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Keitumer Predigten
Predigt am 1. Advent 2005
Pastorin Susanne Zingel
Offenbarung Kapitel 5,1-5 - Das Buch mit den sieben Siegeln
Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein
Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und
ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist
würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand,
weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun
und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden
wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.
Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat
überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun
das Buch und seine sieben Siegel.
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da
kommt Amen
Liebe Gemeinde,
Advent ist eine wunderbare Zeit. Alles verändert sich. Das Dorf hier
fängt an zu leuchten. Alles sagt zu dir: Öffne dein Herz, öffne
deine Tür, Gott will dich besuchen. Du kannst die alten vertrauten Lieder
singen, dich erinnern, dich vorbereiten, - das Haus schmücken, mithelfen,
dass etwas in dir selbst und in andren zum Leuchten kommt. Ein Kind wird
uns geboren. Lasst uns darauf uns vorbereiten. Das klingt so einfach und
so schlicht und bleibt es am Anfang und am Ende.
Dann wird aber auch gleich das Buch mit den sieben Siegeln herein getragen.
Und man fragt sich, was soll denn das jetzt?
Vielleicht einfach etwas anderes nehmen? Über eine kleine Kerze predigen,
das Licht im Advent. Im Pastorenkonvent wurde es beratschlagt: "Nimmst du
den Text oder lässt du es lieber?"
Wir sind ja nicht so geübt im Lesen der Apokalypse. Wir wissen, da warten
unheimliche Bilder, Plagen, Schmerzen, Visionen, Fanatiker haben diese Texte
genutzt, verschlüsselte Wahrheiten entziffert. Aber wozu brauchen wir
das jetzt. Feiern wir doch Advent, weil die Liebe Gottes offenbar wird.
Was sollen wir dann mit einem Buch mit sieben Siegeln, das kein Mensch
öffnen kann.
Wir feiern dieses Fest doch, weil Gott kommt und Mensch wird, ein menschliches
Maß annimmt. Das stimmt, er kommt zu dir und er kommt zu uns. Er kommt
aber nicht einfach zu Besuch oder einfach mal vorbei. Er kommt, weil er diese
Welt erlösen will. Und du gehörst dazu mitten hinein in diese Welt.
Wie sie ist. Auch Dunkelheit bedeckt das Erdreich und Finsternis liegt über
den Völkern. Also ein Buch mit sieben Siegeln, wie es zugeht, dass wir
eintreten in Heil und Erlösung und Gnade und unser Herz weit wird, weil
wir wirklich hoffen, dass dieses Heil nicht nur für uns, sondern allen
Menschen bestimmt ist.
Also trauen wir uns heran an das Buch mit den Siegeln. Zwei Gedanken am Anfang
Nimmt man einfach nur einmal, was da geschieht, dann heißt es: "Ich
sah einen, und der trug ein Buch. Und dann hörte ich eine Stimme, die
machte mich sehr traurig, und ich weinte. Und dann kam einer und der sagte:
‚Weine nicht!'
Das ist die Bewegung von Advent, dass ein Mensch getröstet wird. Er
sah etwas.
Er hörte, es öffnet dein Herz, und Tränen gehörten dazu,
und es kam einer und sagte: "Weine nicht."
Und dann geht es darum, sich einfach dieses Buch vorzustellen. Oft wird es
so abgebildet, als wäre es ein Buch, das siebenmal verschlossen ist,
siebenmal nebeneinander. Die Schlösser müsste man dann öffnen,
und ganz zuletzt geht das Buch dann auf. So ist es nicht. Es ist eine Buchrolle,
beschrieben innen und außen, dann ist sie aufgerollt und verschlossen.
Das ist die erste. Darum kommt die zweite Hülle, die wird wieder versiegelt,
die dritte und immer so weiter, bis die siebente Hülle das Buch von
außen zusammenhält. Es ist ein Buch, das man nicht von vorne bis
hinten durchblättert, sondern in das man tiefer und tiefer hineinkommt.
Auch das ist ein Bild für den Advent. Dass wir nicht einfach eine Tür
öffnen und nicht einfach einen Weg gehen von hier nach dort. Sondern,
dass, wenn Gott uns besuchen will, wir tiefer und tiefer bei uns selbst ankommen,
wo unsere Seele ihre Geheimnisse umschließt.
Ich will euch dazu eine Geschichte erzählen. Die Begegnung mit einem,
der viel über Heil und Rettung und versiegelte Wahrheit weiß.
Sally Perel ist hier zu uns nach Sylt gekommen. Er lebt in Jerusalem und
manch einer oder viele sogar werden das Buch ‚Hitlerjunge Salomo' kennen.
Dort erzählt er seine Geschichte, wie er als jüdisches Kind den
Holocaust überlebt hat. Und er ist hierher gekommen, um es Jugendlichen
hier in Keitum zu erzählen. Er ist in Jerusalem sehr engagiert in der
Friedensbewegung, hat davon erzählt. Dass er da soviel zu tun hat. Er
kann gar nicht von dort weggehen. Trotzdem kommt er hierher, denn er hat
Bilder gesehen, von rechtsradikalen Jugendlichen, die wieder aufmarschieren
in Deutschland. Diese Bilder gehen um die Welt und es bringt ihn auf den
Weg auch hierher zu uns.
Er erzählt die Geschichte von seiner eigenen Rettung und die ist wie
ein biblisches Wunder. Gerettet wie Mose im Binsenkörbchen oder wie
Jesus in Bethlehem dem Kindermord entgeht. Denn er wird mit zwölf Jahre
getrennt von seiner Familie kommt in ein russisches Waisenhaus, ist aber
in Deutschland in Peine aufgewachsen. Er spricht fließend deutsch,
gerät zwischen die Fronten ein kleiner Junge ganz alleine. Er wird von
der Wehrmacht gefangen und in einem Augenblick, wo er das Gefühl hat,
dass er gar kein Wort herausbringt, sagt er: "Ich habe mit der ganzen Sache
hier nichts zu tun, ich bin ein Volksdeutscher und möchte nach Hause."
Und weil er so fließend deutsch sprach und die Soldaten so weit weg
waren, haben sie es ihm einfach geglaubt, wollten auch an ein Wunder glauben.
Sie nehmen dies Kind auf und nehmen es an und nehmen es mit. Erst ein Jahr
an der russischen Front als Übersetzter. Weil er ihn ins Herz geschlossen
hat, will ein Hauptmann ihn adoptieren. Als es an der Front immer schlimmer
zugeht, schicken sie dies Kind zurück nach Nazideutschland. Als der
zukünftige Sohn von einem Hauptmann, wird er auf eine
Elite-HJ-Internatsschule geschickt. Da lebt er drei Jahre.
Ein jüdisches Kind, vorgeführt, gedrillt, Rassekundeunterricht
und immer wieder seine eigene Wahrheit versiegelt wie ein Buch mit sieben
Siegeln: Das beschreibt er, wie sich das überleben ließ. Sein
Vater hat zum Abschied ihm gesagt: "Verrate niemals, wer du bist." Damit
meinte er nicht, dass man es geheim hält, sondern: Steh dazu, was du
bist, verrate dich nicht selbst. Seine Mutter hatte zu ihm gesagt: "Du sollst
leben." Und zwischen beidem im Konflikt hat er immer wieder seine jüdische
Herkunft verleugnet. Er spürt sogar, die Versuchung, sein Jüdischsein
abstreifen zu wollen. Aber dagegen steht die Erinnerung: ‚Ich habe das
Recht zu sein, was ich bin.'
Eine versiegelte Wahrheit in einem Kind.
Und keinen Augenblick allein. Er beschreibt, wie als alle beim Schwimmen
und beim Baden sind, alle ganz vergnügt, da kann er es überhaupt
nicht mehr aushalten. Und da setzt er sich auf den Felsen und nimmt sein
kleines Notizbuch und schreibt:
"Ich bin nicht Jupp, ich bin Salomon Sally Perel, ein Jude. Ich bin Sohn
der Rebekka und des Israel, jüngerer Bruder Isaaks, Davids und Berthas,
hinterlasse der Nachwelt diese Erklärung: Herr, mein Gott, der du bist
im Himmel, der Du die Welt und den Menschen erschaffen hast, wie kann ein
unschuldiges Kind zur Einsamkeit und Qual einer solch grausamen Verfolgung
verdammt werden? Ich habe die Kraft nicht mehr, sie zu ertragen. Ich bitte
dich, gib mir mein Haus, meinen Vater und meine Mutter zurück. Ich
schließe ein Gebet an, damit der Tag, da wir wieder vereint und frei
sind, bald kommen möge. Amen."
Diesen Zettel hat er wirklich versiegelt und in den Felsen gesteckt, wie
in die Klagemauer. Eine versiegelte Wahrheit für Gott allein bestimmt,
die aber unbedingt aufgeschrieben werden muss, um das Leben zu retten. Niemand
von uns könnte ertragen, geschriebene und ungeschriebene Briefe zu lesen,
Hilferufe von Kindern in Not. Wir hören das in diesen Tagen in unseren
eigenen Städten, in unseren eigenen Orten. Das Buch mit den sieben Siegeln
wurde hereingetragen und ich weinte sehr. Denn niemand konnte es auftun und
hineinsehen.
Dann gibt es aber auch die andere Geschichte: Sally Perel erzählt, dass
er eine Jugendliebe fand, Leni, eine glühende Anhängerin des
Naziregimes. Er konnte sich ihr nie anvertrauen und hat sie doch geliebt.
Als er einmal seine Freundin besuchen wollte, öffnete ihm Lenis Mutter
die Tür. Leni sei nicht zu haus, aber sie lud ihn ein, einzutreten,
und irgendetwas im Klang ihrer Stimme irgendetwas war da, zu spüren,
das ist keine harmlose Aufforderung. In seiner Angst machte ihn das mehr
als beklommen. Die Abenddämmerung breitete sich aus und eine ungewisse
Atmosphäre kommt auf. Wie bewegt sich das weiter. Lange Minuten Stille:
Dann fragte die Mutter: "Jupp, bist du eigentlich wirklich ein Deutscher."
Und nachdem er es tausendmal verleugnet hatte, hörte er sich sagen:
"Nein, Frau Latsch: ich bin Jude." Das kam ohne inneren Kampf, ohne zu
überlegen, es war einfach so, um dann nur umso mehr zusammenzubrechen,
als er dies Siegel der Verschwiegenheit geöffnet hatte. Und ich weinte
sehr, denn niemand war würdig, das Buch zu öffnen: Aber Frau Latsch
war würdig. Sie stand auf, beugte sich über ihn und küsste
ihn auf die Stirn beruhigte ihn: Weine nicht, dein Geheimnis ist bei mir
gut verwahrt, und du kannst sicher sein, es kommt auch eine Zeit, wo wir
wieder Menschen sein werden, Menschen, so wie der Herrgott uns doch geschaffen
hat. Und jeder hat das Recht, zu sein, was er ist.
Diese Wahrheit ist so einfach und so schlicht, dass, wenn man sie erzählt
ohne eine Geschichte, man sich wundert, wie kann es so schwer sein, dass
es sich ausbreitet in der Welt? Diese Wahrheit ist so einfach wie die ganz
schlichte Frau, Frau Latsch.
Und irgendetwas in dem Kind hat gespürt, dieser Frau kannst du vertrauen,
die glaubt an etwas, und die hat eine Liebe im Herzen. Du hast das Recht
zu sein, was du bist. Und wenn alle sieben Siegel geöffnet werden, es
wird nichts anderes herauskommen als die ganz einfache und schlichte Wahrheit:
Wir sind von Gott geschaffen, und jeder von ihm geliebt. Und wenn es geht
an die letzten Geheimnisse, dann wird die Wahrheit Juden und Christen und
alle Menschen guten Willens und auch die anderen, es wird sie nicht trennen,
sondern vereinen als Schwestern und Brüder. Niemand wird sich verraten
und niemand wird überfremdet und die eigene Wahrheit wird gelten. Und
es wird eine Geschichte sein, und sie ist wahr, dass ein Kind geboren wird,
das allen Schmerz kennt, das trotz allem redet von Liebe und dass sie selig
sind, die Frieden stiften. Und dass in dir ein Licht leuchtet. Lass es leuchten!
Und du wirst nicht alle Dunkelheiten dieser Welt fassen und nicht allen Schmerz,
aber wenn neben dir ein Mensch leidet, wenn er sich quält, sich verbiegt
oder verrät, dass du nicht wegsiehst, weggehst, weghörst, weil
du dir nicht vorstellen kannst, dass es keine Hoffnung und Heil und
Erlösung gibt. Dass du nicht fertig bist mit dir selbst, dass du offen
bist, dass Gott bei dir eintreten kann. Ich sah dich. Ich hörte deine
Geschichte, hörte dir zur, und Tränen waren nicht peinlich und
einer kam und sagte: Weine nicht.
- - -
Und dann geht er wieder, ein älterer Herr, sehr lebendig, sehr klein.
Als wir mit den Konfirmanden am Bahnhof auf den Zug warteten, kam Sally Perel
auf das Gleis gegenüber, mit seinem Koffer voller Bücher, winkte
er so freundlich herüber. dem dunklen Bahnsteig.
Und ich muss an die Heiligen drei Könige denken, die sich auf einen
weiten Weg machen …
Jesus hätte auch bleiben können wo er war, in himmlischen Höhen,
aber er macht sich auf den Weg, damit das Einfachste von der Welt nicht zu
einem Buch mit sieben Siegeln wird: Du bist ein Mensch, du hast das Recht
zu sein, was du bist und jeder andere auch. So bewahre der Frieden höher
als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn
Amen
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