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Keitumer Predigten 2006
Sonntag, 3. Advent, 17. Dezember 2006
(Pastorin Susanne Zingel)
Jesaja 40, 1-8
Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, daß ihre Knechtschaft ein Ende hat, daß ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.
Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Tröstet, tröstet mein Volk spricht der Herr.
Diese Verheißung tut gut. Diese Verheißung wollen wir immer wieder hören. Das sieht man schon daran, wie oft diese Verse zitiert, verdichtet und vertont wurden. Wir haben das Gedicht von Werner Bergengruen gehört. Wir haben das Lied Nr. 15 gesungen: "Tröstet, tröstet spricht der Herr, 1938, in schwerer Zeit von Waldemar Rode gedichtet.
Manch einer hat schon beim ersten Vorlesen die Musik von Heinrich Schütz im Ohr gehabt. Oder von Georg Friedrich Händel den Messias mit der Tenorarie "Tröste dich mein Volk". Bei diesem Barockoratorium kommt am besten durch, was uns heute zunächst einmal fremd erscheint: Alles, was Jesaja sagt, ist Himmelsmusik. Er selbst muss in den Himmel gehoben worden sein, als er diese Worte hörte. Einen Prolog im Himmel: Himmelstrost, der auf die Erde kommt und dir sagt: "Nicht du musst dem Herrn den Weg bereiten, Gott selbst bereitet ihn für dich. Nicht wir sind es, die alles auf den Weg bringen müssen. Gott schickt alle guten Mächte, himmlische Heerscharen auf die Erde, damit sie die Verwirrten, Entwurzelten, Vertriebenen, die Mutlosen trösten und nach Hause bringen."
Nichts wird von dir gefordert. Nichts musst du bringen. Nichts kannst du dazu tun oder davon weg tun. Im Himmel hat Gott Heil beschlossen und er sendet alles aus, was nur helfen kann, dass es bei dir ankommt.
Das ist Advent. Gott kommt zu uns. Er selbst macht sich auf den Weg hin zu uns. Wir können innehalten und uns vorbereiten. Wir können Ruhe, vielleicht sogar Stille einkehren lassen, aber dass Gott kommt, das liegt allein an ihm. Jesaja hat es gehört und sagt es uns weiter: Engel sind unterwegs. Sie bereiten Gott und uns den Weg, dass zusammenkommen Gott und Mensch, Himmel und Erde. Zu uns Menschen kommen sie, um zu trösten, aufzuhelfen, sich einzulassen auf Gottes Gegenwart.
Wahrhaftiger Trost ist eine Himmelskraft.
Das ist nicht schwer, zu verstehen. Jeder erinnert doch, wie hilflos wir dastehen, wie sprachlos, wenn schweres Schicksal einen Menschen neben dir trifft. Wie soll man trösten? Was soll man sagen, wenn Trauer, Bitterkeit und Gram übermächtig werden? Was kann dann noch helfen?
Gut, wenn wir uns überhaupt eingestehen, wie machtlos wir dann sind. Und dass es ein Wunder ist, wo es gelingt, dass ein gutes Wort weiterhilft, eine kleine Geste tröstet, ein Kummer heilt. Wo das gelingt, ist Gott mit dabei, sind wir mit den Engeln im Bunde.
Trost ist eine Himmelskraft, eine wirklich wunderbare Kraft.
Im Trost verbinden sich Himmel und Erde. Im Trost spüren wir etwas von Gottes Geist. Und wo der wirkt, kann man nicht mehr genau trennen, sind wir es oder Engel, Geist oder Gott, der hilft, die Erdenschwere zu tragen. Trost verbindet Himmel und Erde.
Trost kommt von Treue. Und das braucht es: einen, der nicht weggeht, dabei bleibt, die Tränen aushält. In allem, was wir von menschlicher Treue wissen, wie wertvoll sie ist , wie oft wir an ihre Grenzen stoßen: Gott ist treu, bleibt bei dir und hilft dir, dass du zu dir selbst zurückkehren kannst, jederzeit bei dir selbst ankommen kannst.
So wie die Hirten im Stall ankommen. Es ist ihr eigener Stall und ist nun von Gott bewohnt. Sie werden nicht über Trost gesprochen haben. Der Trost war einfach da, und vielleicht haben sie nur geseufzt, tief Luft geholt. So wie es bei Jesaja übersetzt aus dem hebräischen heißt: "Nachamu", nachamu, nachamu Ami. Tröste tröste mein Volk. Nachamu ahmt lautmalerisch ein Seufzen nach, ein tiefes Ausatmen, wieder Durchatmen. So kann trösten heißen, einen Menschen herausholen aus Enge, Bitterkeit, Gram und Sorgen. Seufzen, tief durchatmen und spüren, die Sorge und der Kummer ist nicht alles, es ist gibt viel mehr. Schon die Ahnung davon kann viel sein. Selbst wenn das Schicksal sich nicht ändern lässt, du musst es nicht einfach ertragen, hinter allen Tränen und Schmerzen kann sich ein Horizont auftun, der weiter ist. Die Hirten bleiben Hirten, aber sie sind auch Kinder Gottes, brüderlich, Gott verwandt,
Viel Krankheit lässt sich nicht heilen, aber sie soll dich nicht beherrschen. Deine Gedanken, deine Gebete, und deine Hoffnung reichen weiter und gehen nicht ins Leere.
Viel Zerschlagenes lässt sich nicht wieder zusammenfügen, aber geheimnisvoll bleibt es ein Ganzes, wenn wir es Gott anvertrauen, in seine Hände legen, wo nichts verloren geht.
So wird Trost mehr als einfach das Schicksal ertragen, den Schmerz aushalten, Trösten ist eine Kraft nach vorn. Sie holt dich heraus, sie hilft dir hindurch, sie bringt dich weiter.
So übersetzt Martin Luther Trösten oft mit "weiter Raum, ein weiter Raum wird sich um dich auftun, dir einen Weg auftun." Und dass wir diesen Weg auch gehen, dazu hat Martin Luther eine eigene Wortschöpfung: Er verbindet Trost mit Trotz: Das klingt ja erst einmal gut: Trost und Trotz. Aber wer wäre darauf gekommen. Trost, hat etwas ruhig Beruhigendes. Bei Trotz denken wir eher an aufständische Kinder, die nicht ins Bett wollen und mit dem Fuß stampfen. Sei nicht trotzig, wurde da gesagt, und wurde vielleicht zu oft gesagt. Den Trotz haben wir uns abgewöhnt, und nicht erprobt, wie das eigentlich weitergeht, wenn der Trotz erwachsen wird und reift und eine widerständige, lebendige Energie wird.
Tröste, tröste mein Volk, dass sie die Hoffnung nicht verlieren. Trotz allem, was einen Menschen klein macht, trotz allem, was dein Leben eng macht, dich hindert zu sein, was du bist, trotz Krankheit und Tod, trotz Streit und Zwietracht, trotz allem, Gott ist auf dem Weg zu dir, auf dass du nicht aufhörst, an das Leben zu glauben, trotz allem ein Licht anzuzünden, trotz allem dabei zu bleiben, einander zum Helfer, zum Tröster zu werden.
Da werden sich die Berge vor dir verneigen und die Täler werden vor Freude erhöht. Das Hohe nicht mehr hoch, das Tal nicht mehr tief. Gegensätze berühren sich, werden ein ganzes Leben. Kein finsteres Tal musst du verleugnen, und trotzdem kannst du singen mit Engeln und Hirten, mit Schwestern und Brüdern von der Freude, dass Gott da ist und kommt. Allezeit ist er dir nahe und ersinnt trotzdem immer neue Weisen, dir zu begegnen, Helfer in aller Not, Kraft zu allem Guten, Heiland für die ganze Welt.
Amen
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