St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Predigt 17. Juli 2005

(Pastorin Heike Reimann, Keitum/Tinnum)

"Schwerter zu Pflugscharen"

 

Es kommt eine Zeit... da wird Frieden sein. Eine Vision des Friedens. Ein Traum vom Frieden. Liebe Gemeinde, das wäre doch einfach schön: Alle Menschen würden ihre Waffen nicht nur niederlegen, sondern umschmieden, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Eines Tages – so heißt es in einem Text von Josef Reding werden die Kinder das Wort Krieg gar nicht mehr kennen. Es wäre schön ...

Liebe Gemeinde,

dieses Wort Jesajas ist zum Symbol des Friedens geworden. Die Russen haben ein Schwert zu einem Pflug umgeschmiedet und es der UNO zum Geschenk gemacht. Während der Friedensbewegung in den 80er Jahren haben Christen in der Bundesrepublik und in der DDR die Schwerter zu Pflugscharen als Aufnäher an ihrer Kleidung getragen. Nicht nur zur Freude der damaligen Regierungen.

Wir können miteinander streiten, wie ein gemeinsames Europa aussehen kann und welche Verfassung es bekommt und welche Möglichkeiten. Wir können uns sogar darüber streiten, wer dazu gehören darf und wer nicht, aber das Gute daran ist doch, dass die Völker Europas nach vielen schmerzlichen Kriegen zum Frieden gefunden haben und versuchen, Freunde zu werden. Wenn wir von Freunden umgeben sind ist der Traum vom Frieden ein Stück wahr geworden.

Trotzdem ist Frieden nicht die Normalität. Weltweit gibt es Kriege und die Anschläge der letzten Zeit zeigen uns, wie eng wir damit verknüpft sind.

Frieden – ein Leben ohne Angst.

Frieden – ein Leben ohne Waffen,

Frieden – ein Leben ohne Gewalt und Blutvergießen

"Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen". Den Dienst an der Waffe gibt es nach Jesaja in Zukunft nicht mehr. Dafür steht der Frieden auf dem Lehrplan.

Wir werden den Frieden lernen. Aber wie? Dazu habe ich ihnen als ein Beispiel einen Eimer voll Sand mitgebracht vom Strand. Wenn Kinder spielen, was können sie alles damit machen? Und ja nicht nur Kinder, - am vergangenen Sonntag nach dem Gottesdienst am Strand sah ich zwei erwachsene Männer mit Hingabe eine Burg bauen. –Die Kinder spielen, bauen Burgen oder sie backen die köstlichsten Sandkuchen.

Nicht nur am Strand überall wird Sand verwendet. Man kann damit Meuter anrichten für den Hausbau.

Wir streuen im Winter unsere eisigen Wege mit Sand, um sie weniger rutschig machen.

Sand in einen Blumentopf gegeben wird er zum zuhause für meinen Kaktus.

Ich kann Sand sein. Sand im Getriebe der anderen, Sand im Alltagstrott, und ich kann ihn auch nehmen und dem Nächstbesten ins Gesicht schmeißen.

Kinder entdecken den Sand als Baustoff und die Schönheit, die sie damit schaffen können, aber sie entdecken auch die verletzende und schmerzende Wirkung von Sand, wenn sie ins Gesicht treffen. Und sie entdecken die Lust am werfen. Ich vermute alle, die je im und mit Sand gespielt haben, haben auch diese Erfahrung gemacht. Auch wenn wir es längst vergessen haben.

Wenn ich am Strand die spielenden Kinder beobachte, und mich daran erinnere als unsere Kinder in dem Alter waren, frage ich mich manchmal, was soll man machen, wenn ein anderes Kind ausgerechnet dann diese Entdeckung macht, wenn das eigene Kind, das Enkelkind neben ihm sitzt? Sag ich: lass dir nix gefallen – schmeiß zurück?

Sag ich: wenn es dir Sand in das eine Auge geschmissen hat, halt ihm auch noch das andere hin. Sag ich: Geh zur Oma, geh zur Mami, zum Papi, die werden es dem bösen Kind schon geben.

Sag ich: Lauf einfach davon. Überlass dem Sandschmeißer die Sandkiste und spiel halt was anderes?

Und was sage ich dem anderen oder misch ich mich lieber nicht ein? Sollen die Kinder nicht selbst lernen, Konflikte zu lösen. Im Kleinen spielen sie doch das Großwerden. Wer glaubt, dass der Mensch nur durch handfeste Erfahrung lernt, wird vielleicht schütteln, rütteln oder sogar das alte Mittel der Ohrfeigen einsetzen.

Wer meint, dass der Mensch durch Vernunft und Nachdenken lernt, wird ein langes Gespräch mit dem Kind führen und ihm am Ende das Versprechen abnehmen, das nie nie wieder zu machen.

Wie lernen wir den Frieden?

Was immer wir sagen oder tun, es hat etwas mit unserem Bild von der Welt und von den Menschen zu tun. Was können wir tatsächlich sagen oder tun, dass das Kind die Lust am schmerzhaften Werfen verliert und es nie wieder tun wird und solche Handlungsweisen ablehnt.

Hören wir noch einmal auf das, was Jesaja zu sagen hat:

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen, schreibt Jesaja. Oder auf meinen Sandeimer bezogen: Dann werden sie nur noch Sandburgen und Bewässerungskanäle bauen und Kuchen backen  und niemandem mehr Sand in die Augen schmeißen.

Aber Achtung: auch Kuchen und Torten kann man schmeißen. So wie in den Bauernkriegen der Reformation Sicheln, Sensen und Dreschflegel als Waffen benutzt wurden, einfach deshalb, weil die aufständischen Bauern keine Schwerter zur Verfügung hatten. Und einfach deshalb, weil sie keine anderen Mittel hatten oder kannten, ihre Interessen zu schützen und durchzusetzen. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen.

Ein schöner Traum, aber ist er durchsetzbar? „Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ – so heißt es. Solange die anderen böse sind, können wir auf Waffen zum Schutz nicht verzichten, sagen manche und fühlen sich durch das Geschehen in der Welt dadurch bestätigt. Wenn wir tolerant sind und andere in ihrer Andersartigkeit sein lassen, wie sie es wollen, und ihnen aus dem Weg gehen, ändern wir nur für den Moment etwas.

Wenn ein Kind weggeht, weil ein anderes mit Sand wirft – wird das andere aufhören zu werfen? Oder wird es ein anderes Opfer suchen? Oder auch noch die Burg zertreten?

Wie lernen wir den Frieden und was lehren wir unsere Kinder?

Es gibt keine Lösung, die immer und für jeden stimmt. Und wir können den Frieden nicht durch "Einpauken" lernen und wir können ihn nicht anderen überstülpen. Ein erzwungener Friede hält nicht lange, das zeigt die Erfahrung aus der Geschichte. Gottes Frieden ist höher als unsere menschliche Vernunft. Er gründet tiefer. Du kannst Frieden schaffen, wenn Du, tief in Deinem Inneren zu Deinem Frieden gefunden hast. Der Friede Gottes ist ein großes Geschenk.

Jesaja sagt – und meint damit nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart: Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn! Lehren wir unsere Kinder den Respekt vor der Gefährlichkeit des Schwertes und anderer Waffen. Die Gefährlichkeit aber wissen die am besten einzuschätzen, die gelernt haben, damit umzugehen. Dann werden sie nicht einfach damit herumfuchteln und sich und andere gefährden – nur so zum Spaß.

Lehren wir sie, im Affekt nicht einfach drauf zu hauen, sondern die Wahl der Mittel sorgsam zu überlegen und mit dem schwächsten und freundlichsten zu beginnen. Lehren wir sie die Kunst der Verhandlung und der Geduld, die auf vordergründig einfache Lösungen verzichtet.

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge...

Zur letzten Zeit – das ist das Ende der Welt. Der Prophet hat eine Vision, wie das Ende aussehen wird. Das Ende, von dem so viele meinen, es wird ein schreckliches Ende sein.

Doch Jesaja sagt: Das Ende der Welt wird von Gottes Frieden bestimmt sein. Damit beschreibt er indirekt auch, wie die Welt zu seiner Zeit und bis heute aussieht. Und wie Menschen sich derzeit verhalten: Nämlich ganz und gar nicht friedlich. Es ist typisch für biblische Texte, dass sie uns keine einfachen Lösungen in die Hand geben. Weil das Leben nicht einfach ist. Und wir Menschen nicht einfach sind. Und Beziehungen nicht einfach sind. Und auch die Einteilung in gut und böse zu einfach ist, um der Wirklichkeit gerecht zu werden.

Die Vision des Jesaja bedeutet: Ich brauche das Ende nicht zu fürchten, und kann mich daher ganz dem hier und heute zuwenden und das Ende der Welt in Gottes Hand lassen. Dennoch wird es bis zu diesem friedvollen Ende immer wieder Situationen geben, in denen Friede ein schöner Traum bleibt. Ein Traum – eine Vision - , aber keine naive Träumerei.

Manchmal können wir nicht zwischen gut und böse, richtig und falsch wählen, weil die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt und manchmal bleibt nur die Wahl zwischen zwei Übeln: einem größeren und einem kleineren. Erst dann, wenn ein alternativer Weg der Streitschlichtung begangen werden wird, wird niemand mehr das Kriegshandwerk lernen müssen.

Und darum gilt es bis zu dem großen Frieden Gottes jedes Mal neu den eigenen Standpunkt zu überprüfen, zu entscheiden und danach für die gefundene Lösung die Verantwortung zu übernehmen. Der große Frieden Gottes ist eine Zukunftsvision, aber Leben als Kinder des Lichts, das können wir heute schon. Christus hat es uns zu gesagt: Ihr seid das Licht der Welt.

Der sagt ich bin

Sagt uns ihr seid

Der sagt ihr seid

Sagt uns ich bin

Das Licht der Welt. (Kurt Marti)

Amen

 


 
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