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Keitumer Predigten 2007
Predigt am 1. Sonntag der Passionszeit am 25.02.2007
(Pastorin Susanne Zingel)
Liebe Gemeinde,
die meisten von uns sind am Mittwoch am Biikefeuer gewesen. In diesem Jahr wurde es dem Feuer nicht leicht gemacht und auch nicht denen, die sich dort versammelt haben. Wenn die Elemente gegeneinander arbeiten, dann sehen wir Menschen ganz schnell ganz klein aus. Wenn der Regen und der Wind und die Kälte dazu kommen, dann will das Feuer nicht richtig auflodern. Dann trifft man sich gerade auf dem Weg: "Was macht ihr, warum geht ihr schon nach Hause?" sagten die, die noch auf dem Weg zur Biike waren.
Biike, das heißt reines Feuer, haushoch auflodern sehen und wir Menschen davor. Wild und so lebendig, dieses Feuer und jeder sieht etwas Eigenes darin. Feuer hat immer etwas zu tun mit Ende und mit neuem Anfang. Es ist nicht sanft, Es geht nicht um "Schwelle, Übergang, Reifen und Wachsen." Es geht um letzte Konsequenz. Feuer hat zu tun mit "Ende, Aus und wirklich vorbei". Dabei macht Feuer das Leben überhaupt möglich, aber genauso kann es zerstören und vernichten.
Auf Sylt wurden Biikefeuer angezündet als Freudenfeuer. Der Winter ist vorbei und gleichzeitig ist es ein Abschiedsfest. Die Zeit ist gekommen, dass die Männer sich wieder aufmachen auf hohe See auf und davon segeln. Die harte Zeit des Winters ist vorbei und genau in dem Augenblick segelt das Allerliebste davon. Wir stellen uns das vor, als würden sich erwachsene Paare trennen. Aber Kinder waren genauso dabei. Die Jungen gingen schon mit acht Jahren mit auf See. Da stelle sich einer vor, was das für Abschiedszenen gewesen sind, wenn Familien auseinander gerissen wurden, Eltern und Kinder, Männer und Frauen. Ohne zu wissen, ob sie wieder heimkehren.
Missionare wollten das Biikefest, das weit in archaische Vergangenheit zurückreicht, durch das Petrifest ersetzen. Es sollte zum Petrifischerfest werden. Damit kamen sie aber nicht weit. Die Menschen waren klug und haben gesagt: "Das tun wir," und feiern beides. Biike und Petritanz. Bis heute kann man immer wieder hören, da würde ein heidnisches Fest gegen christliche Tradition stehen, so als könnte man eins gegen das andere ausspielen. Ich glaube, diese Feste haben sehr viel miteinander zu tun. Auch wenn man sich weiter hinein begibt in die Geschichte vom Petrus, der aufbricht, losgeht und alles verlässt, weil ein Funke vom Geist Jesu ihn entzündet hat. Das ist ja keine harmlose Geschichte. Beide Feste erzählen von einer existentiellen Spannung: Wir suchen Wärme suchen und wir brauchen Wärme für unser Leben. Aber genauso fürchten wir das Feuer.
Genauso ist das Leben selbst, das wirklich lebendige Leben.
Es ist wunderbar, und es ist gleichzeitig auch gefährlich.
Genauso ist die Liebe, die wirklich lebendige Liebe. Sie gibt Deinem Leben allen Sinn, und trotzdem kann sie Dich und Dein Herz zerreißen. Sie kann Dich auf Wege führen, wo Du Angst hast, Dich selbst zu verlieren.
Das Feuer des Lebens und der Liebe ist nicht harmlos.
Marktforscher haben herausgefunden, dass die Menschen heute Outdoorjacken benötigen. Kaum eine Branche boomt so wie der Verkauf von Outdoorjacken. Hier auf Sylt ließe sich das ja noch erklären. Aber es ist so, dass gerade in Großstädten Menschen Jacken tragen, mit denen sie auch in der Arktis ein ganze Weile überleben könnten. Eigentlich passt das Kleidungsstück nicht. Aber wir sprechen ja von gefühlter Temperatur oder subjektivem Temperaturempfinden. Unser Empfinden für Kälte hat sich verändert, uns wird heute viel schneller kalt. Menschen spüren eine Kälte und sehnen sich nach Wärme. Und das ist nicht unproblematisch. Unsere Sehnsucht nach Wärme erschöpft die Erde. Die Erde wird müde und fängt an, sich selbst zu erwärmen. Sie erinnert uns: "Seid vorsichtig mit dem Feuer!" Ihr braucht in Hamburg keine Antarktisjacken. Aber denkt darüber nach, was in der Antarktis geschieht! Wo Kälte und Feuer wirklich aufeinander treffen. Eisberge vertragen keine Erdöltanker und Walfangjäger. Die Erde antwortet auf unser Bedürfnis nach Wärme und erwärmt sich selbst. Und fragt uns auch: "Habt ihr alles durcheinander bekommen - Hitze, Kälte, echte Wärme."
Einfach Lösungen gibt es nicht. Wir hatten in den letzten Wochen im Pastorat viel zu tun mit einem Rohrbruch. Es waren insgesamt zwei, und ein Kabelbrand brachte Wasser und Feuer dann auch noch gefährlich zusammen. Man erinnert sich, das Pastorat, das Sie alle kennen, unten in Keitum ist ja gebaut auf der Asche eines abgebrannten Hauses. Bis zu dieser Asche haben wir uns vorgearbeitet Und das klingt so einfach. Es beschreibt nicht annähernd, was wir erlebt haben, wenn aus dem Pastorat ein Baustelle wird. Die Konfirmanden frieren, denn erst für den Gesprächskreis am Abend sind die Radiatoren beschafft. Der Seniorenkreis trifft sich in Wohnzimmern. Es ist nicht leicht zu leben in einem kalten Haus ohne warmes Wasser. Und das alles lässt uns nur ahnen, was die Menschen hier auf Sylt früher erlebt haben. Wie sie sich gewärmt und geschützt haben. Was sie allem ausgesetzt waren.
Lernt die Weisheit von Hitze und Kälte, von Wärme und Feuer, denn es ist Euch etwas Kostbares anvertraut, den Einklang der Schöpfung zu behüten und zu beschützen. Es hilft nicht viel, zu verkünden: 13 Jahre bleiben noch, um eine Klimakatastrophe zu verhindern. Redet nicht so schnell von Katastrophe, das lähmt und bewegt wenig. Aber lernt die Weisheit dieser Schöpfung und unseres Lebens. Hört auf einen Satz, der ganz ähnlich ist: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen." Lasst euch erinnern, dass es ein Feuer und eine Leidenschaft gibt, die brennt für dieses Leben, für Gerechtigkeit, für ein Miteinander, das gelingt. Macht aus Gott keinen lieben Gott, wärmend wie eine Outdoorjacke, die Euch schützt, wenn es sich kalt anfühlt, sondern hört, was Jesus von Gott sagt, brennend vor Liebe, feurig auch im Zorn über Unrecht, feurig im Zorn, wo Leben und Schöpfung zerstört wird und trotzdem mit brennender Liebe und Geduld immer weiter dabei. Auf dass wir mit diesem Gott unterwegs sind und beides können: Der wärmende, liebevollen Seite Gottes vertrauen, und gelassen auf dem Weg bleiben, denn man kann nichts beschleunigen, schnell heilen. Es braucht Zeit, zu wachsen, sich dem Licht und der Wärme zuzuwenden, sich von der sanften Seite Gottes verwandeln zu lassen. Aber genauso gibt es die feurige Seite Gottes. Davon wird selten gesprochen. Auch Worte Jesu wie: "Ich bin gekommen, um zu entzünden ein Feuer, und was wünschte ich, dass es schon brennte." Sind untergegangen, weil sie zu leidenschaftlich sind, zu hitzig. Jesus war ein Mensch voller Leidenschaft. Er hat Menschen weniger gewärmt. Er hat sie weniger gefüttert und gewärmt. Er hat in ihnen einen Funken entfacht, mit seiner Leidenschaft und seinem Feuer für das Leben. So dass sie gebrannt haben, um im ersten Moment gar nicht wussten, was mit ihnen geschah. Das sie am Anfang der Passion stehen. Denn diese Leidenschaft und dies Feuer durchzutragen das ist Jesus gelungen und gleichzeitig ist er darin gescheitert an dieser Welt. Die, die es nicht hören wollten haben seinem Leben ein Ende gesetzt. Trotzdem sind wir hier weil es wahr ist, weil wir das brauchen für unser Leben. Ein brennendes, lebendiges Feuer für Dein Herz und für Deine Seele, wärmender als jede Outdoorjacke. Einen echten Geist und Feuer für Deinen Geist, dass Dein Leben einen Sinn macht. Und so taufen wir heute Finley und Allegra mit Wasser und wir taufen sie auch mit Geist. Getauft mit Wasser und Geist, mit Feuer. Auf dass sich die Gegensätze in eurem Leben zu einer lebendigen Einheit verbinden. Dass ihr das Leben liebt und es behütet. So konkret und wirklich wie ihr die Kinder behütet und zur Taufe tragt, So könnt ihr darauf vertrauen könnt, dass der lebendige Gott ganz genauso mit allem, was in ihm ist, uns behütet und bewahrt durch einen Frieden, der nicht einfach beruhigt, aber einen Frieden der uns behütet auf dem Weg dorthin, wo das Leben gelingt und das Himmelreich beginnt. Amen.
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