St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 20. Mai 2007

(Pastorin Heike Reimann)

Predigt zu Exaudi: Wir sind nicht wie Waisenkinder!

Ich lese aus Johannes 14, 15-19 Die Verheißung des heiligen Geistes

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht wie Waisenkinder zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

Liebe Gemeinde,

„Ich möcht, dass einer mit mir geht."

Immer wieder gibt es Situationen, in denen ich jemanden an meiner Seite haben möchte, eben einen, der mit mir geht. Einen, mit dem ich schöne Erlebnisse und Glücksmomente teilen kann, eine, der ich vertrauen kann, einen, vor dem ich mich nicht verstellen muss. Das sind oft so schöne Situationen, die ich hinterher nie so beschreiben kann, wie ich es empfunden habe, weil mir die Worte fehlen. Es sind allerdings auch Situationen, in denen es mir schlecht geht, in denen ich vor allem einen starken Beistand brauche, der mich beschützt, der mich stärkt, zum Beispiel in einer komplizierten Verhandlung, oder mir die Hand hält und mir das Gefühl gibt, nicht allein zu sein.

Manchmal brauche ich auch nur Beistand gegen mich selbst, gegen diese innere zaghafte ängstliche Stimme, die zu mir spricht: „Du kannst das nicht, das wird sowieso schief gehen." Dann wünsch ich mir, dass einer mit mir geht.

Vielleicht geht es vielen von Ihnen ähnlich.

Von so einem Beistand spricht unser Predigttext. Jesus verspricht uns, dass Gott uns einen Tröster schicken wird. Beistand, Tröster oder Anwalt, so kann man das griechische Wort übersetzen, das der Evangelist Johannes für den Heiligen Geist verwendet. Denn Johannes benennt den Heiligen Geist, den wir so schwer fassen können, nach dem, was er für uns tut.

Heute sind wir – vom Kirchenjahr gesehen - in einer Zwischen-Zeit. Wir haben Donnerstag Jesu Aufnahme in den Himmel gefeiert und nun warten wir auf seine Wiederkunft am Jüngsten Tage und vor allem auf den Heiligen Geist. Bereits am nächsten Sonntag, an Pfingsten können wir uns wieder treffen, um ihn zu feiern.

Wir warten noch eine kleine Zeit. Eine kleine Zeit, noch. Doch wie klein genau? Wir warten doch nicht gern, sondern überspringen gern die Wartezeit. „Mikron“ heißt es im Original. Das klingt nach sehr klein. Verschwindend klein, verschwindend gering, kaum zu sehen, zu spüren. Nur ein kleiner Zeitpunkt. Wir könnten ihn eigentlich übergehen, überspringen, und sind gleich da. Angekommen, um weiter zu hetzten?

Doch: „noch“, sagt Johannes. Und so ein „noch“ ist unsicher, macht unsicher. Es ist so unklar. „Warte, noch ein bisschen“, „Einen Moment bitte noch.“ Das hören wir von Kind an und manchmal kann so ein Moment sehr lang werden, sehr lang, bis hin zur Ewigkeit; die vermeintlich kleine Zeit dehnt sich aus.

Mitten in diesem Noch liegt der heutige Sonntag. Vor ihm Zeit, Schon-Zeit, schon vergangen: Himmelfahrt, Vatertag, in Tinnum ein schönes Familienfest auf der Ponywiese. Für viele auch ein paar freie Tage. Nach diesem Sonntag wieder Zeit, Noch-Zeit, noch nicht: die kommende Woche, Pfingsten, Urlaub, aber auch Pläne und Gedanken.

Heute ist irgendwo Dazwischen. Eine merkwürdige Zeit. Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, zwischen Schon und Noch nicht können wir, müssen oder dürfen wir innehalten, warten, hören.

Was ist das für eine Zeit? Für manche von uns ist das wie die Zeit zwischen den Jahren. Da gibt es auch diese Momente des Rückblicks und der Vorausschau. Was war schon? Und was kommt noch? Haben wir noch Zeit? Ist schon die kleine Zeit angebrochen? Auf was warte ich? Wichtig ist schon zu erfahren: Erst ist heute. Erst ist Exaudi, erst noch dieses eine Psalmwort, wartend, bittend, zögerlich. Exaudi: „Herr, Höre, meine Stimme!“

Und dann dieses Gefühl, dieser Eindruck: Niemand hört meine Stimme. Das macht doch unser Alleinsein aus, unsere Einsamkeit. Ungehört bleiben! Wenn niemand auf mein Rufen und Bitten und auch nicht auf mein Schweigen hört. Ohne das helfende, tröstende Gegenüber. Allein. Jenes „verwaist“, vor dem sich Johannes fürchtet. Verwaist, das ist ohne-sein. Einerseits heißt es: Ohne Eltern. Andererseits bedeutet es jedoch auch: Ohne jemanden, nicht ohne irgendjemanden, aber ohne den, der mich sicher machen kann, der mit mir zusammen ist, mich anfüllt mit sich, der mich tröstet, wenn ich nachts ungewiss dem morgigen Tage entgegenschlafe.

Verwaiste Kinder finden im guten Verlauf neue Eltern. Die bleiben aber stets andere Eltern, ein anderer Trost, es bleibt als bittere Erinnerung: Sie waren mal ohne Eltern, mal ohne enge Verbündete, mal beraubt der Verbindung, mal leer, mal zurückgelassen.

Die Jünger, die ersten Menschen um Jesus haben sich so gefühlt. Sie hatten in ihm jemanden bei sich, der so wichtig für sie geworden war wie Eltern, wie einer, mit dem sie über alles reden konnten, wie einer, der in Freud und Leid bei ihnen war. Da ist es wieder: Ich möchte, dass einer mit mir geht!

Und uns geht es doch oft nicht anders.

Erinnern wir uns doch: Die Jünger haben den Abschied erlebt. Jesus war da, aber nun ist er weg, sie können ihn nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, nicht mehr begreifen. Und um so länger das „Noch“ dauert, um so verschwommener wird das Kennen und die Erinnerung. Ungezählt kommt das vor: Wir haben unseren Jemand nicht mehr vor Augen, aber bim Kopf, im Herz. Innen vor dem Inneren Auge sehen wir Abschiede. Eine winkende Hand, ein letzter Blick.... Und irgendwann kommt die schreckliche Gewissheit: Allein für eine Ewigkeit. Verwaist. Wie ein Waisenkind.

Das Noch hat sich unendlich gedehnt.

Doch niemand muss verzweifeln, sich selbst ins Unendliche verlieren. Auf heute, auf Exaudi soll und wird Pfingsten folgen. Das hat Jesus versprochen. Wenn ihr mich liebt, werde ich den Vater für euch bitten. Jesus sorgt für seine Freunde, für die Menschen, die ihn lieben und seine Gebote halten wollen. Pfingsten ist die ständig neue Verheißung der Geistgabe, des Trösters, des Beistandes, des Anwaltes. Dem Noch wird ein Jetzt - Endlich folgen, der Bedrohung eine Verheißung, dem Dunkel Licht, der Leere Fülle: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Ach, wie oft sind wir blind? Scheuklappen auf den Augen? Verstehen und sehen nichts, die dunklen Gedanken und Erlebnisse nehmen uns die Sicht. Sorgen, die am Horizont wie dunkle Wolken uns bedrohen und das Augenlicht verdunkeln, sollen unser Blickfeld nicht mehr stören. Von der Blindheit zum Sehen!

Eine kleine Zeit – und sie ist da, die göttliche Hilfe beim Sehen. Wie eine innerliche Brille, die erkennen hilft. Der Geist sieht und ich kann anders sehen, oder besser: überhaupt wahrnehmen. Wir können empfindsam sein, durch unsere Augen aufnehmen, was kommt, ohne abgestumpft, unempfindlich und gleichgültig zu sein. Wir können sehen, durchblicken, anschauen, wahr-nehmen, einander erkennen. Das ist doch tröstlich.

„Ihr werdet mich, Christus, sehen.“ Der Geist der Wahrheit lässt mich sehen, wo gelitten, gehofft, gebetet und geliebt wird, wo Menschen keine Masken tragen, sondern die Verheißung sichtbar wird. Mit Hilfe des Geistes ist Jesus zu entdecken, immer neu und vertraut. Er ist weg, das wissen wir seit Himmelfahrt, aber gleichzeitig ist er da und bei mir, ja in mir. Wir können mit unseren Augen mit seinen Augen sehen. Es sind meine Augen in meinem Körper, die schauen. Doch die Welt sieht anders durch seine Augen. Die Sichtweise ändert sich: Er ist uns vor Augen.

Er ist vor unseren Augen lebendig. Er lebt und du lebst. Wir leben. Der Tröster hilft uns zu sehen: Also lasst uns nichts und niemanden mehr übersehen, lasst uns humorvoll ein Auge zudrücken. Wir müssen nicht mehr wegblicken. Wir können uns anrühren lassen von den Blicken anderer und mit unseren Augen einen Zachäus auf dem Baum suchen. Wir durchschauen Zusammenhänge, wo das Leben erdrückt, erniedrigt und zerstört wird. Wir unterbrechen den erbarmungslos schnellen Lauf der Zeit und haben Zeit. Wir weinen Tränen mit und schenken einander das Leben. Wir machen gemeinsam aus Augenblicken Gottes Ewigkeit und können dann singen:

Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist; er will durch Leid und Freuden mich geleiten.

Ich glaub, dass er auch mit mir geht. Amen.

 

 

 

 


 
 
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