St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
PDF Drucken
 

Keitumer Predigten 2006

26. März 2006

(Pastorin Susanne Zingel)

Predigttext: Johannes 12,23-26

Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Ein Leben der Hingabe

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde,

mit dem Bild vom Weizenkorn will Jesus Mut machen, sich auf das Wagnis der Hingabe einzulassen. Nur wer sich verschenkt, wird das Leben finden.

Nur ein Leben voller Hingabe ist ein erfülltes Leben,

ich glaube, dem stimmt jeder hier zu. Denn was wäre ein Leben, das du für dich behältst. Glücklich dagegen, wer sich selbst vergisst, sich verschenkt, aus der Liebe lebt, aus der Fülle schöpft. Alle nicken und sagen ‚Ja'. Und das ist nicht schwer, denn so ist es ja auch abstrakt, und so schön poetisch und auch allgemein: Spannend wird das Ganze erst, wenn wir weiter in unser Leben hineingehen und uns fragen: "Wie weit sind wir wirklich mit dabei? Und wieweit liegt es an dir selbst, inwieweit ist die Hingabe eine freie Entscheidung, oder ist es ein Geschenk, eine Gnade?"

 

Jeden Mittwochabend kann man das hier in der St. Severin Kirche erleben. Nach jedem Konzert hört man Sätze wie: "Er spielte voller Hingabe. Sie war mit Hingabe dabei."

Die Sprache sagt ja viel über uns, und das ist unser Bild: Du tust etwas mit Hingabe. Aber Du und dies Etwas, was immer es sei, ihr seid unterscheidbar. "Er war mit Hingabe dabei."

 

Was Jesus uns heute sagt, ist dagegen viel radikaler:

Hingabe heißt wirklich hingeben, und hingeben heißt weggeben, und zwar sich selbst. Es heißt, sich selbst loslassen, verlieren, sich nicht absichern. So hat Jesus gelebt. So hat er seine Jünger für sich begeistert, es war sein Charisma, es war auch das, was andere gegen ihn aufbrachte.

Damit steht er quer zu dem heutigen Ideal: Du sollst mit dir selbst identisch sein. Wem das nicht gelingt, der braucht Hilfe, Supervision Therapie, mindestens Urlaub, und davon ein Menge, denn identisch mit dir selbst, was soll das sein? Bist du lebendig, dann bist du dabei dich zu entfalten, bist dir selbst nicht gleich, heute eine andere, als gestern, und offen ist, wer du morgen sein wirst.

Jesus sagt: "Seht das Weizenkorn, das in die Erde fällt. Es stirbt, aber so ist es, wer sein Leben liebt, wird es verlieren, wer es drangibt, der wird alles gewinnen."

Das Weizenkorn verschwindet ganz und gar in der Erde. Trotzdem hat jeder schon einmal gesehen, wie es sich öffnet. Ein kleiner grüner Keim drängt nach oben und fast durchsichtige Wurzelhaare sind noch so zart, dass man sich nicht vorstellen kann, dass sie bald eine starke Pflanzen stützten und halten können. In dieser Phase ganz am Anfang kann man noch genau sehen, das alles kommt aus dem einen kleinen Weizenkorn. Es ist der Anfang. In ihm liegt alle Kraft, aber bald wird es sich auflösen und verschwinden. In der Mitte bleibt ein Nichts, aber alles geht aus ihm hervor.

 

So verschwendet sich die ganze Schöpfung. Alles, was blüht und atmet, verschwendet sich in Massen, gibt und hält nicht fest, und fragt nicht, was es bringt. Manch einer hier wird den Film gesehen haben, "Der Weg der Pinguine" und wird auch gehört haben, dass die Frommen besonders in Amerika daraus geschlussfolgert haben, die Hingabe der Pinguine sei der Beweis, dass ein Gott der Hingabe und der Liebe die Welt geschaffen hat. Aber man muss nicht bis zum Südpol, um zu erkennen: alles in der Schöpfung verschenkt sich, gibt alles dran, und verschwendet sich pur, auf Hoffnung.

Jesus hat die Schöpfung. Von den Lilien, den Vögeln, jedem Weizenkorn hat er gelernt Hingabe, und hat nicht mit seinen Kräften gehaushaltet. Er war voller Vertrauen, dass sein Leben ganz und gar von Gott umschlossen und gehalten ist. Du kannst es loslassen, denn in Gott ist es aufgehoben und geht nicht verloren.

So gab Jesus alles, was er hatte und behielt nichts für sich. Damit machte der jede Begegnung zum Fest, es öffnete anderen Menschen, das Herz und sie spürten, ich bin auch dafür gemacht, für die Liebe und die Hingabe. Es sprang auf andere über.

Es war für seine Gegnern aber auch ein leichtes, das auszunutzen, ihn bloßzustellen, vorzuführen und zu verspotten. Denn ein Mensch voller Hingabe hat am Ende nichts in der Hand. Was soll er sagen, wenn sie spotten: "Wo sind sie, denen du geholfen hast, steig vom Kreuz herab, anderen hast du geholfen, nun hilf dir selbst." Es dauert sehr lange bis Jesus ruft, "Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen."

Wir selbst sind viel leichter zu irritieren, zu verunsichern auf dem Weg zum erfüllten Leben der Hingabe. Aber manchmal kommt uns etwas entgegen und hilft uns auf.

Ein alter Lehrer, seit Jahren schon im Ruhestand bekam einen Brief von einem ehemaligen Schüler: "Wissen sie noch, erinnern sie sich noch an mich?" Es dauerte eine Weile, bis zu dem Namen ein Gesicht auftauchte. Aber dann kam alles wieder, dieser Schüler, der es immer schwerer gehabt hatte. Schlechte Noten, auffällig, irgendwie anders. "Aber in ihrem Kunstunterricht war ich glücklich." Und weiter schreibt er: "Sie waren der einzige, der mir damals Mut gemacht hat, mir gezeigt hat, dass ich etwas kann." Und er erzählt, wie es weiterging, ein langer Weg, aber dass er Kunst studiert hat, mittlerweile selbst einen kleinen Lehrauftrag an der Hochschule hat. Und dazu den Katalog seiner letzten Ausstellung mit der Widmung: "Mit Dank dem, der als erster an mich geglaubt hat." Was er nicht wissen konnte, war, dass dieser Brief für den alten Lehrer mindestens so wichtig war, wie die Aufmerksamkeit, die er ihm damals geschenkt hatte.

Mit dem Brief wurden so viele Erinnerungen wach, noch andere Schüler, Namen, tauchten auf. Geschichten und die Freude, diese Glücksmomente, die es damals in der Arbeit mit den Kinder und Jugendlichen gegeben hatte. Wo er spürte, warum er sich so eingesetzt hatte, so viel Kraft drangegeben hatte.

Das war alles wieder da, und war Balsam für die Seele und das beste Mittel gegen die Bitterkeit, die so viele am Ende bedroht, wenn sie trostlos fragen: "Wo hast du eigentlich deine Kraft gelassen? Und wo ist eigentlich dein Leben geblieben?"

Denn es stimmt, wer Hingabe lebt, der steht am Ende da mit leeren Händen. Und viele werden darüber bitter, denn du bekommst nicht jeden Tag solche Briefe, und wir sehen nicht, wie Impulse einmal losgelassen weiterwirken.

Ein Leben voller Hingabe ist eine spirituelle Herausforderung. Das Wagnis der Hingabe braucht das Vertrauen, Gott umfängt mein Leben, hält es zusammen, darum kann ich es loslassen, in Liebe freilassen, verschenken.

Wir taufen heute Peer Ole. Sie haben für ihn den Taufspruch ausgesucht, von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir (Psalm 139,5).

Damit wünschen Sie ihm genau diese Kraft: Im Vertrauen, dass Gott da ist das ganze Leben wagen, es nicht aufsparen, du brauchst es nicht zu behüten, Gott hält seine Hand über dir. Das Leben in seiner ganzen Fülle möge Peer Ole so begegnen, mit Lachen und Tränen, mit Höhen und Tiefen, mit Liebe, ein Leben voller Hingabe.

Oder gestern haben wir hier ein Fest gefeiert. Herr und Frau Hausdorf, Sie sind auch heute hier, seit gestern sind sie 40 Jahre verheiratet. Das ist auch ein Weg, der nur durch die Kraft der Hingabe gelingt. Sie können viele Geschichten erzählen, Erfolge, Gelungenes. Ihr Trauspruch war damals: "Ihr seid das Licht der Welt," Sie haben darüber geschmunzelt, mit wie großen Worten sie angefangen haben, und in wie viel kleinen Schritten es dann darum ging, das eigene Licht leuchten zu lassen. Wie schwer das oft war. Sie haben einen Satz dabei gesagt: "Wir haben uns nichts geschenkt und haben alles drangegeben." Und dann lachen sie beide, "Dass wir das geschafft haben miteinander", staunen sie über sich selbst und es ist ein wunderbares Lachen, denn in dem Lachen liegt ein ganzes Leben, mit allen Höhen und Tiefe, und mit nichts anderem als einem "Ja", Ja das ist unser, mein Leben." Dieses Lachen und ein "Ja" zu deinem Leben, das ist alles was du brauchst, und alles was bleibt von einem Leben voller Hingabe.

So ist es eine göttliche Gnade gut zu beginnen

Es ist eine größere Gnade, auf dem guten Weg zu bleiben, aber die Gnade der Gnaden ist es, sich nicht zu beugen, sondern weiter zu gehen bis zum Ziel. Auf diesem Weg bewahre euch der Friede Gottes höher als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen

 
 
  header                                 

Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Severin • Pröstwai 20 • 25980 Keitum/Sylt • Telefon 04651-31713 • Fax 04651-35585

Spendenkonto 77 33 44 • Sylter Bank eG • BLZ: 217 918 05

Bitte geben Sie für Spendenquittungen Ihre vollständige Adresse an.