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Predigttext: 2. Samuel 12, 1-15 Nathan und David
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
Hier vorne steht der Müllerstuhl. Immer wieder wird nachgefragt und immer wieder erklärt: „Nein, es ist kein Beichtstuhl. Es ist ein ehemaliger Logenplatz für die reiche Familie Müller. Er sieht aus wie ein Beichtstuhl, ist aber keiner.“ Ganz profan nutzen wir ihn und stellen Stühle darin unter. Eine ganze Menge Stühle, auf die wir uns setzen können und uns fragen: „Wenn wir keinen Beichtstuhl haben, was machen wir dann?“ „Wo bleibt ihr eigentlich mit Eurer Schuld,“ fragte neulich ein Gast. Und erzählte davon, dass er nur frei leben könne, weil er immer wieder in der Beichte die Gelegenheit hat alles, was seine Seele und sein Gewissen belastet auszusprechen und Gott anzuvertrauen. Gleich war ein anderer zur Stelle, der vom Druck und Zwang der Beichte zu berichten wusste. Aber die Frage ist im Raum, 'wo bleibt ihr Protestanten mit Eurer Schuld? Was macht ihr eigentlich, wenn etwas Euer Gewissen belastet.?' 'Wir bringen es vor Gott, Gott und das eigene Gewissen sind ganz unmittelbar.' Aber da kann man umso mehr weiter fragen: 'Wenn euer Gewissen Euch vor Gott vertritt, wie schärft Ihr es dann? Wie haltet ihr es wach?“ Was tut einer, um mit sich im Reinen zu bleiben? Die Frage stellen wir uns gegenseitig eher selten. Wir fragen, was einer für seine Gesundheit tut, oder mit welchen Mitteln einer Stress abbaut. Aber die Frage: „Was tust du, um dein Gewissen wach, lebendig und rein zu halten?“ die wird leicht als zudringlich empfunden. Aber was geschieht, wenn wir uns alle mit der Frage allein lassen.
Ein Gewissen kann einem abhanden kommen und es kann einem wieder geschenkt werden. Davon haben wir gehört:
Der König David war zu Hause in Jerusalem in seinem Palast. Sein Feldherr führte für ihn die Kriege. David blieb sicher in der Hauptstadt zurück. Da sah er von oben vom Palast herab in den Innenhof und sah eine wunderschöne Frau, die badetet. Sie war so schön, dass er in Leidenschaft entbrannte. Er erkundigte sich und erfuhr, dass sie Bathseba heißt und die Frau seines Hauptmanns Urias sei, der wäre weit fort, draußen beim Heer. Da ließ David einen Boten schickte, der Bathseba in den Palast holte. Nach dieser einen Nacht hätte er sie vergessen, hätte sie ihm nicht über ein Weile ausrichten lassen, dass sie schwanger sei. Da war David in Nöten, den Ehebruch zu vertuschen. Er bestellte Uria zu sich und gab ihm sofort Sonderurlaub. Er trank mit ihm Wein, aber der treue Uria sagte immer nur: „Mein Herr und König, bis der Krieg nicht vorbei ist, solange noch für dich gekämpft wird, gehe ich nicht nach Hause zu meiner Frau.“ Uria war der treuste Hauptmann, den David hatte. Uria gab alles und vertraute bedingungslos dem, der ihn verrät. Denn David zögert nicht und gibt Befehl: „Bei der nächsten Schlacht wird Uria wie ein einfacher Soldat in die erste Reihe gestellt.“ Keiner widersprach und alle gehorchten und Uria fiel noch am selben Tag. Einer der treusten wird geopfert für den König, der ihn betrogen hat. Das ist böse. Und was ist mit all den anderen, die neben Uria in die erste Reihe gestellt wurden. Einer muss da ja stehen. Es ist nicht zu ändern, der Krieg fordert Opfer. Die Gewissen sind verstummt, das feine Seeleninstrument reagiert nicht mehr. Aber wenn das Gewissen verstummt, ist alles in Gefahr. Denn so kann ein ganzes Volk verkommen.
Ein Gewissen, das sich regt ist unangenehm, es kann einen um den Schlaf bringen. Aber wie wichtig ist dies innere Signal: Du bist auf dem falschen Weg.
Wir reden da von einem schlechten Gewissen, aber ein Gewissen, das sich regt, ist kein schlechtes Gewissen. Es ist ein gutes Gewissen, eines, das noch lebendig ist. Schlecht ist es wenn das Gewissen einschläft, aber nicht den Schlaf der Gerechten. Wir leben heute in Zeiten, wo viele damit beschäftigt sind, dass wir uns beruhigen, und nicht weiter nachfragen.
Wir fahren mit dem Öl und verdrängen, wie erbittert darum gekämpft wird.
Wir fragen nicht nach denen, die dafür mit ihrem Leben bezahlen.
Wir essen Lebensmittel und fragen nicht woher.
Wir tragen Kleider und kennen die Kindern nicht, die sie genäht haben.
Wir pflastern unsere Wege mit Steinen, die Gefangene in Steinbrüchen schlagen.
Wir verschenken Blumen, die die Hände derer verätzen, die sie pflücken.
Aber das ganze ist so eingebunden, und wir sind da hinein so verwoben,
dass der einzelne nicht mehr zählt. Wenn ein Menschenleben nicht mehr zählt, wenn im Großen das Kleine untergeht, wenn es egal ist, was Du tust, dann ist es schlecht um uns bestellt. Wenn das Gewissen verstummt, kann nur noch Gott helfen. Ein abgestorbenes Gewissen wieder zu beleben, ist so schwer wie einen Stein wieder in ein lebendiges Herz zu verwandeln.
Der Prophet Nathan kam zu David und erzählte dem König das Gleichnis, das wir gehört haben: Es war ein armer Mann, der hatte ein einziges Lamm. Es spielte mit seinen Kindern, es aß von seinem Teller, es schlief in seinem Bett. Es war sein Ein und Alles. Es war ein reicher Mann, der besaß tausend Schafe und Rinder. Aber als ein Gast zu ihm kam, da nahm er dem Armen das einzige Lamm, das er hatte. „Dieser Mann soll des Todes sein“, rief David. Er hatte verstanden, es geht mehr als um ein Lamm. Nur dass es um ihn geht, das hatte er nicht bemerkt.
Die Geschichte geht nicht in dem Gegensatz zwischen Arm und Reich und Gottes Liebe für die Armen auf. Diese Geschichte erzählt noch mehr von dem Wunder, dass David wieder in Kontakt kommt mit seinem Gewissen. Nathan trifft den richtigen Punkt, wo das Gewissen aufwacht, wo David über sich selbst das Urteil spricht und erkennt: „Ich habe gesündigt, ich bin der Mann.“
Es gibt viele Geschichten, wo man vergeblich einen sucht, der die Verantwortung übernimmt. Wir können gleich hier anfangen, hier in Keitum. Wer hat die Verantwortung für das Desaster der Großbaustellen. Wer steht auf und sagt, ich habe daran Anteil. Statt dessen wird die Schuld hin und her geschoben. Sie wird unpersönlich und hat doch immer ein Gesicht und einen Namen und alles verändert sich, wenn einer den Mut hat aufzustehen und zu sagen:
Ich bitte um Entschuldigung.
Ich trage die Verantwortung.
Ich bitte dich im ein Gespräch.
Da wächst ein Mensch in seine Würde hinein. Eine Gemeinde wächst in ihre Verantwortung hinein. Wir sind es uns selbst und unseren Kindern schuldig, denn ihr Gewissen wächst an dem unseren. Sie sehen unser Leben. Sie übernehmen unser Schweigen. Sie brauchen uns, dass wir sehen, was sie sehen all die neue Helden, die alle gegen das Böse kämpfen. Keiner lädt Schuld auf sich, alle vernichten das Böse. Das ist heute allseits herrschende Meinung, und es ist ein Gift, das das eigene Gewissen betäubt. Wer von sich glaubt zu den Guten zu gehören, der verrät die einfache Wahrheit, dass wir nicht weiter kommen können als das, was wir sind: kleine Menschen, die irren, Schuld auf sich laden, aber gerade darin auch reifen können.
Das Kind von Bathseba wird sterben. Aber David und Bathseba wird ein zweites wird Kind geschenkt: Salomo, der Friedefürst, der der den Frieden brachte. Durch ihn wurde David der Vorfahr Jesu, Bathseba die Ahnfrau Jesu. Mit dieser Geschichte ist Jesus Herkunft verflochten – eine schuldbeladene Geschichte: nicht dass wir von einem reinen Leben ohne Fehler träumen, sondern lernen, vor Gott und vor uns selbst einzugestehen, was uns von ihm trennt, dass wir erwachsen werden, und uns zurechtbringen lassen durch den Frieden höher als alle Vernunft. Amen
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