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Keitumer Predigten
Predigt am 2. Advent 2005
Pastorin Susanne Zingel
O Heiland, reiß die Himmel auf,
Herab, herab, vom Himmel lauf !
Reiß ab vom Himmel Tor uns Tür,
Reiß ab, wo Schloß und Riegel für !
O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß;
Im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
Den König über Jakobs Haus.
O Erd', schlag aus, schlag aus, o Erd',
Daß Berg und Tal grün alles werd'
O Erd', herfür dies Blümlein bring,
O Heiland, aus der Erden spring.
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
Darauf sie all' ihr' Hoffnung stellt ?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
Komm tröst uns hie im Jammertal.
O klare Sonn', du schöner Stern,
Dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn', geh auf, ohn' deinen Schein
In Finsternis wir alle sein.
Hie leiden wir die größte Not,
Vor Augen steht der ewig' Tod;
Ach komm, führ uns mit starker Hand
Vom Elend zu dem Vaterland.
Da wollen wir all' danken dir,
Unserm Erlöser, für und für.
Da wollen wir all' loben dich
Je allzeit immer und ewiglich.
Text: Friedrich Spee von Langenfeld, Köln, 1623
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da
kommt Amen
Liebe Gemeinde!
‚O Heiland reiß die Himmel auf'. Das ist eines der schönsten
Adventslieder. Geschrieben wurde es von Friedrich Spee, dem großen
Barockdichter, Seelsorger, Jesuitenpater und Menschenfreund: Sein Lied geht
zurück auf Verse aus dem Jesajabuch, aus dem 63. Kapitel. Die Bibel
hat er aufgeschlagen und hat bei Jesaja dies gelesen:
"So schau nun Gott vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen herrlichen
Wohnung. Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große herzliche
Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater,
unser Erlöser, das ist von alters her dein Name. Ach, dass du den Himmel
zerrissest und führest herab zu uns."
Nach diesem großes Seufzen, diesem großen Ach, hat Friedrich
Spee gedichtet: "O Heiland reiß die Himmel auf." " Ach, dass du den
Himmel zerrissest und führest herab zu uns."
Ach Gott, dass du doch da wärest. Einer muss doch sehen vom Himmel herab,
was alles geschieht. Einer, soll kommen, der nicht mittendrin steckt in unseren
Geschichten, und selbst oft nicht weiter weiß.
Wir erleben es in diesen Tagen. Ein Schicksal bewegt uns alle. Wir bekommen
zu spüren, wie hilflos man sein kann. Stärke und Macht helfen nicht
weiter, wenn wir heute, wie an vielen anderen Orten, an Susanne Osthoff denken,
die im Irak verschleppt ist, und wir hoffen, dass sie überhaupt noch
lebt. Es wird für sie gebetet, es werden Lichter angezündet: "Gib
die Gefangenen frei." Und man fragt sich: Wie soll man sie da raus bekommen?
Drohen hilft nichts, Nachgeben schafft neues Unheil, hart bleiben bringt
den Tod. Man steht davor mit all den Fragen, die wir auch an Gott richten,
denn wie soll er Heil schaffen, und Erlösung zwischen Macht und Ohnmacht
und Hilflosigkeit. Gut, da zu hören auf Väter und Mütter im
Glauben!
Friedrich Spee war zu seiner Zeit einer der mutigste Kämpfer gegen
Hexenwahn, Fanatismus, der geboren war aus den Schrecken des 30-jährigen
Krieges. Und er hat sich gefragt und gefragt, wie bekommst du Menschen da
heraus? Wie bekommst du sie frei? Gefangene aus der Hand von Gewalttätern,
und wie hilfst du denen, die von Haß und Gewalt ganz bestimmt sind,
wie hilfst du denen wieder zur Menschlichkeit?
Er liest die Bibel, liest Jesaja und bleibt hängen bei seiner verzweifelten
Bitte: O Gott, dass du doch herabführest vom Himmel. Ach, dass du den
Himmel zerrissest. Dann liest er weiter, "dass du herabführest wie Feuer,
dass vor dir zerflössen und zerschmelzen die Berge. Komm doch du, unser
Gott, stark und mächtig."
Friedrich Spee meditiert das durch, betet und sinnt darüber. Und er
hat zu viele Scheiterhaufen brennen sehen, dass er Gott nicht mehr wie bei
Jesaja im Feuer herabkommen sieht. Bei ihm wird aus dem Feuer ein Regen,
und alles wandelt sich. Dabei ist er genauso mit Feuer und Leidenschaft dabei
wie der Jesaja, aber er deutet es neu, und dichtet: Christus wird geboren.
Darum: " O Heiland reiß die Himmel auf, ein Regen möge
herabfließen. Herab, herab vom Himmel lauf!" - Einer kommt herab, der
war schon vor aller Zeit und die ganze Schöpfung erwacht, feiert mit,
Tau und Regen fließen herab. Dieser wunderbare Frühregen, und
die Erde schlägt aus, man kann richtig spüren, dass die den Regen
trinkt und alles wird grün, und nichts wird verbrannt, keine Menschen,
keine Bücher, Blumen fangen an zu blühen.
Die ganze Schöpfung erneuert sich, denn geboren wird der Heiland der
Welt. Er kommt als eine Blümelein. So zart ist die Gottheit. Und alle
Bilder und Symbole in diesem Lied übereinander genommen, was soll er
alles sein: Sonne und Stern, Blümelein und Tau und Regen, alles und
alles ineinander. Du kannst mitsingen, es ist ein Loblied, es ist ein Loblied
der Dreifaltigkeit. Denn alles verschmilzt in diesem Lied ineinander, Gott
der Schöpfer, der es regnen lässt, die Erde geschaffen hat und
den Himmel. Er ist nicht getrennt von Christus, nicht dort der Vater und
hier der Sohn. O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, das wäre ja nun
der Vater, "Im Tau herab o Heiland fließ", es wird großes
Ineinander-Miteinander.
Friedrich Spee hat ganz bestimmt oft diese großen Worte gebetet: "Dich,
Du eingeborener Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott von Gott,
Licht vom Licht, gezeugt, nicht geschaffen. Für uns Menschen und zu
unserm Heil bist Du vom Himmel gekommen: Gott von Gott, Licht vom Licht.
Wir singen diese Adventslieder, der Heiland vor aller Zeit kommt herab zu
uns. Ich glaube aber, dass diese Vorstellung uns gar nicht mehr so nah ist.
Denn es heißt, da wird nicht einfach ein Kind geboren, das einen besonderen
Weg gehen wird, und wir können ihm dann nachfolgen. Sondern es kommt
wirklich einer herab, der war schon vor aller Zeit. Also was ganz besonderes.
Damit sich alle vom allerersten Anfang an, alle wiederfinden in ihm. Damit
dir nicht erst, wenn du weite Wege ihm nachfolgst, sondern von allem Anfang
an, gesagt wird: Du bist von Gott gewollt, du selbst ein Lichtblick und ein
wunderbarer Gedanke Gottes. Du von Gott geliebt, und das vor aller Zeit.
Und trotzdem stehen wir nicht ganz am Anfang und müssen ganz allein
unseren Weg finden, es wie zum ersten mal ganz allein erkunden: die Hilflosigkeit
der Liebe, die Ohnmacht der Güte, den billigen Triumph von Gewalt. So
viele haben es vor dir durchbetet, durchlitten, durchmeditiert:
Gestern nach der Abendandacht standen wir hier, haben die Kerzen gelöscht
und haben den Altar betrachtet. Da ist sie ja zu sehen, die Dreifaltigkeit.
Gott Vater hält seinen Sohn im Arm, den einzig Auferstanden auf einem
Gnadenstuhl aus dieser Zeit. Gott Vater hält den Sohn. Wenn Sie nachher
beim Abendmahl oder danach ganz nah herzutreten, dann können Sie sehen,
der Jesus, der hat ein kleines Loch auf dem Kopf. Dort war eigentlich befestigt
die Taube, die über ihm schwebt, der Heilige Geist, der fehlt, ist
abgebrochen oder geklaut. Alle waren ganz entsetzt, und haben gesagt, ja
da muss wieder eine neue Taube her. Da muss es doch einen geben, einen
Restaurator, er soll sie nachschnitzen. Gibt es noch ein Bild? Ist es aufgemalt,
wie es richtig aussah? Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, es geht doch
nicht, zwei allein da vorne.
Aber auch so ist es ein Symbol. Denn für uns, wenn wir ehrlich sind,
wie oft fällt der innere Zusammenhang für uns auseinander? - Und
was sagt es uns schon: dreifaltig, trinitarisch, drei in eins?
Das scheint so fern und verloren, und ist doch der Anfang vom Heil, das wir
uns so etwas vorstellen können: Von allem Anfang ist Gott in sich nie
allein. Er kann es nicht sein und will es auch nicht. Dass er von allem Anfang
an kein allmächtiger, einsamer Schöpfer ist, der dies und dann
das macht und dem dann hinterher schaut. Sondern von allem Anfang an voller
Liebe, voller Gnade, und voller Wahrheit. Und immer in einem Gegenüber.
Dieser Jesus sieht ja auch aus, wie der allererste Mensch. So stelle ich
mir auch vor, hat Gott auch den allerersten Menschen - gerade aufgewacht
und ins Leben geboren -, so hat er ihn ganz vorsichtig ins Paradies
geführt. Und bevor das war, wird gesagt, war Gott nicht einsam, sondern
in sich bewegt. Gott der einzige und doch nicht allein. Es sind drei und
doch mit einem vereinten Herzen.
Das ist, wenn man sie lebendig bekommt, keine trockene Dogmatik, sondern
etwas ganz wunderbares und inniges. Darin liegt ein Glück und
Erlösung: Christus in Gott, und Gott in ihm und wir in ihm - Weniger
in Worten als viel mehr im Singen: Darum singen wir ja so viel in Gottesdiensten.
Dabei geht uns das Herz auf. Ohne dass wir es bewusst wahrnehmen, berührt
uns etwas Dreifaltiges:
Das Lied hast du nicht selbst geschrieben.
Es war jemand anderes vor dir.
Der Ton entsteht in dir, ist etwas von dir.
Aber dann lässt du ihn frei und er geht aus dir heraus.
Und ist es dann doch dein Ton?
Oder schon etwas Eigenes, etwas Neues?
Singst du alleine, dann hüllt der Klang dich ein, dich selbst.
Singst du für andere, dann hüllst du andere ein.
Und am schönsten gemeinsam: Es kommt von jemand anderen, entfaltet sich
in dir.
Es hüllt andere ein.
Und die Lieder, die wir hier singen, sie sind ein Gebet. Wir kommen hier
zusammen, um Gebete zu singen. In diesem Gesang öffnet es sich, verbindet
sich, Schöpfer und Christus, unser Herz und Glaube, der vor uns war,
was Friedrich Spee gedacht hat und was Jesaja gesagt hat, was war und was
ist und was kommen wird. Es ist etwas ganz kleines, scheinbar, zu singen
und zu beten.
Aber Gebet ist ein großes, wunderbares Miteinander, in das wir eintreten
können. Uns gegenüber nicht nur einer, sondern der Dreifaltige
und wir nicht allein, sondern mit vielen verbunden. Auf dass es Heil schaffe,
befreie und erlöse und wir spüren, dass uns behütet ein Friede
höher als alle Vernunft, der unser Herzen und Sinne bewahrt in Christus
Jesus, unserm Herrn Amen
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