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Keitumer Predigten 2006
29. Januar 2006
(Pastorin Susanne Zingel)
Predigttext: Epheser 1, 15-20 a und Markus 4,35 -41
Epheser 1, 15 – 20a
Gebet um Erkenntnis der Herrlichkeit Christi
Darum auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, daß der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwenglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde, mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.
Markus 4,35 – 41
Die Stillung des Sturmes
Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so daß das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, daß wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam.
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt Amen
Liebe Gemeinde,
auf den ersten Blick haben unsere beiden Lesungen heute wenig gemein. Der Epheserbrief, der bringt uns ein großes Gebet, große, etwas abgehobene Worte. Daneben steht die dramatische Sturmstillung. Da wird nichts entfaltet, da wird einfach um Hilfe geschrieen. In Kinderbibeln können die Wellen nicht hoch genug gehen. Die Segel zerreißen, der Mast bricht, Wasser schlägt ins Boot hinein. Die Jünger vergehen vor Angst. Und Jesus schläft: Kümmert es dich gar nicht, dass wir untergehen? Jesus reckte seine Hand aus, und der Wind schwieg, und es entstand eine große Stille. Eine Stille in der man hören kann, was man sein ganzes Leben nicht vergisst. Und Jesus sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Die Jünger können das alles noch nicht fassen, stehen mit offenem Mund da und fragen sich einfach: „Wer ist das. Wer ist der, dass ihm selbst das Meer, die Wellen und der Sturm gehorcht? Wer ist das?“
Diese Frage ist wohl alles, was man braucht. Die Jünger werden diesen Augenblick niemals vergessen. Sie werden ihn verbinden mit allem, was sie noch mit Jesus erleben werden, sie werden sich fragen immer wieder neu: „Wer ist das?“ Wer ist er eigentlich.
Denn darum geht es im Glauben: ein Leben lang. Dass wir mit allem, was wir erleben und erfahren, dass wir mit allem, was da ist an Glaube und Hoffnung, immer mehr dem auf die Spur kommen: Wer ist er, der geheimnisvolle Gott? Was ist es um ihn und um Christus, seine Liebe, seine Kraft, seine Spuren in unserer Welt, in deinem Leben? Wie geht es an, ihm festzuhalten, auch wenn Wunder ausbleiben, wenn das Unglück zuschlägt, wie es jetzt die Menschen in Polen durchleiden.
An dieser Stelle kommt dann der Epheserbrief hinein. Er sagt: Willst du weiter wachsen im Glauben, willst du Gott erkennen, dann braucht es erleuchtete Augen des Herzens. Und es braucht einen, der dir dabei hilft, einen der für dich betet, ein Gebet, das dich selber trägt.
Da bekommen sie diesen Brief: Ich bete zu Gott. Ich danke ihm für euren Glauben und eure Liebe und bete zu Gott, dass er euch weiter und weiter erleuchte, er euch alle Weisheit schenke, ihn zu erkennen und er euch gebe erleuchtete Augen des Herzen.
Das ist eins der schönsten Bilder der Bibel überhaupt: Gott gebe dir erleuchtete Augen des Herzens. Das gebe er dir mehr und mehr. Es ist ein Hineinfinden und Sehenlernen. Damit werden wir niemals fertig. Durch Saint Exupery ist diese Bild weltbekannt: Der Fuchs sagt zu dem kleinen Prinzen: „Ich will dir eine Geheimnis verraten: Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Diese Stelle ist so bekannt, dass es fast schon das Geheimnisvolle verliert. Man sagt nur „Kleiner Prinz“ und Saint Exupery, und schon hat man es irgendwie eingeordnet wie in eine große Bibliothek.
Ein Kollege meinte einmal zu mir: „Wenn mir zu einer Hochzeit einmal gar nichts einfällt, „Der kleine Prinz“ mit der Rose und dem Herzen das geht immer. Aber so wird das Wunder entzaubert. Es geht ja gerade darum, dass es dir wirklich all überall begegnen kann, und trotzdem bleibt es ein Wunder, wenn du dich selbst, einen anderen Mensch in einem anderen Licht siehst.
Bei Saint Exupery ist nicht die Rede von Gott, von Christus. – Erleuchtete Augen des Herzen, die gehen einem auf, wenn man Freundschaft schließt. Da gibt es diese schöne Geschichte von dem Fuchs und dem Prinzen und seiner Liebe zu seiner Rose, eben das, was du im Herzen trägst.
Und genau das heißt es auch im Glauben: Im Glauben weiter zu wachsen, das heißt, ein Freund Gottes zu werden, eine Freundin des Lebens. Und willst du das, willst du diese Freundschaft pflegen, dann sagt der Verfasser des Epheserbriefes, dann lerne das Beten und übe dich darin. Im Beten beginnt und wächst diese Freundschaft. Du kannst reden und schweigen mit Gott wie mit einem guten Freund.
Die Freundschaft mit Gott pflegen, indem wir das Beten lernen und dabei das neue Sehen lernen.
Von dem Verfasser des Epheserbriefs kann man einiges lernen. Wie er beginnt: Zuerst das Danken. Er dankt für die Gemeinde in Ephesus: Nachdem ich gehört habe, von eurem Glauben und eurer Liebe höre ich nicht auf, für euch zu danken. Von Herzen ohne Unterlass.
Und das ist ganz sicher, unserer Kirche, die ja nun durch schwere Zeiten geht und all unseren Gemeinden würde es auf jeden Fall besser gehen, wenn wir weniger übereinander reden, sondern mehr füreinander danken würden. Richtig Gott dafür danken, dass andere Menschen da sind. Denn es ist ein Geschenk, dass wir nicht allein unterwegs sind, dass wir Weggefährten haben. Glaube ist da und Liebe, und niemand kann sagen wie viel. Wem es unzureichend erscheint, was die Kirche hervorbringt, dem sagt der Epheserbrief, du hast alle Freiheit, Gott zu bitten, dass sie wachsen möge in ihrem Schatz, in ihrer Liebe. Und du hast alle Gelegenheit, dich selbst zu erinnern, dass der Glaube ein Geschenk ist und niemand es in der Hand hat, dass die Augen des Herzens sich öffnen. Gott allein weiß, wie viel Glaube und Liebe da ist. Auf jeden Fall genug, um Gott zu danken. Mit vielem gehen wir ganz selbstverständlich um. In diesen Tagen für einen Menschen wie Johannes Rau, der so fein und unaufdringlich doch wusste, wie man Glauben und Versöhnung mit hineinträgt in alles Wirken und Walten dieser Welt.
Und wir spüren, unsere Zeit ist begrenzt. Wir können nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass so einer da ist, dass wir da sind. Das ist das andere, was der Epheserbrief mitbringt. Es gibt genug zu danken. Das Beten braucht seine eigene Zeit. Die Freundschaft mit Gott zu pflegen, heißt einzutreten in eine andere Zeit, sich Zeit zu nehmen. .
Die Perikopenordnung hat das Gebet um die Hälfte zusammengekürzt. In der Mitte ist einfach Schluss. Wohl mit der Vorstellung, mehr kann man einer Gemeinde heute nicht zumuten. Das muss man sich vorstellen: Es gibt ein Gebet von unseren Väter im Glauben uns vermacht, dass Gott sich für uns Zeit nehme. Und wir haben heute nicht mehr die Zeit, uns das alles anzuhören. Wir sagen schnell, es reicht doch eine zentrale Aussage, ein Bild, die erleuchteten Augen des Herzens. Das ganze drum herum, das ist fremd und kann wegfallen.
Und dann kommt aber, wenn man weiter liest, das Eigentliche. Denn es soll dir aufgehen, mit wie viel Kraft und Schönheit Gott wirkt in deinem Leben, und dann kommt ein Lobpreis der Auferstehung. Auferstanden ist Christus, und mit eben derselben Kraft wirkt der lebendige Gott auch in dir. Diese Kraft, das Licht vom Ostermorgen erleuchte dein Herz und wirke weiter in dir. Und Christus von den Toten auferweckt, der sitzt über allen Mächten und Gewalten und beschützt und behütet dich, wartet auch dich und ist ganz gegenwärtig.
Das ist ja tragisch, wenn man das wegstreicht, was uns gerade aufgehen soll. Also Zeit, Zeit, die Schönheit Gottes zu fassen, der da ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und sie in diese Zeit mithineinzunehmen. Und sich auch mal etwas Fremdes zuzumuten. Wenn diese Bilder fremd sind und nicht gleich einleuchten, sie einfach mal zu hören. Denn ganz bestimmt ist Gott größer als wir, und das Leben ist auch größer, und wer weiß, was uns noch alles begegnen wird. Und wie sich unser Glaube dann bewährt und welche Worte uns dann tragen, vielleicht Worte, die uns heute fremd anmuten, vielleicht werden sie einmal ganz genau passen.
Die fremden Worte und sich da hinein trauen.
Dazu eine Geschichte: Wir hatten diese Woche Kindernachmittag, da ging es um eine wilde Geschichte, Priatenschiffe lagen vor dem Hafen von Smyrna. Die Piraten wollen die Kinder rauben. Wunderbare Rollen, die Piraten stehen an Bord: Wir wollen eure Kinder haben. Die Leute von Smyrna laufen in ihre Kirche, wir müssen beten. Die Piraten rufen so laut, dem Bischof fällt nichts ein, die ersten kichern, eine meint, „Ich kann das.“ Alle Leute von Smyrna knien sich hin, es wird ganz still: „Gott unser Vater, rette und erhalte uns, bewahre unsere Kinder, wir geben sie in deine Hand. Lebendiger Gott, behüte und segne sie. Amen“ Das waren große Worte für ein kleines Kind und vor allem mit so einer Intensität, die man ihm nicht zugetraut hätte. Da wurden selbst die Piraten still. Und alle Leute aus Smyrna standen auf und waren mutig: Unsere Kinder bekommt ihr nicht. Es wurde dann über Kirchenschätze verhandelt, und die Kinder waren gerettet.
Ich erzähle euch das, denn manchmal muss man sich fremde Worte leihen. Wohl dem, der sie übt, wohl dem, den fremde Worte tragen, wenn das Leben dir fremd wird. Und hast du sie über, und brauchst du sie nicht, dann hast du doch einen Schatz. Denn alle Worte, die Gott loben, sind voller Licht und voller Glanz und erleuchten die Herzen. So gebe Gott uns seine Gnade. Er lasse uns sehen uns selbst und ihn in seinem Licht und seinem Frieden höher als alle Vernunft.
Amen
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