St. Severin Kirche zu Keitum
                                                                                                                                                                                                  
 

   
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Keitumer Predigten

Heiligabend 2005

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht!

(Predigt: Pastorin Reimann)

Liebe weihnachtliche Gemeinde!

Weihnachtsbaum und Weihnachtsschmuck, Weihnachtslichter, Kekse, Punsch und Weihnachtsfeiern sind wie ein großes Licht, das Weihnachten ankündigt. Ein großes Licht mit hellem Schein, dass uns in Bewegung setzt. Viele äußerliche Stationen sind dabei. Termine, die auf uns zu kommen, aber auch Dekorationen, Vorbereitungen, Geschenke kaufen, Pakete zur Post bringen., verbunden mit den innerliche Stationen der Besinnung, wenn wir uns Gedanken machen um unseren Lieben, wem kann ich was geben, wie meine Gefühle zur Weihnacht ausdrücken?

Liebe Gemeinde, was haben wir nicht alles unternommen, damit Weihnachten kommen kann, damit es wieder heißt: alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Wir haben gebacken und dekoriert, Briefe geschrieben und Besuche gemacht. In Tinnum – wie natürlich an vielen anderen Orten – gab es wieder Adventskalender, die halfen, die Tage zu zählen. Bei uns auch immer den lebendigen Kalender, bei dem wir uns Tag für Tag auf den Weg gemacht haben zu einer Zahl, zu einem Haus, die alten Lieder gesungen haben und uns gefreut und anrühren lassen haben von alten und neuen Geschichten. All das sind Stationen, Weg – Abschnitte auf dem Weg zu Weihnachten.

Und nun ist es endlich soweit! Nun können wir uns behaglich zurücklehnen und das Weihnachtsfest genießen. Schließlich ist nur einmal im Jahr Weihnachten, sagt man, und wir haben lange darauf gewartet. Die Adventsmärkte sind alle schon wieder abgebaut. Meine Kinder freuen sich über die Ferien und warten gespannt auf die Geschenke. Vieles ist vorbereitet.

Eine große Sehnsucht macht sich in uns bemerkbar und niemand könnte sich wohl ernsthaft vorstellen, dass dieses Fest einfach ausfällt.

Auf die Weihnachtstage bereiten wir uns lange vor. Und wenn sie nun da sind, liegt eine geheimnisvolle Spannung in der Luft. Und nun sind wir hier. Hier in St. Severin um die Weihnachts – Botschaft zu hören, zu verstehen und in uns aufzunehmen.

Den Text dafür bringt uns heute Abend ein Prophet, der viele Jahrhunderte vor Christus gelebt hat.

Hören Sie noch einmal Jesaja 9, 1-6!

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Und über denen, die da wohnen am Ort und im Schatten des Todes, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,  und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und er heißt: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er´s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaot.“

Liebe Gemeinde, die Sprache Jesajas ist voller Bilder, vor allem geht es um LICHT IN DER FINSTERNIS:

„Menschen, die im Finstern wandeln, sehen Licht, über denen, die am Ort und im Schatten des Todes wohnen, scheint es hell.“

Es geht nicht einfach um Licht.

Nicht um noch mehr Licht, Weihnachtsbeleuchtung an Hauswänden und Dächern, in Fußgängerzonen und roten Kunst-Weihnachtsmännern mit Schlitten und beleuchteten Rentieren. Auch die machen uns ja die dunkle Winterzeit etwas heller.

Doch Jesaja geht es nicht um noch mehr Licht, sondern um das Licht, das im Dunkeln scheint.

Licht. Das sind Mond und Sterne. Blitz und Morgendämmerung. Das ist der Regenbogen, der sich über dem Meer spannt. Das ist die Sonne, die durch Wolken bricht. Das ist das Ende des Tunnels. Das ist der Beginn der Schöpfungs-Welt.

Licht. Das ist Wohlergehen, Heil, Glück, Heiterkeit. Licht ist der Augenblick und das erste Grün im Frühling. Licht, das ist Gott ist Sonne und Schild!

Jesaja erzählt Menschen vom Licht, die im Dunkeln leben. Es ist Krieg, viele sind im Exil, sind auf der Flucht, sind auf der Suche nach Wohnung und Arbeit. Unzählige Menschen sind ohne Hoffnung und haben Sehnsucht.

Da kann vieles zum Lichtblick werden: Eine warme Suppe, von einer freundlichen Nachbarin gebracht. Ein gutes Gefühl, ein Sieg nach einer Serie von Niederlagen. Das Ende der Schmerzen nach großer Qual. Die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches. Eine Chance bekommen. Einen Ausweg sehen. Einen Konflikt bewältigen. Einen Fortschritt wahrnehmen. Einen Brief bekommen. Der Lichtblick ist der Bote der Hoffnung. Wir sollten niemanden hinters Licht führen.

Licht ist warm. Die beleuchteten Fenster eines bewohnten Hauses, wie der Schein der kleinen Kerze im Stövchen unter meiner Teetasse am Schreibtisch. Sanftes Licht am Bett des Kindes.

Licht ist Stimmung, ist Gefühl.

"Du bist mein Licht“, sage ich zu einem geliebten Menschen. "Du machst mein Leben hell, leicht, fröhlich. Du gibst mir andere Augen, lässt mich schöne Dinge sehen, an denen ich vorbeigegangen wäre. Du lässt mich Böses nachsichtig anschauen. Du lässt mich strahlen, und ich gebe davon ab. Weil ich froh bin, bekomme ich ein Lächeln zurück."

Licht sein. Das heißt, anderen zu einem Lichtblick zu verhelfen, in ihm neue Hoffnung wecken. Jemandem etwas zu essen geben. Oder ein Bett bereiten. Einen Wunsch erfüllen. Eine Wohnung besorgen. Eine Chance geben. Eine Arbeit. Einen Brief schreiben. Zeit haben. Jemanden anhören. Einen Ängstlichen ermutigen. Einen Traurigen trösten. Für jemanden beten. Und niemanden aufgeben. Wo immer dies geschieht, wird Licht. Wo das geschieht, ist Weihnachten.

Doch woher kommt dieses Licht, das im Finstern leuchtet? Wir wissen es alle. Seit der einen ersten Weihnacht wissen wir Menschen es ganz genau. Dieses Licht kommt von dem Kind in der Krippe. Dieses Kind, das uns später sagen wird: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Dunkeln tappen, sondern das Licht des Lebens haben.

Manchmal flackert dieses Licht in uns und hat kaum Kraft zu leuchten. Das Dunkle in unserem Leben scheint so dunkel und bedrohlich zu sein, dass unser Licht auszugehen droht und wir haben Sehnsucht danach, dass uns einer wieder ansteckt und uns ein Licht aufgeht. Das ist diese große Sehnsucht nach Weihnachten, die uns erfüllt.

An Weihnachten spüren wir ein Licht, das uns das Dunkle in unsern Herzen und das Dunkle um uns herum wahrnehmen lässt, gleichzeitig jedoch der Welt einen neuen Schein gibt, ein Licht, das in die Finsternis der Welt scheint.

Vor wenigen Tagen hielten in Berlin und anderen Orts bei einer Mahnwache Menschen Kerzen für Susanne Osthoff in den Händen. Die Schwester der entführten Deutschen hatte an die Entführer appelliert:  "Lassen Sie meine Schwester frei." Das Entzünden der Kerzen kenne ich von vielen Menschenketten, von Friedensdemonstrationen aus der Vergangenheit genauso wie aus der Zeit vor dem Irakkrieg, als wir hofften, der Krieg könnte zu verhindern sein. Wir zünden Kerzen an für Kranke oder Verstorbene, jedenfalls für Menschen denen wir Besserung, Segen und Bewahrung wünschen. Für Menschen im Dunkeln.

Diese brennenden Kerzen für jemand anderen schicken Wünsche und Gedanken in das Dunkel des Betroffenen und wir sagen mit den Kerzen: „Wir denken an dich.“ Diese Kerzen sind Hoffnungslichter. Weihnachtskerzen.

Und das Licht, das ich mit auf die Kanzel gebracht habe, ist das Licht von Bethlehem, das uns die Pfadfinder am letzten Sonntag gebracht haben. Die ganze Familie und etliche im Ort haben sich darum bemüht, dieses Licht aus der Geburtskirche Jesu nicht ausgehen zu lassen, damit es nun am Heiligen Abend leuchten kann für uns alle.

Denn das ist das zweite große Bild dieses Textes: das Licht des Friedens!

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede!“

Weihnachten macht uns empfindsam für den Unfrieden und die Ungerechtigkeit in unserer Welt. Auch das ist eine Sehnsucht, die in uns ist: es soll gerecht und friedlich zugehen bei uns und in aller Welt. Darum leiden wir an den Kriegen, die in dieser Zeit geführt werden, wir leiden an der Gewalt, die jeden Tag geübt wird, wir leiden an der Not, die in dieser Welt immer noch herrscht, wir sind innerlich zerrissen angesichts der Ungerechtigkeit in dieser Welt. Und ohne diese Vision bleiben uns Resignation oder Zynismus, lastet das Joch auf unsrer Schulter, und bleiben wir getrieben.

Denn Friede, dahinter verbirgt sich immer auch der innere Friede. Es geht um das Angenommensein in der Welt. Es geht darum, dass ich als Mensch in dieser Welt meinen Platz habe, hinein genommen bin in das große Ganze und dass ich wichtig bin. Gott kommt uns in dem Kind in der Krippe ganz nah, wird Mensch – und das ist das große Zeichen seiner Zusage. Er kommt in diese Welt, um uns seine Gemeinschaft und seine Liebe zu zeigen.

Wer sich nicht geliebt oder angenommen weiß, der sieht sich selbst im Dunkeln. Doch das Licht der Weihnacht ist das Licht der Welt und es verspricht: du Mensch bist wichtig. Du und du und du. Jede und jeder einzelne von euch. Möglicherweise seid ihr ersetzbar oder austauschbar für die Abläufe dieser Welt, aber nicht für Gott! Dafür ist Gott Mensch geworden, dafür scheint uns dieses Licht! Gott sucht uns und kommt auf uns zu.

Er kommt als Kind unserer Sehnsucht! Und wir selbst sind Kinder voller Sehnsucht. Die Sehnsucht nach gelebtem, gestalteten Leben, nicht nur getrieben, sondern mit Sinn gefülltem Leben. Die Sehnsucht nach Frieden. Innerem wie äußerem. Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit.

Deshalb hört die Botschaft des Lichts, seht den hellen Schein und lasst euch anzünden, denn: Es gibt ein Licht, das in die Finsternis unsrer Herzen und in die Finsternis der Welt scheint, das unser Leben und die Welt in ein neues Licht setzt. Es gibt eine Vision der Hoffnung: Friede auf Erden. Es gibt eine Sehnsucht nach Geborgenheit: Doch wer zur Krippe kommt, kommt nach Hause.

Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Tun wir es ihr nach. Greifen wir die Weihnachtsbotschaft auf und nehmen wir sie mit in unser Leben. Weihnachten ist nicht nur heute, mit dieser Botschaft im Herzen, kann es jeden Tag neu Weihnachten für uns werden. Amen.

 
 
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