St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Predigt 31. Juli 2005

(Pastor Jörg Reimann, Keitum/Tinnum)

"Heilung eines Taubstummen"

 

Mk. 7,31-37:

"Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der bZehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, daß er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend."

Liebe Gemeinde,

Wir haben eben gehört wie Markus beschreibt, dass ein Mensch von Jesus geheilt wird, ein Mensch, der nicht hören kann. Markus beschreibt dieses Ereignis in der Gegend der Dekapolis am Ostufer des See Genezareth. In dieser Gegend hat Jesus schon einmal eine spektakuläre Heilung vorgenommen, als er einen Menschen, der offensichtlich besessen zu sein schein, heilte und die Schweineherde in der Nähe daraufhin wie besessen davonrannte, als wären nun sie von bösen Geistern befallen. Diesem Geheilten hatte Jesus aufgetragen, er sollte das weitererzählen, was ihm widerfahren war. Und dass hatte der anscheinend so gründlich getan, dass sie Jesus nun, kaum in der Gegend eingetroffen, schon einen tauben Mann brachten, damit er ihn heilen sollte. Wenn Jesus an anderer Stelle oft gesagt hatte: "Dein Glaube hat die geholfen, du bist geheilt," so hätte das hier nichts erreicht. Der Kranke hätte nicht hören können. Und so seufzt Jesus zum Himmel. Durch dieses Seufzen stellt er Kontakt her. Jesus zeigt sich vielleicht auf diese Weise auch als Mitleidender.

Dann folgt das Heilungswort. Das es aus himmlischer Sphäre stammt ist für uns heute noch hörbar, HEPHATA.Gesprochen in Hebräisch, der Sprache in der Gott mit dem Volk Israel und mit seinen Propheten in Verbindung getreten ist. Hepahata. Tue dich auf. Und das meint nicht nur die Sinnesorgane, sondern die ganze Person möge sich öffnen. Möge sich dieser zu Gott öffnen. Durch diese Öffnung öffnen sich auch die Ohren und die Zunge. Denn wer taub ist, ist natürlich auch stumm. Wer nicht hört, kann so ohne weiteres nicht das Sprechen erlernen. Und wer nicht spricht, also nicht so kommuniziert wie andere, wird für dumm gehalten, er bekommt nichts mit. Kann er auch nicht so leicht, weil er nicht hört kann er auch nichts lernen.

Mit Spucke heilt Jesus, er nimmt selber die Spucke von seinem funktionierenden Organ des Sprachvermögens, legt dem Kranken seine Finger mit Spucke in die Ohren. Klingt ekelig, aber Spucke hat ja heilende Kräfte, das galt nicht nur in der Antike. Darüber gibt es Untersuchungen. Und ich erinnere mich an meine Oma, die sagte immer bei kleinen Verletzungen, wenn ich auf die Knie gefallen war: "Mach' ein wenig Spucke drauf und dann ist es bald wieder gut."

Öffne dich sagt Jesu, und der Kranke kann es nicht hören und doch gelingt es. Jesus streckt die Hand aus um die Ohren zu berühren. Das ist eine ebenso stumme Geste, wie der Kranke stumm ist. Die sanfte Handauflegung heilt. Zärtlichkeit und Verstehen im Mitseufzen, daraus wird Heilung. Aus der beiderseitigen Öffnung wird Heilung.

Was mit dem Taubstummen passierte, den Jesus geheilt hat wissen wir. Er konnte fortan sprechen und hören. Was wirklich erstaunlich ist, denn aus Fällen, wo Kinder nicht hören und sprechen konnten, und durch Operation das Gehör hergestellt wurde dauert es bis oft Jahre, bis das hören zum Sprechen umgesetzt wird, bis Sprache erlernt ist, weil ein großes Stück Beziehungsarbeit auch über die Sprache vermittelt wird und diese Beziehungsarbeit nachgeholt werden muss. Beziehung entsteht viel über Berührung und Miteinander, aber auch über Sprache. Und erst wenn diese Öffnung der ganzen Person, gelingt, beginnt die Integration.

Was passierte mit den Taubstummen, die nicht von Jesus geheilt wurden? Eine Frage, die darauf zielt, wie exemplarisch das Wunder hier zu verstehen ist. Was passierte mit den Taubstummen, die in der Kirche nicht geheilt wurden aber in der Kirche leben. Wurden sie in der Kirche besser behandelt als anderswo?

Paulus schreibt: "Der Glaube kommt aus dem Hören" (Röm 10,17) hier hat nicht der Glaube geholfen, hier hat das Mitleidende, das Fürsorgende die Öffnung geholfen.

Dieser Satz des Paulus hatte schlimme Folgen. War er sicher so gemeint, dass wer die Worte Gottes und die Taten Jesus hört, dann glauben könne, so wurden diese Worte umgedreht. Wer nicht hören kann ist demnach von Gott gestraft und könne so auch keinen Glauben erlangen. Taube Menschen haben es leider durch diesen umgedrehten Satz besonders schwer gehabt. Sie seien von Gott dazu bestraft, wenn sie von Kindheit an taub und stumm sind müssen es die Taten ihrer Väter und Mütter sein für die sie bestraft sind. Der Kirchenvater Augustinus vertrat die Meinung, taube Menschen trügen das Zeichen der Schuld an sich und der Glaube, der durchs Hören komme, sei ihnen bewusst verwehrt. Taubstumme galten als unbelehrbar, rechtlich als Kinder und kirchenrechtlich als ungetaufte. Wir können uns das kaum noch vorstellen, aber bei der Erfindung der Gebärdensprache Ende des 18. Jh. gab es noch jede Menge Menschen, die behaupteten diese Sprache dürfe nicht entwickelt und gelehrt werden, schließlich seien taube und stumme Menschen absichtlich von Gott so gezeichnet worden und dürften nicht unterrichtet werden schon gar nicht im Glauben. Hier hat Kirche große Schuld auf sich geladen. Immerhin hat sich das seit der Reformation geändert. Seither dürfen Taubstumme zum Abendmahl. Und mit den ersten Druckgraphiken begann eine Art Unterricht. Luther weiß bei Ihnen den Heiligen Geist am Wirken und räumt ein, dass "sie im Innern eine höheren Verstand haben können als wir." Aber der Weg zur Integration von Behinderten ist da noch weit und auch heute noch bleibt einiges zu tun, Hindernisse abzubauen, Verständnis und Normalität zu fördern. Beziehung herzustellen. Hephata, öffne dich, auch hier.

Jesus hat es vorgemacht, hat sich dem Taubstummen geöffnet, hat sich ihm, weil nicht mit Worten möglich durch das Seufzen und durch die Handauflegung genähert und so ist es ihm gelungen bei seinem Gegenüber die Öffnung zu erreichen. Nun ist bei Gott nichts unmöglich. Und wir sind nur Menschen mit zwei normalen Händen und keinen Wunderheilerhänden eines Jesus von Nazareth, der Gott näher war als irgendein Mensch zuvor und danach. Wir meinen, wir könnten am Elend der Welt nicht sehr viel lindern oder verändern. Aber das können wir doch tun: Wir können unsere zwei Hände ausstrecken und durch sie all die Menschen, denen wir begegnen, spüren lassen, dass die Hand Gottes einen jeden von uns trägt und hält. Und die Geborgenheit die darin liegt, wird alle Angst vertreiben. "Alle Menschen können in dieser Weise sich die Hände reichen, weil alle in Gottes Händen sind. Und der Traum Jesu wird dann Wahrheit, dass jeder von uns weiß: Es ist mein Leben was Gott liebt,..." (Eugen Drewermann) ich bin es, den Gott liebt. Und Gott liebt neben mir den anderen ebenso.

Und dieses Wunder in uns ist so unmöglich eigentlich gar nicht. Oder? Manchmal schon, wenn man sieht wie schwer es fällt, die Hände zu reichen. Es ist gar nicht unmöglich. Aber wunderbar wenn es geschieht. Und dann entsteht Beziehung. Das "Hepahta, - öffne dich" ist gelungen. Das Hand reichen ist da fast noch die einfachere Ebene zum Schaffen der Beziehung. Die Sprache ist viel schwieriger. Bei Sprache muss man richtig formulieren und das Gegenüber muss richtig hören, richtig hinhören. Vielleicht auch zwischen den Zeilen des Gesagten. Und ich muss richtig hinhören, was mir gesagt wird.

Das sich Öffnen einem anderen Menschen gegenüber, das in Beziehung treten zu einem, der mich bisher nicht zu hören schien und nicht zu mir sprach ist, wenn es gelingt ist es immer, ein kleines Wunder. Ebenso unser Hinhören, wenn es gelingt, wirkt es beziehungsschaffend. Und das ist es, was Gott will. Öffne dich, gebe davon weiter, was du gehört hast aus der Bibel, was du erlebt hast in deinem Leben mit Gott, Woraus du dein Vertrauen schöpfst gegen die Angst.

Und höre hin, wenn andere davon erzählen. Lass dich ein auf die Erfahrungen anderer ein. Nehme das, was andere erlebt haben mit Gott auch für dich mit als Quelle der Kraft und Zuversicht für das was dir und den Menschen um dich begegnet, dass es nicht sinnlos ist, sondern geborgen ist in Gottes Hand. Öffne dich, diesem Vertrauen, öffne dich Gott, wie sich der Taubstumme Jesus gegenüber öffnet, dann kannst du dich den Menschen öffnen.

Öffnest du dich Menschen, dann öffnest du dich Gott und Gott öffnet sich dir. Aus Öffnung wird Heilung, Heilen, Ganzsein.

Und missbrauche nie das Vertrauen eines Menschen, der sich dir geöffnet hat, es ist das Vertrauen Gottes in dich. Amen.

 

 


 
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