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Keitumer Predigten 2007
Predigt an Christi Himmelfahrt, 17.05.2007
(Pastorin Susanne Zingel)
Liebe Gemeinde, es ist eigentlich seltsam dass wir mit dem Himmelfahrtsfest am allerwenigsten anfangen können. Alle anderen Feste werden groß gefeiert. Beim Himmelfahrtsfest wird der Kreis kleiner. Das ist gerade darum seltsam, weil Himmelfahrt das christliche Fest ist, das sich von keinem anderen Fest her ableitet. Ostern ist verwandt mit dem Passahfest. Gründonnerstag allzumal. Pfingsten mit dem jüdischen Erntefest. Weihnachten folgt der Wintersonnenwende und nimmt Geburtslegenden auf. Einzig die Himmelfahrt steht da und hat niemanden, in dem sie sich tiefer gründet. Sie ist ohne Ableitung ein ganz eigenes christliche Fest und schon das ist eine Botschaft: das Eigene kann etwas Fremdes sein. Vielleicht sind wir uns in unserem Eigenen im innersten gar nicht so vertraut, in unserem eigenen nicht so zu Hause, wie wir meinen.
Der Vatertag hat sich über dies Fest gelegt. Vielleicht, weil wir uns mit diesem Fest schwer tun. Vielleicht, weil der Muttertag so nah ist. Es kann auch die Erinnerung sein, dass Christus zu seinem Vater zurückkehrt, Herrentag, Vatertag. Die stimmigste Verbindung für diesen Vatertag im 19. Jahrhundert entstanden ist immer noch, dass die Väter über Land ziehen. Auch heute wird es Ausflüge geben, der Trend geht zum Familienausflug. Ausflüge und übers Land ziehen verbindet sich wieder zurück mit der Himmelfahrtsgeschichte. Dies ist kein Fest für geschlossene Räume. Die Jünger waren auch mit Jesus unterwegs. Von Jerusalem nach Bethanien, oder auf den Ölberg, hinauf, und wieder hinunter, zurück nach Jerusalem. Im Wandern und unterwegs sein nehmen sie die Botschaft vom Himmelfahrtsfest auf, die ganz einfach heißt: "Hier ist nicht da." Hier ist nicht dort. "Hier im irdischen Getümmel ist nicht Gottes voller Himmel," so haben wir gerade gesungen (EKG 123). Das ist noch eine ganz liebreizende Beschreibung für unsere Welt. "Das irdische Getümmel." Mit allem, was wir wissen, wie es zugeht in dieser Welt ….
Hier auf der Insel Sylt lässt sich Himmelfahrt wunderbar erleben. Hier predigen der Himmel und das Meer ganz ohne Worte. Alle Gäste suchen es hier ja und kommen immer und immer wieder. Aus dem Alltag, aus engen Straßen, aus dem irdischen Getümmel kommst du hier an und es ist ganz leicht, mit sich im Einklang zu sein. Bei manchen beginnt es schon, wenn sie auf dem Autozug sitzen. Aber meist gehört es doch dazu, wirklich am Strand die Luft einzuatmen, das Meer zu sehen und mit allen Sinnen zu spüren, "ich bin da." Alles ist da und hilft bei dir selbst anzukommen. Auch da gibt es die Differenz. ‚Hier' ist nicht ‚Da'. Der Alltag, das wo es schwerer, ist ganz bei sich zu sein. Weil alles kleiner und enger ist. Und wir, die wir hier leben, wissen sehr wohl, dass Sylt keine Insel der Seligen ist. Hier ist nicht da.
Den Himmel auf Erden erfahren und spüren, das ist möglich. Dass der Himmel herabkommt, dass du alle Weite spürst und dich Gott und dir selbst ganz nahe fühlst, und mit allen Menschen versöhnt, das ist möglich. Das ist das Himmelreich auf Erden. Und doch ist es unendlich fern. Du brauchst nur auf dem Autozug das Radio anzustellen und wirst hören, wie fern diese Welt von Erlösung ist. Wie schwer es ist, die offene Weite des Himmels zu halten. Hier ist nicht da. Es gibt eine göttliche, eine himmlische Welt - wundererfüllt, voller Licht und Glanz, Gottes Gegenwart - Vater unser in allen Himmeln und über allen Himmeln.
Mancher sagt und vielleicht sind es auch viele schon, "Das interessiert mich nicht. Mich interessiert nur das Hier, das Diesseits, das Heute. Das Jenseits brauche ich nicht."
Und es ist wohl so: das Himmelfahrtsfest wurde erdrückt von Jenseitsvorstellungen. Wo es dogmatisch eng wird, kann es viel enger werden als Straßen in der Großstadt. Wenn dogmatisch das Jenseits festgelegt wird, und keinen Bezug zum Leben mehr hat, wenn es da womöglich geht um Abrechnung, Lebensbilanz, Strafe, Belohnung - dann ist noch das Beste, wenn es zur Karikatur wird, und wir bei Petrus anklopfen und ein Witz draus wird.
Heute sind wir aber fast mehr in der Gefahr, das Geheimnis des Himmelfahrtsfestes im Diesseits zu verlieren. "Ich lebe immer am Strand", so gibt es ein Lied. "Ich lebe hier, ich lebe heute". Da fragen viele, "Was brauche ich einen Himmel?" Hier und jetzt, sich ganz spüren, darauf kommt es an.
Zu beiden Bewegungen, da wo es ins Jenseits abgeht und eng wird und wo es zu diesseitig wird, sagt Jesus: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann kommt ihr nicht ins Himmelreich hinein." Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr es nicht sehen. Kinder können euch lehren. Sie können euch lehren, sich ein Jenseits vorzustellen, ganz lebendig und ganz nah. Wenn ihr ein Kind begleitet, nicht begleiten müsst, sondern begleiten dürft ein Kind, das Abschied nimmt, weil jemand stirbt, einfach nicht mehr da ist. Sie werden nachhaltig und beharrlich fragen: "Wo ist er denn jetzt, wo ist sie denn jetzt?" Sie halten ganz fest daran: "Er ist nicht hier, er ist irgendwo. Wo ist sie?" Hier ist nicht Da. Aber dass es das gibt, ein geheimnisvoll fernes Dort, dafür nehmen sie alles zu Hilfe, den Himmel und alle Sterne und die Musik.
Dass bei Gott im Himmel weitergelebt wird, man kann es von Kindern lernen, von ihrer ganz naiven, vertraulichen Liebe. Hier ist nicht da.
Kinder nehmen das ernst. Und gleichzeitig sind sie ganz diesseitig.
Im Spiel können sie alles um sich herum vergessen. Sie erschaffen ganz neue Welten, sind dann nicht mehr hier, sondern ganz woanders. Sie sind so dabei, dass alles andere um sie versinkt. Ein Glück, wenn wir Erwachsenen da mitspielen dürfen. Da kommst du wieder an bei dir.
Kinder fragen nicht wie die Erwachsenen, in der Geschichte mit dem Zenmeister, wo andere wissen wollten,: "Worin liegt dein Geheimnis?"
Und er antwortete, "Das ist ganz einfach. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich." Da sagten die anderen: "Was ist daran besonders, das tun wir doch auch!" Aber er sagte: "Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann geht ihr schon. Und wenn ihr unterwegs seid, dann seid ihr in Gedanken schon dort, wo ihr eigentlich hin wollt. Ihr seid hier, aber ihr seid viel zu selten da." Und das beschreibt wirklich eine Spannung in unserem Leben, in unserem Hiersein: Wir sind hier, aber wir sind nicht da. Es gibt gute Gründe dafür. Viele, viele Verspflichtungen, Kompromisse und das Leben, wie es ist.
Jesus war kein Zenmeister. Aber er war mittendrin in dieser Spannung und in ihm hat sie sich aufgelöst. Er war einfach da. Er war einfach gegenwärtig. Er war ganz und gar in Gott, darum war er da und hier.
Er hatte den See Genezareth und den Jordan. Er hatte die Wüste und den Himmel, die Lilien auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel als Vertraute. Er hatte kein Haus, er hatte Freunde. Er hatte keinen Beruf, jedenfalls übte er keinen aus. Er hatte, soweit wir wissen keine eigene Familie und damit keinerlei Absicherung. Gerade darum, weil er gar nicht in dieser Welt beheimatet war, darum war er ganz da in dieser Welt. Er war zu Hause in Gott und konnte Menschen da hineinholen. Darin liegt das ganze Geheimnis seiner heilenden Kräfte. Was auch an Wundern erzählt wird, es verbindet diese Geschichten immer: Menschen kamen an bei ihm, spürten, das bin ich. Sie waren berührt, geliebt und sie waren nicht mehr da, wo sie vorher waren. Das machte ihr Leben ganz selten einfacher - eigentlich nie, aber es macht sie glücklich, dem Himmel nah und selig. Und sie hätten um nichts in dieser Welt wieder davon gelassen. Einmal gespürt, wird diese Sehnsucht für ein ganzes Leben reichen. Dass man nicht in der Vergangenheit lebt, wo Schuld oder Schweres sich aufhäuft - Die Vergangenheit zu lassen, anzukommen im Jetzt. Die Sorgen und die Ängste zu lassen, die die Zukunft dunkel malen. Die Zukunft, die wir nicht in der Hand haben. Die Sorgen zu lassen und anzukommen im Hier und zu sehen, was alles da ist: Die Güte Gottes, die Liebe und wer du selbst sein kannst. So bewegt und herausgeholt aus allem, was sie klein macht, sind die Menschen losgegangenn und mit Jesus mitgegangen und haben gespürt, er ist da.
Dass die Mächtigen das nicht hören wollen, das verstehen wir sofort alle. Dass die Behäbigen, die zu Satten und Zufriedenen sich damit schwerer tun, als die Armen, die sowieso nicht wissen wohin, das leuchtet schnell ein.
Das Verwirrspiel von hier und da begleitet das Leben Jesu von Anfang bis zum Ende. Er ist geboren nicht nur unter einem offenen Himmel. Er ist nicht zu Hause geboren, sondern in einem Stall. Als er das erste mal den Mund aufmachte, da waren alle in der Synagoge völlig bewegt und sagten: "Was ist das? Ist das der Sohn Josefs, Woher hat er solche Gedanke? Der kann nicht von hier sein." "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Und bis zuletzt als Pilatus Jesus fragt: "Woher kommst du eigentlich?" Eine große Verwirrung richtet ein Mensch an, der wirklich da ist. Bis zuletzt. "Er ist nicht hier. Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" Er ist nicht hier, da wo die Toten hingehören. Selbst da hielt sich Jesus nicht an die Regeln: "Er ist auferstanden." Er ist da und lebt, weil er verbündet ist mit dem lebendigen Gott, der selbst heißt: "Ich bin da. Ich bin, der ich bin und ich werde da sein." So hat Gott sich Moses im brennenden Dornenbusch vorgestellt. Und so sind wir mit ihm unterwegs, das wandernde Gottesvolk. Hier auf dem Weg und noch nicht dort angekommen, wo Gott alles in allem sein wird. Aber wir sind nicht allein. Christus ist uns weit voraus, und doch ganz nah. Auf dass wir unsere Zeit bestehen, miteinander auf dem Weg, Dass wir in der Spannung von hier und dort immer wieder da sind, gegenwärtig - und wenn es nur für Augenblicke ist, es behüte dich die Ahnung von Seligkeit und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.
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