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Keitumer Predigten 19. November 2006
(Pastorin Dr. Faupel-Drews, Spiritualin am Ansverus-Haus, Aumühle)
Gottesdienst am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag) in St. Severin in Keitum auf Sylt
Predigttext : Röm 8,18-26
Wochenspruch: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, 2. Kor 5,1
Liebe Gemeinde,
Wir sind berufen zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Das ist die große Verheißung des Predigttextes, die unseren Horizont und unser Vorstellungsvermögen weit übersteigt. Der Apostel Paulus entwirft ein starkes Hoffnungsbild, das dem gegenwärtigen Erleben völlig zu widersprechen scheint. Und zunächst ist es ja auch nichts anderes als ein heller Kontrapunkt zu all dem Leiden, das er sehr wohl wahrnimmt: das Leiden dieser Zeit, das ängstliche Harren aller Kreatur, das Unterworfensein unter Vergänglichkeit und Tod und Angst, und das Seufzen, das als einziger Laut noch vernehmbar ist. So ist die Welt, damals wie heute (uns fallen genug Beispiele ein, die das illustrieren), und diese Sicht auf alles scheint wie von oben betrachtet, wie aus dem Blickwinkel Gottes selbst, der alles sieht und hört und erträgt und angesichts dessen verstummt zu sein scheint.
Und trotzdem dieses Bild von der Freiheit und der damit ja mitgegebenen Erlösung der Kinder Gottes? Unsere Freiheit, meine Erlösung! Wie kommt er darauf? Was ermutigt ihn, so zu reden? Woher nimmt er die Kraft, eine so weite Perspektive zu eröffnen, die - das setzt der Sache noch die Krone auf - nur auf das blinde Vertrauen setzt, in seinen Worten: auf die Hoffnung, die wir nicht sehen?
Der katholische Theologe Karl Rahner hat dieses Festhalten ohne festen Anhalt einmal als das Charakteristikum des Christen unserer Zeit beschrieben:
Wenn einer es heute fertig bringt, mit diesem unbegreiflichen, schweigen-den Gott zu leben, den Mut immer neu zu finden, ihn anzureden, in seiner Finsternis glaubend, vertrauend und gelassen hineinzureden, obwohl scheinbar keine Antwort kommt als das hohle Echo der eigenen Stimme, wenn einer immer den Ausgang seines Daseins freiräumt in die Unbegreif-lichkeit Gottes hinein, obwohl er immer wieder zugeschüttet zu werden scheint durch die unmittelbar erfahrene Wirklichkeit der Welt, ihrer aktiv von uns selbst zu meisternden Aufgabe und Not und von ihrer immer noch sich weitenden Schönheit und Herrlichkeit, wenn er es fertig bringt ohne die Stütze der öffentlichen Meinung und Sitte, wenn er diese Aufgabe als Verantwortung seines Lebens in immer erneuter Tat annimmt und nicht nur als gelegentliche religiöse Anwandlung, dann ist er heute ein Frommer, ein Christ. (Karl Rahner, Frömmigkeit früher und heute, 21).
Dem Christen erzählt Paulus nur das, was er selbst am eigenen Leib erfahren hat: seine umwälzende Begegnung mit dem Geist Gottes, dem er versucht, sich zu überlassen, in all den Mühseligkeiten seines Alltags und in seinem lebenslangen Versuch, die Menschlichkeit des Gottessohnes Jesus anderen nahe zu bringen.
Wie sieht nun diese ihm und uns verheißene Freiheit der Kinder Gottes aus? Wie vermittelt sich der Heilige Geist?
Dem Text nach geht es offenbar nur so, indem wir dem, was ist, einfach "standhalten": nicht ausweichen, nicht ignorieren, nicht schönreden, sondern bleiben und wahrnehmen.
Zum Beispiel das Leiden dieser Zeit, und auch das, was es mit verursacht hat. Wir tragen noch immer an den Folgen der beiden Weltkriege, die Deutschland verursacht hat. An einem Tag wie diesem, dem Volkstrauertag, werden bei manchem vernarbte Erinnerungen des Schreckens und Verlustes, von Scham und Trauer wieder wach. Und die alten Bilder vermischen sich so leicht, viel zu leicht mit den aktuellen von Bomben, Flüchtlingselend und terroristischem Fanatismus.
Auch an dem anderen tragen wir mit unsere Schuld, an dem ängstlichen Harren der Kreatur, durch unseren Lebensstil, und durch allzu große Sorglosigkeit im Umgang mit den letzten Ressourcen der Welt. Und dass irgendwann nicht nur die bedrohten Kreaturen und den Weltuntergang wittern, sondern auch wir selbst, ist uns doch eigentlich schon lange klar. Was passiert mit der Insel Sylt, wenn die Polkappen ganz geschmolzen sind und der Meerwasserspiegel steigt?
Ich will jetzt nicht die Unheilsprophetin spielen, zu der ich nicht berufen bin, auch wenn das Evangelium vom Jüngsten Gericht dazu einzuladen scheint. Aber wir kommen nicht umhin, uns zu kümmern und das wirklich Nötige zu tun, wenn wir einigermaßen wach sind und Verantwortung wahrnehmen möchten, nicht nur für uns selbst, sondern auch für den und die Nächsten, und das sind nicht zuletzt die, die nach uns kommen. Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder, so heißt es. Der Geist treibt hoffentlich auch alle diejenigen, denen der Glauben nicht so viel bedeutet, immerhin durch die Vernunft zu klugen Entscheidungen. Aber die, die sich Kinder Gottes nennen, sollten erst recht versuchen, nach allen Kräften das ihnen nur irgendwie mögliche zu tun, im großen wie im kleinen.
Das Tun ist das eine. Aber es hat auch seine Grenzen. Die führt Paulus sehr deutlich vor Augen, indem er nämlich unverblümt auf die Tatsache der Vergänglichkeit hinweist. Und - das ist das Besondere - er bindet das Bild des Todes ganz eng an das der Geburt: Wir wissen, dass die ganze Schöpfung mit uns gemeinsam stöhnt und mit uns zusammen unter den Schmerzen der Geburtswehen leidet.
Das Schreien einer Gebärenden und das Stöhnen eines Sterbenden sind fast ununterscheidbar. Beide markieren die Schwelle, Geburt und Tod, der jede und jeder von uns ausgeliefert ist. Wir können alles mögliche tun, sagt Paulus, aber dem entrinnen wir nicht. Aber, so sagt er, auch das ist nur das Bild, das Teil eines Größeren ist, das wir nur nicht sehen können, weil wir zu blind dafür sind. Aus der Perspektive Gottes ist alles nur ein Übergang ins Leben. Denn, so schreibt Paulus an anderer Stelle dieses 8. Kapitels im Römerbrief: Gott ist ja für uns. Und er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, und hat uns mit ihm alles geschenkt. Und wer will schon von Verdammung reden? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, da auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. (VV31-35)
Mehr von Gott haben wir nicht als das Bild von einem, der mitgeht in unsere Untiefen, der aber auch aus ihnen wieder herausgerissen wird ans Licht, und geistesgegenwärtig ist, noch immer. Das ist rettend, sonst kaum etwas. Wir können nicht frei werden vom Tod und der Vergänglichkeit, die sich uns einschreibt wie Falten ins Gesicht, aber wir können frei werden von der Angst, die uns so oft besetzt hält und zu versteinern droht. Wie ist dieser Akt der Befreiung möglich?
Kennen Sie das Bild vom "Basilisken"? Harry Potter- Leser nicken vielleicht mit dem Kopf, wenn sie an den zweiten Band denken und die wilde Monsterschlange, die den Helden am Ende bedroht und in einem großen Showdown besiegt wird.
Das Bild ist allerdings viel älter und kommt aus der antiken Mythologie. Der Basilisk ist ein Fabelwesen mit dem Oberkörper eines hässlichen Hahnes und dem Unterleib einer Schlange. Er ist die Verkörperung des Bösen. Ein Blick in seine Augen lässt den Menschen versteinern. Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, ist, ihm eine Kristallkugel entgegenzuhalten. Dabei muss man wissen, dass so eine Kugel für ein "reines Herz" steht. Die Botschaft also: Du kannst nicht verhindern, dass es das Böse gibt, Du kannst auch nicht den existentiellen Ängsten entrinnen, denen kreatürliches Leben unterworfen ist, aber du kannst versuchen, ihm so zu begegnen, das es dich nicht zerstört, sondern dass du stehen bleibst in deiner Würde und Freiheit.
Wie geht das? Das Bild vom reinen Herzen ist so schlicht, das es kaum zugänglich ist für unser kompliziertes Denken. Aber vielleicht ist es ja auch ganz einfach. - Paulus ermutigt dazu, der eigenen Sehnsucht, dem inneren Seufzen nach Gott, Raum zu geben: Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes… Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich´s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.
Vielleicht geht es ja nur um dieses "denn wir wissen nicht". Wo kein Wissen mehr ist, kein Machen-Können, das Tun und der gute Rat am Ende, da kommen die ehrlichen Gefühle und innersten Gedanken hoch und mit ihnen oft auch Seufzen und Sehnen nach Erlösung. In so einem Moment tiefster Bedürftigkeit bleibt dann nichts mehr als einfach Innezuhalten und sich der leisen Kraft des Geistes zu überlassen, also ganz auf Gott setzen und nicht mehr auf mich.
Vielleicht ist es das, was wirkliche Freiheit neu begründen kann.
Weil ich merke, dass ich das Wesentliche nicht machen kann, nicht einmal machen muss, weil es mir sowieso geschenkt wird: Gnade, Liebe, Frieden, Hoffnung, Versöhnung, Kind Gottes sein dürfen.
Und auch, weil ich spüre, dass ich im äußersten doch nicht allein gelassen bin, sondern den Heiligen Geist in mir trage, der mir mein Herz trägt, um es Gott hinzuhalten.
Heute und auch am Ende der Zeiten.
Amen.
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