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Keitumer Predigten 2006
Sonntag, 1. Advent, 3. Dezember 2006
(Pastorin Susanne Zingel)
Predigttext: Lukas 1, 67-80
Der Lobgesang des Zacharias - Das Benediktus
Und sein Vater Zacharias wurde vom heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten -, dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen. Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Und das Kindlein wuchs und wurde stark im Geist. Und er war in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er vor das Volk Israel treten sollte.
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
Zacharias hält seinen neugeborenen Sohn im Arm. Er dankt Gott und singt einen wunderbaren Lobgesang. Das Benediktus. Dieser Tag, die Geburt des Johannes fällt eigentlich nicht auf den ersten Advent, sondern auf den 24. Juni, den Johannistag. Den haben wir in diesem Jahr schon ganz besonders begangen. In der Johannisnacht haben wir uns auf den Weg gemacht, den Spuren des Johannes zu folgen. Kommt Jesus in der längsten Nacht auf die Welt, so gehört zu Johannes die kürzeste Nacht des Jahres der 24. Juni. Der eine kommt wie ein Licht in dunkler Nacht. Der andere kündet, dass Gottes Gerechtigkeit und seine Wahrheit niemals untergeht. Sie leuchtet wie das Licht der hellsten Nacht. Darum lass dein Licht leuchten und bereite Gottes Heil den Weg. So sind wir mitten in der Nacht losgegangen und von Keitum nach List gewandert. Das sind 22 Kilometer. Wir haben gesehen, wie bis halb eins alle Farben des Himmels die Sonne verabschiedeten. Auch nach Sonnenuntergang war es noch lange hell, und über den Dünen ging die Sonne um kurz nach drei schon wieder auf. Dazwischen herrschte nur für kurze Zeit Dunkelheit. Aber die war wirklich finster und wurde allen lang. Es war der längste schwere Weg am Weststrand. Wir hatten verabredet, dass da ein Feuer uns erwartet, aber da war nichts zu sehen. Es war stockdunkel. Je erschöpfter wir wurden, umso mehr hielten wir Ausschau. Ich war kurz davor, eine kleine Botschaft mit dem Handy an die Helfergruppe zu schicken, "Wo seid ihr?" In dem Augenblick brannte das Feuer auf. Nicht fern am Horizont, sondern ganz nah, einige waren sogar schon zu weit gelaufen, mussten umkehren. Sternförmig strebten die nächtlichen Johannespilger auf das Feuer zu: Es war ein Glück, anzukommen, erwartet zu werden.
Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht.
Wer kann es sehen? Ein Herz, das Augen hat und wacht: schreibt Angelus Silesius.
Mir selbst wird diese Nacht immer in Erinnerung bleiben. Damals war ich im siebten Monat und ein guter Freund meinte: "Wenn du in List ankommst, dann heißt das Kind Johannes." Und das tut Carl ja nun auch: Carl Jonte. Johannes etwas anders, aber es war ja auch ein besonderes Unternehmen. So ist er verbunden mit vielen Johannas, Johannes, Hannes, Hannas, Jans und Jantjes. Hänschen und Päpste, wie viele tragen seinen Namen in unzähligen Varianten: Johannes, das heißt: ‚Gott ist gnädig, du bist ein Gnadengeschenk, du bist ein Geschenk.' So viele tragen seinen Namen, obwohl wir doch wissen, wie es Johannes erging, dem Rufer in der Wüste, der Umkehr und Buße predigte. In den Kerker geworfen, von König Herodes geopfert, als Unterhaltung auf einer Party. Dahinter stand das ganze Salomeweltendrama mit Neid und Eifersucht und Feigheit. Aber das wunderbare ist, dass trotz dieser Schrecken der Anfang, das Benediktus, nicht vergessen, nicht verloren gegangen ist. Es ist trotz allem wahr, Gott ist gnädig. Bis heute wird dieser Augenblick erinnert, wo Zacharias zum ersten Mal seinen neugeboren Sohn auf dem Arm hält und er singt vor Freude: "Gelobt sei Gott, für seine Gnade. Und du Kindlein wirst ein Prophet des Höchsten heißen." So wird es werden: Johannes wird vom Licht künden, aber nicht selbst das Licht sein. Voller Kraft, und in Vollmacht und doch demütig, das war Johannes und das war schon sein Vater. Denn wie viele Eltern sind ergriffen, wenn sie ihr neugeborenes Kind im Arm halten, da werden alle fromm, weil es ein Wunder ist. Und doch werden sie sich daran gewöhnen, sie werden sich dieses Kindes bemächtigen, irgendwann es ihr eigen nennen, mein Sohn, meine Tochter, beladen mit all den Hoffnungen und Ängsten und Erwartungen.
Zacharias hält seinen Sohn im Arm, hält ihn aber nicht fest. Er nimmt ihn voller Freude an, aber lässt ihn auch frei. Dies Kind gehört Gott, seine Gnade hat es gegeben, Gott muss mit ihm etwas vorhaben. Und das hat er und das har er mit jedem von uns. Gott hat mit dir etwas vor, denn er hat dir das Leben geschenkt aus lauter Gnade.
Zacharias orakelt nicht herum, sondern er sieht schon heute, was morgen kommt.
Er wird hellsichtig, weitsichtig. Man kann sich fragen: Was wäre das für uns, für unsere Kirche, wenn wir vorausschauen, sehen und erkennen, was heilt und wirklich gut tut, was weiterhilft. Wie wäre es, wenn wir nicht stecken bleiben, den Nachrichten nicht hinterher sehen, sondern vorausschauen und daraufhin leben, dass Gott kommt. "Gelobt sei der Herr, denn er hat uns besucht und erlöst sein Volk. Du Kindlein wirst allen helfen, dass sie erkennen, dass Gott uns besucht wie ein aufgehendes Licht aus der Höhe."
Gott kommt zu Besuch. Er kommt nicht einmal kurz vorbei. Gott kommt zu Besuch, dass er uns seine Barmherzigkeit zeige, so wie er sie gezeigt hat unseren Vätern, wie er geschworen hat Abraham. Das erinnert an weite Wege. Abraham, der aufbrach und seine Eltern nie wieder sah. Der alte Isaak, der auf dem Sterbebett, Jakob und Esau noch einmal sieht. Der alte Jakob, der seinen tot geglaubten Sohn Josef wieder in den Armen hält. Wüsten und Welten haben sie nicht zurückgehalten. Sie machen sich auf und dann ist es ganz schlicht: Einer kommt und sieht, den verlorenen Sohn, die ferne Tochter, den ersehnten Enkel. Einer kommt, sieht und segnet. Damit wird Gottes Ankunft verglichen: Er macht sich auf einen weiten Weg. Er kommt zu dir, er sieht dich, sieht dich an, und segnet dich. Und in dieser Begegnung ist alles gut, Es ist so gut wie am allerersten Anfang, als du geboren wurdest und alle ergriffen sagten: ein Wunder. Das ist nicht lange her und vergangen. Darauf gehen wir zu, das soll Weihnachten geschehen, das Glück der Gegenwart Gottes, das kostbarste mit keinem Geld zu kaufen. Gott kommt zu Besuch. Er kann sich nicht beheimaten bei dir, aber du kannst es auch nicht, denn du bist himmelsoffen, bewegt und für das lebendige Leben bestimmt.
Gott kommt und besucht uns wie ein aufgehendes Licht aus der Höhe.
Eine Kerze zünden wir heute an, ein kleines Licht. Und dann immer mehr. Dabei geht es nicht ums Aufzählen, Mehrwerden. Es geht darum, dass dir ein Licht aufgeht und du immer inniger erkennst, dein Lebenslicht und das Himmelslicht sind verbunden. Wenn wir Carl taufen, zünden wir für ihn eine Kerze an, und sagen ihm: Dein Lebenslicht und das Licht Gottes sind verbunden. Darum folge dem Licht, sei, was du bist. Und das ist uns allen gesagt. Wir sind Menschen beschenkt mit Liebe, Ausstrahlung und Charisma. Wir können lieben, heilen, vergeben, können lassen, was das Leben verdunkelt, andere betrübt, der Schöpfung schadet, wir können uns Geschichten erzählen, von einer neuen besseren Welt, und wir können daran glauben, dass jedes Kind ein Recht auf Leben hat und niemand sein Licht unter den Scheffel zu stellen braucht.
Wir haben am Abend vor dem Volkstrauertag einen Willkommensabend für alle neugeborenen Kinder des Jahres gemacht. In Keitum sind neun Kinder geboren, sehr viele. Nur fanden wir keinen anderen Termin als den Abend vor Volkstrauertag. Erst erschien das nicth so passend, aber dann haben wir weiter nachgedacht. Was kannst du einem Kind mehr wünschen als Frieden und Licht und den Mut und die Kraft, selbst ein Friedensstifter zu werden. So haben wir uns vorbereitet. Die Tage vorher haben die größeren Kinder Laternen gebastelt. Friedenslichter. Laternen mit Tauben, Herz und Hand. Der Gemeindesaal wurde ganz verdunkelt. Es war ganz still, da zogen die Kinder ein und sagen: "Schalom chaverim" Friede sei mit Euch. Sie kamen als Friedensboten, sangen für die Kleinen und sagten es den Großen: "Friedensboten, das seid ihr, das sollt ihr werden, das sollt ihr bleiben. Und hört nicht auf, zu glauben, dass Gottes Güte unsere Zukunft ist."
Dein Lebenslicht und Gottes Himmelslicht gehören zusammen.
Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht.
Wer kann es sehen? Ein Herz, das Augen hat und Wacht:
So leite uns Gott in diesen Tagen, gebe uns einen gesegneten Advent,
dass wir ankommen, wo sein Licht unser Leben berührt. Amen
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