|
Predigttext Matthäus 21, 1-9 : Jesus zieht in Jerusalem ein
Gnade sei mit euch und Friede von dem , der da war, der da ist und der da kommt.
Liebe Gemeinde,
im Radio meldet sich bei einem Ratespiel in einer Kindersendung Aaron. Der Moderator fragt nach und Aaron gibt bereitwillig Auskunft, wo er wohnt und dass er acht Jahre alt ist. Auf die Standardfrage: „Und was sind deine Hobbys?“ sagt er aber nicht „Fußball, Lesen oder Fahrradfahren“, sondern: „Mein Hobby ist Capoeira.“ „Capoeira?“ fragt der Moderator, und es ist zu spüren, das ist eine echte Frage. Er weiß nicht, was das ist. Aaron erklärt mit seiner klaren Kinderstimme: „Capoeira ist eine brasilianische Kampfsportart. Eigentlich ist es aber kein Kampf, sondern ein Tanz. Den haben die Sklaven gelernt, denn Tanzen war erlaubt, aber Kämpfen nicht. So haben sich die Sklaven stark gemacht, um bereit zu sein, für ihre Freiheit zu kämpfen. Die Weißen haben nicht bemerkt, wie stark sie beim Tanzen wurden.“
Man merkt, Aaron wüsste noch viel davon zu erzählen. Es bewegt ihn wirklich, aber der Moderator räuspert sich und meint: „Also jetzt will ich nicht mit dir tanzen und auch nicht kämpfen, jetzt wird gespielt.“ Er sagt es in einem Ton, wie genervte Eltern, die ihre Kinder ins Bett bringen: „Jetzt ist aber Schluss, ab ins Bett.“ Und Aaron spielt mit. Er beantwortet alle Fragen richtig. Er gewinnt ein Gesellschaftsspiel. Aber die Spannung, das Echte ist verschwunden. Die kleine Szene geht einem nach, und man versteht, warum Aaron sich für Unterdrückung interessiert. Er hat wie Kinder in seinem Alter immer wieder damit zu tun, dass den Erwachsenen etwas anderes wichtiger ist. Wichtiger als mit Aaron zu reden, ist für den Moderator, dass das Spiel in 1 Minute 30Sekunden fertig zu sein hat. Das Kind ist folgsam, es passt sich an. Aber da ist gleichzeitig etwas zu spüren, das ist durchlässig und offen für Echtes, nicht Verzwecktes, Freies. Möge sich Aaron und mögen sich die Kinder etwas von dem bewahren, was die Großen ihnen abtrainieren. Mögen sich die Erwachsenen erinnern: Wer das Himmelreich nicht aufnimmt wie ein Kind, der kommt nicht hinein.
Jesus kam und zieht in Jerusalem ein. Er reitet auf einem Esel, dem Lasttier der Armen. So laut wie ein Esel schreit, so stumm sind die, denen er hilft, die kleinen Bauern und Handwerker, so einer wie Josef, der Zimmermann mit seiner Maria. Genauso kommt Jesus und reitet auf einem Esel in Jerusalem ein und sie liefen zusammen, eine sehr große Menge. Die spürten alle, hier passiert etwas Unverschämtes, hier werden die Mächtigen vorgeführt und ausgehebelt. Die Soldaten sahen den seltsamen Zug und lachten und machten Witze: „Was für ein neuer König,“ und ließen den seltsamen Haufen passieren. Ganz bestimmt lachten sie dabei auch über den Popanz und die Arroganz aller Stadtpatrone, Landpfleger, Verwalter, Statthalter und Könige.
Heute falten wir fromm die Hände, und singen „Macht hoch die Tür“. Damals in Jerusalem haben sie gefeixt wie bei einem guten Witz, und waren gleichzeitig atemlos. Denn das ist kein Witz. Das war eine echte Herausforderung der Mächtigen. Aber was sollten die machen, es verstößt gegen kein Gesetz. Jesus war unwiderstehlich, denn er machte sich selbst zu einer lächerlichen Figur: König in Armut, Herrscher ohne Land, Friedefürst mit einem Frieden nicht von dieser Welt, der beharrlich dafür kämpft ohne Schwert, ohne Gewalt, aber mit Vollmacht. Eigentlich macht er sich lächerlich, aber gerade das ist der Anfang, dass wieder ein Lachen in die Stadt hineinkommt, zu mindestens ein Schmunzeln, und die Mächtigen werden unsicher, denn was soll das werden?
Jesus zieht in Jerusalem ein. In Bangkok blockieren Tausende den Flughafen. Sie möchten verhindern, dass wieder alte Militärmachthaber einziehen. Sie möchten erreichen, dass die Regierung zurücktritt. Es ist das Gegenbild zu unserem Predigttext: hier soll verhindert werden, dass die Militärmachthaber wiederkommen, dort zieht der Friedefürst ein.
Und wir bekommen vor Augen geführt, wie brutal gegen Demonstranten vorgegangen wird, wie viel Gewalt ins Spiel kommt, wenn gefragt wird, wer hat hier eigentlich das Sagen? Tausende Urlauber sitzen fest. Sie müssen wohl zugeben, dass sie sich nicht im Traum gedacht haben, dass sie in die innenpolitischen Spannung von Thailand hineingezogen werden könnten. Wer wusste schon, als er losflog, dass bereits seit August der Sitz des Parlaments besetzt wird und dass die Regierenden in den Flughafen ausgewichen sind. Wer hat sich vorgestellt, als er losflog, dass er plötzlich mittendrin sein würde, mittendrin in einer tödlichen Spannung.
Jesus war es bewusst, dass er eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod wagte. Aber wo jeder heroisches Pathos erwartet, kommt Jesus mit einem Karnevalsumzug, mit Lumpengesindel wie ein Narr, dem es egal ist, was andere von ihm denken.
So zieht Jesus in Jerusalem. Und wir bereiten uns darauf vor, dass er auch zu uns kommt.
Lasst uns kurz innehalten, denn was machen wir, wenn er wirklich kommt.
Gott ist immer schon da, wie die Luft, die wir atmen, allgegenwärtig. Nur was geschieht, wenn Jesus wirklich kommt, der Heiland, der den Himmel aufreißt, der Retter in Armut, der uns sagt: Lasst ab von allem, was Euch und andere kleinmacht und unterdrückt. Was geschieht, wenn Jesus uns herausholt aus kleinen selbst gemachten und fremdbestimmten Abhängigkeiten. Was geschieht, wenn er unser Herz aufreißt, und es sich nicht beruhigen lässt? Was machen wir wenn Christus wirklich bei uns einzieht?
Wir werden sein wie die Träumenden.
Es wird sein das Himmelreich auf Erden.
Die Vernunft wird sagen, „Es ist verrückt.“
Aber die Liebe sagt, „Es ist was es ist und es ist gut.“
Jesus kam und die Leute begriffen: So kommt unser Gott zu uns. Gott kommt anders als ihr ihn erwartet. Gott kommt zu euch, nicht damit ihr endlich versteht, wer er ist, sondern damit ihr euch selbst findet in ihm, und euch heraus traut. Denn wie würde unser Leben aussehen, wenn wir es uns nicht abgewöhnen lassen, zu kämpfen ohne Gewalt, zu üben, zu tanzen, Kraft zu sammeln, nicht träge zuschauen, sondern dabeibleiben zusammen mit anderen.
Heute wählen wir einen neuen Kirchenvorstand wählen. Wir wählen keine Bestimmer, keine Chefs. Die Gemeinde wählt aus ihrer Mitte ihre eigene Leitung. Und das ist ein schweres Amt. Die Kirchenvorsteher übernehmen die geistliches Leitung der Gemeinde. Ein Kirchenvorstand ist gut beraten zu hören, was die Gemeinde will und genauso was die heilige Schrift sagt. Was man im Dorf zu redet, und was unsere Berufung und Gottes Verheißung ist. Was die Alten wollen und wo die Kinder bleiben. Das alles steht in einer oft heftige Spannung. Dann geht es nicht darum sich auf eine Seite zu schlagen. Es geht nicht darum, es allen recht zu machen, sondern mitten hinein zu gehen und dabei zu bleiben voller Vertrauen, dass wir alle miteinander Gemeinde Jesu Christi sind und dass der Friede Gottes höher als alle Vernunft unsere Herzen und Sinne bewahrt in Jesus Christus unserem Herrn. Amen
|