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Keitumer Predigten 2007
Predigt am 3. Advent, 16. Dezember 2007 (Pastorin Susanne Zingel)
Man sieht nur mit dem Herzen gut
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Eigentliche ist unsichtbar. Dieser Satz aus dem Kleinen Prinzen wird oft bei Hochzeiten zitiert. "Hört auf die Stimme des Herzens. Vergesst nicht: Der Mensch sieht was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an." Wir hören dabei meist: Unsichtbar ist das Einmalige, das Kostbare, Liebenswerte. Unsichtbar sind aber auch der Schrecken, die Einsamkeit, die Schuld und die Verzweiflung. Wer an den Engel der Gemeinde in Sardes schrieb, bleibt ein Geheimnis. Es muss aber einer sein, der mit dem Herzen sah und sich traute auszusprechen, was er sieht: Schreibe: Ich kenne deine Werke. Du hast den Namen, dass du lebst und bist tot. So zu reden kann sich nur einer trauen, der das Innerste sieht, wie es wirklich um einen anderen bestellt ist.
…. Als die Familie einzog, da hatten die Nachbarn einen guten Eindruck. Alles schien geordnet, die Kinder gingen morgens zur Schule, der Kleinste war noch zu Hause. Man grüßte sich auf der Straße und wusste voneinander gar nichts.
Sie wohnten erst ein paar Monate hier. Da standen plötzlich die Rettungswagen, die Feuerwehr vor der Tür. Was geschehen war, konnte man nicht fassen. . . . Es war einem nichts aufgefallen.
Ratlos stehen wir davor, wenn der Schrecken in die gutbürgerliche Welt einbricht. Wer hätte das vorher sehen können. Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.
Fünf Kinder sind gestorben und hinterlassen die Mahnung:
Es ist kein Einzelfall, das hören wir jeden Tag, Alles schien in Ordnung und war doch nur Fassade. Das mit dem Alkohol haben wir nie bemerkt. Von den Tabletten haben wir nichts geahnt, die Schatten der Alpträume nicht gekannt. Wir wussten nicht, dass er so krank war. Hätten wir es vorher gewusst. Was hätten wir getan? Sie sagte immer wieder: "Ich will nicht mehr. Aber dass sie Ernst macht, hätten wir nie gedacht." Warum nicht … Weil wir sie nicht ernst nahmen? Uns selbst nicht ernst nahmen?
Im Nachhinein ist es leicht zu sehen alles, was nicht in Ordnung war. Hinterher ist es leicht, Vorwürfe hin und her zu schieben. Aber damit ist niemandem geholfen. Niemand, wird dadurch lebendig.
Wichtig ist doch, dass es nicht bei allgemeinen Appellen bleibt.
Wichtig ist doch, dass wir nicht allein bleiben mit dem Unbehagen, sondern anfangen, gemeinsam nachzudenken.
Gefordert werden eine "Kultur des Hinsehens" und mehr Zivilcourage. Aber mittendrin ist das schwer
Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.
Das Sendschreiben geht nicht an einen einzelnen, sondern an eine ganze Gemeinde, eine Gemeinschaft von Menschen.
Du hast den Namen dass du lebst, aber du bist tot.
In der Gemeinde in Sardes war viel los. Viele trafen sich, viele kamen zum Gottesdienst, viele Spenden wurden gesammelt. Damit tat man viel Gutes. Und trotzdem kommt: "Du bist tot, du hältst niemanden im Leben. Du bist dir selbst genug, Du bleibst bei dir und kümmerst dich nicht um Menschen in Not." Wahrscheinlich haben sie sich sogar gekümmert. Aber kümmern ist nicht genug: Der Ausweis von Lebendigkeit ist einen anderen im Leben zu halten. "Stärke das, was sterben will". Das ist die Kraft einer lebendigen Gemeinde. Und diese Kraft gibt es. Das Wort das einen anderen ins Leben zurückholt. Das Zutrauen, das nicht enttäuscht wird.
Das Vertrauen, einem anderen alles zu erzählen,
Die Intuition, das Unerwartete: komm, ich habe Zeit . . .
Zeit für die Wahrheit, die unangenehme, unerträgliche.
In einer Gemeinde kommt es nicht auf die Fülle von Veranstaltungen statt. Quantitativ ist es nicht zu messen, aber zu spüren ist es, ob Menschen einer Gemeinde etwas wissen von dem Ernst der Verzweiflung. Ob sie es aushalten, dass es keine Antworten gibt, aber durch Jesus Christus muss es möglich sein zu sprechen über Schuld und Schmerz. Verzweiflung, Leere, Sinnlosigkeit
Geredet wird viel. Oft zu viel: Ich erinnere einen Abend vor dem Fest einer Erwachsenentaufe. Spöttisch fragte ein Gast: "Glaubst du denn, dass man Alkoholismus mit Taufwasser bekämpfen kann." Das war am Abend vor der Taufe. Es war so viel Hohn und Spott in diesem Verrat von einem falschen Freund, dass die ganze trostlose Einsamkeit des anderen zu spüren war. Zum Glück waren das falsche Freunde und nicht die Gemeinde, denn es war ein weiter Weg, aber viele haben geholfen. Die Taufe war nur der Anfang, Aber es war ein Geschenk für die ganze Gemeinde. Es war ein Geschenk, ihre Stärke zu entdecken. Wenn ein Menschenleben in eine Schieflage kommt, braucht es viele gute Mächte, aber sie können sich verbünden und zusammentun, können retten und heilen.
In eine lebendige Gemeinde gehören Geschichten von neuem Anfang, Adventsgeschichten vom Weg ins Leben. Adventsgeschichten waren die Antwort, als Johannes fragte: "Bist du es auf den wir warten sollen" und Jesus ihm sagte: "Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Tote stehen auf." So war es, denn sie hatten einen getroffen, der diese Kraft in sich trug: Bei uns stehen keine Toten auf. Dafür hat sich hier ein Übersetzungsfehler eingeschlichen: Ihr kennt es alle: "Aussätzige werden rein, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet." Der Satz ist vertraut, aber so übersetzt dreht er die Botschaft Jesu um: Denn richtig heißt es: "Die Armen verkünden das Evangelium." "Blinde sehen, Lahme gehen und Arme verkünden das Evangelium." Es ist ein Zeichen von Unglauben, dass man das nicht für möglich hielt. Es ist ein Zeichen, dass man den Anfang vergessen hat: als die Hirten liefen und allen sagten: "Wir haben den Heiland gesehen."
Es ist der Anfang von Heil, wenn die Armen, die Verzweifelten, Einsamen nicht zugetextet werden, sondern selbst reden dürfen. Nicht sie bekommen etwas, sondern sie machen den Mund auf. Sie reden, so gut sie es können. Das ist so revolutionär, dass diese Wahrheit verloren ging. Das ist tragisch, denn wer nicht spricht, kann nicht lernen, sich hervorzutrauen. Das aber ist eine lebendige Gemeinde. Wo sich alle trauen und reden. Wo wir es üben, zu reden von dem was wir glauben, ahnen, sehen, So eine Gemeinde hat einen Pastor, eine Pastorin, aber keinen Guru. Sie weiß, es kommt auf jeden an. Du bist es, du brauchst keinen der dir etwas vorbetet, denn du trägst alles in dir. Du kannst dich mit anderen beraten, du weißt, dass wir es lernen müssen, wie es geht, dass einer dem anderen zum Helfer wird. Aber alles ist da. Wenn wir zusammentun, was in uns ist an Glauben, Zutrauen und Liebe, und wenn wir noch mehr zusammentun, was in uns ist an Seelennot und Trauerqual und Zentnerlast. Keiner findet den Weg allein zum Leben. Die Engel kamen zu den Hirten, die Könige hatten ihren Stern und sie kamen zusammen. In einer lebendigen Gemeinde ist niemand allein unterwegs. sich gegenseitig im Leben zu halten, dazu braucht es der Bestärkung durch Schwestern und Brüdern und den Frieden Gottes höher als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen
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