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Keitumer Predigten 2005
1. Weihnachtstag
(Pastorin Susanne Zingel)
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da
kommt. Amen
Liebe Gemeinde
Schon lange begleitet mich durch jede Weihnachtszeit ein "Schlumper Engel"
von Werner Voigt. Wenn ich meine Weihnachtsmappe im Advent aufschlage, dann
kommt er mir als erster entgegen. Er flattert über meinen Schreibtisch.
Er flattert jetzt auch durch die Kirche, ist hier und da. Mich bringt er
immer wieder zum Schmunzeln. Wenn mir nichts einfällt, dann nimmt er
seine Posaune und spielt darauf ohne sich anzustrengen. Er spielt voller
Hingabe. Jeder Trompeter würde sagen, so geht das nicht. Das ist doch
kein Ansatz, ich zeige dir einmal, wie das geht. Aber jeder Liebender schmunzelt,
denn das sieht er sofort. Der Engel ist verliebt. Er küsst sein Instrument,
liebt die Musik. Seine Arme und die Posaune sind eins geworden. Er spielt
so schön, dass ein Stern vom Himmel fällt und sich in die Musik
hineinlegt.
Der Engel ist so biegsam und beweglich, dass man es nicht gleicht sieht:
Er ist auf eine Wand gemalt. Die Hände, die Füße, die
Flügel, der Engel ist ja ganz platt. Aber das waren sie, die Engel,
als sie erfuhren, Gottes Sohn kommt in einem Stall zur Welt.
In diesem Jahr ist dieser Engel nicht nur mein kleiner Begleiter. In diesem
Jahr er ein ganz besonderer Weihnachtsbote: Und er sagt es laut und sagt
es euch: Die ‚Schlumper' haben es in die Hamburger Kunsthalle geschafft.
"Die Schlumper. Kunst in Hamburg" Hamburger Kunsthalle, - 29.1.2006
Fahrt ihr hin, ihr Hamburger hier, ihr Reisenden zwischen Norden und Süden
und schaut es euch an: Sie haben es geschafft: Mit dem Maler Werner Voigt
sind sie seit fast 30 Jahren eine Künstlergruppe. Es begann damit, dass
sich um den Hamburger Maler Rolf Laute künstlerisch "schwer" Begabte
mit "onterschitlichen" Behinderungen sammelten. Sie verweigerten sich standhaft
den Arbeitsangeboten der Werkstätten für Behinderte. Sie wollten
nicht beschäftigt werden und manch einem war gesagt worden, dass er
für nichts und gar nichts zu gebrauchen sei. Dagegen schufen sie
improvisierte Ateliers. Sie wollten als Künstler, Künstlerinnen,
als Individualisten leben. Jeder mit einer eigenen Sprache, einer eigenen
Handschrift.
Das haben sie geschafft. Nun sind sie in der Hamburger Kunsthalle angekommen
und kommen hoch zu Ehren. Als Könige erscheinen Kunstprofessoren und
der Bürgermeister. Alle kommen und sagen Kluges voller Wertschätzung
und Bewunderung. Das ist eine Weihnachtsgeschichte. Auf die keiner hörte,
denen keiner etwas zutraute, Menschen aus dem Hintergrund kommen ganz nach
vorn und hoch zu Ehren.
In der Weihnachtsgeschichte sind dies vor allem die Hirten. Die Engel
verkünden ihnen große Freude. Sie sind die ersten, finden das
Kind. Das Kind lacht sie an und sagt: "Ihr seid es, ihr versteht das Geheimnis
der Liebe, ihr seid meine Boten:" Und die Hirten laufen los, erzählen
es allen weiter. Und alle staunten, denn niemals hatte vorher jemand die
Hirten etwas sagen gehört, dass sie überhaupt reden konnten war
erstaunlich.
In einem Adventskalender fand ich das Wort: Jeder Mensch möchte strahlen
wie ein Tannenbaum. Das ist ein Schmunzelwort, aber wahr. Jeder Mensch
möchte leuchten wie ein Tannenbaum. Jeder möchte einmal leuchtend
in der Mitte stehen, möchte hören, dass alle sich freuen, dass
es dich gibt, dass sie sehen, was in dir ist, Liebe, Phantasie, Bilder, Musik,
Unaussprechliches, . . dass du geliebt wirst, auch wenn gar- nichts
Außerordentliches aus dir herauskommt.
Wir wissen alle, dafür gibt es die Podien, die Kunsthallen, die
Konzertsäle dieser Welt. Es gibt Foren, Stadien, Charts, Titelblätter
und vieles mehr. Auftrittsorte für das, was glanzvoll in die Aufmerksamkeit
rückt. Aber es hat nichts zu tun mit unserer Mitte, mit dem Gefühl:
Auch ich bin wichtig, habe eine Stimme, bin schön, habe ein Lied, eine
Idee, eine Liebe und eine Hoffnung.
Jeder möchte einmal strahlen wie ein Tannenbaum.
Der Tannenbaum steht in der Mitte, irgendwie zentral, er ist einfach da.
Wenn er leuchtet, richtet sich alles auf ihn aus. Wenn Menschen sich vor
dem Tannenbaum ansehen, leuchtet etwas auf, geht hin und her. Und alle sind
auf ihn ausgerichtet.
Dazu zwei Gedanken:
Jeder von uns ist einmal in dieses Leben gekommen. Du bist geboren. Hast
noch nichts Wunderbares geschaffen, aber du bist ein Wunder. Und so haben
dich alle angesehen. Und tief in dir ist die Erinnerung daran: Alle haben
gelacht und geweint und alles hat sich um dich gedreht. Das ist eine tiefe
Erinnerung in uns. Und wer es nicht erlebt hat, der sucht danach ein Leben
lang.
Du bist wunderbar, und jeder möchte leuchten wie ein Tannenbaum. Wir
sind erwachsen, wir können uns überlegen, wie soll das gehen? In
der Mitte kann immer nur einer stehen. Geschwisterneid, der Schmerz erwachsen
zu werden, Konkurrenz, das alles bestimmt unser Leben, aber zum Glück
ist es nicht alles:
Denn es gibt dies Fest: In der "Zeit" war zu lesen: Jeder Christbaum zeugt
davon, dass eine christliche Tradition lebendig ist, die mehr ist als Kulisse,
sie ist eine lebendige Utopie der Gegenwart Gottes. Christbaum - Gott in
der Mitte, lebendig, einer, der andere ins Licht in die Mitte holt und jede
Konkurrenz überwindet. Hirten und Könige werden eins, denn Gott
ist es ein Leichtes, viele zugleich in eine Mitte zu lassen. Es gibt die
Frage, wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze. Und die antwort ist ganz
einfach: Es sind unendlich viele, denn einer trägt den anderen im Herzen.
Gott ist die Mitte, in der unendlich viele Platz haben. Und jeder darf leuchten
schöner als ein Tannenbaum. So kamen als erstes die Hirten. Sie waren
ausgestoßen, hatten keine Eltern mehr, keine Familie, kein Recht zu
heiraten und niemals einen Sohn oder eine Tochter. Hirtenjungen waren
Waisenkinder, und die alten Hirten ließen an ihnen aus, was sie selbst
erlitten hatten.
Die sehen als erstes das Kind und bringen Gott ins Spiel, und alle stehen
um sie herum und staunen.
Die Schlumper kommen in die Mitte. Aber niemals wird ihnen ihr Erfolg zu
Kopf steigen. Sie freuen sich wie Kinder, es ist genial mitzuerleben, wie
sie ihre Freunde auf die Bühne holen, Professoren umarmen und dem
Bürgermeister zu lange die Hand schütteln.
Schump, so heißt die Straße der ersten Ateliers, direkt an der
U-Bahnstation Schlump. ‚Schlump' bedeutet nach dem Grimmschen
Wörterbuch: "Was ohn Vorgedanken, ohn Kunst, unversehens geschieht,
das ist Schlump, der unvermutete Glücksfall." Wir feiern dies Fest -
Schlump, ein Dreh und Angelpunkt im Hamburger Verkehr. Möge Gott Dreh
und Angelpunkt sein, der unvermutete Glücksfall, Gott, der uns in die
Mitte stellt durch seinen Sohn. Es trifft uns ein Glücksfall aus dem
Himmel. So traut euch: Seid schlumpig, widerständig, eigenwillig und
voller Freude. Amen
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