St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten 2005

Altjahresabend 2005

(Pastorin Susanne Zingel)

(2.Mose 13,20-22)

"So zogen das Volk Israel aus und lagerten sich am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht."

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, der allein ist von Ewigkeit zu Ewigkeit Amen

Liebe Gemeinde,

Wenn das letzte Jahr eine gemeinsame Botschaft hervorbringt, dann: Dass wir da sind und wir leben, das ist ein Geschenk und nicht selbstverständlich. Es geht einem auf nach diesem Jahr der Katastrophen. Die Fluten und Beben, die Wirbelstürme des vergangenen Jahres hatten biblische Ausmaße. Die biblische Geschichte der Sintflut, vom Untergang der Städte wurde nicht nur in Gottesdiensten erzählt, sondern in allen Zeitungen zitiert und ausgelegt, um zu verstehen, zu deuten was um uns herum geschieht. Das Unheil rückte sehr nah. In so vielen Kirchen gab es Gedenkgottesdienste.

Es gab auch andere Gedenktage: am 8. Mai 60 Jahre nach Kriegsende, den wir feierten, war plötzlich spürbar bei allen der Gedanke im Raum: Wir könnten nicht da sein. Jeder von uns könnte nicht da sein. Nicht nur die Zeitzeugen, die Älteren. Auch die Jüngeren fragten sich, was wäre, wenn Großeltern, Eltern nicht davon gekommen wären? Es ist eine Verkürzung zu sagen, das Jahr 2005 war das Jahr der Katastrophen. Vielmehr ist es wahr: Wir alle leben nach überstandenen Katastrophen. Jedes Leben erzählt von Rettung, Bewahrung. Jedes Leben bleibt ein Geschenk. Und es fragt uns, was wir mit diesem Geschenk und dieser Wahrheit machen. Ob sie uns leitet, weiterhilft zum Leben?

Es verbindet sich mit dem Predigttext, der uns für heute Abend mitgegeben ist: Die Geschichte der Wüstenwanderung. Das Volk Israel zieht durch die Wüste. Sie sind davon gekommen, haben Plagen überlebt, Schrecken gesehen, das Meer ließ sie durch, andere ertranken und die Engel weinten. Und als sie sahen, dass sie gerettet waren, nahm Miriam die Pauke, und sie tanzten und sangen und feierten ein Fest.

In allem, was dann kam, fand das Volk Israel seinen Weg, denn der Herr zog vor ihnen her. Am Tag in einer Wolkensäule, um sie auf dem rechten Weg zu führen und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie bei Tag und Nacht wandern konnten.

Gott war mit ihnen wie ein Licht in der Finsternis. Gott hat die Kraft, dass wir nicht einzeln herumirren, sondern gemeinsam das Land der Verheißung suchen, das Land, wo Gerechtigkeit herrscht, wo wir einander beistehen in Nöten und erkennen, was Not tut. Aber für solch ein Ziel braucht es eine Gemeinschaft.

Dazu kann man fragen: Sind wir noch ein Volk? Sind wir gemeinsam auf dem Weg? Überlegen wir gemeinsam, was richtig ist, woran wir uns orientieren können?

Oder sind wir Papst? Das war ja eine der Spitzenfeststellungen des letzten Jahres: "Wir sind Papst." Heißt das: Jeder für sich ist unfehlbar, aber jeder ist für sich allein. Jeder ist allein damit, sich zu orientieren, sein Leben, Ziel und Sinn zu durchdenken. Alle Appelle zum Neuen Jahr versuchen uns zu einem gemeinschaftlichen Denken und Handel anzuregen. Kanzlerin Merkel wird uns in der Neujahrsansprache versuchen zu überzeugen, mehr Gemeinsames zu wagen, dass wir uns "überraschen damit, was möglich ist und was wir können",

Jedoch Gemeinschaft entsteht nicht durch Appelle. Sie helfen nicht weiter. Appelle bleiben hilflos, selbst wenn sie wahr sind. Eine Gemeinschaft entsteht nicht durch Appelle. Sie ist immer schon vor uns da. Sie ist vor dir da. Du kommst hinein, wirst hineingeboren, wächst hinein in eine Gemeinschaft von Tradition, Geschichte, Sinn und Zusammenhang. Wir erfinden die Gemeinschaft nicht neu. Wir können sie bewahren oder verlieren, herausfallen und wieder suchen.

Dazu eine Geschichten, eine Geschichte, die scheint aus einer anderen Zeit und ereignet sich doch in diesen Tagen: Fern an der Grenze zwischen Russland und China steht Baba Olja. Sie ist die Schamanin, die weise Frau des Dorfes. Sie steht draußen vor dem Dorf auf freiem Feld, an dem Fluss Amur, einem vereisten Riesenstrom. Sie verbeugt sich vor dem Fluss und betet ein Hilfsgebet: "Du großer Fluss unserer Väter, gib reichen Fischfang und wende ab Unheil. Schenke neues Leben, darum bitten dich deine Kinder." So alt sie ist, mit dem, was da kommt, kennt sie sich nicht aus. In wenigen Tagen werden unter dem Eis des Flusses Hunderttausende Liter von Benzol von China her fließen und alles vergiften.

Die Gebete von Baba Olja sollen das Dorf retten. Sie steht da wie einst Mose, als das Volk rief: "Wir verhungern, wir verdursten." Und er reckte seinen Stab aus, und Wasser quoll aus dem Felsen. Auf Russland rollt in diesen Tagen eine Katastrophe zu. Wir werden davon nicht viel mitbekommen, denn Wladimir Putin hat eine Nachrichtensperre verhängt. Das Gift wird durch Großstädte fließen. Wasserwerke, Heizwerke werden bei minus 30 Grad abgestellt. Wie viele Alte, Kranke und Kinder werden das nicht überleben?

Wer hat da Zeit, sich um das Schicksal von ein paar Hundert Ureinwohnern zu kümmern? Aber hier wollen wir erzählen von dem Volk der Nanaidse. Seit Jahrtausenden leben sie an dem Fluss, ernähren sich ausschließlich von rohem Fisch. Etwas anderes hat Baba Olja mit ihren 76 Jahren kaum gegessen.

Sie vertragen kein Fleisch, keine Milch, kein Brot, keinen Reis, nur eine Art salziges Sushi. Das wird in wenigen Tagen giftig sein. Unten am Ufer liegen die uralten Kultsteine. Sie wird es vermutlich länger geben als die Nanaidse selbst. Aber noch steht Baba Olja am Fluss und betet, und das ist verrückt, aber das einzige, was wirklich helfen kann.

Vielleicht wird das alles bald nur Erinnerung sein. Vielleicht werden schon bald Wissenschaftler kommen und mit viel Aufwand diese Kultur und ihre alten Mythen erforschen. Und sie werden uns ganz bestimmt etwas erzählen von Respekt und Achtung, von Glück und Festen, wenn das Leben davonkommt, gelingt, sich behauptet, einfach da ist. Vielleicht wird uns dann ihre Geschichte anrühren, wenn es zu spät ist.

Aber vielleicht werden Gebete auch erhört. Das ist nicht unmöglich. Und wenn die Nanaidse etwas am Leben hält, dann diese Kraft zu hoffen, zu beten, und ihre Botschaft, die gerade leuchtet klar wie ein Licht in der Nacht:

Alles, was lebt, ist miteinander verbunden, und alle Flüsse dieser Welt fließen zusammen, das Wasser wandert und alles, was lebt, ist verbunden in Gott.

Nichts kann auf Dauer ohne den anderen sein. Wir Christen sind getauft mit dem Wasser des Lebens. Es will uns erinnern: Verbunden bist du mit Gott, wo auch immer. Verbunden bist du mit allem, was lebt. Denn Jesus stieg in den Fluss und tauchte unter, tauchte wieder auf. Dein Leben kommt aus Gott, mündet in Gott, wie ein Fluß in das Meer. Es ist wie das wandernde Wasser mit allem verbunden, im Himmel und auf Erden. Du bist Teil einer Gemeinschaft, die ist viel größer, als wir es uns vorstellen. Wir sind miteinander verbunden. Das immer weiter zu ergründen, darin zu leben, dazu geben uns Gott, Zeit. Gott helfe uns zu wachsen in Respekt und Liebe. Er gebe uns Phantasie, dass wir sie nutzen und an jeder Nachrichtensperre vorbeikommen.

Und wenn es der letzte Abend wäre, dann möge er uns helfen, dass er wie bei Jesus zum Fest wird. Voller Vertrauen, dass Gott in allem, was ist und in allem, was kommt unser Leben hält und trägt.

Amen

 
 
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