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Das neunte Jahrzehnt – dies ist ein Selbstportrait der Künstlerin. Sie hat es gemalt Ende der eigenen achtziger Lebensjahre. Sie stellt es aus und auf Bildern und Videos kann man erleben, wie sie durch ihre eigene Ausstellung geht. Eine sehr, sehr feine alte Dame, sehr zurückhaltend und eigentlich eine einsame Frau, stellt sich plötzlich so verstörend aus. Viele anderen Bilder gibt es noch von ihr. Aber dies Bild ist in der Ausstellung die Mitte. Dort kreuzen sich immer wieder die Wege. Dorthin gehen auch die Museumspädagoginnen und die Lehrer. In der Zeit in der ich in der Ausstellung war, waren es allein drei Klassen, die immer vor diesem Bild saßen. Das Erstaunliche in den Gesprächen der jungen Menschen war , dann war es überhaupt nicht die Brutalität, es war nicht die drohende Geste, ein Revolver an die eigene Schläfe gesetzt und auf den Betrachter gerichtet die andere Waffe, sondern was die jungen Menschen alle bewegte, war der Mut sich so schutzlos, so entblösst zu zeigen.
Wir hier auf Sylt haben keine Probleme, nackt herum zu laufen. Aber dies hier ist eine ganz andere Nacktheit – ein verletzlicher Mensch, keine Schönheit, ein Tabubruch, eine alte vornehme Dame zeigt sich so der ganzen Stadt. Eine alte Frau, eine Greisin tut nicht das, was man von ihr erwartet. Sie ist nicht still und zurückhaltend. Sie malt solche Bilder und spiegelt damit eine Gewalttätigkeit und ein Gewaltpotential, das ihr entgegentritt und das sie beschäftigt. Maria Lassnig hat Kunst studiert in Wien zur Zeit des zweiten Weltkriegs, hat ihn überlebt, hat so viel Gewalt und Verfolgung gesehen. Ein Kunstkritiker fragte sie, weil ihn in ihren Werken die Mischung aus Brutalität und Zartheit verwirre. Und darauf antwortete sie:
„Ich male eher die inneren Gefühle.“ Selbst in diesem Bild geht es mehr um ein inneres Gefühl als um ein brutales „Sich selbst Ausstellen“. Ich habe das gemerkt, sie war wie eine Begleiterin. Mir fiel ein, was ich in meiner früheren Pfarrstelle in Hamburg erlebt hatte. Dort war das Pastorat verbunden mit einem Altenpflegeheim. Wer zur Pastorin wollte oder jetzt zum Pastor will, der geht durch einen schönen Park und kann durch eine große Fensterfront hineinschauen in den Speisesaal dieses Pflegeheims. Ich habe es nicht nur einmal gehört, dass einer zu mir kam und sagte: „Ehe ich das mit mir machen lasse, gebe ich mir die Kugel.“ Wenn ich dann versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen, 'stell Dir vor, Du wirst auch alt. Wie willst Du alt werden, was willst Du tun und wie stellst Du Dir dann ein Miteinander vor?' , dann wurde einfach abgeblockt. Es war, als wenn eine Wand heruntergelassen wurden, ein Tabu: Darüber will ich nicht nachdenken. Damit will ich nichts zu tun haben.
Je stärker diese Wände werden, umso einsamer sitzt auch jeder in der ihm eigenen Lebenssituation.
Solche Gedanken gingen mir schon durch den Sinn, bevor wir dann auf Reisen hörten von dem schrecklichen Amoklauf in Winnenden. Die ganze Hilflosigkeit und das Entsetzen:
„Ich male eher die inneren Gefühle.“ Und junge Menschen sitzen davor und schauen sich dies Bild an. Und es hat etwas miteinander zu tun. Eine gewalttätige Gesellschaft, die das Gewaltpotential aber immer unter einer Oberfläche verbirgt und nicht durchbrechen lassen möchte und auch nicht anschauen möchte. Aber eine durchbricht diese Oberfläche und zeigt sich selbst und schaut einen an. Das Erstaunliche ist, geht man mit diesem Bild, dann verfolgt einen nicht die Bedrohung der Waffen, sondern der Blick. Wie einen Maria Lassnig anschaut. Dass sie einen so unverwandt anschaut, dass man ihr in die Augen schauen muss. Dieser Blick ist stärker als die Bedrohung. Standhalten. Und sie stellt eine Frage. Das Bild heißt: 'Du oder Ich'. Und bleibt an diesem Punkt stehen und gibt dem Betrachter dir Möglichkeit darüber nachzudenken. Sie hält einen schrecklichen Augenblick fest. 'Ehe ich das mit mir machen lasse, gebe ich mir die Kugel.' Ein solcher Satz ist so tödlich.
Es stellt die Frage, was wäre gewesen hätte Tim ein Blick getroffen, wirklich getroffen im rechten Augenblick. Als er sich verabschiedete an diesem schrecklichen Morgen von seinen Eltern, hätte er einmal innegehalten – ein Blick zurück. Oder seiner kleinen Schwester in die Augen zu schauen. Hätte es nicht reichen können, dass das Bild seiner Großmutter auftaucht im allerletzten Augenblick und ihn zurückhält? Dass ein Schutzengel sich vor die anderen Kinder stellt und Tim anschaut und zu einem drohenden Feuerengel werden möge, nur um ihn aufzuhalten. Und doch, kein Engel ist erschienen, wie dem Propheten Elia, kein Engel hat Tim aufgehalten, keines der Opfer gerettet. Die Eltern sind untergetaucht.
Aber das Drama ist nicht vorbei. Für keine Eltern, keine Familie wird die Welt jemals wieder so sein wie zuvor.
Und so groß der Schrecken ist doch der Kreis der Betroffenen klein im Verhältnis zu den vielen, die von ferne zuschauen und die sich sicher wähnen. Wir sehen die Bilder der Kinder, die gestorben sind. Das Bild von Tim wird immer ganz groß daneben gesetzt, aber nichts unterscheidet ihn von den anderen, macht ihn zu etwas Dämonischem.
Wir hören jetzt wieder viele betroffene Reden, und wissen doch, auch dieser schreckliche Amoklauf wird am Großen und Ganzen nichts verändern. Wie auf Knopfdruck fangen die Politiker wieder an, über Computerspiele zu diskutieren. 11 Millionen Menschen spielen wie Tim Counterstrike. Dies Spiel ist zwar gewalttätig, aber schon nach dem Amoklauf von Erfurt und Emsdetten wurde festgestellt, dies Spiel kann auch friedlich genutzt werden und es fördert den kommunikativen Austausch. 11 Millionen Menschen können keine Amokläufer sein. Aber es sind 11 Millionen Menschen, die zumindest ihre Zeit, ihre kostbare Lebenszeit sinnlos vertun und Bilder in ihre Seele lassen, die sie einfach verrohen lassen. Auf jeden Fall sind es 11 Millionen Menschen, die sich einsam und ohne Gegenüber in einer virtuellen Welt bewegen.
In vielen Kommentaren ist jetzt zu hören, das einzige was helfen kann ist ein besserer Zusammenhalt in den Familien. Es soll sich mehr Zeit in den Familien genommen werden. Es geht darum miteinander zu essen, sich um einen Tisch zu versammeln, dass man sich dort erzählen kann von den Erfolgen und den Niederlagen des Tages. Dass man miteinander im Gespräch ist und bemerkt, wenn der eine sich verändert.
Das ist alles richtig. Und doch ist ein so beschriebenes Familienleben ein Ideal. Alle, die es einfordern, bauen moralischen Druck auf. Sie mögen von sich glauben, das einzulösen, was sie fordern. Aber sie verschließen sich vor der Wahrheit, dass Menschen in einer Familie sich Halt geben können. Aber genauso können sie sich das Leben zur Hölle machen – offen oder verdeckt. Zum Glück liegen in den meisten Familien keine Waffen unter den Kopfkissen. Aber oft genug gibt es Tabuthemen, oft genug Laichen im Keller und viel zu viel wird auf Familienaltären geopfert. Die schlimmsten Verletzungen erleiden Menschen gerade in Familien.
Das ist ein Tabu, das gebrochen werden muss: Kinder sind nicht lieb. Eltern sind nicht immer verständnisvoll. Familien sind heil. Denn die Menschen sind von sich aus nicht gut. Das letzte Jahrhundert belehrt uns wirklich eines schlechteren. Es ist immer noch ein Tabubruch, darüber zu sprechen, dass die Menschen von sich aus nicht gut sind, sondern, dass sie menschlich werden können und dass wir uns dabei helfen können, dass wir werden, was wir sind: Menschen. Dass wir uns heraushelfen aus einer zunehmenden Vereinsamung und Verrohung.
Da hinein trifft gerade das Wort von Jesus. Auf den ersten Blick ist es eine große Irritation: „Lasst die Toten die Toten begraben.“ Das ist eine unglaubliche Zumutung denkt man an die toten Kinder von Winnenden.
„Sag dich los von deiner Familie, sag ihnen nicht einmal auf Wiedersehen, geh einfach.“ Unwillkürlich denkt man an den Amokläufer, der sich scheinbar so ganz verabschiedet hat von seiner Familie, als hätte er keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, keine Großeltern. Aber radikal verabschiedet hat er sich überhaupt nicht, sondern er hat sich auf das Brutalste für alle Zeit mit seiner Familie verknüpft. Nie und nimmer werden sie dies Schicksal abstreifen können – auf alle Zeit verbunden mit Vater, Mutter und Schwester – verkettet – unausweichlich. Das ist eine Geschichte, aber es gibt viele. Mit dem Wort: „Komm und folge mir nach“, lädt Jesus ein, herauszutreten und das ist kein leichter Schritt, herauszutreten aus unglückseliger Verkettung. „Tritt heraus und lass alles hinter dir, was dich hindert, ein wirklicher Mensch zu sein! Tirtt heraus aus dem, was die Massen einlullt, einschläfert und betäubt. Tritt heraus und sei ein Mensch.
Ich erinnere das Schicksal einer jungen Frau, die zu mir kam, die diesen Schritt gewagt hatte. Sie hatte ihren Namen geändert. Sie hatte eine neue Identität angenommen, nur um sicher zu sein, dass niemand ihrer Ursprungsfamilie sie jemals fände. Sie hatte als Kind so viel Gewalt erlebt, und niemanden, und niemanden der sie dabei beschützt. Die einzige Lösung war, ein ganz neues Leben anzufangen. Wir sprachen darüber, gehört zu diesem neuen Leben auch, dass Du Dich taufen lässt? Wenn diejenigen, die Dich damals über die Taufe gehalten haben, die versprochen haben: 'Ja, mit Gottes Hilfe will ich helfen, dass die Kind hineinwächst in eine Welt des Glaubens uns des Vertrauens.' Wenn die Eltern all dies aufs Brutalste verraten haben, gehört dann zum neuen Leben auch ein neuer Segen und eine neue Taufe? Wir haben lange darüber gesprochen, dass eine schien so wahr wie das andere: denn durch allen Schrecken hat Gott Dich hindurchgetragen. Gott war da, denn da war die Kraft, aufzubrechen und die Tür hinter Dir zu schließen. Da war ein Vertrauen, dass Gott sie sieht, und mehr war nicht da. Mehr konnte sie nicht hineinnehmen in ihr neues Leben. Alles andere kam erst langsam wieder dazu Arbeit und Freunde, Beheimatung, Vertrauen auch zu anderen. Gottes Kraft, Gottes Geist als eine Macht, die dir heraushilft aus allem, was dich klein macht, gewalttätig ist, sublim, versteckt oder ganz offenkundig. Das Erstaunliche an dieser jungen Frau war, sie kannte keinerlei Anklage. Nicht gegen die, die ihr dies angetan hatten, nicht gegen Gott. Er war das einzige, was sie behütet hatte und ihr Kraft gegeben hatte. Er war ihr einziger Freund gewesen. In dieser Verbindung liegt eine ungeheure Kraft.
Sie ließ den Propheten Elia 40 Tage und Nächte durch die Wüste gehen.
Es ist eine Kraft, die das Meer zerteilt und den Weg in die Freiheit öffnet.
Es ist eine Kraft, die noch durch den Tod hindurch führt.
Möge Gott uns behüten, möge Gott uns beschützen durch diese Kraft, die uns macht zu dem, was wir sind ein Mensch, Gottes Ebenbild und die anderen alle sind es auch.
Das ist höher als alle Vernunft, es ist aber die Wahrheit, die unserem Leben Sinn gibt, die uns beschützt und die uns leben lässt in Jesus Christus unserm Herrn, Amen
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