uns beim Übersetzen helfen, beim hinüberzusetzen an das Ufer des Lebens, der Gegenwart Gottes, wo das Himmelreich beginnt. Amen

 

 

 

 


 
 
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