St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 2006

26. Februar 2006

(Pastorin Susanne Zingel)

Der äußerliche Gottesdienst tut's nicht

Predigttext: Amos 5, 21-24

Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.

Liebe Gemeinde,

im letzten Sommer fand in Nordelbien eine erste ökumenische Visitation statt. Die Kirchenleitung hatte die gute Idee: "Kommt, wir laden Schwestern und Brüder aus unseren Partnerkirchen ein. Lasst uns sehen, ob sie uns mit ihren Erfahrungen weiterhelfen können."

Wir alle wissen, unsere Kirche geht durch schwierige Zeiten, vielleicht können sie uns raten. Sie kamen aus Indien, Kenia, Tansania und dem Kongo; aus dem Baltikum, Israel, Korea, Russland und den USA, sogar aus Südafrika - eine große Gruppe hat unsere Kirche besucht. Sie waren in Gemeinden und diakonischen Einrichtungen. Sie haben an Gottesdiensten und Gemeindefesten teilgenommen. Sie haben Gespräche auf allen Ebenen geführt. Über diese Visitation gibt es jetzt eine Dokumentation. Da können wir nachlesen: Zuerst einmal, sie staunen über unser Ressourcen. Wurden sie gerufen, um zu in einer Finanzkrise zu raten, konnten sie nicht glauben, wie viel wir haben: Kirchen, Gemeindehäuser, Pastorate, Ländereien, Tagungszentren, Büros mit Hightechgeräten, gut bezahlte Mitarbeiter, Teppichböden, jede Menge Kaffee-maschinen.

Entsetzt dagegen waren sie über unsere Gottesdienste. Dass viele große Kirchen leer waren, das war es gar nicht. Wo zwei oder drei zusammen sind, kann der Geist sehr wohl wehen. Viel mehr hat sie erschüttert, dass da, wo Christen zusammenkommen, so wenig vom Heiligen Geist zu spüren ist.

Ihre Botschaft an uns ist ganz klar: Ihr braucht eine spirituelle Erneuerung. Ihr habt keine Strukturkrise, sondern eine spirituelle Krise. Was euch fehlt, ist ein Zutrauen in die Kraft des Glaubens. Ihr redet darüber, aber erlebt zu wenig, wie Glaube entsteht, wächst, das Leben reich macht. Euer Leben und euer Glaube fallen auseinander. Das ganze wird sehr höflich formuliert. So schreiben sie: "Bei Gottesdiensten, die sehr sorgfältig vorbereitet sind, fehlt oft ein Element der Umkehr und Buße: Schöne Musik, schöne Gebäude, schöne Kunst und gute Formulierungen schaffen allein noch keine Spiritualität. Nur ein Element von Umkehr und Buße öffnet dem Heiligen Geist Zugang zu unserer Seele."

Erstaunlich, wie sehr diese Feststellung über 2700 Jahre hinweg dem Amostext gleicht: Wobei Amos nicht geschwisterlich daherkommt. Bei ihm beschwert sich Gott selbst und heftig: Ich mag eure Gottesdienste nicht, ich kann sie nicht ertragen. Ich mag eure Lieder nicht hören und eure Musik geht mir auf die Nerven. Bleibt mir weg mit euren Opfern, eurem Geplärre. Es ist alles leere Show, verlogene Worthülsen, eine einzige Verdummung.

Zu Amos Zeit waren die Tempelfeste gut besucht. Das ganze Volk war auf den Beinen. Bei den Gottesdiensten war noch richtig was los. Es gab tolle, mitreißende Musik, Priester in wallenden Gewändern, es gab Essen und Trinken im Überfluss. Die Reichen feierten zwar für sich, aber für die Armen fiel genug ab. Es war ein großes Fest. Leben in der ganzen Stadt. Danach war alles zwar wie vorher, aber wie viele Gemeinden wären heute froh, einfach nur Menschen in die Kirchen zu bekommen.

Dabei ist es gut, von Amos her zu erinnern, die Fülle ist es nicht und nicht die Leere. Geistlosigkeit kann sich ausbreiten in vollen Kirchen genauso wie in verödeten Gemeinden. Nicht die Zahl der Tempelgänger, der Gottesdienstbesucher ist entscheidend, sondern ob Gott selbst gegenwärtig ist. Ob seine Gegenwart zu spüren ist, seine Wahrheit dir aufgeht, weil du spürst, das geht mich wirklich an, hat etwas mit meinem Leben zu tun.

Die Gegenwart Gottes verändert einen Menschen. Wenn Gottes Wirklichkeit auf unser Leben trifft, verändert sich etwas. Vielleicht nur ganz fein: Zuversicht, und Hoffnung, aufrichtige Liebe, die Kraft zu verzeihen, fangen ja ganz klein an, aber ein Senfkorn Hoffnung, kann die Welt verändern. Und solange diese Welt nicht das Himmelreich auf Erden ist, solange werden Gott, die Ideen, wie er uns bewegen könnte, nicht ausgehen. Ganz bestimmt nicht.

Solange ist ein Gottesdienst, der einfach nur die Verhältnisse bestätigt, ein trostloser Gottesdienst.

Wir Menschen haben leider einen Hang dazu. Rituale zu erfinden, die alles so lassen wie es ist, die einen einlullen, beruhigen, aber nicht bewegen. Das ist es ja, was Amos aufregt: Ihr seid träge, satt und zufrieden. Ihr kommt in den Tempel, aber nichts ändert sich.

Das kann man überall beobachten, nicht nur in der Kirche, in der Politik, wie im Kulturbetrieb: Der Komponist Eric Satie hat wie viele andere darunter gelitten. Wohl ohne an Amos zu denken, hat er doch eine moderne Variante beschrieben, wenn er festhält:

"Vielerorts wurde die köstliche sanfte Stille durch schlechte Musik ersetzt. Die Masse liebt es, gefällig aufgewärmtes, albernes, sentimentales Geleier zu hören, während man Bier trinkt oder eine Hose anprobiert, um den Eindruck zu erwecken, als lausche man den klanglichen Pflichtübungen von irgendwelchen Bässen, Kontrabässen oder anderen unsauberen Tröten und dabei nichts zu denken."

Und dabei nicht zu denken. Warum das so ist? Es gibt einen Hang im Menschen, alles einfach zu lassen, wie es ist. Keine Kunst - lieber kulturelle Pflichtübung, aufgewärmtes Geleier, hohle Gedenkveranstaltungen, leere Gottesdienste. Aber das ist grauenhaft und heimlich ist jeder froh, wenn das durchbrochen wird, und trotzdem ist der Aufschrei groß, wo es geschieht, denn es irritiert, verwirrt, bringt durcheinander.

Die ewige Wiederholung soll uns davor bewahren zu realisieren, z.B. wie hilflos wir ausgeliefert sind, dass wir nichts tun können. Vielleicht haben wir eine Idee, aber was immer, wir werden nicht die Vogelgrippe aufhalten, den Kampf der Kulturen befrieden, unsere Kirche reformieren, vielleicht ja nicht einmal unser eigenes Leben in den Griff bekommen. Bitte nicht nachdenken, bitte nicht nachfragen, bitte nicht zu genau hinschauen:

Amos sagt, Recht und Gerechtigkeit ströme, und dein Licht wird aufgehen.

Eric Satie sagt, weniger und das Kleine und Feine, das die Aufmerksamkeit übt, vor allem köstliche sanfte Stille.

Die ökumenische Delegation: Umkehr und Buße!

Alle drei reden davon, sich unterbrechen zu lassen.

Nicht einfach weiterzumachen, stecken zu bleiben in ewiger Wiederholung, leeren Ritualen. Sich unterbrechen lassen. Es braucht Propheten, charismatische Menschen, Brüder und Schwestern aus anderen Ländern und es braucht uns, unsere Bereitschaft, die Einsicht, das ist was Gutes, da wartet etwas Lebendiges auf dich.

Buße und Umkehr ist etwas Lebendiges. Es bringt dich zurück zu dem, was dir einmal wichtig war. Buße und Umkehr heißt, vor Gott zu treten, dich anschauen zu lassen, nicht von vornherein zu wissen, was das bringt, zu warten, was geschieht. Nicht zufrieden zu sein, das Denken nicht einzustellen.

Glaube braucht das Denken, Beten ohne mutige Taten, und helfe uns Gott, dass wir es zusammenbekommen. Und so behüte sein Friede, höher als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn

Amen

 
 
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