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Keitumer Predigten 18. September 2005
(Pastorin Heike Reimann)
Die Geschichte von Ruth
Liebe Gemeinde! Ich möchte Ihnen heute von einer Frau erzählen,
deren Geschichte ein eigenes Buch in der Bibel füllt. Es ist die Geschichte
von Rut. Eine wunderbare Frauengeschichte, die im jüdischen Jahresablauf
immer zum Wochenfest gelesen wird. Denn diese Frauengeschichte erzählt
von Auferweckung, von Erlösung; auch von Verantwortung und
Großzügigkeit, die dem Leben dient. Es ist erzählte
Familiengeschichte, Geschichte Israels und dadurch Gottesgeschichte.
Wir kennen aus dem Buch Rut am besten einen Satz, der häufig als
Trauversprechen benutzt wurde und wird. "Wo du hingehst, da will auch ich
hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und
dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch
begraben werden. Nur der Tod wird dich und mich trennen."
Doch dies kommt später. Die Geschichte beginnt mit einer Hungersnot
in Bethlehem. Kein Brot im „Haus des Brotes“. Elimelech emigriert
ins Land der Moabiter, wo es offenbar genug gibt. Mit ihm gehen seine Frau
Noomi und die beiden Söhne Machlon und Kiljon. Elimelechs Name bedeutet:
„Mein Gott ist König“. Und in Moab sieht auch erst alles gut
aus. Die Familie wird gut aufgenommen. Sie finden Wohnung und Brot, sie
können überleben.
Die Moabiter – einst Feinde – erweisen sich gastfreundlich und
als Lebensretter. Die Söhne heiraten sogar moabitische Frauen. Von Problemen
dabei ist uns nichts überliefert. So können also sogenannte
Witschaftsflüchtlinge auch aufgenommen werden. Aber dann stirbt der
Mann mit dem Bekenntnisnamen. Trotzdem muss Noomi sich nicht ängstigen,
sie ist abgesichert durch ihre Söhne. Aber auch die beiden, die die
verhängnisvollen Namen „ Krankheit“ und „Schwindsucht“
tragen, sterben. Übrig bleiben Noomi und ihre beiden moabitischen
Schwiegertöchter Ruth und Orpa. Drei verwitwete, kinderlose Frauen in
einer Gesellschaft, in der Männlichkeit Trumpf ist. Das ist nicht nur
menschlich, sondern auch sozial eine Katastrophe. Das wirtschaftliche Elend
der Witwen im Altertum ist bekannt. Ohne Altersversorgung, ohne
Unterstützung werden sie selbst von der eigenen Familie als unnütze
Esser nur geduldet. Es ist der Verlust von Zukunft und Hoffnung. Ohne Kinder
und Kindeskinder ist es, als wärst du nie gewesen. Doch Noomi ist in
aller Trauer realistisch und will zurück nach Hause. Es hat sich
herumgesprochen, dass es wieder Brot in Bethlehem gibt.
Noomi will allein heimkehren und so heißt es Abschied nehmen. Sie hat
dort noch Verwandte, aber den jungen Moabiterinnen kann Noomi keine Zukunft
bieten. So schickt sie beide fort: „Geht hin und kehrt um, eine jede
ins Haus ihrer Mutter!“ Dort hätten sie die Chance, neuverheiratet
zu werden. Erst weigern sich die beiden Frauen. Doch schließlich siegt
bei Orpa die Vernunft. Sie geht. Ruth bleibt. Und dann sagt sie zu Noomi
jenen berühmten Satz, der wohl jedem ans Herz geht: „Wo du hingehst,
da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist
mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch,
da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der
Tod wird mich und dich scheiden“ (1,16f).
Diese Liebeserklärung ist so schön, dass ungezählte Hochzeitspaare
sie als Trauspruch gewählt haben. Ob ihnen allen klar war, dass dies
ursprünglich Worte einer Schwiegertochter an ihre Schwiegermutter waren?
Ich weiß es nicht, aber viele Trausprüche werden aus dem Zusammenhang
genommen und durch das jeweilige Paar bekommen die Worte einen neuen Sinn.
Hier geht es um solidarische Liebe. Zwei Menschen gehen miteinander
den Weg in die Zukunft. Sie gehen miteinander ohne Wenn und Aber. Nicht
halbherzig, nicht unter anderem, nicht unter gewissen Bedingungen,
sondern mit ganzem Herzen, mit Haut und Haaren vertraut sich doch –
im Idealfall - in der Ehe ein Partner dem anderen an.
"Wo du hingehst, da will auch ich hingehen".
Nebeneinander zu laufen reicht nicht. Das bedeutet so viel wie: den anderen
tragen, ihn durchtragen, ihm helfen. Und es bedeutet auch: den anderen verstehen
und mit ihm zusammen die Schwierigkeiten des Lebens meistern. Durch
die Liebe miteinander verbunden sein, den anderen nicht fallen lassen, auch
wenn er manchmal anders ist und sich anders verhält, als ich es erwarte.
Das ist sicherlich nicht immer leicht. Leichter ist es, dem anderen die Liebe
und Freundschaft aufzukündigen, sich innerlich vom anderen zu
distanzieren und zu trennen, wenn es schwer wird. Und so frage ich
mich: Woher nimmt Ruth den Mut, sich diesem Gott anzuvertrauen? Sie ist Heidin
und hat bisher nur erfahren, dass es Noomis Familie schlecht ergangen ist.
Hätte sie nicht eigentlich fragen müssen: Warum lässt dein
Gott das zu? Doch gerade das ist das besondere an dieser Liebeserklärung.
Es sind keine leeren Worte, sondern in der Zeit der Not solidarisiert sich
Ruth mit der Schwachen. Sie steht zu einem Menschen ohne Zukunft und zu einem
Gott, der das begleitet. „Dein Gott ist mein Gott“.
Die beiden kommen „um die Zeit, da die Gerstenernte anging“ (1,22).
Seit Urzeiten ist es das Recht der Armen die Reste aufzuheben. Und so geht
Ruth aufs Feld, zufällig gehört es Boas, einem von Elimelechs
Verwandten. Zufällig – was einem von Gott zufällt und Boas
zeigt sich denn auch großzügig. Er verspricht ihr Sicherheit auf
seinen Feldern und sorgt dafür, dass genügend Ähren für
sie liegen gelassen werden. Als Noomi erfährt, dass die Ernte von
Boas’ Feld stammt, bricht sie begeistert in einen Segensspruch aus:
„Gesegnet sei er vom Herrn, der seine Barmherzigkeit nicht abgewendet
hat von den Lebendigen und von den Toten“ (2,20). Endlich kann sie Gott
wieder loben. Endlich erfährt sie wieder seine Gnade. Denn sie weiß:
Boas gehört zu den Verwandten, die nach Gottes Gesetz Verantwortung
zu übernehmen haben für verwitwete, verarmte Familienmitglieder.
Noomi lebt wieder auf. Es gleicht einer Auferstehung aus Verzweiflung, Sorgen,
aber auch Armut. Und zurück im Leben wird Noomi auch wieder aktiv. Mit
der Lebenskraft kommt auch eine Lebensperspektive zurück. So klingt
es wie eine späte Antwort auf Ruths Liebeserklärung, wenn Noomi
jetzt spricht: „Meine Tochter, ich will dir eine Ruhestatt suchen, dass
dir’s wohl gehe“ (3,1).
Noomi hat nämlich einen Plan. Weibliche Klugheit, Erotik und Recht und
Gesetz sind die Bestandteile. Sie schaffen es, gemeinsam. Boas geht mit Ruth
die Schwagerehe ein. Ein Kind wird geboren, ein Junge. Das ist die
Erlösung, für Ruth und Noomi. Ruth findet Aufnahme in das
jüdische Volk, Noomi bekommt einen Enkel, für sie wie ein neuer
Sohn. Als der Sohn geboren wird, kommen alle Nachbarinnen zusammen, loben
Gott, freuen sich an der Geburt des Nachkommens, der nur durch Ruths Treue
zu Noomi entstehen konnte. Deine Schwiegertochter, die dich geliebt hat,
hat ihn geboren, die dir mehr wert ist, als sieben Söhne (Ruth 4, 15).
So fassen sie das Geschehene zusammen und geben dem Kind seinen Namen: Obed.
Obed ist mehr als der Namensträger der Familie und die Altersversorgung
für Noomi, er ist das Zeichen der Treue und Liebe Gottes. An der
Solidarität einer fremden Frau offenbart sich die Solidarität Gottes.
Der Leben schenkende Gott offenbart sich in Leben gebenden Menschen.
Später zeugt auch Obed einen Sohn und dieser ebenfalls. Der Urenkel
von Ruth und Boas war der bekannteste Staatsmann Israels: König David.
Und so wird an Ruth erinnert bis heute im Stammbaum Jesu.
Die Geschichte von Ruth ist jedoch weit mehr als ein Stammbaum. Es ist eine
Geschichte vom Überleben einer Katastrophe und vom neuen Leben. Es ist
eine Geschichte, die auf die soziale Wirklichkeit von Frauen in der damaligen
Zeit aufmerksam macht, die im Grunde nur "etwas wert" waren, wenn sie Söhne
gebären - in einigen Ländern ist das leider auch heute noch so.
Es ist bei Weitem nicht nur eine nette idyllische Geschichte für Brautpaare,
sondern eine Geschichte für alle. Es ist eine Geschichte der
Solidarität unter Frauen, die das scheinbar Unmögliche möglich
machen. Eine Geschichte von Frauen, die nicht um Schönheit und Anerkennung
konkurrieren, sondern Weggefährtinnen werden. Wir erleben, wie die
Verbitterung der einen durch die Liebe einer anderen erlöst wird. Der
Mut zum Außergewöhnlichen bringt Segen. Die Liebe zum
„Du“, zum Menschen – gleichgültig ob Mann oder Frau,
ob in der Ehe, in der Familie, in Freundschaftsbeziehungen oder ganz allgemein
die Liebe zu dem von Gott geschenkten Gegenüber und Mitmensch macht
kreativ.
Wo in unserer Gesellschaft der Verteilungskampf immer härter geführt
wird, wo die Schere zwischen Reich und Arm, oben und unten immer weiter
auseinander klafft, da erinnert diese Geschichte an die Kraft der solidarischen
Liebe, die das Wissen voraussetzt, dass wir alle Kinder Gottes sind.
Es ist auch eine Geschichte der Solidarität mit der Fremden, mit einer
Frau am Rande der Gesellschaft.
Und es ist auch eine Geschichte, die davon erzählt, dass Männer
Geld und Position zum Guten nutzen und nicht nur zum eigenen Vorteil. Boas
nutzt die schwache Position der beiden Frauen nicht aus, sondern nimmt sich
ihrer an und macht deutlich, dass die Überwindung kultureller und
religiöser Grenzen möglich ist, ja sogar zu neuem Leben führt.
Es ist eine Geschichte vom Gehen und Bleiben, eine Geschichte von einer Heimat,
in der man nicht immer war, sondern in die man kommt, die zur Heimat wird.
Ruth kann bleiben, weil sie den Mut hatte, zu gehen. Ruth findet durch die
Bindung an Noomi im Lande Israel und im Volk Israel ihr Zuhause. Die
Zugehörigkeit zu einem Volk macht sich fest an der Entscheidung, zu
den Menschen eines Volkes gehören zu wollen, im Lande eines Volkes wohnen
und Leben zu wollen, die Normen und Gesetze eines Volkes als die eigenen
annehmen zu wollen.
Es eine Geschichte von der Kostbarkeit neuen Lebens. Das große Willkommen,
das Obed bereitet wird, kann auch uns deutlich machen, dass es unsere Aufgabe
ist, den Kindern in unserem Land gute Orte des Lebens zu schaffen. Gott selbst
kam einst als ein Kind in unsere Welt.
Und es ist eine Geschichte, in der wir Gott finden als einen, der Partei
ergreift für die in Not Geratenen. Und so ist es alles in allem eine
Geschichte der Hoffnung, denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie uns
begleiten auf allen unseren Wegen. Amen.
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