| eitumer Predigten 2007
Predigt am 18.03.2007
(Pastorin Heike Reimann)
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ oder „Was ist Freiheit?“: Liebe Gemeinde, „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“, ein wundervolles Wort! Ein Gedanke, der uns aufatmen lässt. Das Wort schafft in uns einen weiten Raum. Statt Enge und Angst spüren wir Freiheit und Zuversicht. Der 31. Psalm, aus dem der Vers stammt, ist selbst ein weiter Raum. Wer diesen Psalm betet, der hört das Sterbegebet des gekreuzigten Jesus: „In deine Hände befehle ich meinen Geist“. Doch vor allem hören wir den Beter des Psalms, wie er erzählt von seinem Leben, über seine Fragen und Zweifel. In einer Situation, in welcher nach menschlichem Maß alles am Ende scheint, da zeigt Gott Auswege auf und schafft Weite. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ – ein Psalmwort, welches Freiheit und Geborgenheit zugleich schenkt. Gott stellt unsere Füße täglich auf einen weiten Raum. Sein Wort holt uns aus der Enge des Alltags: Befreit uns von unseren Zwängen und immer gleichen Verhaltensmustern. Es reißt aus dem Netz heraus, welches nicht nur unsere Feinde gestellt haben, sondern welches wir uns selbst gelegt haben. Gott hat immer wieder unsere Füße auf weiten Raum gestellt. Wir Menschen sind nicht seine Marionetten. Nicht zwanghaft unseren Trieben ausgeliefert, wie es Sigmund Freud vermutete, sondern im Glauben sind wir Freie. Wir haben Freiräume geschenkt bekommen und sind zur Freiheit berufen (Gal. 5,1). Ich durfte in Deutschland in relativem Frieden und in Freiheit aufwachsen. Viele aus meinem Jahrgang studierten und nahmen Chancen wahr, die Generationen zuvor nicht wahrnehmen konnten. Der Fall der Mauer in Deutschland und der Fall des „Eisernen Vorhangs“ zwischen West- und Osteuropa hat die Freiräume dann noch weiter vergrößert. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in einer kulturellen und geistigen Perspektive ist Europa wieder enger zusammen gerückt. Gräben zwischen Ost und West werden immer mehr überbrückt und gelten gerade für jüngere Menschen als überwunden. Für die Schülerinnen und Schüler gibt es heute Austauschmöglichkeiten in die ganze Welt. Da scheitert es eher am Geld, aber nicht an der politischen Freiheit oder an der Freiheit zu reisen. Dass Gott unsere Füße auf weiten Raum stellte, ist Grund dankbarer Erinnerung. Dankbarkeit für Bewahrung von Unfällen und Überwindung von Krankheiten. Sich daran zu erinnern, dass Gott uns befreite von Unzulänglichkeit und Zwängen. Von Jean Paul, der ja auch in Weimar war, stammt das Wort: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“ ( Die unsichtbare Loge ). Ja, es ist wohl so. Manche Erinnerungen haben wir geschönt. Vieles erscheint noch idealer, als es vielleicht gewesen ist. Die Kindheit, das Studium, die ersten Jahre der Ehe – sei es drum. Doch manches wurde nicht nur verschönt, sondern ganz und gar verdrängt. Wir haben es uns in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald wieder bewusst gemacht. Die Freiheit, gut zu sein und nach Gottes Willen zu leben, wurde mit Füßen getreten. Ein deutsches Herrenvolk hat sich zum Herren über Leben und Sterben und über Würde und Freiheit gemacht. Wir – die Gruppe – waren geschockt über die Brutalität, über die Grausamkeit. Waren fassungslos, wie viel Böses Menschen möglich ist zu tun. Die Frage, wie ist das möglich gewesen? Wie konnte das geschehen? Wie konnten die Nachbarn der KZs das mit ansehen und ertragen? Diese Fragen konnten wir uns nur bruchstückhaft erklären. Es blieb das Entsetzen. Die wage Hoffnung, dass die meisten Menschen es wohl nicht gewusst haben, ging verloren als wir nach Mittelbau Dora kamen. Das ist ein riesiges Zwangsarbeiterlager gewesen mit 40 Außenlagern. Das haben alle Menschen gesehen und gewusst. Die Menschen in der Umgebung haben dort mitgearbeitet als Fachleute, aber auch als Bäcker, Köche – wir würden heute sagen im Service. Sie haben es gewusst und mitgemacht. Tief betroffen sind wir und es ist uns klar geworden, wie groß unsere Freiheit ist. Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Liebe Gemeinde, ich habe mich in der vergangenen Woche oft gefragt, ob dieser Satz wirklich gilt. Wie schon gesagt, ich durfte heranwachsen, durfte zur Schule gehen, über die ich wie wohl fast jedes Kind auch geklagt habe, ich durfte studieren, was ich wollte, durfte heiraten, wen ich wollte und lebe heute in meinem Wunschberuf. Du stellst meine Füße auf weiten Raum! Und nicht nur auf weiten Raum, sondern in große Freiheit! „Über den Wolken, da muss die Freiheit grenzenlos sein“ - so hieß es in einem vor einigen Jahren sehr beliebten Schlager. In ihm spricht sich die Sehnsucht nach einer Freiheit aus, die auch in einer freiheitlich-liberalen Gesellschaft wie der unsrigen von den Menschen schmerzlich vermisst wird. Obwohl es im heutigen Europa anscheinend überall jedem freisteht, zu leben, wie er will, und nach seiner Façon glücklich zu werden, fühlen sich die meisten unfrei und eingeengt. Ein banales Beispiel bietet der Straßenverkehr. Zwar kann ein jeder fahren, wann und wohin er will und soweit ihn sein fahrbarer Untersatz trägt, aber bald sieht er sich von einem Schilderwald umgeben, der ihn mit dem übrigen Verkehrsstrom in feste Bahnen lenkt, oder im Stau stecken, der seinem Freiheitsdrang enge Grenzen setzt. Und auf dem Lebensweg geht es ihm nicht anders wie auf der Autobahn: Wirtschaftliche Zwänge bestimmen die Berufswahl und Berufsausübung, und auch das Familienleben setzt manch einer Grenzen. Aber nicht nur die gesellschaftlichen Bedingungen und die Bedürfnisse seiner Mitmenschen schränken die freie Entfaltung der Persönlichkeit ein: jeder unterliegt dem ehernen Gesetz von Ursachen und Folgen, von dem es keine Ausnahme gibt. Wir haben die freie Wahl, zu essen, zu trinken, zu rauchen, was uns beliebt, fair gehandelt oder nicht - die Folgen stellen sich ein, wir müssen sie tragen, ob wir wollen oder nicht. Unsere Erfahrungen mit Freiheit oder Unfreiheit sind sehr verschieden. Wer fühlt sich wirklich frei? Wer fühlt sich von äußeren Dingen, von Sachzwängen beherrscht? Und was heißt denn dann wirklich Freiheit? Bin ich frei, zu tun und vor allem zu lassen, was ich will? So „frei“ ist wohl kaum jemand. Wir sind jedoch so frei, diese Vielfalt hier unter einem Dach zu vereinen. All das gibt dem Menschen das Bewusstsein, Mächten und Gesetzen ausgeliefert zu sein, die über ihn Gewalt haben, die ihm vielleicht übel wollen, auf jeden Fall aber seine Freiheit hindern. So geht es nicht nur uns heutigen Menschen; auch die vergangenen Geschlechter fühlten sich zu allen Zeiten dunklen, ungreifbaren Mächten ausgeliefert, die sie mit Krankheit und Tod, Not und Knechtschaft, Streit und Unfrieden bedrohten. Sie nannten diese Mächte Götter und Dämonen. Man musste sie besänftigen und milde stimmen, wenn es einem gut gehen sollte, und konnte doch nie ganz sicher sein, wie sie reagierten. Auch Martin Luther hatte immer viel Angst vor seinem Gott und vor allem vor dem Bösen. Heute nennen wir diese Mächte Schadstoffe, Klimaveränderungen, Großkonzerne, Suchtmittel oder wie auch immer. Wir suchen ihnen durch Umweltschutz, Gesundheitsvorsorge oder Protestaktionen beizukommen, wobei wir aber über die Folgen und Nebenwirkungen all unserer Vorkehrungen ebenso im Dunkeln tappen wie unsere Vorfahren gegenüber dem Willen der Götter. Mit all dem räumt die Bibel auf. Das beginnt schon im Alten Testament: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut sei und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6, 8). Wer Einzelheiten wissen will, der halte sich an die zehn Gebote. „Der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben.“ (3. Mose 18,5). Wer diesem Worte vertraut, der vertraut sich damit der Treue Gottes an und verliert die knechtende Angst vor „des Geschickes Mächten“, mit denen nach den Worten Friedrich Schillers bekanntlich „kein ew’ger Bund zu flechten“ ist. Aber damit ist er noch nicht frei. Der Zweifel hält ihn gefangen: Habe ich genug getan, um den Forderungen Gottes zu genügen? Was fehlt mir noch, um mir seine Liebe zu sichern? In der vergangenen Woche haben wir viel erlebt, viel gesehen und gehört. Der Geist von Weimar. Das ist Goethe, das sind Schiller, Nietzsche und das Bauhaus, aber es bedeutet auch Gründung der Weimarer Republik und die Kundgebungen bei Hitler. Vieles wird uns noch lange beschäftigen, unsere Gespräche und vielleicht unsere Träume und Nächte begleiten. Was ist Freiheit? In der Vergangenheit war dies immer eine schwierige Frage. Was ist Freiheit? Ist es der Handlungsspielraum, den einer für sich in Anspruch nimmt? Oder ist es die Entschlossenheit des Mutwilligen? Oder ist es die Lässigkeit des Lebenskünstlers? Luther sagt: Freiheit haben wir nur, indem wir sie richtig gebrauchen. Luther sagt weiter: Wir haben die Freiheit bekommen, uns unter das Gesetz zu stellen. Das ist die Freiheit Knecht zu sein und sich unter den Herrn zu stellen. Für Luther gibt es keinen Zweifel darüber, wessen Gesetz und welcher Herr gemeint war. Er gibt sich nur unter Gottes Gericht. Das führt ihn bis zum Reichstag nach Worms. Um des lieben Friedens Willlen konnte er nicht abschwören: Hier stehe ich und kann nicht anders. Das ist auch für mich die entscheidende Frage: wie erkenne ich immer das richtige Gesetz und wie finde ich den richtigen Zugang zu Gott als zu meinem Herrn. Friedrich der Weise, Luthers Landesherr, hatte ihn auf der Wartburg festsetzen lassen, weil er für vogelfrei erklärt und jedermanns Zugriff ausgesetzt. Auf der Wartburg war er sicher, in der Unfreiheit war er frei. Freiheit ist anstrengend, sie braucht Geduld, den langen Atem. Das ist die Erfahrung, die auch Martin Luther mit den anderen Reformatoren gemacht haben, die wortgewaltig für eine christliche Freiheit stritten, die sich allein aus der Autorität der Bibel ableiten lässt. Freiheit gewinnen hieß damals, die Knechtschaft einer übermächtig gewordenen Tradition auf die hinteren Plätze zu verweisen. Luther in seiner Situation betont an der Freiheit mehr die Erlaubnis, Dinge zu lassen, gegen den Zwang, sie zu tun. Die Zuversicht allein lehrt ihn das alles mehr als nötig ist. Da gibt es für ihn keinen Unterschied in den Werken; er tut das Große, Lange, Viele so gerne wie das Kleine, Kurze, Wenige und umgekehrt, und das alles mit fröhlichem, friedlichem, sicherem Herzen und ist ein ganz freier Geselle. In unserer Situation, wo es ja fast keine verbindlichen Traditionen mehr gibt und fast alles beliebig ist, stellt sich die Frage anders. Wir müssen wissen, dass wir die Freiheit haben, etwas zu tun: Ich muss nicht zum Gottesdienst gehen, aber ich habe die Freiheit, es zu tun. Warum tu ich es dann nicht? Ich muss nicht ein Tischgebet sprechen zu Hause oder in der Kantine, aber ich habe die Freiheit, es zu tun. Warum, um Gottes willen, tu ich es dann nicht? Ich kann das Kind, das aus dem Hause geht, mit einem Wort, mit einem Zeichen segnen. Ich kann es tun. Warum tu ich es dann nicht? Ich bin frei, mich ganz auf mich zu konzentrieren; ich kann mich aber auch in Dienst eines anderen Menschen stellen, der meine Hilfe braucht, oder einer guten Sache. Und warum tu ich es nicht? Gibt es Gründe oder nur Ausreden? Lasst uns doch tun, wozu wir die Freiheit haben. Lasst uns im Tun die eigene Schwachheit überwinden und stark werden im Gebrauch der Freiheit. Paulus hat an die Galater geschrieben: „Zur Freiheit hat Christus uns befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“ (Gal 5, 1) Stark zu sein in der Freiheit, heißt die eigene Bequemlichkeit und Schwachheit zu überwinden. Um wirklich frei zu werden, helfen uns keine Anstrengungen und kein gutes Zureden. Um wirklich frei zu werden, muss uns einer zur Freiheit befreien, der sie uns selbst vorgelebt hat: unser Herr Jesus Christus. So vorgelebt hat er uns diese Freiheit der Kinder Gottes, dass er sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt und hingegeben hat. Diese Freiheit hat er mit einem Zeichen besiegelt, das bis heute gilt, mit seinem Abendmahl „in der Nacht, da er verraten ward“. Mit dem Brot, das er gebrochen hat, mit dem Kelch, den er seinen Jüngern gab, nehmen wir seinen Leib und sein Blut in uns auf und gewinnen damit Anteil an ihm selbst, an seiner Freiheit, an der Gotteskindschaft. Wie das Missverständnis der Freiheit zu ihrem Missbrauch führt, haben wir in Buchenwald und Mittelbau - Dora sehr eindrücklich gesehen. So lassen wir es uns heute von Rosa Luxemburg sagen, dass die Freiheit immer auch die Freiheit des andern respektiert, was wir auch schon von Paulus und Luther hätten lernen können. Christliche Freiheit befreit mich dazu, dem Wohl des Nächsten zu dienen. Gott schenkt uns immer wieder neue Räume. Es ist Gott, der unsere Füße auf einen weiten Raum stellt. Er ist es, der unser Hier und Jetzt bestimmt. Nur der Glaube kann helfen, die eigenen Kräfte und Qualitäten sinnvoll einzuschätzen, zu begreifen, dass es Gott ist, der Spielräume eröffnet, aber auch Grenzen setzt. Gott wird auch künftig unsere Füße auf weiten Raum stellen. Weite, dies bedeutet Freiheit und zugleich Risiko. Keiner darf sich täuschen. Weite Räume können morgen schon ganz eng werden. Die Freiheit des einen wird schnell zur Unfreiheit des anderen. So bleibt niemandem Enge und Angst erspart. Uns sind Grenzen gesetzt. Wir können Freiheit durch eigenes Verschulden verspielen und Freiheit auch zum Beispiel durch Krankheit in unserem Leben verlieren. Wir sind in unseren Gesprächen soweit gekommen, dass der Grad zwischen Freiheit und Unfreiheit sehr schmal ist. Wir können uns nicht vorstellen, warum Menschen so grausam und bestialisch sein können wie in den Konzentrations – und Arbeitslagern, doch es ist noch erschreckender, dass uns klar wurde, dass auch diese Seite des Menschseins zu uns gehört. Doch das Wort, dass er es ist, der uns auf einen weiten Raum stellt, reißt uns aus Verstrickungen heraus. Es erkennt Gott als den, der erniedrigt und erhöht. Der gibt und nimmt. Der zu den Toten hinabführt und wieder heraufholt. Gott hat große Geduld mit uns. Nicht nur mit unserer Klage, er erträgt auch unseren Unglauben. Immer wieder strapazieren wir seine Geduld und Güte. Obwohl wir seine Freundlichkeit ignorieren, Gott überlässt uns nicht selbst, nicht dem freien Spiel menschlicher Kräfte. Er stellt uns nicht einfach in die Weite hinein, überlässt uns unserem Schicksal, sondern er begleitet uns. Dies geschieht, wie er es will. Nicht immer verstehbar und einsichtig für uns. So kann aus Enge Weite werden, aus Trampelpfaden breite Straßen. Wir dürfen auf unseren Wegen hoffen, dass Gott unsere Füße auf den Weg des Friedens richtet (Luk. 1,97b).
Der 31. Psalm ist durchzogen von dieser Hoffnung und Vertrauen: Gott, auf dich traue ich...In deine Hände befehle ich meinen Geist... Auf dich, Gott, hoffe ich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen. So wie Gott Christus am Kreuz beistand, so wird er auch uns beistehen. Über unser Leben hinaus.
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