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Keitumer Predigten 23. Oktober 2005
(Pastorin Heike Reimann)
"Du bist wertvoll!"
Mt. 25,14-30
Ein wohlhabender Mann geht für mehrere Jahre außer Landes. Lange
vor der Erfindung von Banken, Anlageberatern, Aktien oder Immobilienfonds.
Er ruft seine Knechte zusammen, um ihnen sein Vermögen anzuvertrauen.
Die drei Knechte gehen höchst unterschiedlich mit den ihnen anvertrauten
Pfunden um. Gewinnbringend, äußerst erfolgreich die beiden ersten,
ängstlich und ohne jeden finanziellen Erfolg der dritte. Was Jesus hier
erzählt, ist ganz normales Leben. So ist es – das Leben, genau
so. Wer hat, dem wird gegeben. Wer nichts hat, dem wir auch das Wenige genommen,
was er hat.
Die ersten zwei: So normal ist es nicht, dass aus - sagen wir – 100.000
€ in wenigen Jahren 200.000 € werden. Wo kommen die dazu
gewonnenen 100.000 € her? Unser Gleichnis erzählt darüber
nichts.
Woher kommen riesige Gewinne? Wer musste dafür zahlen, dass ein Kapital
sich verdoppeln konnte? Wurden die Gewinne auf Kosten anderer gemacht? Was
hat der erste Knecht gemacht mit seinen fünf Talenten Silber, so dass
zehn daraus geworden sind? Hat er in Balsam investiert, Balsam gekauft bei
den armen Bauern, die Balsamstauden anbauen? Und wertvolles Balsamöl
herstellen lassen wie jenes, mit dem die unbekannte Frau Jesus in Betanien
gesalbt hat? Hat er dieses teure Salböl gewinnbringend an Händler
verkauft, die es dann nach Rom oder Korinth exportiert haben? Könnte
sein – wir wissen es nicht.
Und was hat er dann den Bauern für den Rohstoff bezahlt? Konnten sie
davon leben?
Eine interessante Frage. Aber davon wollte Jesus mit seinem Gleichnis uns
gar nichts sagen. Im Gegenteil wir Menschen sollen mit unseren Pfunden wuchern,
mit dem, was uns gegeben ist, dürfen wir nicht nur, sondern sollen
wir auch schöpferisch und kreativ umgehen. Darum geht es!
Ich glaube, Jesus hat bei diesem Gleichnis vor allem den dritten Knecht im
Blick, den der vergleichsweise wenig bekommen hat, einen Zentner Silber,
ein Talent Silber, wie es in den alten Bibeln hieß. Um diesen dritten
geht es ihm, der seine Talente vergrub - aus lauter Angst vor dem harten
Herrn, der ganz selbstverständlich erntet, wo er nicht gesät
hat. Um den dritten geht es, der nur wenig empfing, das wenige aber vergrub.
Wer sein Talent vergräbt, der vergräbt ein Geschenk Gottes. Wer
die anderen groß macht und sich dadurch klein, der macht nicht Gott,
sondern nur Resignation und Angst groß. Und da bleibt dann auch nur
Heulen und Zähneklappern, wenn wir erkennen, dass wir unser eigenes
Leben vergraben und den Reichtum des Lebens verhindern.
Um uns geht es und um unsere Talente. Dass wir unsere Talente und Begabungen,
das, was uns gegeben ist, einspielen ins Leben - statt sie zu vergraben.
Dass wir uns nicht verstecken mit unseren Gaben - aus lauter Angst vor der
Härte des Lebens. Motto: es bringt doch nichts!
Christines fröhliches Lachen steckt mich an. Steffis Nachdenklichkeit
tut gut, wenn ich mich verrenne. Die Großzügigkeit des einen
lässt vieles nicht mehr so eng sehen. Und die vielen Ideen, die Barbara
hat! Sie weiten den Blick. „Ja, es macht mir Freude.“ - gibt Ingeborg
zu, wenn sie wieder einmal für alle gekocht und gebacken hat,
als sei ihr die „Gabe des Dienens“ gegeben.
Catharina kann gar nicht anders, als immer nach dem warum zu fragen und ist
manchmal unbequem, weil sie zum Nachdenken und Umdenken aufruft. Der eine
kann gut Witze erzählen, die andere kann gut zuhören, der eine
schafft es spielend, Feste zu organisieren, die andere hat eine schöne
Stimme. Wie furchtbar, wenn Christine ihre Fröhlichkeit und Steffi ihre
Nachdenklichkeit vergrüben. Oder Barbara die vielen Ideen und Ellen
ihren Hang zur Klarheit. Dass wir unsere Talente nicht vergraben, sondern
mit unsern Pfunden wuchern - auf ein gelingendes Leben hin, ein Leben ohne
Heulen und Zähneklappern, das will Jesus uns sagen mit dem dritten,
dem ängstlichen Knecht.
Jesus half den Menschen, die sich verloren vorkamen, zu finden, ihn zu finden
und damit auch sich selbst zu finden; denn wen er annahm, der lernte auch
sich anzunehmen, sich wieder in der eigenen Haut wohl zufühlen. All
den Menschen, die meinten nichts wert und nicht willkommen zu sein, zeigte
er: Mir bist du willkommen. Mich freut es, dass du hier bist.
Du – Mensch – ich freue mich, dass es dich gibt. Dein Wert liegt
nicht ausschließlich in deiner Arbeitskraft, nicht nur in deinen
Leistungen. Dein Wert liegt in dir, dass du bist, wie du bist! Wie du geschaffen
bist, so hat dich der Schöpfer für wertvoll gehalten.
Nun musst du das auch für dich entdecken. Du bist etwas Einmaliges,
in der Erscheinung, in der Ausstrahlung, in der Art und Weise wie du bist,
mit allen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.
Gott schuf uns Menschen und er sagt zu uns: Ich freue mich, dass du da bist.
Ich freue mich, dass es dich gibt. Nun schau dich doch an, vergleich dich
nicht mit den anderen, um dich wieder klein und unscheinbar zu machen. Entdecke
deine Schönheit, deine Wärme, deine Fähigkeiten, denn siehe,
du Mensch bist gut. Du bist wertvoll. Gott hält dich in der Hand wie
einen kostbaren Edelstein, den er nicht verlieren möchte.
Vielleicht erlebt die eine oder der andere in dieser Zeit etwas, was es besonders
schwer macht, so zu denken. Etwas, was schwer ist, was Schmerzen bereitet,
was niederdrückt. Vielleicht denkt da die eine oder der andere von uns:
Warum werde ich, warum wird ein von mir geliebter Mensch so gequält?
Vielleicht können wir auch diese Zeit so denken: Was ich erlebe ist
wie das Schleifen eines Edelsteins, damit er die Form bekommt, die besser
in seiner – Gottes Hand liegt, die Form, die sich tragen lässt,
die sich seiner Hand überlässt. Mein Werden und Wachsen ist
geprägt von dem Wunsch, reif zu werden für Gottes Welt.
Ich denke noch einmal zurück an David: Er hatte nur einen kleinen Stein,
der ihm Mut machte. Doch dieser Stein zeigte ihm: Ein Mensch mit Gott ist
immer in der Mehrheit und nicht klein oder allein.
Was haben wir vorhin gesungen? Ach ich bin viel zu wenig? Schluss damit!!
Weil so viele in Deutschland resignieren haben sich Menschen verschiedener
Möglichkeiten zusammengesetzt zu einer großen Werbekampagne: Du
bist Deutschland! Heißt es da. Es ist eine Kampagne mit dem Ziel, nach
vorne zu blicken und da heißt es in Auszügen: Aus Deiner Stimme
wird ein ganzer Chor. Du bist von allem ein Teil. Und alles ist ein Teil
von Dir. Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern. Du hältst den Laden
zusammen. Du bist der Laden. Es hat genug Hände, um sie einander zu
reichen und anzupacken Du bist die Hand. Frage dich nicht, was die anderen
für Dich tun. Du bist die anderen. Bring die beste Leistung, zu
der Du fähig bist. Und wenn du damit fertig bist, übertriff Dich
selbst.
Und gestern haben hier Jugendliche einen ganzen Tag zusammengesessen. My
life in your hands – mein Leben in deinen Händen war das Thema.
Sie haben über dies Gefühl gesprochen, gehalten zu werden und sie
haben über unsere Verantwortung nachgedacht, denn unsere Hände
sind Gottes Hände. Er liebt uns und braucht uns, um die Welt zu halten.
Jede und jeder wird gebraucht und kann mitmachen. Die einen mit großen
Talenten, die anderen im Kleinen. Ich kann jemandem helfen bei den Schularbeiten,
ich kann mir Zeit nehmen für ein Gespräch, ich kann jemandem ein
Lächeln schenken, an dem ich sonst vorbeisehe. Meine und deine Hände
werden gebraucht.
Dabei ist es gut, sich als Teil des Ganzen zu fühlen, in Deutschland
oder anderswo. Für uns Christen heißt das aber noch etwas anderes:
für uns Christen heißt das ich bin zwar ein Teil von Deutschland,
aber viel wichtiger ich bin Gottes geliebtes Kind und damit Teil seiner
Schöpfung. Eugen Drewermann beschreibt dies so: "Mit den Augen Gottes
betrachtet, brauchst du nur zu sein, was du bist, nur zu tun, was du kannst,
nur zu vollenden, was in dir angelegt ist." So kann und wird Leben gelingen.
Es ist eine Erfahrung, die viele Menschen machen, die ihre eigenen Begabungen
entfalten, dass das Leben reich und erfüllt wird. Wir können schon
ein bißchen den Glanz von Gottes neuer Welt erahnen, und wir können
die Freude spüren, die von diesem Reich ausgeht.
Es ist eine spannende Entdeckungsreise, auf die wir uns begeben, wenn wir
nach unseren eigenen Talenten suchen. Nicht jeder ist zum Star geboren, aber
jeder hat Fähigkeiten. Was auch immer unsere Begabung ist, - wir sind
dazu berufen, sie einzusetzen für uns selber und für andere. Unsere
Begabungen erkennen und sie entfalten, das ist unsere Aufgabe. Und ich
wünsche uns allen eine erfolgreiche Suche nach unseren Talenten, damit
wir für- und miteinander leuchten und strahlen können. Amen.
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