|
Keitumer Predigten 2006
22. Januar 2006
(Pastor Jörg Reimann)
Römer 8,19-25
Liebe Gemeinde!
Mit dem Ende der Epiphaniaszeit endet die Weihnachtszeit. Eine Zeit voller Wünsche und Sehnsüchte.
Und sind Geschenkwünsche in Erfüllung gegangen, die wir zu Weihnachten hatten? Ja wir haben uns beschenkt, viele jedenfalls und was wir uns gewünscht haben, einiges haben wir bekommen. Und einiges auch nicht. Ist auch nicht so schlimm, meistens. Sagen wir jetzt. Und so ist es mit den materiellen Wünschen, so wichtig sind sie nicht, wenn sie erfüllt wurden oder nicht erfüllt werden. Unsere Existenz hängt nicht daran.
Aber wenn die Wünsche mit Sehnsucht verbunden sind, dann ist es schwerer darauf zu verzichten, weil das von tiefer kommt, vom Herzen und tiefer geht, tief unter die Haut. Der Wunsch nach einem neuen Fernseher ist ein Wunsch der sich auf einen Gegenstand bezieht. Der Wunsch nach einer Urlaubsreise, vielleicht ähnlich auch. Aber wenn damit Sehnsucht verbunden ist, wird es schon anders, Sehnsucht nach Ausspannen und Frieden nach Wärme. Daran sieht man den Unterschied. Wir haben verschiedene materielle Wünsche, aber auch viele Sehnsüchte. Sehnsüchte nach:
Geborgenheit, Wärme, Licht,
Liebe, Gemeinschaft, Frieden,
Anerkennung, Gerechtigkeit, Vergebung,
Ehrlichkeit, Vertrauen, Verlässlichkeit,
Wahrheit, Klarheit
Leben, was nicht vergeht
Was sind wir doch für sehnsuchtsvolle Menschen. Wonach wir uns im Moment am meisten sehnen, dessen Fehlen trifft uns besonders. Heißt das, unser ganzes Leben ist ein einziges Sehnen? Was ist denn da der Sinn an so einem Leben?
Paulus schreibt im Römerbrief dazu:
19 Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem die Kinder Gottes vor aller Augen seine Herrlichkeit sehen werden. 20 Denn alles Geschaffene ist der Sinnlosigkeit ausgeliefert, versklavt an die Vergänglichkeit, und das nicht durch eigene Schuld, sondern weil Gott es so verfügt hat. Er gab aber seinen Geschöpfen die Hoffnung, 21 dass auch sie eines Tages von der Versklavung an die Vergänglichkeit befreit werden und teilhaben an der unvergänglichen Herrlichkeit, die Gott seinen Geschöpfen schenkt. 22 Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis jetzt noch seufzt und sich ängstigt. Wir sind nicht allein mit unseren Sehnsüchten. Es geht der ganzen Schöpfung so. Immerhin ein kleiner Trost. Und nicht weil wir zu dumm wären, oder weil wir nicht genug auf Gott vertrauen, sondern einfach, weil es so ist. Weil Gott es so verfügt hat. Leider, einschließlich Krieg und Nachbarschaftsstreit und Ungerechtigkeit und Zerstörung der Natur. Es ist wie es ist, von Gott so gegeben, dass wir die Möglichkeiten dazu haben, uns gegenseitig das Leben zur Hölle zur machen, oder uns zu unterstützen, weil wir die Freiheit dazu haben. Weil wir Gottes losgelassene Schöpfung sind. Gottes Wildegewordene, weil wir mit so viel Möglichkeiten und Fähigkeiten von Gott ausgestattet worden sind.
Aber wir sind auch mit dem Wort Gottes umgeben. Es ist uns ins Herz gelegt und noch einmal ganz laut zu uns gesagt, durch Jesus, der das, was uns von Gott ins Herz gelegt ist, erweckt und immer wieder erweckt durch seine Worte, damals und heute, wenn wir uns seine Worte und Taten weitersagen. Dann erwacht in uns dass, was in uns gelegt ist, die Fähigkeit zum Frieden und zum Miteinander, zur Gerechtigkeit und zum Bewahren.
Dann wird aus der Sehnsucht Realität. Aber immer nur bruchstückhaft. Leider, leider. Aber Immerhin, immer wieder treffen uns Ereignisse, die uns zurückwerfen. Unfälle, Krankheiten, Abschiede Trennungen, manchmal haben wir Anteile daran, aber wir sind nicht der Grund dafür. Der Grund dafür ist, dass Gott es so verfügt hat, dass diese Welt, so ist mit Unfällen, Krankheiten und Abschieden und Trennungen. Aber auch mit Heilwerden, Gesundwerden, Neuanfängen neuen Beziehungen. Dieser Wandel wird immer sein. Weil Gott es so gesetzt hat. Unwandelbar, ohne diese Katastrophen von außen die unser Leben durcheinander bringen, ohne diese Wandlungen unveränderbar, werden wir erst sein, am Ende unseres Lebens. Wenn wir dann bei Gott ganz und gar sein werden.
Daraus ist schon manche Todessehnsucht entstanden. Nicht nur bei Goethe in seinen Leiden des jungen Werthers. Die Todessehnsucht, die von der schwierigen Lebensposition hinsieht auf eine bessere ohne Schwierigkeiten. Eine Sehnsucht, die alle Sehnsüchte erfüllen könnte für den Glaubenden und falls es nicht so ist, dann ist eben gar nichts mehr. Jedenfalls besser als das was jetzt zu sein scheint. Wer so fühlt, hat sich aufgegeben.
23 Aber auch wir selbst, die doch schon als Anfang des neuen Lebens - gleichsam als Anzahlung - den Heiligen Geist bekommen haben, stöhnen ebenso in unserem Innern. Denn wir warten sehnsüchtig auf die volle Verwirklichung dessen, was Gott uns als seinen Kindern zugedacht hat: dass unser Leib von der Vergänglichkeit erlöst wird.
Wir warten darauf, und sehnen uns alle danach, aus diesem Erleben der Welt, des immer wieder erlebten Unfrieden (und manchmal beteiligen wir uns daran) und der Ungerechtigkeit und der Krankheit und Abschiede (die wir auch zufügen) aus diesem Erleben herausgelöst zu werden, aus dieser Vergänglichkeit. Diesem Sein ohne Sinn, so scheint es in unterschiedlichen Lebenslagen unterschiedlich stark. Aber wir haben etwas, was hilft. Uns ist der heilige Geist gegeben. Der Geist Gottes. Die spürbare Idee von Gott. Der Hauch aus der anderen Welt in unseren Gedanken, in unserem Fühlen. in unseren Sehnsüchten. In unseren Sehnsüchten ist der Geist Gottes zu spüren. Dadurch sind wir gerettet. Durch unsere Sehnsüchte sind wir gerettet, macht das Leben Sinn.
Paulus schreibt weiter:
24 Wir sind gerettet, aber noch ist alles Hoffnung. Eine Hoffnung, die sich schon sichtbar erfüllt hat, ist keine Hoffnung. Ich kann nicht erhoffen, was ich vor Augen habe.
25 Wenn wir aber auf etwas hoffen, das wir noch nicht sehen können, dann heißt das, dass wir beharrlich danach Ausschau halten.
Sehnsucht nach Licht, Wärme und Geborgenheit, bedeutet, ein inneres Bild vom Licht zu haben von der Wärme und der Geborgenheit und nicht lichtlos zu sein. Die Sehnsucht nach Licht ist schon Licht, die Sehnsucht nach Wärme ist schon Wärme, die Sehnsucht nach Geborgenheit ist schon Geborgenheit.
Sehnsucht nach Liebe, nach Gemeinschaft nach Frieden, bedeutet eine Idee zu haben von der Liebe, von gemeinschaftlichem Leben und vom friedlichen Miteinander. Die Sehnsucht nach Liebe befähigt zur Liebe, die Sehnsucht nach Gemeinschaft befähigt zur Gemeinschaft, die Sehnsucht nach Frieden macht Frieden möglich.
Die Sehnsucht nach Anerkennung, Gerechtigkeit und Vergebung bedeutet, sich bewusst zu sein, dass Anerkennung nötig ist, sich bewusst zu sein, dass Gerechtigkeit unumgänglich ist, dass Vergebung gegeben und angenommen werden muss. Die Sehnsucht nach Anerkennung, ist schon Anerkennung, ist schon Gerechtigkeit und ermöglicht Vergebung.
Die Sehnsucht nach Ehrlichkeit, nach vertrauen nach Verlässlichkeit, bedeutet nicht ein Sein ohne Ehrlichkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit. Sondern die Sehnsucht ist die Geistesgabe Gottes und so ist Ehrlichkeit und Vertrauen und Verlässlichkeit schon da.
Durch die Sehnsucht nach Wahrheit und Klarheit ist beides schon da.
Die Sehnsüchte sind also Gottesgaben, die uns bewegen, ermutigen, treiben, führen, begleiten. Alle Sehnsüchte gemeinsam sind nur erfüllt bei Gott in dem unveränderbaren Sein, wie Paulus es nennt. Ein Sein, was vollständig so erst nach unseren irdischen Leben sein kann. Aber das soll nicht unsere Todessehnsucht fördern, sondern durch die Geistesgabe der Sehnsucht unser Leben beflügeln. Denn wo die Sehnsucht nach etwas ist, da ist es schon da.
Meine größte Freude beider Beschäftigung mit diesem Text war, dass man wirklich formulieren kann. Auch Gott hat Sehnsucht. Er hat Sehnsucht nach dem Menschen. Gott will dass es allen gut geht. Er will dass allen geholfen wird und alle sich begleiten fühlen. Und er tut alles dafür. Und durch seine Sehnsucht sind wir schon. Weil Gott Sehnsucht nach uns hat. Und Gottes Sehnsucht nach dem Menschen, wie er sie gedacht hat und wie das Sein im positiven Sinne sein können, wird sich auch erst erfüllen, am Ende allen Lebens in einem neuen Himmel und einer neuen Erde: Im Paradies.
Aber wo sich die Sehnsucht Gottes und die Sehnsucht des Menschen finden, ist schon das Paradies. Und es ist überall da zu spüren, wo wir unsere Sehnsüchte leben.
|