St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 24. Juni 2006

(Pastor Jörg Reimann, Tinnum)

Mit Gott über Mauern springen

Predigttext: Apostelgeschichte 16,23-34

Nachdem man Paulus und Silas hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, [a] was muss ich tun, daß ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde!

Wir befinden uns etwa im Jahre 50 unsere Zeitrechnung. Die Berichte in der Apostelgeschichte, wie eben gelesen, sind zum Teil in der „Wir“ Form abgefasst. Vielleicht hat Paulus sie selber geschrieben, oder einer seiner Mitreisenden. Wir wissen noch viel mehr aus dieser Zeit. Ich stelle mir vor, wie Paulus das beschrieben haben würde.

Dann war ich wieder auf Reisen. Eine zweite große Reise sollte es werden um die Gemeinden in Kleinasien zu besuchen, die schon zum Glauben an den Herrn Jesus Christus gekommen waren wie Antiochia, Derbe, Lystra und die Insel Zypern. Mein Begleiter ist nun Silas, ein angesehnes Mitglied der Jerusalemer Gemeinde. Gerne wäre ich wieder mit Barnabas gereist, wie auf der ersten Fahrt, aber wir sind wohl doch zu verschieden. Er bestand darauf, dass wir auf unserer Reise Johannes Markus mitnehmen sollten. Den wollte ich nicht wieder dabei haben. Der hatte uns schon einmal versetzt, war einfach in Pamphylien geblieben und nicht mit uns weiter ans Werk gegangen, den Glauben zu verbreiten. So jemand konnte ich nicht brauchen, aber Barnabas hatte darauf bestanden. Vielleicht sah er in Johannes Markus einen Verbündeten und sie würden mich überzeugen wollen, bei meiner Mission doch darauf zu bestehen, die Menschen erst zu Juden und dann zu Christen zu machen. Aber wozu dieser Umweg. Das hatten wir doch nun eigentlich auf dem Apostelkonzil geklärt. Nur dafür waren wir ja alle extra nach Jerusalem gekommen. Nein, das half nichts. Ich musste mich von Barnabas trennen. Und Silas machte sich ganz gut. Wir waren schon wieder in Derbe und in Lystra gewesen. Hier hielten die Gemeinden jeden Sonntag Gottesdienst und vergrößerten sich ständig. In Lystra ist mir ein Mann aufgefallen, mit Namen Timotheus, ein besonderer Mensch, ihn muss ich unbedingt noch stärker beteiligen.

Aber dann kam mir quasi über Nacht die Eingebung nun hinüberzugehen nach Europa. Und wir nahmen wieder ein Schiff und fuhren über Neapolis nach Kavlas, dem Hafen der Stadt Philippi. Eine seltsame Stadt. Alles war gerade wie auf dem Reißbrett konstruiert. Es musste eine neue römische Stadt sein. Unser erster Eindruck täuschte nicht. Es war eine römische Kolonie. Kaiser Augustus hatte hier wohl Kriegsveteranen mit ihren Familien angesiedelt.

Ich hatte Silas losgeschickt, die Synagoge zu suchen, das war auch sonst immer unser erster Anlaufpunkt, aber anscheinend gab es kaum Juden in der Stadt. So gingen wir am nächsten Tag, am Sabbat an den Fluss hinaus. Wenn es einen jüdischen Gottesdienst gab, dann würde er wohl hier stattfinden, am Wasser, damit man die Waschungen leicht durchführen konnte. Aber es kamen nur drei Männer aber mindestens doppelt so viele Frauen. Zu einem jüdischen Gottesdienst müssen mindestens zwölf Männer da sein, und so warteten wir und kamen ins Gespräch.

Eine geheimnisvolle Frau klebte mir förmlich an den Lippen, als ich von den Heilungen des Jesus von Nazareth sprach und von seinem Friedensgebot. Sie war sehr kostbar gekleidet. Trug ein purpurgefärbten Umhang. Und als ich von Johannes dem Täufer erzählte, dass er Jesus getauft hatte und dass seitdem die Taufe zum Zeichen für das Leben des Christen geworden ist, fragte sie mich nach den Bedingungen für die Taufe. Und noch am selben Abend feierten wir ein großes Fest. Sie kam mit ihrer ganzen Hausgemeinschaft und alle wurden im Wasser des Gangites getauft. (den Ort kann man besichtigen.) Das war die erste Taufe auf europäischem Boden. Eine Frau, die erste Christin auf diesem Kontinent.

Erschöpft fiel ich auf eine wunderbar weiche Lagerstätte. Wir durften im Hause der Lydia bleiben und immer wiederkommen, wenn wir auf der Durchreise wären. Sie war Purpurhändlerin und hatte viele Angestellte und ein großzügiges Haus. Es war ein langer Tag gewesen, aber sehr erfolgreich.

In den nächsten Tagen wendete sich das Blatt. Es gab in Philippi eine Sklavin, die war von einem Wahrsagegeist besessen und ihr Herr verdiente sehr gut an ihr, weil die Leute für die Wahrsagerei bezahlten. Aber sie lief nun immer hinter mir her und rief „Dieser Mensch ist Knecht des allerhöchsten Gottes, der euch den Weg des Heils verkündigt.“ Nun war das ja gar nicht so verkehrt. Aber was war das für eine Werbung. Man würde mir vorwerfen, ich habe die Frau oder ihren Herrn bestochen, damit sie so etwas sagte. Und ich wollte auf keinen Fall Menschen hinzugewinnen, die dem Rat einer Wahrsagerin gefolgt waren und nicht ihrer eigenen Überzeugung. Und so herrschte ich sie heftig auf dem Marktplatz vor allen Leuten an und klärte die Leute auf. Daraufhin ging keiner mehr zu der Wahrsagerin und ihr Herr sah die Einnahmen schwinden. Am späten Nachmittag lauerten er uns auf mit einem seiner Leute und schleppte uns vor den Stadtrichter. Es gab einen Tumult und Soldaten mussten für Ruhe sorgen. Wir wurden angeklagt, Aufruhr zu verbreiten und als Juden Ordnungen zu verkünden, die Römer nicht annehmen durften. Das Volk schrie laut auf. Die Stadtrichter ließen uns vor allen Leuten erniedrigen indem sie uns die Kleider vom Leib reißen ließen. Und sie erlaubten, dass wir mit Stöcken geschlagen wurden. Ich war in großer Sorge um Silas. Der hatte so eine Situation noch nie miterlebt. Er kannte diese Auseinandersetzungen nur aus Erzählungen. Würde er leugnen. Wir wurden einzeln verhört. Die jüdische Religion war im römischen Reich erlaubt, aber nur solange sie sich an die römischen Gesetze hielt und es zu keinen Unruhen kam. Christen galten als Sekte des Judentum, standen aber unter besonderer Beobachtung. Es stand schlimm um uns. Wir wären ja nicht die ersten gewesen, die die Römer den Tieren zum Fraß vorgeworfen hätten. Ich sah Silas, wie er ins Gefängnis geführt wurde, ihm lief das Blut über das Gesicht. Meine Hände schmerzten furchtbar, denn sie waren auf dem Rücken zusammengebunden. Dann wurde ich auch ins Gefängnis gebracht. Unsere Schreie würden nicht nach draußen dringen, wir waren im innersten Teil des Gefängnisses, unser Füße waren in Ketten gelegt. Der Aufseher nahm seinen Dienst besonders ernst und schlug uns mit einem Stock und peitsche uns aus. Mein Leben lief vor meine Augen ab. Sollte das das Ende sein? Silas würdigte mich keines Blickes, vielleicht konnte er es auch gar nicht mehr. Dann gingen dem Aufseher die Kräfte aus. Oder er wollte wieder nach oben, denn vom Gefängiseingang konnte man auf das Stadion blicken. Und da waren heute Sportler aus vielen Ländern zu einem großen Wettkampf angetreten. Wir hörten die Zuschauer applaudieren und gröhlen. Aber alles war wie durch Watte.

Dann war es dunkle Nacht. Es wurde ruhig und die Schmerzen hatten ein wenig nachgelassen. Ich begann zu beten. Vater unser im Himmel. Und ich hörte Silas auch beten. Und dann begann er eine leise Melodie. Dominus Deus , Halleluja. Und ich sang das Lied mit. Es waren einfach Worte und man konnte leicht mitsingen. Gelobt seist du Herr unser Gott, Halleluja. Gott, du großer Gott, gelobt seiest du. Und die anderen Gefangenen sangen mit. Und wir klopften den Takt im Rhythmus dazu; immer lauter, immer lauter. Die Gefängnismauern bebten.

Der Aufseher musste geschlafen haben nun war er erwacht und dachte es sei ein Erdebeben und alle Gefangenen wären frei und auf und davon. Da er persönlich verantwortlich ist für die Gefangenen, musste er nun das schlimmste fürchten. Wenn ihm die Gefangenen entwischten, würde er die Konsequenz dafür tragen müssen und würde hingerichtet. Die Schmach wollte er lieber nicht ertragen so zog er sein Schwert, um sich selber das Leben zu nehmen. Aber ich konnte ihn gerade noch davon zurückhalten. „Wir sind alle noch hier“ Keiner ist entflohen.“ Der Aufseher holte Licht und überzeugte sich, dass tatsächlich alle noch da waren. Dann fiel er zitternd vor meinen Füßen nieder und flehte mich an „Herr,“ sagte er zu mir, Herr, wo er mich doch vorhin wie eine Sklaven geprügelt hatte, „Herr, was muss ich tun, damit ich gerettet werde.“

“GLAUBE an den Herrn Jesus Christus,“ antwortet ich.

Und noch in derselben Nacht ließ er sich mit seiner ganzen Familie taufen.

Eine Erzählung voller unterschiedlicher Motive, in einer Stadt, die die erste christliche Metropole werden sollte. Ich konnte mich vor einigen Wochen selber davon überzeugen. Ganz anders als wir sonst römischen Ausgrabunkstätten kennen. Da gibt es sonst Reste von Tempeln als die am besten erhaltenen Gebäude. In Philippi sind dagegen fünf riesige christliche Basiliken zu sehen, einige mit 15 Meter hohen Mauerteilen, die erhalten sind (z.T. röm. Tempel die umgebaut wurden). Die christlichen Kirchen haben in der römischen Stadt später ganze Straßenzüge verdrängt. Wenn Paulus das noch hätte erleben können, wäre er hoffnungsvoller gewesen. Aber auch der Gerichtsplatz das Stadion und die Gefängnisanlagen sind erhalten.

Und was ist da geschehen im Gefängnis. Ein Erdbeben?

Auf die innere Haltung kommt es an. Das wird an den Personen deutlich. Da werden die beiden eingekerkerten Apostel Paulus und Silas in einer schwierigen Lebenssituation beschrieben, in der dann Veränderung unverhofft eintritt. AUS GEFANGENEN WERDEN BEFREITE.

Eingekerkert im Gefängnis von Philippi beten Paulus und Silas und loben Gott, wahrscheinlich singend. Ich glaube, sie tun in dieser Nacht nichts Außergewöhnliches. Sie wenden sich zu Gott. Dass sie plötzlich in ihrem Leben im Dunkeln stehen, nachdem es mit der ersten Taufe der Lydia so gut angefangen hatte, verändert ihre Einstellung nicht. Sie beten zu Gott und loben ihn wie immer. Wir werden in ihre Zeit um Mitternacht hineingenommen, das ist die tiefste Zeit der Nacht.

Und ‚Mitternacht’ ist ein Bild für Lebenserfahrungen, in denen es um den Menschen finster und ausweglos scheint. Mitternacht bedeutet noch kein Lichtstrahl ist zu sehen.

Doch bei Paulus und Silas scheint die Finsternis der Nacht nur äußerlich zu sein. Beide lassen sich nicht auf die Nacht ein. Sie haben einen anderen Rhythmus, der sie bestimmt und das ist die Orientierung am Gebet und am Gotteslob.

Das Erdbeben als Symbol beschreibt die Gottesnähe. Das Erzittern der Erde bedeutet hier, Gott antwortet auf das Gebet. Und es ist wohl so symbolisch gemeint. Dann macht die Szene mehr Sinn. Warum sollten wohl die anderen Inhaftierten, vielleicht Mörder und Diebe oder politische Gefangene nicht schnellsten das Weite suchen. (bei Paulus würde es noch Sinn machen, der ist römischer Bürger und hoffte, wenn das herausgefunden würde, werden sie ihn freilassen. Aber wenn er jetzt flieht, gälte das eher als Schuldeingeständnis.) Aber warum fliehen die anderen nicht? Weil sie innerlich auch frei sind. Es geht um die innere Freiheit. wie bei Paulus und Silas.

Und der Aufseher stellt plötzlich fest, wie unfrei er dagegen ist. (Nur dann macht seine Frage einen Sinn: „Was muss ich tun, damit ich gerettet werde, damit ich befreit werde.“

Der Aufseher ist der Unfreie. Das merkt er in dieser Nacht im Dunklen. Die Gefangenen haben ihre Würde nicht verloren. Sie haben ihren Gott nicht verloren. Sie wissen, was sie im Leben und sogar angesichts der Nähe des Todes treibt und trägt. Sie singen miteinander. (singen ist ein Ausdruck des Glaubens auch im Fußballstadion übrigen und dann wirkt es manchmal auch, wenn die Gesänge die eigenen Mannschaft anfeuern). Paulus und Silas singen und sie beten. Sie leben Gemeinschaft trotz der Gitterstäbe, ein ungeheueres Gottvertrauen. Sie halten sich an Gott und haben daher festen Boden unter den Füßen.

Und der Aufseher? Er ist alleine. Für ihn wankt der Boden, ein inneres Erdbeben kündigt sich an. Er hat den Befehl der Stadtrichter ausgeführt, obwohl noch nicht einmal der Prozess richtig vollzogen wurde. Er hat sogar mehr getan als erforderlich, er prügelte und peitsche, wofür er gar keinen Auftrag hatte. Er steckt in einem System, dass ihn unfrei macht und zu furchtbaren Unmenschlichkeiten zwingt, die er eigentlich gar nicht will. Dieser Aufseher merkt in der Mitte der Nacht, als die gemarterten singen und immer lauter singen, dass er der Unfreie ist. Und gerät in eine tiefe Lebenskrise: # Wenn er die Befehle nicht ausführt, wird er selber verurteilt. # Wenn er kündigt, kann er seine Familie nicht mehr ernähren und wird zum Sklaven. Eine ausweglose Situation, die ihm in der dunkelsten Stunde nahe an den Selbstmord bringt.

Aber Paulus spürt das und sagt ihm, dass er von der Kraft und Stärke abgeben kann. Und da tut sich der Aufseher sich nichts an. Er holt Licht, betrachtet bei Licht noch einmal alles und dann ist die Frage auch folgerichtig: „Was muss ich tun, damit ich gerettet werde, damit ich befreit werde.“

Glaube ist der Vogel, der schon singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. (Tagore) so habe ich den Gottesdienst begonnen.

Paulus antwortet, glaube an Jesus Christus, an den Jesus Christus, der bei Sklaven und Herren die selbe Mensche würde sieht und bei Männern und Frauen auch und bei allen Völkern, glaube an den Jesus Christus, der den Frieden uns Menschen zutraut, Liebe zum Nächsten und sogar zum Feind, und der heil macht was zerbrochen war, was unheil war. An diesen Jesus glaube du und du wirst frei, du wirst frei zum Leben. Dann kannst du dich lösen aus der Gefangenschaft deiner Erziehung, deiner Geschwisterposition, aus der Gefangenschaft deiner Bequemlichkeit, aus der Gefangenschaft deines Systems, in dem du lebst und was du dir aufgebaut hast. Aus der Gefangenschaft deiner wirtschaftlichen Position. Aus der Gefangenschaft deiner Zeiteinteilung, aus der Gefangenschaft deiner Schicksalsergebenheit, aus der Gefangenschaft deiner körperlichen Einschränkung.

Frei zu einer inneren Haltung, die Gott alles zutraut. Und dieses Gott zutrauen, dieses Gottvertrauen drückt sich aus im Gebet. Und besonders im Lied im gemeinsam gesungen Lied im kräftig miteinander gesungnen Lied, was den ganzen Körper beteiligt.

So kannst du mit deinem Gott über Mauern springen. AMEN.

 
 
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