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Predigt 21. August 2005
(Pastorin Heike Reimann, Keitum/Tinnum)
Jesu wahre Familie
Markus 3, 31-35
Liebe Gemeinde! Da gibt es Jugendliche, denen die Eltern plötzlich fremd
sind. Sie fühlen sich in ihrem Heranwachsen einfach nicht ernst genommen.
Das, was den Eltern wichtig und wertvoll ist, erscheint den Jugendlichen
als spießig oder verklemmt. Sie fühlen sich viel wohler im Kreis
der Gleichgesinnten, dort bekommen Sie die nötige Anerkennung und das
Verständnis. Und die Eltern? Sie können kaum verstehen, was mit
ihrem Kind geschehen ist, plötzlich scheint es keine Übereinkunft
mehr zu geben, nichts gilt mehr. Nichts ist wie es mal war. Man geht sich
aus dem Weg oder es wird gestritten.
Oder da ist jemand, der beruflich mit der Familientradition bricht und etwas
ganz neues beginnt. Die Familie reagiert, als hätte er sie verlassen,
nahezu im Stich gelassen. Verstehen tun ihn andere. Das ist seine neue Familie.
Oder da sind Eltern, die gerade Goldene Hochzeit feiern, die sich über
Liebe und Treue in 50 Jahren gefreut haben, und nun akzeptieren sollen, dass
sich die Tochter vom Schwiegersohn trennen will, weil sie noch einmal etwas
ganz neues anfangen und erleben möchte.
Den biblischen Text für den heutigen Sonntag höre ich so, als sei
er für solche Familien geschrieben.
Hören Sie also Markus 3, 31-35!
„Und seine Mutter und seine Brüder kamen und standen draußen,
schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn
herum. Und sie sagten zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und
deine Schwestern draußen fragen nach dir. Er aber antwortete ihnen:
Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die,
die um ihn im Kreise saßen, und sagte: Seht, das sind meine Mutter
und meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und
meine Schwester und meine Mutter.“
Wer unseren Text hört, könnte im ersten Hören meinen, Jesus
kritisiere hier die Familie, die Institution Familie als Keimzelle der
Gesellschaft. Die Familie – das ist doch immer Hoffnung und Sorge zugleich.
Hoffnung auf Vertrauen und Geborgenheit, auf behütetes Aufwachsen und
Bild für eine eigene kleine Welt. Doch wo das nicht gelingt – und
nicht nur unsere eigenen Erinnerungen und Erlebnisse erzählen davon,
auch die Medien sind immer wieder voll mit erschreckenden Meldungen. Die
Sorge um die Familie als Lebensform beschäftigt viele in Politik und
Kirche. Alle sind sich einig: Die Familie muss geschützt und gefördert
werden. Wir alle kennen genug Beispiele dafür, wie viel soziales Elend
und individuelles Leiden dadurch verursacht sind, dass Familien auseinander
fallen und den Heranwachsenden keinen inneren und äußeren Halt
zu geben vermögen.
Was ist also los? Anscheinend kommt Mutter Maria mit ihrem Sohn nicht mehr
klar. Statt, wie es sich für den Ältesten gehört, die Rolle
des Familienoberhauptes zu übernehmen und die Ernährung der Familie
sicherzustellen - immerhin haben sie ihn beim eigenen Vater einen
anständigen Beruf erlernen lassen – also an statt sich zu kümmern
und zu arbeiten, ist er auf und davon. Er treibt sich immer wieder mit diesem
verwahrlosten Johannes herum, der auch nicht arbeitet, sondern in der Wüste
von Beeren und Heuschrecken lebt. Er hält große Reden und
verärgert die einflussreichen Menschen. Seine Auslegung der alten Texte
und Traditionen werfen alles über den Haufen. Viele rennen ihm nach
wegen der spektakulären Heilungen und es wird sicher noch jede Menge
Ärger geben.
Es erinnert mich ein bisschen an die 60iger Jahre und ich frage mich, wie
ich reagieren würde. Als Kind, aber auch als Mutter? In gewisser Weise
spielt sich hier ab, was in jeder Familie passiert, wo die selbständig
werdenden Kinder sich abzulösen beginnen. Da gibt es nicht selten harte
Brüche – schmerzhaft für alle Beteiligten und doch oft unbedingt
notwendig auf dem Weg zur Entdeckung der von Gott gewollten Einzigartigkeit
des Menschen.
Maria und die Familie ist so verunsichert von diesem Verhalten ihres geliebten
Kindes, dass sie ihn für verrückt halten. Es kann doch nicht normal
sein, dass er sich zu diesem wilden Typen hingezogen fühlt. Und dann
will er auch noch mitmachen, auf der Straße leben und den Menschen
predigen.
“Kind, komm doch wieder mit nach Hause, mach dich nicht unglücklich
... denk doch an deine Zukunft ... sei doch wieder lieb – mein liebes
Kind.“
Fast höre ich Maria fragen – wie so viele Eltern fragen: was habe
ich/wir nur falsch gemacht, dass das aus unserem Kind wurde? Da hilft nur
noch ein: ihn zurückholen und an ein normales Leben gewöhnen, ein
Leben mit täglichen Pflichten und in bewährter Ordnung. Sie wollen
ihn zurück, aber er hat gar kein Interesse daran. Sie wollen ich
zurückholen in den Kreis der Familie, aber sie erfahren, dass sie selbst
die Außenstehenden sind. Das ist eine Erfahrung, die wohl keiner Mutter,
keinem Vater erspart bleibt. Bis gestern kannte ich mein Kind ganz genau,
es kam aus meiner Welt, spielte mit Kindern, die ich genau kannte, aber nun
bewegt es sich in Kreisen, die mir fremd sind und die kein Interesse an mir
haben. Das war neu!
Liebe Gemeinde! Das ist für uns ein harter Brocken. Jesus als Gegner
der Familie? Ich glaube nicht, das Jesus sich hier gegen die Familie im
herkömmlichen Sinne ausspricht, sondern für eine neue große
Familie Gottes. Er spricht nicht gegen Mutter, Bruder oder Schwester, sondern
zieht den Kreis neu und größer als je zuvor. Jesus beschreibt
sein Verständnis von christlicher Gemeinde. Er beschreibt die neue
Gemeinschaft der Familie Gottes. Gott ist doch nicht gegen die Familie!!
Er hat uns doch zum „Du“ geschaffen und vielen die Möglichkeit
zur Fortpflanzung gegeben.
„Und das Volk saß um ihn.“ Wenn Menschen sich um Jesus
versammeln; wenn Menschen ihn einlassen in ihren Kreis, in ihr Denken,
Fühlen und Handeln, wenn Gemeinde in Jesu Namen zusammenkommt, dann
entsteht eine ganz neue Gemeinschaft! Eine Gemeinschaft – eine Familie
- in der wir uns über alle bisherigen Grenzen hinweg als Schwestern
und Brüder wahrnehmen dürfen. Noch einmal: Jesus wendet sich nicht
gegen das Mutter, Bruder oder Schwester sein, sondern er verwendet diese
Worte, um uns deutlich zu machen, wie nah er uns ist, dass wir zu seiner
Familie gehören.
Er sieht die Leute, die da um ihn herum im Kreis sitzen, und weiß um
die, die bis heute sich zu ihm bekennen, und nennt diese“ Mutter“,
„Bruder“ und „Schwester“. Der, zu dem Gott bei seiner
Taufe gesagt hat: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich
Wohlgefallen!“, der sagt zu uns: „Ihr seid meine Schwestern und
Brüder!“ So können auch zunächst fremde Menschen für
uns sein wie eine Mutter, wie ein Bruder oder eine Schwester.
Und das nicht, weil wir uns so wunderbar sympathisch sind oder etwa alle
so lieb haben. Wir sind Mitglieder einer großen neuen Familie, weil
Gott es so will. Als seine Kinder sind wir auch Familienangehörige.
Und machen Sie sich nichts vor, auch in einer Familie haben sich nicht immer
alle lieb, auch da gibt es Streit, verschiedene Meinungen und
Auseinandersetzungen. Jesus erweitert den Kreis seiner Familie, den
Familienkreis, den Menschenkreis. Und macht ihn dadurch zu einem Kreis von
Menschen, mit denen wir „über alles reden können“, wie
wir im Alltag sagen:
- über das, was uns auf die Palme bringt und woran unser Herz hängt,
- über das, was uns kränkt und verletzt, und über das, worauf
wir uns verlassen. Alles was die „Familie“ damals tun musste, war,
darauf zu vertrauen
- dass Menschen in seiner Nähe frei werden von bösen Geistern,
die uns einander tun lassen, was wir nicht wollen,
- dass Menschen in seiner Nähe frei werden füreinander.
- dass das kleine Senfkorn Hoffnung aufgeht
- dass Hungernde satt werden können. und dass Kranke heil werden.
Es waren Menschen wie du und ich. Menschen auf der Suche. Menschen in Familien
und auf der Suche mit den Herzen voll nach Familie. Jesus öffnet uns
die Augen für die große Familie Gottes. Er lädt uns ein daran
teilzuhaben. Teil des Familienkreises zu werden. Und er schenkt uns damit
die Möglichkeit Mütter und Väter, Schwestern und Brüder
zu entdecken, die mit uns nicht verwandt sind – es sei denn, dass sie
Kinder Gottes sind wie wir.
Das entlastet, befreit und bereichert die Familie. Unsere eigene Familie
mit allem, was schön und gut an ihr ist, und mit allem, was nicht aufgeht
– sie kommt in den weiten Horizont einer neuen Welt, in der niemand
zu kurz kommt, weil Gottes Liebe jeden Mangel ausfüllt. Diese Welt ist
schon im Kommen. Wir können sie entdecken, ihr auf der Spur sein, jeden
Tag. Amen.
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