St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Predigt 24. Juli 2005

(Pastorin Heike Reimann, Keitum/Tinnum)

Wohnst du schon oder....? Matthäus 7, 24-27

 

Das Thema unseres heutigen Gleichnisses, dem Schluss der Bergpredigt nach Matthäus, ist scheinbar der Hausbau und da verlockt es geradezu mit einem Großkonzern zu fragen: Baust du noch oder wohnst du schon?

Das Leben und Wohnen ist uns etwas sehr wichtiges. Wie tief betroffen waren wir doch als am 2. Weihnachtstag ein Tsunami viele heimatlos machte. So manch einer musste und muss auch heute noch wegen Kriegswirren sein Haus verlassen oder baut sich wegen der Arbeitsmöglichkeiten an anderem Ort ein neues Haus. Das Haus, das zuhause ist immer auch ein Stück Heimat.

"Er hat auf Sand gebaut" - das ist als Redensart in unsere Sprache eingegangen. Wer auf Sand baut, der hat kein Fundament, dem zerrinnt gerade das, was seinem Leben Halt und Festigkeit geben sollte. Ob nun der Bau eines Hauses auf Sand besonders unsicher ist, weiß ich nicht. Wir erfreuen uns doch auch an den alten Friesenkaten, die schon mehr als 100 Jahre hier stehen und Wind, Wetter und Gefahren trotzen. Und ist nicht auch St. Severin auf Sand gebaut?

Der Bau auf Sand ist durchaus möglich und so ist der Bau eines Hauses - auf stabilem oder auf höchst unsicherem Grund – wieder einmal ein Gleichnis. Ein Bild für etwas anderes. Es geht zwar ums Wohnen und um unser Dasein, aber eben nicht ums Häuslebauen, sondern um uns, um unser Leben. Nicht um Steine, die wir in Baumärkten kaufen können, sondern um die lebendigen Steine, auf die wir unser Leben bauen. So, dass es hält, wenn ... uns der Wind in Gesicht bläst... Nicht um die Mauern aus Zement und Stein, die unsrer Zukunft ein Zuhause geben, geht´s in unserm Gleichnis, sondern um die Frage, was ist unser Fundament?

Was ist es, was unser Leben zukunftsfähig macht für mich, für die anderen und für die, die nach mir kommen. Es geht um die Frage, was unser Leben tragfähig macht, wenn... uns das Wasser bis an den Hals steht und wir unterzugehen drohen. Wenn die Wasser kommen, wie Jesus sagt. Und auch die Wasser sind nur ein Bild für alles, was unser Leben bedrohen kann: Krankheiten, schwere Auseinandersetzungen und kriegerischer Streit, Verleumdung und Mobbing, Neid und vieles mehr. Wir alle könnten wohl solche Gefahren benennen, die uns Sorgen machen.

„Darum: wer diese meine Rede hört ... der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Felsen baute.“ Wer Jesu Bergpredigt hört, der baut nicht auf Sand, sondern auf ein starkes Fundament des Glaubens.. Ganz schön arm dastehen vor Gott,  Leid ... tragen, Sanftmut, Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, ein reines Herz, Frieden schaffen - das sei eines Menschen Seligkeit. Mit diesem kräftigen Anspruch beginnt sie, die Bergpredigt. Und geht gleich weiter mit gnädigem Zuspruch: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Wir?

Ja, wir.

Und das Licht der Welt! Brauchst dich also nicht verstecken und nicht klein machen und nicht klein machen lassen.... Statt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“

- statt Auge um Auge: Feindesliebe

- bewusster Verzicht auf Vergeltung und Rache.

Warum?

„... damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

...Wenn wir etwas schenken, etwas geben, dann selbstvergessen, so dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut... Beim Beten keine großen Worte machen. Das Vaterunser reicht.

Keine Schätze sammeln hier auf Erden, dem Mammon nicht dienen. Nicht sorgen! „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet ... Ist das Leben nicht mehr? Nicht mehr als die Nahrung und die Kleidung? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge auch nur eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“... Nicht richten, den Balken aus dem eignen Auge ziehen - vor dem Splitter aus dem Auge der andern...

Und bitten und suchen und anklopfen. Vor allem anklopfen. „Denn wer da bittet, der empfängt. Und wer da sucht, der findet. Und wer anklopft, dem wird aufgetan.“

Wenige Verse vor unserm heutigen Gleichnis die goldene Regel: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ Darum: wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Felsen baute.

Wer die Botschaft der Bergpredigt hört und danach lebt und handelt, setzt sein Leben nicht in den Sand, sondern auf festen Grund. Das verantwortliche Handeln beginnt bei sich selbst im eigenen Lebenshaus. Und wir fragen uns: wie will/muss ich heute leben, damit ich bzw. die nachfolgende Generation auch morgen überleben kann? „Wie baue ich eigentlich mein Lebenshaus? Bin ich den Stürmen des Lebens gewachsen? Was passiert mir, wenn ein Lebensinhalt wegbricht, ein Kind oder ein Partner stirbt, habe ich noch andere Lebensinhalte? Habe ich eine sichere Basis, die mich trägt, auch wenn mir Sinn knapp wird? Dies sind fundamentale, grundlegende Fragen, die ich mir in meinem Leben immer wieder stellen darf sollte. Es zeigt sich gerade in den Stürmen des Lebens.

Manche von uns knicken ein, verlieren ihre Zuversicht und Freude. Mit einem Schlag ist kein Trost mehr da und aller Mut weicht. Das Kartenhaus unserer Pläne bricht zusammen. Vielleicht war das Lebenshaus auf den Sand von Meinungen und Moden, Leichtsinn und Lust gebaut. Es entwickelt sich Treibsand.

Bei Anderen tobt der Sturm und die Regenfluten umspülen das Fundament des Lebenshauses. Doch sie haben Freunde in allem Leide. Oder sie finden ein offenes Ohr, in der Familie, bei Nachbarn, bei der Pastorin, auf der Lebensmutseite im Internet, bei einer der vielen Seelsorge – oder Beratungsstellen. Hauptsache sie können sich anvertrauen und fühlen sich von einer Gemeinschaft getragen. Sie erleben, dass sie trotz all ihrer Unzulänglichkeit dennoch geliebt werden und bringen diese menschlich erfahrene Liebe in ihrem Glauben mit Gott zusammen. Sie haben Kraft für die Probleme dieses Tages, weil sie die Sorgen für morgen vertrauensvoll Gott überlassen können.

Die Sätze der Bergpredigt sind dem Leben abgerungen, dem realen Leben, dem Leben, in dem es ein furchtbares Durcheinander gibt. Ein Durcheinander aus Leid und Tränen, aus böse und gut, Unrecht und Krieg, aus Schrecken erzeugender Gewalt und der Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach Sanftmut aus Verlogenheit und Bestechung, Misstrauen und Vergeltung, Suchen und Finden, Geld und Geltungssucht und Sorgen. Immer wieder Sorgen: um das Morgen, um die Kinder, um die Rente, um das Essen und die Frage, was ich heute denn anziehen soll. In der Bergpredigt geht es wie so oft um unsere Grundeinstellung zum Leben. Wie lebe ich? In welchem Gedanken und Glaubenshaus wohne ich? In welchen Einstellungen zur Welt, zum Menschen, zu Gott und zu mir selbst kann ich wohnen? In welches geistige Haus ziehe ich ein und finde mein zu Haus?

„Hören und handeln“. Diese Worte Jesu stellen die Grundlage für das Leben dar. Sie sind ein festes Fundament! Menschen werden in Liebe und in Frieden miteinander leben werden, wenn sie etwas vom Geheimnis Gottes erfahren und umgekehrt wir erfahren immer dann ein Stück vom Geheimnis Gottes, wenn sie in Liebe und in Frieden miteinander leben. Es handelt sich um ein in Gottes Augen gelingendes Leben. Er ruft einladend: Komm mit, geh’ mit, höre und tue, was ich tue, so wirst du mir ähnlich. Indem Du so lebst, machst Dir zu eigen, was ich mir unter gelingendem Leben vorstelle. Wenn Du meine Rede hörst und tust, dann bist Du wie ein Mensch, der sein Haus auf einen Fels baut. Dein Glaube mag im Sturm schwanken aber er hält, weil du gehalten wirst. Baue dein Lebenshaus auf Felsen, indem du dein Leben an den Worten von Jesus ausrichtest.

Das Tun der Worte Jesu beginnt als Arbeit am eigenen Fundament, am eigenen Herzen. Dieses Tun ist mühsam und in keiner Weise öffentlichkeitswirksam. Aber es gewährleistet letztlich ein stabiles Fundament. Das Tun der Worte Jesu zeigt uns eine Lebenspraxis, die das Leben bewahrt und beschützt, so gefährdet, so beschädigt es sein mag. Um eine Lebenspraxis, die den glimmenden Docht nicht auslöscht und das geknickte Rohr nicht bricht. Leid tragen und Trost erfahren,  so was Altmodisches wie Barmherzigkeit, Herz und Salz und Licht, Feindesliebe statt Feindeshass, sich von der Sorge nicht kirre machen lassen, beten und anklopfen - das sind die Stichworte dieser das Leben schützenden und bewahrenden Praxis.

Diese Bergpredigt-Praxis hält uns, sagt Jesus, wenn uns der Wind in Gesicht bläst. Sie trägt uns, wenn die Wasser kommen und wir unterzugehen drohen.

In hartem Kontrast dazu - als entweder/oder formuliert, ganz unmodern schwarz-weiß gedacht - die andere Möglichkeit:

„Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“

In dem Fragen nach unserer Art zu leben höre ich nichts von Strafe Gottes oder von Schuld. Aber ich spüre etwas von der Verantwortung, dass tragfähige Fundamente gelegt werden, die allen ein gesichertes Leben ermöglichen. Wir dürfen andere dazu sogar einladen: „Komm, bau auch dein Haus hier auf sicherem Grund, es ist Platz für alle da. In unseres Vaters Haus war immer schon Platz für viele Wohnungen.“ Das was wir Kirche nennen ist die Gemeinschaft von Frauen und Männern, die nicht ohne Fundament, sozusagen grundlos, leben will. Gerade weil immer wieder die Fluten drohen und die Wellen kommen. Das Haus der Gemeinschaft, das diese Worte bewahrt und das „die Träume verwaltet“ (Fulbert Steffensky) ist die Kirche.

Wohnst du noch oder lebst du schon? Wohnst du schon in diesen Worten oder hörst du noch weg? Höre die Worte Jesu, schlag nach in deiner Bibel und sag sie dir laut vor. Nimm die Worte aus der Bergpredigt.

Nimm ein Wort und zieh darin ein. Zieh dich meinetwegen auch für eine Zeit darin zurück. Werde ganz Ohr, Wort für Wort. Höre wenn er dir mit jedem Lächeln, mit jedem lieben Wort, mit jeder noch so kleinen Geste, mit jedem Sonnenstrahl und Kerzenflackern, mit jedem Blütenblatt und Vogellied, mit jedem einzelnen Sandkorn, den Muscheln und der Meeresbrandung zuruft: Ich hab dich lieb!

Höre in dich hinein, ob die Worte der Bergpredigt oder der anderen Verheißungen Gottes nicht der Raum sind, in dem du gerade sein und bleiben kannst. In dem du zu Hause sein kannst.

Ich weiß, in unserm Alltag, sind wir stets beides: kluge und törichte Bauleute zugleich. Wir können gar nicht anders. Aber, macht euch nichts vor: Jesus weiß das längst und deshalb ermutigt er uns: Trau meinem Wort mehr als deiner Angst, und meiner Rede mehr als deiner Verzweiflung, sagt er. Sie trägt. Und sie hält. Amen.

 

 

 


 
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